„Strafarbeit? Du?" Alicias Augenbrauen schossen in die Höhe. „Und dann auch noch von Professor McGonagall verteilt? Katie, Katie, Katie. Was haben wir nur aus dir gemacht?" Ein Grinsen schlich sich in ihr Gesicht und Katie verdrehte die Augen. „Das hat gar nichts zu bedeuten. Ich hatte nur eine kleine…", sie überlegte, „…Auseinandersetzung mit Flint. Mehr nicht." Dass Pucey bei der Geschichte eigentlich auch eine sehr große Rolle zugeteilt bekommen müsste, verschwieg sie lieber. Schon jetzt schauderte sie bei dem Gedanken an die Stunden mit Flint und Pucey.
Sie würden Katie keine Freude bereiten, da war sie sich sicher. Zähneknirschend sah sie wieder zu Alicia. „In 15 Minuten muss ich da sein. Ich sollte mich langsam mal fertig machen." Katie und Alicia hatten zwei Freistunden gehabt. Anstatt zu lernen oder Hausaufgaben zu machen, hatten die beiden lieber etwas geschlafen. Wie immer nach dem Aufstehen, standen Katies Haare nun kreuz und quer von ihrem Kopf und sie musste sie erst bändigen, ehe sie irgendwohin gehen konnte. Mit einem Stöhnen schwang sich Katie von ihrem Bett und verschwand im Bad. Die Tür schloss sich hinter ihr und in diesem Moment ließ sie auch die Maske der Ruhe und Entspannung von sich abfallen. Leicht panisch blickte sie in den Spiegel.
Pucey würde sticheln. Sie durfte dann nicht ausrasten. Und was wäre…was wenn Flint wüsste, was zwischen ihr und Pucey vorgefallen war? Resigniert schnappte Katie sich ihre Haarbürste und begann, das störrische Vogelnest auf ihrem Kopf zu bearbeiten. Seufzend wurde ihr klar, dass sie selbst dieses Chaos nicht als Ausrede nehmen konnte, das Nachsitzen zu schwänzen. Professor McGonagall wäre die letzte, die es billigen würde, wenn man ihre Anweisungen wegen ein paar Knoten in den Haaren missachtete. Katie sah auf ihre Uhr. Noch fünf Minuten, jetzt musste sie sich beeilen. Schnell verließ sie das Bad, schnappte sich Federkiel und Tinte, verabschiedete sich hektisch von Alicia, welche immer noch gelassen auf ihrem Bett lag, und rannte die Stufen, die zum Gemeinschaftsraum führten, herunter.
Anscheinend war auch die Fette Dame nicht ganz wach, denn als Katie aus dem Portraitloch klettern wollte, war dieses verschlossen. In ihrer Hektik war sie mit dem Kopf hart gegen die Rückseite des Gemäldes gestoßen. Murrend rieb sie sich die schmerzende Stelle. „Aufmachen!", rief sie und fast augenblicklich öffnete sich der kleine Durchgang. Rennend ließ Katie eine sich schläfrig entschuldigende fette Dame zurück. Sie rollte mit den Augen und ignorierte es einfach. Zwei Minuten. Mist. Katie keuchte. Sprint war noch nie eine ihrer Stärken gewesen. Wild schnaufend schlitterte sie um die letzte Ecke. Direkt in die Mitte von Flint und Pucey.
Verärgert drehten sich die beiden um. „Bell. Mir war schon immer klar, dass du deine Zuneigung uns gegenüber nur schwer beherrschen kannst aber bitte, mitten auf dem Korridor. Das hat doch keinen Stil!" Flint grinste sie dreckig an und mit jedem Wort, das er sagte, wurde das Lächeln nur noch breiter. Zu Katies großer Verärgerung bemerkte sie, wie ihr die Röte ins Gesicht schoss. „Das hättest du wohl gerne.", nuschelte sie, hob ihre Federkiele, welche bei dem Zusammenprall zu Boden gefallen waren, wieder auf und strich sich die Haare aus den Augen.
„Ach Katielein, warum denn so garstig?" Puceys blaue Augen schienen sie mit ihrem Blick schon fast zu durchbohren. Katie wusste, wenn sie jetzt schon wieder klein beigab, dann würde die Strafarbeit nur noch schlimmer werden. „Garstig? Ich? Wieso sollte ich bei der Aussicht, die nächsten zwei Stunden mit zwei Trollen zu verbringen, denn garstig sein, hm?" Bei dem Wort Troll sah sie mit Absicht Flint ins Gesicht. Man sah, wie er langsam rot wurde, leider nicht, weil es ihm peinlich war. „Das sagst du nicht nochmal!", fauchte er und packte sie am Arm. „Mr. Flint, dürfte ich erfahren, warum Sie eine meiner Schülerinnen so grob anpacken? Das ist nicht sehr freundlich. Lassen Sie sie los und folgen Sie mir. Alle."
Professor McGonagall warf einen strengen Blick in die Runde und lief dann, ohne zu warten, weiter. Knurrend ließ Marcus Katie los. „Beim nächsten Mal hast du nicht so viel Glück du Blutsverräterin", zischte er ihr böse zu und folgte der Professorin. „Der muss im Bett echt wild sein. Aber warum Bett? Eine Besenkammer tut's auch, nicht wahr kleine Bell?" Pucey lachte und lief dann Flint und Professor McGonagall hinterher. Katie stöhnte auf. Das würden die schlimmsten zwei Stunden ihres gesamten Lebens werden. Langsam trottete sie den dreien hinterher.
