Verunsichert kaute Katie auf ihrer Unterlippe. Die Musik war ohrenbetäubend, sie sah keinen ihrer Freunde und die tanzende Menge drohte, sie zu verschlucken. Sie presste sich gegen die Wand, aber selbst das half nicht. Katie merkte, wie sie ins Gedränge gezogen wurde und konnte sich auch nicht dagegen wehren. Körper an Körper stand sie nun mit den anderen Schülern und, um überhaupt eine Chance zu haben, dort wieder rauszukommen, musste sie wohl oder übel mit tanzen. Während sie ihre Hüften etwas unbeholfen bewegte, tat sie kleine Schritte in Richtung Bar. Es schien so, dass es der einzige Ort im Raum der Wünsche war, der gerade etwas Platz und Abstand von den anderen feierwütigen Mitschüler versprach. Umso weiter sie vorwärts kam, umso mehr gewöhnte sie sich an den ungewöhnlichen Takt der Musik und sie schlängelte sich durch die tanzende Menge. Ein paar Mal wurde sie am Arm gepackt oder jemand schrie sie an, um ein Gespräch zu starten, aber irgendwann hatte sie es geschafft. Schwer atmend tat sie den letzten Schritt raus aus der erdrückenden Menschenmasse.
Kurz ließ Katie ihren Blick schweifen und erkannte Alicias Kleid ziemlich am Rand der Gruppe. Sie rollte mit den Augen. Alicia hatte sich wirklich nach den zehn Minuten, die sie hier waren, den ersten Typen geangelt. Langsam drehte Katie sich um und begutachtete die Auswahl an Getränken. Butterbier, Feuerwhiskey, einzelne Säfte... Gerade wollte sie nach einem Bier greifen, da hielt sie eine fremde Hand davon ab. Ärgerlich stieß sie die Hand weg und drehte sich erneut um. Vor ihr stand ein grinsender Junge. Katie fluchte. Durch die Maske konnte sie nicht erkennen, wer es war, noch nicht einmal ausmachen, ob es ein Slytherin, Gryffindor, Ravenclaw oder Hufflepuff war. Letzteres schloss sie aber aus, da die Hufflepuffs wahrscheinlich lieber in der Bibliothek saßen und Zauberschach spielten. „Auch lieber etwas abseits?", fragte der Unbekannte, aber Katie verstand kein Wort. Hektisch fuchtelte sie sich vor den Ohren rum, um ihrem Gesprächspartner klar zu machen, dass er es nochmal wiederholen müsste. Der Junge kam näher, um genau zu sein, kam er sehr nah. Sein Mund berührte fast Katies Ohrläppchen, als er ihr antwortete.
„Auch lieber etwas abseits?", murmelte er. Durch die Nähe verstand sie ihn dieses Mal genau und nickte. „Ich würde dir ja eher den Feuerwhiskey empfehlen", antwortete er auf ihr Nicken. Katie drückte ihn etwas von sich. Die Augen, die sich hinter der Maske verborgen, waren schwer zu erkennen. Hin und wieder, wenn ein Lichtstrahl über sie hinwegfegte, leuchteten sie blau auf, doch sie war sich nicht sicher, ob das an ihrer Farbe oder doch dem Licht lag. Dennoch blitzten sie auf und ihr stockte kurz der Atem, aber dann brachte sie sich wieder unter Kontrolle. „Tja, und was, wenn ich eben Lust auf ein Butterbier habe und nicht auf ein Glas Feuerwhiskey?", schrie sie, um die Entfernung zu ihm und die Lautstärke zu überbrücken. Er grinste süffisant. „Daraus wird dann wohl leider nichts", lautete seine freche Antwort. Geschickt schnappte er sich zwei kleine Gläser, füllte beide auf und reichte ihr eines davon. Zögernd nahm sie es entgegen. Eigentlich wollte Katie heute nichts Hartes trinken, aber das hatte sich dann wohl erledigt. Sie war schließlich eine Gryffindor und es hatte seinen Grund, dass sie dort gelandet war.
