„Und hier", er drehte sich einmal langsam im Kreis, „schläfst du", vollendete Wood den Satz sichtlich bemüht, Ruhe zu bewahren. Daphnes prüfender Blick wanderte durch den gemütlich eingerichteten Raum. Sie rümpfte ihre Nase „Das ist alles?", fragte sie überheblich. Wieder sah sie sich abschätzig um. „Ein Bett, ein Sessel, ein Schrank und sonst nichts? Ich dachte, du hättest mehr zu bieten." Oliver ballte die Hände zu Fäusten.
Seit Daphne bei ihm angekommen war, hatte sie nichts anderes getan, als sich über alles zu beschweren, was in der kleinen Wohnung zu finden war. Die Küche war nicht sauber genug, das Bad hatte keine Dusche, im Wohnzimmer sah es aus wie bei ihrer Großmutter und das Schlafzimmer war zu klein. „Daphne Greengrass ist ab heute ihre Partnerin, Mr. Wood. Wir wünschen, dass sie behandelt wird wie ein Familienmitglied. Sie werden sie willkommen heißen und ihre tägliche Begleitung werden. Sollte es damit Probleme geben, so melden Sie sich bitte im Ministerium, Abteilung 285, Resozialisierung. Ob Sie die bestehende Partnerschaft auf sexuelle Weise vertiefen, bleibt Ihnen überlassen. Ich lasse Sie nun alleine und wünsche Ihnen ein angenehmes Beisammensein. Guten Tag." Mit einem lauten Knallen war der Ministeriumsangestellte verschwunden.
Schaudernd erinnerte Oliver sich an die kalte Stimme des Mannes. „Wood?" Daphne stieß ihn unsanft in die Seite. „Ich habe dich etwas gefragt, Partner." Das letzte Wort betonte sie besonders. Genervt kniff Oliver sich in die Nasenwurzel. „Ja Daphne, das ist alles. Wie ich meine ist es tausendmal mehr, als du verdienst, und zehntausend mal mehr, als du in Askaban hattest. Wenn du willst, kannst du dich in die Ecke setzten und weiter meckern, aber ich muss jetzt zu meinen Kollegen. Ich habe nämlich einen Job, ein Leben, alles, wovon du nur träumen könntest, wenn es mich nicht gäbe. Nutze die Chance, Daphne. Noch eine wirst du nicht bekommen." Er blickte ihr noch einmal intensiv in die Augen, dann drehte Oliver sich auf dem Fuß um und verließ das Schlafzimmer.
Auch wenn Daphne es sich nicht anmerken lassen wollte, die Worte ihres Partners hatten sie tief getroffen. Ein normales Leben, mehr wollte sie nicht haben, der Aufenthalt in Askaban hatte ihr alles genommen. Ihr heranwachsendes Kind, ihre Elter, sie waren gestorben, während Daphne in der grauen, kleinen Zelle an die Wand gestarrt hatte. Sie hatte nichts mehr, die Resozialisierung war der letzte kleine Strohhalm, an den sie sich klammern konnte. Ein letztes Fünkchen Hoffnung doch noch das zu bekommen, was ihr zustand. Ehre, Würde, Stolz. Dinge, die sie verloren hatte. Der Wunsch, sie wieder zu finden, sie an sich zu reißen, war übermächtig.
Genauso wie der tiefe Wunsch nach Rache. Rache an allen, die sie voreilig verurteilt hatten, an denen, die sie durch die Hölle gehen ließen.
Einmal atmete sie tief durch. Trotzdem, Daphne sollte glücklich sein, dankbar, wenigstens so tun und doch… sie war tief im Herzen immer noch eine Slytherin. Wood hatte in ihrer Schulzeit nicht zu den Schülern gehört, denen sie die Hausaufgaben gegeben hätte. Der nervige, emotionale, quiddichverrückte Wood. Er verkörperte alles, was sie niemals sein wollte. Warum war sie gerade bei ihm gelandet? Jeden – selbst eine Langweilerin aus Ravenclaw - hätte sie akzeptieren können, aber Wood?
