"Ich bitte Sie, das ist ein Ort der Stille und Ruhe, also verhalten Sie sich auch so!" Noch einmal blitzte Madam Pince die drei wütend aus kleinen Augen an, dann drehte sich mit erhobenem Kopf um und stöckelte zurück zu ihrem Platz. Alicia rollte die Augen. "Als wenn wir so laut gewesen wären... Sie soll sich mal nicht so anstellen", murmelte sie jedoch deutlich leiser als zuvor, was Katie schmunzeln ließ.
Direkt nach Geschichte der Zauberei hatte sie sich hierher gestohlen und in die letzte Ecke verzogen, um nachzudenken. Noch immer konnte sie nicht glauben, dass es Pucey gewesen war, aber umso mehr sie die beiden miteinander verglich - der, auf Grund ihrer eher mäßigen Erinnerungen inzwischen verblasste, Schemen aus der Partynacht und Pucey selbst - erkannte sie, dass es wirklich die gleichen waren. Der breite Rücken vom Quidditchspielen, die markanten Wangenknochen und die etwas schiefe Nase.

Sie hatte einfach nur hier gesessen und in den Himmel gestarrt, als plötzlich die zwei Menschen aufgetaucht waren, die sie am wenigsten hatte sehen wollen. Alicia und Angelina. Wie zwei Werwölfe hatten die beiden sich auf sie gestürzt und genau da weitergemacht, wo sie in der Großen Halle hatten aufhören müssen. Dennoch, Katie wollte ihnen nicht sagen, dass sie jetzt wusste, wer 'er' gewesen war. Und sie hatte ihre Gründe. Angelina würde ihm böse Blicke zu werfen und probieren, Katie irgendwie vor ihm zu beschützen. Alicia war das deutlich größere Problem. Sie würde ihn angreifen und wahrscheinlich die ganze Trollgruppe mit, was ihr aber nachsitzen einbringen würde. Außerdem würde jeder erfahren, was der Grund gewesen war, dass Alicia die Slytherins angegriffen hatte.
"Wie auch immer... Also, wann ist dir denn aufgefallen, dass es ein Junge ist?", fuhr Alicia fort und riss Katie somit aus ihren Gedanken. Diese starrte allerdings nur perplex zurück. "Leute, langsam nervt es. Ich meine, er hatte kurze Haare, das ist wohl ein sehr eindeutiger Beweis. Und jetzt lasst mich allein, ich will meine Hausaufgaben machen", erwiderte Katie mit unterdrückter Wut und wandte sich ihrer Tasche zu. Langsam aber sicher war es genug. Sie war es gewohnt, stundenlang mit den beiden über ein Thema zu diskutieren, aber wenn Alicia von einer Party wieder kam, wurde auch nicht so ein Aufstand gemacht.

Seufzend erhob sich Angelina und grinse Alicia an. Diese schnalzte einmal missbilligend mit der Zunge und stand mit einem gefauchten "Mädchen können auch kurze Haare haben" auf. Sie schnaubte noch einmal wütend in Katies Richtung, dann drehte sie sich schnell um und stürmte aus der Bibliothek. Angelina zuckte mit einem halben Lächeln entschuldigend die Schultern und folgte ihr dann. Madam Pince starrte ihnen erleichtert hinterher, es schien, als wäre sie froh, dass sie gegangen waren.
Katie seufzte und ließ sich tiefer in ihren Stuhl sinken. Das ganze machte sie fertig. Zwar würde Alicia sich in ein paar Minuten wieder beruhigt haben, aber allein das Wissen, dass sich die Fragerei bis heute Abend fortsetzen würde, ließ sie stöhnend den Kopf auf den Tisch fallen lassen. Ohne aufzublicken, konnte sie die Messer spüren, die ihr Madam Pince gedanklich in den Körper rammte, um sie zur Ruhe zu bringen. Sie hob ihren Kopf wieder und packte ihre Sachen zusammen. Heute würde sie die Stichpunkte über das 'Äquivalentverhalten der Himmelskörper' sowieso nicht mehr aufschreiben.

