Katie konnte ihren Augen nicht trauen. Marcus Flint? Der Syltherin, der ihr in der Schulzeit das Leben zur Hölle gemacht hatte? Lebhaft tanzten die Erinnerungen an jede einzelne Demütigung vor Katies innerem Auge umher. Eine plötzliche Wut packte sie und mit einem Ruck wandte sie sich Mr. Anderson zu, knallte den Zettel mit der flachen Hand auf den Tisch und starrte ihn an. „Niemals. Niemals verbringe ich den Rest meines Lebens mit dieser Person." Herausfordernd schaut sie ihn an, doch zog nur langsam eine Augenbraue in die Höhe. Seine Hände lagen seelenruhig gefaltet auf dem Schreibtisch. Es schien, als wäre ihm Katies Reaktion reichlich egal. Er seufzte leise, erwiderte jedoch nichts, was Katie noch zorniger machte. „Antworten Sie mir! Sie können nicht einfach so dasitzen, Ihnen muss doch bewusst sein, dass sie soeben im Begriff sind, mein ganzes Leben zu zerstören?", fuhr Katie ihn verzweifelt an. Sie konnte sich nicht einfach zusammenreißen, wenn dies bedeutete, dass Marcus Flint von nun an ihr Partner sein würde. Ihr Blut kochte und Adrenalin schoss ihr durch den Körper. Jeder Muskel ihres doch so zierlichen Körpers schien angespannt und ungehalten sprang sie auf.
„Ms. Bell. Bitte setzten Sie sich oder ich fühle mich gezwungen, den Sicherheitsdienst zu rufen." Immer noch war keine Regung auf seinem Gesicht zu erkennen. Ruhig sah er zuerst Katie an, dann den Stuhl, der schräg vor ihr stand. Mit einem verachtenden Schnaufen ließ sie sich nach einem Schritt in den Sessel fallen. Keinesfalls war ihre Wut verflogen. Sie setzte sich so aufrecht wie möglich hin und versuchte ihren Blick, der immer wider zu dem kleinen Zettel auf dem Tisch flog, auf dem Mann hinter dem Schreibtisch zu halten. Dieser runzelte kurz die Stirn und begann, dann endlich wieder zu reden.
„Ms. Bell. Die Zauberergemeinschaft verlangt Ihre Mitarbeit und Ihren uneingeschränkten Willen, dieses Projekt voranzutreiben. Sie wurden ausgewählt, weil Sie sich aufgrund persönlicher Eigenschaften und Ihrer Vorgeschichte als passende Person erwiesen haben. In Ihren Akten steht, dass Sie ein kontaktfreudiger Mensch sind. Sie waren schon immer sozial und haben bis heute noch einen großen Freundeskreis. Diese Zauberer in Askaban werden entweder ihr ganzes Leben lang in grauen Zellen verbringen oder sie werden zu Leuten wie Ihnen gesteckt, um die Resozialisierung zu beginnen. Sehen Sie nicht die Dringlichkeit dieses Unternehmens? Wir sind nicht mehr viele. Die Ära der Zauberer neigt sich dem Ende zu, Ms. Bell, wollen Sie mit daran schuld sein?"
Katie beschlich das Gefühl, dass Mr. Anderson maßlos übertrieb, um ihr ein schlechtes Gewissen zu machen. Zum ihrem großen Missfallen ging dieser Plan allerdings auch auf. „Habe ich denn überhaupt eine Wahl?", fragte sie erneut und sackte ein Stück zusammen. Er seufzte kurz und fuhr sich durch die Haare. "Ich sagte doch bereits, dass Sie die nicht haben. Aber ich sage Ihnen eines: Sich vorher mit dem Gedanken anzufreunden, einen neuen Partner zu bekommen, macht es sehr viel leichter. Ich spreche aus Erfahrung." Er sah sie weiter an, doch Katie bemerkte, dass sein Blick etwas weicher geworden war. Kraftlos ließ sie sich noch mehr zusammensinken. „Sie meinen das also wahrhaftig so?" Ein letztes Mal sah sie ihn hoffnungsvoll an, merkte aber sofort, dass es keinen Sinn hatte.
„Fünf Tage. Das ist die Vorbereitungszeit, die Sie bekommen. Richten Sie ihr Haus oder Ihre Wohnung her. Sollten Sie nicht genug Platz für zwei Personen haben, melden Sie sich wieder hier im Zaubereiministerium. Wir werden Ihnen ein paar Abgeordnete vorbeischicken, die dieses kleine Problem beheben werden. Ich wünsche Ihnen viel Glück, Ms. Bell. Gehen Sie bitte sofort nach Hause. Ms. Spinnet schicken Sie herein. Ich möchte nicht, dass Sie ihr etwas erzählen, sonst würde sie wahrscheinlich gehen und wir müssten sie gewaltsam wieder hierher bringen. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Sie bekommen einen Brief, wenn es soweit ist." Schon bei den letzten Worten hatte sich Mr. Anderson wieder eine Zigarette angesteckt und atmete nun tief und genüsslich ein, sie hatte gar nicht gemerkt, dass er die letzte schon in dem überquellenden Mülleimer ausgedrückt hatte. Katie wurde schlecht davon. Der Rauch, die Situation, dieser ekelerregendem Mann...
