„Geht schon mal vor, ich brauch noch ein bisschen, außerdem hab ich erst mal genug von euch!", stieß Katie zwischen zusammengebissenen Zähnen wütend hervor. Angelina lachte und auch Alicia nahm sie nicht ganz so ernst. „Okay, okay, mein kleiner Sonnenschein!", witzelte sie, „Wir sind schon weg, aber lass dir nicht zu viel Zeit, sonst kommst du zu spät zum Unterricht und denk ja nicht, dass wir schon mit dir fertig sind." Sie zwinkere Katie zu. Diese murrte nur noch leise vor sich hin. Kichernd setzten sich Angelina und Alicia in Bewegung und verließen den Essenssaal.
Katie schaute ihnen nach. Die beiden hatten gut lachen. Die eine war so sehr an Kopfschmerzen gewöhnt, dass es ihr gar nichts auszumachen schien, und die andere hatte nie welche. Erst als sie vollständig hinter den riesigen Flügeltüren verschwunden waren, entspannten sich Katies Schultern wieder ein wenig. Wood sah sie fragend an, aber, bevor er auch nur ein Wort sagen konnte, brachte Katie ihn zum Verstummen. „Oliver, spars dir, denk lieber über ein paar neue Quidditchtaktiken nach." Anstatt sie gekränkt anzusehen, wie sie es eigentlich erwartete hatte, blitzten seine Augen kurz auf und er öffnete wieder den Mund, um sie mit einem Schwall von Wörtern zu überschwemmen. „Ich will es jetzt nicht wissen. Wenn du es wagen solltest, mich zu zu texten, dann werde ich wirklich sauer. Schon den ganzen Morgen muss ich mich Angelinas und Alicias Fragen aussetzen, wenn du nun über Quidditch redest, dann wird mir das zu viel", fuhr sie ihn erneut an und verzog das Gesicht. Das ewige Geschirrklappern in dieser Halle verhalf ihr auch nicht wirklich dazu, wieder etwas schmerzfreier zu werden.
Kurz sah er sie überrascht an, so ein Verhalten war man von Katie nicht gewohnt. „Aber Katie...", setzte er an, aber sie hob nur wütend den Zeigefinger, stopfte sich den letzten Rest Pfannkuchen in den Mund, stand auf und stapfte genervt davon. Ihr Kopf dröhnte und sie war wirklich nicht in der Verfassung, jetzt stundenlang mit Wood über seine schwachsinnigen Ideen und waghalsigen Manöver zu reden.
Doch, bereits nach ein paar Schritten durch die Halle, konnte sie sie durch das Tor kommen sehen. Die berühmt berüchtigte, von manchen Seiten sogar gefürchtete, Slytheringruppe. Normalerweise würde Katie ausweichen, oder wenigstens den Kopf senken, aber heute war sie einfach zu genervt, um nun auch noch vor diesen Idioten zu kuschen. Sie seufzte einmal tief und dachte daran, wem sie das alles zu verdanken hatte. Wenn Angelina und Alicia dachten, sie würden ungestraft davon kommen, hatten sie sich ganz kräftig geschnitten.
Erhobenen Hauptes ging sie weiter durch die Türen. Heute war sie eindeutig nicht für billige Späße zu haben, egal von wem. Die unbeliebten Jungs kamen ihr entgegen und sie sah bereits das Grinsen von Flint, als sie auf die Gruppe zu steuerte. Jeden anderen Tag hätte sie Platz gemacht, aber nicht heute. Ohne nachzudenken lief Katie weiter, mitten in die fünf hinein. Ein fataler Fehler, wie sich zeigte.
Ungestüm rempelten sie Katie von allen Seiten an, ihr Schulzeug fiel zu Boden und verteilte sich in alle Himmelsrichtungen. „Hey. Was soll das?", keifte sie Flint, den Anführer der Troll-Gemeinschaft, an. Wütend funkelte sie in seine Richtung. Er sah belustigt zu ihr hinunter. „Tja, wer nicht Platz macht, muss mit den Konsequenzen leben!", antwortet er gehässig und grinste ihr dümmlich zu. Er wollte schon weiter laufen, aber das konnte Katie heute nicht so auf sich sitzen lassen. In Rage griff sie nach seinem Arm und hinderte ihn am Weggehen. Schlagartig wurde ihr bewusst, dass das erneut keine gute Idee war. Vielleicht sollte sie sich Alicias Sensor ausleihen und ihn auf Gefahren umstellen, denn die schien sie heute anzuziehen.