Sie schnappte sich ihre Tasche und mit schwungvollen Schritten ging auch sie aus der Bibliothek. Vielleicht würde sie es noch schaffen eine Runde Zauberschach zu spielen, bevor das Abendessen losgehen würde. Mit einem Lächeln schlug sie den Weg Richtung Gryffindorturm ein und überlegte, was zur Zeit das Passwort war. Die Fette Dame hatte es vor zwei Tagen wieder geändert und Katie konnte es sich immer noch nicht merken. Irgendwas mit -
"Wen haben wir denn da? Eine kleine Gryffindor, ganz allein auf den dunklen Gängen?" Ein dreckiges Lachen ertönte hinter ihr und sofort fuhr Katie herum. Zwei Gestalten kamen auf sie zu, doch bereits an der Stimme hatte sie erkannt, wer es war. Mit wütend zusammengekniffenen Augen blinzelte sie weiter in die Richtung, bis die Menschen so nah waren, dass sie das typisch spöttische Grinsen auf ihren Gesichtern erkennen konnte.
"Katie, Katie, denkst du wirklich es ist so gut, im Dunkeln allein durch das Schloss zu wandern?" Flint grinste sie schief an, etwas Anzügliches lag in seinem Blick, was Katie eine Gänsehaut über den gesamten Körper laufen ließ. Sie schüttelte sich und taxierte ihn. "Ich bin nicht allein, Angelina und Alicia sind nur um die Ecke", erwiderte sie und versuchte, den leicht ängstlichen Unterton aus ihrer Stimme zu verbannen. Ihr Blick huschte zu Pucey, welcher mit verschränkten Armen grinsend an der Wand lehnte. Als er ihre Aufmerksamkeit bemerkte, wackelte er einmal mit den Augenbrauen, und sie drehte sich mit wütend verkniffenem Mund wieder weg. Was dachte er, wer er war?

"Von wegen. Du bist eine miserable Schauspielerin. Was hältst du davon, wenn du einfach mit uns gehst, wir könnten dir Orte in Hogwarts zeigen, die du noch nie gesehen hast. Und dann könnten wir dort Dinge anstellen, von denen du bis jetzt nur geträumt hast." Sein Grinsen wurde noch breiter und er flippte einmal die Augenbrauen. Ein Würgereiz breitete sich in Katie aus, doch sie unterdrückte ihn vehement.
"Nein danke Flint, nicht mit dir", lehnte sie ab und wollte sich gerade wieder umdrehen, als eine andere Stimme ertönte. "Aber mit mir?", fragte Pucey herausfordernd und kam langsam auf sie zu, Flint folgte ihm mit einem Schritt Abstand. Katie schluckte. "Ähm nein, mit dir auch nicht", murmelte sie, ohne zu wissen, wo sie hinschauen sollte. Ihr Blick huschte über die Slytherins, an den Wänden entlang hinunter, auf ihre Schuhe, nur um am Ende wieder auf Pucey zu landen. Er hob eine Augenbraue.

"Sicher? Wenn du nicht weißt, ob es sich lohnt, kram einfach mal etwas in deinem Gedächtnis, ich denke, da dürfte gutes Anschauungsmaterial zu finden sein", murmelte er, sodass Flint es nicht hören konnte. Katies Augen wurden groß und sie starrte ihn mit offenem Mund an. Hatte er das gerade ernst gemeint?
Sie wusste nicht genau, woran es lag, seien es Alicia und Angelina, die sie den ganzen Tag schon nervten, der Fakt, dass es Pucey gewesen war, oder einfach nur alles zusammen. Aber es reichte ihr und zwar gewaltig. Schnell zückte sie ihren Zauberstab und mit einem lauten Schrei schleuderte sie den Slytherins eine riesige Ladung schlammbraunes Wasser entgegen, das aus ihrem Zauberstab kam. Die beiden konnten nicht regieren, dafür war sie zu schnell, und standen somit eine Sekunde später tropfnass im Gang.
Erschrocken riss sie die Augen auf, denn erst jetzt wurde ihr klar, was sie getan hatte. Flints Gesicht verzog sich zu einer mörderischen Fratze und auch Pucey starrte sie ungläubig an. Wütend schrie ersterer auf und kam die letzten Schritte auf sie zu. Er trat so nah an sie heran, dass sie seinen warmen Atem auf ihrem Gesicht fühlen konnte. "Du widerliches kleines Miststück", fuhr er sie an und hätte wahrscheinlich noch mehr getan, wäre nicht in diesem Moment die Rettung in Person um die Ecke gekommen.

