In der nächsten Nacht begann für Kumo der erste Schultag. Sie hatte anscheinend nicht ihr ganzes Gedächtnis verloren, denn die schulischen Themen waren alle noch da. Auf dem Weg ins Schulgebäude schaute sie unbeabsichtigt nach oben. Zwischen den Baumkronen blitzten und funkelten tausend Sterne wie ein Meer aus Lichtern. Plötzlich fing sie an zu summen. Es war eine einfache Melodie und doch, sie war sehr tiefgründig. Ein süßer Duft umfing sie und ihr wurde schwindelig. Die Melodie wurde immer lauter. Der Boden wurde ihr unter den Füßen weggerissen und sie spürte, wie sie in eine bodenlose Tiefe fiel. Als er Kumo schwanken sah, während sie eine seltsame Melodie summte, erschrak er. Sie gleitete sanft in seine Arme und er war es, der sie in ihr Zimmer trug und auf ihr Bett legte. Zum Abschied flüsterte er ihr ins Ohr: „Gute Nacht, Dornröschen." Dann ging er.
Vollkommene Dunkelheit umfing sie. Würde nicht die Melodie in ihren Ohren dröhnen, würde sie endlos ausruhen. Eine unheimliche Stimme sprach zu ihr, doch sie verstand nichts, wusste auch nicht, wer. Die Stimme übertönte jetzt die Musik. Die monotone Stimme sagte etwas, was sie verstand, doch dann unterbrach sie abrupt. Die Dunkelheit wurde immer heller und heller, bis sie schließlich zu einem blendenden Weiß wurde. Kumo kniff die Augen zusammen, doch es half nichts. Dann wurde es wieder dunkler und sie vernahm leise Stimmen und Musik. Als sie die Augen öffnete, sah sie einen großen Saal, voll mit Frauen in hübschen Kleidern und Männern in Anzügen. Alle waren Vampire. Die Musik stoppte und ein starker Wind kam auf, so dass sie wieder die Augen zusammenkniff. Der Wind wurde schwächer und als Kumo die Augen öffnete, sah sie eine Villa. Sie erschrack, denn sie erkannte die Villa. Es war die Villa ihrer Familie und sie stand in Flammen. Vor der Villa stand eine Frau, fast noch ein Mädchen, dessen Kleider blutbefleckt waren. Sie hielt ein blutiges Schwert in Händen. Fast schon zu spät erkannte Kumo sich selbst.
Sie schreckte hoch. Kumo war schweißgebadet und saß in ihrem Bett. Ihr fiel die schreckliche Vision ein und ihr wurde wieder schwindelig. Hatte sie ihre Familie, ihren Clan im Alleingang ausgelöscht?! Da wurde ihr bewusst, was die unheimliche Stimme geflüstert hatte: Sie hatte immer wieder gerufen „Du hast…"! Sie blickte sich um auf der Suche nach Ablenkung. Auf ihrem Nachttisch lag ein Stapel Mangas. Sie nahm sich den ersten Band und fing an zu lesen. Bei der Serie handelte es sich um eine Liebe zwischen den Fronten. Ein grausamer Krieg zwischen Vampiren und Werwölfen. Die Bilder waren gut gezeichnet und Kumo fragte sich, ob es unter den Vampiren auch Mangakas gab. Als sie gerade anfangen wollte, den dritten Band zu lesen, klopfte jemand in ihre Tür. Sie reagierte nicht. Noch mal klopfte es. Immer noch keine Reaktion. Dann trat jemand ein. Sie musste nicht aufsehen, um zu wissen, wer da stand. „Was willst du, Kaname?", sagte sie in einem fast schon ärgerlichen Ton. Er antwortete: „Ich und die Anderen, bis auf Aido, gehen zum Senat. Kommst du auch mit?" „Was sollte ich beim Senat? Ich hab sowieso keinen Bock!", erwiderte Kumo. „Aber du als Reinblü…", widersprach Kaname, wonach sie mit einem energischen „Abgelehnt!" antwortete. Er zuckte mit den Schultern, wandte sich um und ging.
Nachdem sie auch noch den vierten und fünften Band gelesen hatte, ging sie nach unten, um Aido zu suchen. Wie sich herausstellte, war er weder in seinem Zimmer, noch in irgendeinem Raum im Haus ‚Mond'. Sie ging in den Garten, um ihn dort zu suchen, aber sie fand ihn auch da nicht. Also musste sie das Gelände verlassen und in dem Schulgebäude, dem Haus ‚Sonne' und den Privaträumen des Rektors suchen. „Hoffentlich ist er dort,", dachte sie, „denn sonst hab' ich ein Problem!" Sie war stinksauer auf Aido und Kaname und wusste nicht so recht, warum. Kumo ging am Mädchentrakt vorbei und spürte, wie sie von jemandem angestarrt wurde. Es war die Vertrauensschülerin Yuki Kurosu. „Es ist verboten, dass jemand aus der ‚NightClass' beim Haus ‚Sonne' ist!", rief sie. Kumo sagte ihr: „Ich suche Aido-san, hast du ihn gesehen? Er ist nicht im Wohnheim, das hat mir Sorgen gemacht und ich bin ihn suchen gegangen- bis jetzt ohne Erfolg…" Das tat ihr leid und sie versprach, ihr Bescheid zu geben, falls sie ihn sah. Lächelnd verabschiedete Kumo sich und ging zurück. Sie hatte kein Problem damit, dass Aido verschwunden war, so konnte sie ihren Wald erforschen. Sie ging zurück, bog hinter dem Tor links in den Pfad ein und sprang über die Kette. Der Wald bestand hauptsächlich aus Buchen und Eichen, dazwischen dorniges Gestrüpp. In diesem dunklen Wäldchen sang kein Vogel, nur ab und zu hörte man den Schrei einer Krähe. Kumo genoss die Stille. Langsam ging sie den Hauptpfad entlang. Sie kam an umgestürzten Baumstämmen und Abzweigungen vorbei, bis der Pfad zu seinem Ende kam und in einem von Ranken umschlossenen Pavillon mündete. Auch der Eingang war dadurch versperrt, doch Kumo zerschnitt die Ranken mit Leichtigkeit und betrat das Pavillon. In der Mitte stand ein kleiner Rundtisch und auf den Sitzflächen lagen samtige, schwarze Kissen. An der Wand hing ein reich verziertes Schwert. Ohne Vorwarnung wurde ihr schwarz vor Augen.