Marcus war nicht für seine Zimperlichkeit im Umgang mit Gryffindormädchen bekannt. Katie schluckte und ließ den Arm schnell wieder los. Flints Gesicht verfärbte sich langsam rot. „Hast du mich gerade angefasst?" Seine Stimme war leise, aber genau das machte sie umso bedrohlicher. „Du hast meine Sachen runtergeworfen", konterte Katie schwach. Keine Angelina, keine Alicia, die ihr nun aus der Patsche helfen konnten, die anderen Schüler aßen und die Lehrer bereiteten entweder ihren Unterricht vor, oder befanden sich auch im Essenssaal. Nervös suchte Katie nach einem Fluchtweg, aber um sie herum stand schon Flints Troll Gang versammelt. Rechts von ihr ragte Montague auf, die Arme bedrohlich vor dem Körper verschränkt, neben ihm lehnte Urquhart lässig an der Wand. Aus dem Augenwinkel konnte Katie links von sich Pucey erkennen, welcher sie anlachte. Daneben baute sich Warrington auf.
Warte, Pucey lachte. Verwirrt sah sie noch einmal genauer hin, aber an dem Bild veränderte sich nichts, drei bitterböse Slytherin und ein…ein lachender, besser gesagt fies grinsender. Seine Augen blitzten auf, als er ihren Blick bemerkte. Fast hätte sie Flint vergessen, aber nur fast. Er packte sie am Handgelenk und riss sie zu Boden. Riesig stand er nun über ihr. „Na, möchtest du deinen Mund immer noch so weit aufreißen, dreckige Blutsverräterin?" Er spuckte neben sie auf den Boden und die Trolle begannen alle zu lachen. Alle fünf. Montague flogen Spucke Fäden aus dem Mund, Urquhart schlug sich versehentlich den Kopf vor lauter Lachen an der Wand und bei Pucey kam mehr etwas wie ein fieses Schmunzeln als ein vollständiges Grinsen zu Stande.
Was bei Merlin war nur los? Sie hatte rum gemacht, sie hatte den Kater, sie war böse zu Slytherins gewesen... Allein das bewies doch, dass sie ihre Strafe bereits bekommen hatte. Wieder spuckte Flint und langsam wurde Katie wieder sauer. „Hör auf damit", fuhr sie ihn an und rappelte sich auf. Als Montague sie mit dem Fuß zurück zum Boden drückte, schnappte sie sich sein Bein und biss hinein. Er schrie auf und riss das Bein zurück. Böse starrte er sie an, doch bevor er nach ihr treten konnte, wurde sie von hinten gepackt, auf die Füße gerissen und weggezerrt, weg von Flint, weg von Montague, Urquhart, Warrington und der Bedrohung. Ein verwunderter Quietscher entfuhr ihr.
Völlig orientierungslos stolperte sie Pucey hinterher. Sie hörte, wie er eine Tür aufriss, wurde hinein geschubst, nach hinten gedrängt und die Tür schloss sich wieder. Staub wirbelte auf, Katie begann zu husten, es war so dunkel, sie konnte die Hand nicht vor Augen sehen. Ein Klicken, dann grelles Licht. Geblendet blinzelte sie und hielt sich verstört die Hände vor die Augen. Als sie sich ein wenig an das Licht gewöhnt hatte, schrak sie zurück, merkte aber schnell, dass sie in einer Besenkammer war und keinerlei Platz zur Verfügung hatte. Mit einem fetten Grinsen im Gesicht stand Pucey keine handbreit von ihr entfernt. „Was sollte das?", fuhr Katie ihn an. „Was?", begann er amüsiert, „Dass ich dich vor meinem Schlägerkumpel gerettet habe oder, dass ich dich in eine sehr enge Besenkammer gezogen habe, in der normalerweise nicht geredet wird?"