Wütend schüttelte sie den Kopf. Sie waren alle nicht mehr in Hogwarts. Es gab keine Gryffindor, Slytherin, Hufflepuff oder Ravenclaw mehr. Keine Punkteverteilungen und keinen Hauspokal. Sie musste versuchen, die schrecklichen Rivalitäten zu unterdrücken. Auch wenn sie mit einem Blutsverräter zusammenwohnte, dem sie auch noch zu Dank verpflichtet war. Stöhnend ließ Daphne sich auf das Bett fallen, sie konnte ihm das Leben ja wenigstens etwas schwer machen- nicht zu sehr, mit Askaban hatte sie abgeschlossen- aber ein bisschen Stress würde Oliver Wood nicht umbringen. Zum ersten Mal seit langem gestattete Daphne sich ein kleines Lächeln. Vielleicht würde die Zeit der Resozialisierung ja doch nicht so schrecklich werden, wie sie anfangs gedacht hatte.
Mit einem Quicken schmissen sie sich in Angelinas Arme. „Ich hab dich so vermisst, wehe ihr geht noch mal so lange weg!", schniefte Katie aufgeregt in ihren Armen, auch Alicia grinste breit übers ganze Gesicht. „Nein keine Sorge, euch verrückte Hühner kann man ja nicht eine Sekunde aus den Augen lassen. Bei Merlins Bart, was habt ihr nur wieder angestellt, dass gerade ihr bei dieser Resozialisierung mitmachen müsst? Manchmal habe ich das Gefühl, wir wären noch in Hogwarts. Immer muss ich auf euch aufpassen." Vorsichtig drückte Angelina die beiden Freundinnen ein Stück zur Seite und sah sie abwartend an.
Alicia rollte genervt mit den Augen, während Katie verzweifelt seufzte. „Wir sind perfekte Mitglieder der Zauberergemeinde. Nur deswegen wurden wir mit ausgewählt. Ich sollte wirklich anfangen, Stinkbomben zu werfen oder Leute mit Furunkeltränken zu überschütten", jammerte Katie und Angelina lachte laut auf. Alicia und Katie hatten ihr in einem langen Brief geschildert, was das Zaubereiministerium sich ausdachte, aber noch keiner hatte der Dritten verraten, wen sie zugeteilt bekommen hatten. „Und? Wie ist es mit euren geheimnisvollen Partnern?", fragte sie und zwinkerte. Für sie war das Ganze eher belustigend, Angelina war nicht betroffen. Zauberer, die in einer glücklichen Beziehung waren, wurden verschont. Diesmal meldete sich Alicia zuerst zu Wort. „Bei mir geht es noch, aber Katie hat wirklich in Merlins Klo gegriffen. Erinnerst du dich an Greyham Montague? Ich habe ihn, dieser Idiot, der sich seine Freizeit mit naiven Hufflepuffschülerinen vertrieben hat." Sie hob abwartend die Augenbraue und Angelina runzelte die Stirn. Eine Sekunde später schnippte sie triumphierend mit dem Finger. „Klar, Monatgue. Quidditchspieler, recht gut gebaut, Arschloch und Mitglied der Trollbande. Ich erinnere mich." Bei dem alten Spitznamen für Flint und seine Untertanen grinsten sie ein wenig.
„Naja, der geht wirklich noch, pass nur auf, ich wette er wird versuchen, dich ins Bett zu bekommen, das liegt einfach in seiner Natur", warnte Angelina. „Alles klar Angi, ich werde auf mich aufpassen." Sie zwinkerte ihr spöttisch zu. „Und bei dir Katie? Los, spannt mich nicht weiter auf die Folter!" Ungeduldig blickte sie zwischen ihren Freundinnen hin und her. Wieder seufzte Katie. „Ich hab wirklich Marcus Flint zugeteilt bekommen. Er denkt jetzt schon die Wohnung gehöre ihm. Außerdem habe ich einmal vergessen, die Tür abzuschließen, als ich duschen war… ich wollte mich gerade abtrocknen, da stürmte er einfach ins Bad. Angi, es war so schrecklich. Mir ist das Handtuch runtergefallen, als er reingeplatzt ist, und ich stand splitterfasernackt vor ihm." Vor Scham vergrub Katie das Gesicht in den Händen und nuschelte weiter: „Er hat mich einfach angeguckt mit diesem süffisanten Grinsen und ehe ich mein Handtuch aufheben konnte, hatte er mich schon einmal komplett gemustert, die Augenbraue gehoben und war wieder gegangen. Uns zwar immer noch grinsend. Ich wollte mich wirklich töten, den ganzen Tag bin ich rot geworden, wenn ich ihn gesehen habe und er hat immer so andeutungsvoll gelächelt."