"Was ist hier los?", erklang Professor McGonagalls Stimme und alle drei fuhren erschrocken zu ihr herum. Sie stand mitten im Gang und musterte die Schüler aufmerksam. "Sie... sie haben mich beleidigt und mich angeschrien", stotterte Katie und merkte selbst, dass sie die Situation überdramatisierte, was ihr im Moment aber nicht als Problem erschien. McGonagall hob die Augenbrauen und visierte Flint an, welcher noch immer triefend nass hinter Katie stand.
"Was haben Sie dazu zu sagen, Mr. Flint? Und in Merlins Namen, wieso sind Sie voller Wasser?", fragte die Professorin und zog ein wenig die Nase kraus. "Das Wasser ist allein ihre Schuld", meckerte der Slytherin und zeigte mit einem Finger auf Katie, "Sie hat uns angegriffen und das völlig grundlos." Katie schnappte überrascht nach Luft und fuhr zu ihm herum. Er funkelte sie aus zusammengekniffenen Augen an. "Du lügst!"
"Ms. Bell", fuhr McGonagall dazwischen und Katie drehte sich widerwillig zu ihr herum, "hören Sie auf, so herumzuschreien. Ich denke zwar, dass Sie zumindest teilweise recht haben, aber dennoch glaube ich auch Mr. Flint. Was auch immer hier vorgefallen ist, ich erwarte von Ihnen allen", dabei warf sie jedem von ihnen einen bedeutungsvollen Blick zu, "dass Sie die Wasserpfützen beseitigen. Weiterhin werden Sie alle am Mittwoch bei mir nachsitzen, sowohl Sie Mr. Flint und Mr. Pucey, als auch Sie Ms. Bell, was ich wirklich für sehr bedauerlich halte. Ich war immer der Meinung, um Sie müsste ich mir am wenigsten Sorgen machen."

Professor McGonagall schüttelte noch einmal den Kopf und drehte sich dann, um lautlos hinter der nächsten Ecke zu verschwinden. Kurz schloss Katie die Augen, bevor sie wieder zu Flint sah, welcher sie fordernd anschaute. "Du machst das weg, nicht wir." Ihr Blick fuhr zu Pucey, der sie mit einem überheblichen Ausdruck musterte. Sie nickte nur einmal und seufzte leise. Wo sie recht hatten...
Kurz schwang sie den Zauberstab und entfernte so jegliches Wasser, auch das aus den Umhängen der beiden Jungen. Zufrieden nickten sie und, als wäre nichts geschehen, zischte Flint ihr "Wenn das jemand erfährt, bist du dran" zu, patschte ihr dann einmal grinsend mit seiner Pranke auf der Wange rum und ging den Gang zurück. Pucey blieb kurz stehen und musterte sie nachdenklich.
"Wir sehen uns Mittwoch, ich hoffe du erinnerst dich dieses mal an mich", meinte er plötzlich lachend und lief dann fröhlich summend hinter dem anderen den Gang entlang.
Verwirrt starrte ihnen Katie hinterher. Wie hatte sie es innerhalb von zwei Tagen geschafft, ihren gesamten schulischen Ruf auf den Kopf zu stellen, die Wut Flints auf sich zu ziehen und einen in Rätseln sprechenden Pucey heraufzubeschwören? Kopfschüttelnd machte auch sie sich wieder auf den Weg. Das Zauberschachspiel würde sie jetzt nicht mehr schaffen.