„Ich möchte, dass Sie eine ganze Pergamentrolle mit den Sätzen ‚Im Schulhaus werden keine Mitschüler angegriffen. Nicht mit dem Zauberstab und auch nicht anderweitig.' beschreiben. Haben sie das alle verstanden?" Katie nickte betreten, Flint und Pucey sahen eher genervt aus. „Ich werde nun den Raum verlassen. Ich habe noch etwas zu erledigen. Denken Sie bloß nicht, ich würde es nicht mitbekommen, wenn Sie hier etwas anderes machen als das, was ich Ihnen aufgetragen habe." Mit einem letzten strengen Blick ging sie. Seufzend beschwerte Katie den Anfang ihrer Pergamentrolle mit ihrem Tintenglas und begann zu schreiben. Pucey und Flint unterhielten sich. Nicht grade leise.
„Was denkst du, Adrian? Sollten wir das Ganze hier mal etwas aufmischen?" Flint lachte. „Hm, ich bin sicher, unsere kleine Gryffindor würde petzen gehen", antwortete Pucey. Katie konnte die Blicke, die sie fixierten, im Rücken spüren. „Egal, wir hätten unseren Spaß! Was könnten wir machen?" erwiderte Flint. Das Grinsen, welches sich auf Puceys Gesicht ausbreitete, musste sie nicht sehen um zu wissen, dass es da war. „Vielleicht sollten wir sie in eine Besenkammer einsperren. Mit einem bösen, bösen Slytherin ist das bestimmt nicht so angenehm, oder vielleicht doch? Was meinst du Katielein?"
‚Ignorier sie Katie. Einfach ignorieren.' Wie ein Mantra rasselte Katie diese Gedanken in ihrem Kopf rauf und runter.
„Oder sind Besenkammern zu beengend?", stichelte Pucey weiter. ‚Ruhig bleiben!'
„Wenn man etwas zusammen rückt, wird es bestimmt bequemer." Das war einer zu viel. Wütend drehte Katie sich um. Adrian wackelte anzüglich mit den Augenbrauen, Flint sah eher verwirrt aus. „Sei ruhig. Seid beide ruhig. Ich möchte die Strafarbeit so schnell wie möglich fertig bekommen und ach ja, Pucey, ich stelle es mir widerlich vor, mit einem Slytherin in einer Besenkammer zu stehen. Absolut widerlich." Stolz widmete sich Katie wieder ihren Aufzeichnungen, dass das Ganze noch nicht vorbei war, war ihr klar, aber jetzt hatte sie den beiden einen kleinen Dämpfer verpasst.
Keine zehn Minuten später, so schien es Katie, stand Pucey auf und begann, durch den Raum zu wandern. Natürlich blieb er direkt vor ihrem Pult stehen. Genervt sah Katie zu ihm rauf. Er stütze sich auf den Tisch und blickte auf sie herab. Zu ihrem eigenen Ärger bemerkte Katie die Muskeln an Adrians Armen, die sich äußerst anschaulich unter seinem smaragdgrünen T-Shirt wölbten. Man merkte, dass er ein Quidditchspieler war und obwohl er sie gar nicht anzuspannen schien, waren die Muskeln sehr ausgeprägt. „Na Bell? Abgelenkt?", hauchte er ihr mit einem genüsslichen Grinsen zu. Verwirrt sah sie sich um. Flint war verschwunden. Wahrscheinlich auf Toilette. Deswegen traute er sich so nah zu ihr heran.
„Hättest du wohl gerne", antwortete Katie kalt, niemals würde sie zugeben, dass er sie wirklich ablenkte. „Oh ja, es wäre mir eine Ehre", erwiderte Pucey überraschenderweise. Sie wurde aus ihm einfach nicht schlau. „Schön. Würdest du mich jetzt wieder in Ruhe lassen?" Katie warf ihm einen vernichtenden Blick zu. Ihn schien das nicht zu interessieren. Belustigt schaute er weiterhin auf sie herunter. „Ach Katielein. Wenigstens etwas Freude müsste es dir in der Besenkammer doch bereitet haben, oder? So viel Nähe. Wieso machen wir nicht da weiter, wo wir aufgehört haben?"
Er sah sie so…so unglaublich verführerisch an, wie nur ein Adrian Pucey es konnte, aber was hatte er für ein Interesse an ihr? Eine Wette? Einfach nur mal gucken, ob er eine Gryffindor herum kriegen würde? Katie wäre die Letzte, die ihm diese Freude bereiten würde. „Weißt du Adrian, genau das ist dein Problem. Wieso denkst du, du wärst so unwiderstehlich? Dein übersteigertes Selbstbewusstsein wird dir bei den Gryffindormädchen nicht viel bringen", antwortete Katie. Sie war sich sicher, dass er sie nun in Ruhe lassen würde, aber Pucey setzte noch einmal zum Sprechen an. „Und weißt du, liebe Katie, genau dieses übersteigerte Selbstbewusstsein hat mir bei Cho und einigen anderen sehr viel gebracht." Katie sog scharf die Luft ein. Adrian grinste, zwinkerte ihr zu und ging dann zurück zu seinem Platz. Als wäre es geplant gewesen, kam genau in diesem Moment Flint wieder in den Raum.
Das war eine Lüge. Natürlich, keins der stolzen Gryffindormädchen würde jemals etwas mit einem so durchtriebenen Slytherin anfangen. Aber hatte sie das nicht selber getan? Hatte Katie nicht am eigenen Leib erfahren, wie verlockend es sein konnte? Nein! Sie hatte nicht gewusst, dass er ein Slytherin war. Das zählte nicht. Kurz schüttelte Katie ihren Kopf und versuchte dann, sich wieder auf ihre Strafarbeit zu konzentrieren. Und obwohl Pucey und Flint sie nicht mehr belästigten, hatte Ersterer es doch geschafft, dass sie die ganze restliche Zeit nur über ihn nachdachte.