Seufzend sah sie dem Fremden fest in die Augen und erwiderte den Prost. Schnell kippte sie den Kopf nach hinten und schluckte den Whisky. Katie verzog das Gesicht. Wie schon die paar Male zuvor, brannte das Getränk schrecklich im Rachen und schmeckte nicht sonderlich gut. Sie sah wieder zu dem Jungen und bemerkte, wie er lachte. Katie runzelte die Stirn. Er lachte über sie. Wütend boxte sie ihm gegen die Schulter. „Warum lachst du?", brülle sie. Wieder grinste der Junge. „Du trinkst wie ein Erstklässler", schrie er zurück. Das konnte Katie nicht auf sich sitzen lassen.
Beleidigt drehte sie sich um und schenkte erneut ein. Entschlossen drückte sie dem Trinkgegner den Shot in die Hand und sah ihm tief in die Augen. Sieben Jahre schlechten Sex wollte schließlich noch nicht mal sie. Wie auf Kommando kippten die Beiden den Whisky zum zweiten mal herunter. Diesmal verkniff Katie sich die Grimasse und machte einen eher harten Gesichtsausdruck. Der andere sah aus, als hätte er grade etwas Kürbissaft getrunken. Okay, Katie war sich sicher, aus diesem Duell würde sie nicht als Sieger rauskommen, aber selbst, wenn sie irgendwann auf dem Boden weiter trank, aufgeben würde sie nicht. Herausfordernd streckte sie ihre Hand nach dem Glas ihres Gegners aus. „Na, schon genug?", stichelte sie und grinste mit hochgezogenen Augenbrauen. „Noch lange nicht. Süße, wenn wir hier fertig sind kannst du dich von mir in deinen Schlafsaal tragen lassen." Er zwinkerte ihr zu und Katie schnappte nach Luft. Was bildete sich dieser arrogante Kerl eigentlich ein? Schnell schnappte sie sich sein Glas und füllte erneut Feuerwhisky hinein. Sie spürte schon, wie ihr langsam schumrig wurde, trotzdem trank sie weiter. Für die Ehre, aus Spaß und ja, auch, weil sie die Anwesenheit des anderen nach ein paar Shots genoss. Nach dem fünften Mal trinken, begann sie zu schwanken. Der Junge hielt sie am Arm. Beide stellten ihre Gläser weg und gingen zur Tanzfläche. Keiner hatte grade Lust dazu, noch mehr zu trinken. Auch er spürte die Auswirkungen des Alkohols am eigenen Leib. Katie war locker, lachte und tanzte so wild, wie wahrscheinlich noch nie zuvor. Die Musik um sie herum pulsierte und auch die anderen Menschen schienen nicht still zu stehen. Alles bewegte sich, alles lebte und Katie tat das in diesem Moment auch. Sie gehörte zu der Menge, die sich ohne nachzudenken gehen ließ.
Nach einer Weile hatten sich die beiden bis in die Mitte vorgetanzt. Katie erkannte niemanden um sie herum und war gleichzeitig auch froh darüber. Würde jemand davon erfahren, dass sie hier mit diesem einen Typen tanzte, hätten sie sicher alle schockiert angestarrt. Sie kicherte. In diesem Moment war sie einfach glücklich, ihr gegenüber ein hübscher Junge, sie hatte Spaß mit ihm und langsam, ganz langsam wollte sie mehr. Als ob das schwarzhaarige Mädchen, welches für die Musik zuständig war, wie sie sah, ihre Gedanken gelesen hätte, wurde ein neues Lied aufgelegt. Ein ruhiges Lied. Pfiffe erklangen und einzelne Paare fielen sich begeistert in die Arme. Auf der Tanzfläche befanden sich nun nur noch Leute, die jemanden hatten, mit dem sie eng umschlungen zum Takt der Musik hin und her wippen konnten. Ein Blick verriet Katie, dass die anderen, die ohne Partner waren, sich alle an den Rand der Fläche verzogen hatten. Sie grinste dem Kerl zu, mit dem sie nun schon den ganzen Abend verbracht hatte. Auch er lächelte. Langsam schlossen sich seine Arme um ihren Körper. Er war größer als sie. Perfekt. Katie ließ ihren Kopf sinken, er passte wie angegossen in die kleine Grube, die er am Hals hatte. Sie seufzte. Auch wenn es zu achtzig Prozent der Alkohol war, in den Armen des anderen fühlte sie sich wohl, viel wohler, als sie hätte fühlen dürfen.