Er sah sie so zweideutig an, dass ihre Wangen sich rot färbten und sie den Blick abwand. „Beides", antwortete sie trotzig. Katie merkte, dass sie sich wie ein Kind aufführte, aber schließlich war das auch eine besondere Situation. „Also, gerettet habe ich dich, weil ich nicht wollte, dass Marcus dir dein kleines Gesicht zertrümmert, da ich finde, man sollte es eher anderweitig nutzen", dabei wackelte er einmal mit den Augenbrauen, "und hier rein gezogen habe ich dich, um zu sehen, ob du für einen kleinen Spaß zwischendurch zu haben bist." Er zwinkerte ihr zu. „Ich glaub das einfach nicht. Natürlich bin ich nicht für so etwas zu haben." Katie schnaubte. „Achja? Dann habe ich wohl einen völlig falschen Eindruck von dir bekommen."
Wieder grinste er, drehte sich um und verließ ohne ein weiteres Wort die Kammer. Als er ging, schloss er die Tür und löschte das Licht, weswegen Katie plötzlich in einer kohlrabenschwarzen Besenkammer stand. In ihrem Kopf drehte sich alles. Was hatte er damit gemeint? Woher wollte er überhaupt irgendwas über sie wissen? Slytherin... Mehr musste man dazu nicht sagen. Einmal schüttelte sie noch den Kopf und verließ dann, nachdem sie sich zur Tür vor getastet hatte, die Besenkammer. Dämlicher, dämlicher Pucey.
Schnell bemerkte sie, dass ihre Sachen noch vor dem Essensaal lagen. Betend, Flint und seinen Freunden nicht mehr zu begegnen, machte sie sich auf den Weg, ihre Sachen zu holen. Zu ihrem Glück waren alle verschwunden, ein Blick auf die Uhr bestätigte ihren Verdacht. Der Unterricht hatte schon begonnen, schnell raffte sie ihr Zeug zusammen und rannte in Richtung Klassenzimmer, Geschichte der Zauberei. Professor Binns würde ihr Fehlen nicht zu früh bemerken, bevor er auf die Idee kommen würde, die Schüler nachzuzählen, wäre die Stunde schon vorbei. Etwas entspannte sie sich. In Schritttempo ging sie weiter. Ihre Gedanken schweiften um Pucey und das, was er gesagt hatte. „Dann habe ich wohl einen völlig falschen Eindruck von dir bekommen." Und dann auch noch dieses Grinsen. Irgendwie unheimlich. Endlich war sie beim Klassenraum angekommen, sie trat einfach ein und, wie vorhergesehen, stand Professor Binns vorne und redete. Die halbe Klasse schlief, die andere war zu kraftlos, um sich nach ihr umzudrehen. Leise ging Katie zu ihrem Platz und schaltete ab.
„Ms. Bell", hörte sie die leise, langweilige, monotone Stimme von Professor Binns. Sie schreckte aus ihren Gedanken hoch. „Ja?", murmelte Katie.
„Was war die beliebteste Farbe für Umhänge der Zauberer im achtzehnten Jahrhundert?", fragte er und sah sie mit müden Augen an. Schnell ratterte sie alles, was sie sich aus den letzten Stunden Geschichte gemerkt hatte, in ihrem Kopf rauf und runter, aber die Antwort auf die Frage wollte ihr einfach nicht einfallen.
„Ich weiß es nicht Professor Binns, es tut mir leid!", antwortete sie. Der Professor glitt durch den Raum auf sie zu. Verzweifelt versuchte Katie, ihre Konzentration zu halten und ihm zuzuhören, aber so richtig wollte es ihr nicht gelingen.
„Blau, Ms. Bell, ganz einfaches blau. Diese Farbe war so beliebt, weil…" Ab da hörte Katie nicht mehr zu. Blau. Woran erinnerte sie blau? Immer tiefer kramte sie in ihren Erinnerungen und… Katie erstarrte. Blau. Natürlich. Die Augen auf der Maskenparty, sie waren blau gewesen. Und hatte Adrian sich nicht heute so komisch aufgeführt? „…einen völlig falschen Eindruck von dir bekommen."
Kurzer Spaß. Küssen. Blau. Adrians Augen, sie hatten aufgeblitzt, blau aufgeblitzt. Es traf sie wie eine Ohrfeige, warum war sie nicht früher darauf gekommen? Adrian Pucey, er hatte es die ganze Zeit gewusst. Adrian? Ein Slytherin? Mit ihr? Das durfte doch nicht wahr sein. So viel dann zu: „Keiner weiß, wer wer ist, komm schon Katie, das wird lustig."
In diesem Moment verfluchte Katie ihre Freundin mehr als jemals zuvor.