Zögernd griff sie nach dem Zettel auf dem Schreibtisch und schloss ihn fest in ihre Hand. Katie hielt es keine weitere Sekunde in diesem stickigen Raum aus. Ohne zu zögern stand sie auf und ging. Noch bevor sie die Tür richtig schließen konnte, sprang Alicia schon auf und lief ihr entgegen. Auf ihrem Gesicht zeichnete sich Sorge ab, anscheinend sah Katie unglücklicher aus, als sie dachte. „Was ist, was hat er gesagt? Nun erzähl schon." Drängelnd blickte Alicia sie an. Ihre Augen waren riesig und sie wippte ungeduldig von einem Fuß auf den anderen. Katie sagte kein Wort, drückte ihr nur den Zettel in die Hand und ging. „Katie was…? Hey Katie, warte!", rief sie ihr hinterher, aber Katie wartete nicht. Sie war mit ihren Gedanken schon weit weg. Wie sollte sie das meistern? Marcus Flint in ihrem Leben zu haben hieß so viel, wie den Teufel zu beschwören und im Wohnzimmer zu halten. Er und seine Freunde waren in Hogwarts alles andere als zuvorkommend zu ihnen gewesen. Angelina, Alicia und sie hatten sich natürlich gewehrt, aber gegen eine Horde pubertärer Jungs, hatten sie in diesem Alter nicht viel ausrichten können. Doch heute, heute standen die Möglichkeiten anders. Sie durfte zaubern, wann sie wollte ,und sie würde davon Gebrauch machen, sollte Flint auch nur auf die Idee kommen, den Chef zu spielen. Frustriert stapfte sie durch die Menge in der Eingangshalle, die, wie ihr auffiel, doch enorm geschrumpft war. Vor dem Krieg liefen tausende Zauberer auf einmal durch die Gänge des Ministeriums. Wie viele waren es jetzt? Geschätzte 400 vielleicht. Oder doch nicht? Waren das alles nur Mr. Anderson und sein perfider Plan, ihr ein schlechtes Gewissen zu machen, gewesen? Wut und Verzweiflung mischten sich in ihrem Körper zu einer brodelnden Masse an Gefühlen. Katie wusste nicht, ob sie schreien oder weinen, zusammenbrechen oder zerstören sollte. Was also nun? Was konnte sie tun, wenn ihr nur übrig blieb, das ganze zu akzeptieren?
Sie lief weiter. Immer weiter. Eine ganze Weile schaffte Katie es nicht, zu stoppen. Sie rempelte Menschen an und hatte nichts außer Marcus Flint in ihren Gedanken. Irgendwann apparierte sie zurück in ihre Wohnung. Fünf Tage Zeit, hie alles herzurichten. Sie war zufrieden mit ihrem Leben, hatte keine Lust auf einen Eindringling. Doch eine Wahl hatte sie nicht, der Entscheidung des Zaubereiministeriums konnte sie nichts entgegen setzen außer vielleicht ihren verletzen Stolz.
Mittlerweile konnte Alicia Katies Reaktion voll und ganz verstehen. Auch sie hatte mit Mr. Anderson geredet und einen Namen bekommen. Graham Montague. Sie musste schlucken, natürlich. Der Gedanke, eine ganze Weile das Leben mit einem Todesser zu teilen, war auch für Alicia nicht angenehm. Trotzdem war Aktie ihrer Meinung nach noch schlimmer dran. Mit Marcus Flint verband sie nur schlechte Erinnerungen. Er und die anderen Slytherins hatten ihr mehr als eine schlaflose Nacht bereitet. Adrian Pucey, Marcus Flint und ja, auch Graham Montague. Aber dieser hatte sich immer im Hintergrund gehalten. Alicia konnte sich nicht erinnern, ihn jemals überhaupt beachtet zu haben. Das würde sich dann jetzt wohl ändern.
Sie seufzte und begann, mehr darauf zu achten, wohin sie lief. Ohne groß darüber nachzudenken, begab sie sich auf den Weg zu den Kaminen des Zaubereiministeriums. Sie würde ohne Umstände mit der Hilfe von Flohpulver zu Katie reisen. Sie konnte nichts anderes als raten, doch Alicia vermutete stark, dass ihre Freundin sich in ihre geliebten vier Wände verzogen hatte, und die letzte Zeit der Ruhe genießen wollte. Ohne zu zögern, stellte sie sich in den Kamin, warf ihre Hand voll Flohpulver auf den Boden und sprach laut und deutlich Katies Adresse aus. Schon bevor sie fertig gesprochen hatte, begannen grüne Flammen an ihr zu lecken, verschlangen sie regelrecht und in der nächsten Sekunde raste Alicia blitzschnell durch die engen Gänge des Flohnetzwerkes.