Die ruhigen Lieder endeten nicht, das Mädchen hatte eine völlig neue Band aufgelegt, und ihr Tanz ebenso wenig. Langsam hob sie ihren Kopf. Sein Blick ruhte auf ihr. Er gab ihr einen Kuss auf die Stirn. Katie richtete sich etwas auf. Ein Kuss auf die Wange. Sie erschauderte. Langsam, ihre Grenzen austestend, beugte sich der Fremde nach vorne. Seine Lippen strichen leicht ihre und sie genoss es. Katie erwiderte den zarten Kuss, ohne zu zögern. Fest drückte sie sich an ihn. Mit ihrer Hand fuhr sie durch sein volles Haar und keiner machte Anstalten, den Kuss zu unterbrechen oder vollends zu beenden. Sie ließ sich fallen, entspannte ihren Körper, ihre Sinne und ihre Sorgen fielen von ihr ab.
Dieser Kuss bewirkte, was keiner ihrer Freundinnen geschafft hatte. Sie wurde ruhiger, vergaß die Welt um sich herum, verlor sich einfach in dieser einmaligen, wunderschönen Berührung ohne Konsequenzen. Sie ließ sich darauf ein, es wurde zu einem Spiel. Katies Lippen lagen nun drängender auf seinen und auch er schien es nicht anders zu wollen. Seine Hände wanderten ihren Rücken hinunter, berührten sie mal zart, mal kräftig. Sie erschauderte. Kurz ließen sie voneinander ab. Der Junge rücke ein Stück von ihr weg, sie sah ihm fest im die Augen. Blau, sie war sich sicher. So sicher zumindest, wie sie sich mit dem Alkohol, der durch ihren Körper rauschte, sein konnte. Und sie sah das Verlangen in ihnen. Das Verlangen nach mehr, das Verlangen danach, dass diese Nacht so schnell nicht endete.
Er hob seine Hand, strich ihr über die Wange und hinterließ eine heiße Spur darauf. Katie schmiegte sich gegen sie. Dieser Moment war perfekt. Alles andere war vergessen, nur sie zählten. Erneut neigte er sich zu einem weiteren Kuss hinunter und, wie aus Reflex, streckte sie sich ihm entgegen. Ihre Lippen trafen aufeinander, aber, bevor wieder mehr daraus werden konnte, wurde Katie von ihm weggezogen. Völlig verwirrt drehte sie sich um. Vor ihr stand Angelina. Sie stütze eine schrecklich aussehende, aber dennoch glücklich grinsende Alicia.
„Alicia hat bei dem Feuerwhisky etwas zu tief ins Glas geschaut!", brüllte Angelina und Katie war kurz davor loszukichern. Alicia war nicht die Einzige gewesen. Aber erst jetzt bemerkte Katie die Lautstärke, die immer noch im Raum herrschte. Bei ihrem Kuss hatte sie alles ausgeblendet.
„Wir gehen, kommst du mit?", fragte sie weiter. Katie nickte nur stumm. Sie war noch viel zu sehr in den Gefühlen gefangen, die dieser Junge bei ihr ausgelöst hatte. Nicht Liebe, nein keinesfalls, aber Wohlbefinden. Ja, das traf es, sie fühlte sich in seiner Gegenwart wohl. Bevor sie den Gedanken weiterverfolgen konnte, nahm Angelina ihre Hand und zog sie durch die Menge auf die Eingangstür zu. Willenlos ließ Katie sich mitziehen. Sie war wie hypnotisiert. Was war das gewesen? Wer war das gewesen? Doch bevor sie genauer darüber nachdenken konnte, umfing sie die kalte Luft der Gänge und ein schwitziger Arm von Alicia, welcher ihr von Angelina um die Schultern gelegt wurde, um sie zu stützen.