Als keiner etwas sagte, lunzte sie vorsichtig zwischen den Händen hervor. Alicia sah sie leicht genervt an. „Katie, du hörst dich an wie 12. Also wirklich, du bist eine erwachsene Frau, wenn er dich nackt sieht, dann mach ihm die schönsten Fantasien und lass ihn dann sitzen. Aber schäm dich doch nicht dafür." Augenverdrehend tätschelte sie Katie den Kopf. Angelina sagte gar nichts, man sah, wie sehr sie sich das Lachen verkneifen musste. „Du kennst mich, Alicia. Wenn ich überrascht werde, ist es aus mit meinem Selbstbewusstsein. Hör jetzt bloß auf, mich so zu verurteilen!" Die Stimmung schwankte, leicht gereizt setzte Alicia sich auf den Boden und murmelte irgendetwas von `spießig`, aber Katie ignorierte dies. Auch sie setzte sich auf die Wiese, aber die beiden blickten in unterschiedliche Richtungen.
Seufzend plumpste Angelina neben sie. „Leute?" Beide drehten sich um. „Ich hab euch auch was zu berichten." Sie machte eine Pause und versicherte sich, dass sie auch wirklich die Aufmerksamkeit aller hatte. „George und ich, wir waren im Urlaub fleißig. Wir haben Pläne geschmiedet und an der Umsetzung gearbeitet…außerdem haben wir neue Sachen gekauft und wollen in ein Haus ziehen." Prüfend blickte sie in die Gesichter ihrer Freundinnen, merkte aber schnell, dass die beiden nur Bahnhof verstanden. Genervt stöhnte sie auf. „Ich bin schwanger, ihr Blitzmerker!", platzte sie heraus. Kurz war es noch ruhig, dann begann Katie, vor Freude zu klatschen, und Alicia schrie kurz auf. „Angi, herzlichen Glückwunsch!" Fröhlich fiel sie ihr in die Arme. „Wie weit bist du? Das ist so schön, warum hast du nicht früher etwas gesagt oder uns eine Eule geschickt?", plapperte Katie drauf los. „Naja, ich wollte es euch persönlich sagen und ich bin schon in der fünften Woche. Ich freue mich selber so und George ist auch super glücklich! Seit wir es wissen, sind wir nur am Nachdenken... uns fallen einfach keine schönen Babynamen ein. Aber eins steht fest", ihre Stimme senkte sich und ein Schleier legte sich über Angelinas Augen, „sollte es ein Junge werden, wird er Fred heißen. George ist damit einverstanden. Ich hoffe sehr, dass wir einen kleinen Fred bekommen. Der Welt fehlt einfach ein männlicher Rotschopf."
Sie atmete einmal tief durch und setzte dann wieder ein Lächeln auf. „Und?", fragte sie euphorisch, „Wer wird die Patentante?" Sofort schossen zwei Hände in die Höhe. Angelina lachte. „Darüber werden wir uns wohl auch noch den Kopf zerbrechen müssen." „Und was denkst du, wird George ein guter Vater?", fragte Katie neugierig. Verliebt blickte Angelina durch sie hindurch. „Natürlich wird er ein guter Vater, er wird ein perfekter Vater. Schließlich ist Fr…George George, er schafft alles!" Alicia runzelte die Stirn. Ihr war nicht entgangen, dass Angelina fast `Fred` gesagt hätte. Katie wiederum plapperte schon davon, wie sie stundenlang das Baby halten würde. Trotz der schönen Nachricht beschloss Alicia, dass Angelina so leicht nicht vom Haken war. Sie mussten unbedingt darüber reden, dass sie die Sache mit Fred anscheinend immer noch nicht verarbeitet hatte.