Aufgrund ihrer Tätigkeit als Heilerin hatte Katie ihren Kamin öffentlich anschließen lassen, um so auch in Notfällen Patienten zu sich aufnehmen zu können. ALicia war dies nur recht. Ein wenig außer Atem, verstrubbelt und mit Ruß übersät, schlitterte sie mitten in Katies Wohnzimmer. Hustend und noch etwas orientierungslos stand sie auf und klopfte ihre Sachen aus. Katie saß einfach nur in ihrem Sessel. Solche Aktionen war sie von Alicia schon gewohnt. Die einzige Regung, welche sie sich anmerken ließ, war die hochgezogene Augenbraue, mit der sie Alicia immer strafte, wenn diese unangekündigt hereinplatze. Sie räusperte sich. „Hi", flüsterte Katie. Ihre Stimme schien etwas angegriffen und rau. „Hey", antwortete Alicia vorsichtig. Sie ging ein paar Schritte auf Katie zu und umarmte sie. „Wenn er zu unerträglich wird, schieb ihn zu mir ab…oder wir tauschen einfach." Katie seufzte. „Ich glaube kaum, dass das möglich ist. Dieser Troll von Ministeriumsangestellten hätte uns das wohl gesagt. Mal sehen, wir sind alle erwachsen geworden, vielleicht hat Marcus Flint sich in Askaban geändert, vielleicht ist er zu einem netten Slytherin geworden…" Die leichte Hoffnung in Katies Stimme schwand mit jedem Wort. Alicia wollte ihr die Hoffnung in diesem Moment nicht zerstören, weswegen sie krampfhaft versuchte zu lächeln. Anscheind mit Erfolg.
„Nimm es nicht so schwer, du bist jetzt alt genug, um dich zu wehren. Außerdem habe ich gehört, dass er viel trainiert hat, seit er in Askaban ist." Sie blinzelte Katie zu und auch diese schaffte es, leicht zu lächeln. „Stell dir vor, einmal wieder Teenager sein…ein scharfer Marcus Flint…ihr beide die ganze Zeit zusammen. Oh man, das wird bestimmt lustig. Er hat sich bestimmt geändert. Außerdem…er war schon damals nett zu scharfen Mädchen und ich bitte dich, seit unserer Zeit in Hogwarts bist du ein echt heißer Feger geworden." Alicia lachte und auch Katie konnte sich jetzt nicht mehr zurück halten. Alicia selbst wusste, dass dies alles haltlose Versprechungen waren doch es schien ihr, als müsste sie Katie zumindest den Ansatz eines Rettungsreifens zu werfen, an den sie sich jetzt klammern konnte. „Oh Gott, du sprichst wie eine 14-jährige. Aus dem Alter sind wir raus, Ali." Sie grinste.
Alicia wusste, dass zumindest Katie sich normalerweise da nicht so sicher war. Seit geraumer Zeit arbeitete sie zwar die Woche über als Reporterin, doch am Wochenende hieß es für sie immer noch das Nachtleben der Zauberer zu genießen. Männer und Alkohol waren da ohne Frage mit inbegriffen, was laut Katie noch immer stark an die Alicia aus Schulzeiten erinnerte. „Wir schaffen das schon. Außerdem können wir unsere Männer", die Ironie in ihrer Stimme war unüberhörbar, „auch einfach zueinander schicken, wenn es uns zu anstrengend wird. Die beiden werden sich ja wohl noch verstehen." Katie hatte sich in ihrem Sessel etwas aufgerichtet, fuhr sich mit der Hand durch die Haare und schloss einmal kurz die Augen. Ein weiteres Mal umarmte Alicia sie und hielt sie kurz fest. Irgendwie würden sie das schaffen... sie mussten es einfach.
Katie atmete tief durch und wandte sich dann ein wenig optimistischer Alicia zu. "Wen hast du bekommen?" Seufzend ließ sie sich neben Katie auf den Boden fallen und streckte sich einmal auf dem weichen Teppich aus. Sie drehte den Kopf, sodass sie Katie von unten ins Gesicht sehen konnte, und antwortete mit ausdrucksloser Stimme: "Montague." Einen Moment schien Katie verwirrt, scheinbar erinnerte auch sie sich nicht mehr an den Namen, doch keinen Moment später wurden ihre Augen riesig und sie begann, hemmungslos zu kichern. Alicia schnaubte genervt, konnte sich selbst aber auch nicht ein Grinsen verkneifen.
