Kumo träumte, sie sähe dasselbe Schwert wie im Pavillon, aber es war in einen blutbefleckten Körper gestoßen und an der Klinge klebte dunkelrotes Blut. Der Körper war eigentlich nicht mehr als ein Körper auszumachen, denn er war zerfleischt worden, als wäre er durch den Fleischwolf gestoßen worden. Dann wurde wieder alles dunkel. Sie hatte furchtbare Schmerzen überall am Körper und hatte schon den Verdacht, das Schwert würde sich durch SIE bohren. Die Dunkelheit flackerte in kurzen Abständen immer heller und dann: wieder alles schwarz. Als es das nächste Mal hell wurde, erblickte Kumo einen wunderschönen Garten. An einem der vielen Rosensträuchern stand ein kleines Mädchen mit braunen Haaren. Sie hielt eine Unschuldsrose in der Hand und betrachtete sie lächelnd. „Kumo-chan! Komm, Essen ist fertig!". Geschockt drehte Kumo sich um und erblickte eine jung aussehende Frau mit roten Haaren und hellblauen Augen. Sie trug ein geblümtes Kleid. „Ja, Kaa-san!", rief das kleine Mädchen fröhlich und rannte zu seiner Mutter. Beide sahen überglücklich aus. Bevor die Glastür zufiel, huschte Kumo durch den Spalt. Sie folgte der kleinen Kumo und ihrer Mutter durch viele Zimmer, die aussahen, als wären die Kleine und ihre Familie wohlhabend. „Was erwartest du, sie sind schließlich Reinblüter!", dachte die unsichtbare Kumo überrascht über sich selbst. Als sie den Speisesaal erreichten, sah Kumo das Schwert. Ein heftiger Ruck ging durch die ganze Erinnerung und Kumo musste mitansehen, wie sie, nur ein bisschen jünger als zum jetzigen Zeitpunkt, ihren gesamten Clan mit dem Schwert niederstreckte. Der Diamant im Griff des Schwertes leuchtete in demselben schrecklichen Blutrot wie ihre Vampiraugen. Bevor sie alle Details betrachten konnte, verschwand die Erinnerung.

Nachdem Kumo wieder im Pavillon aufgewacht war, sprang sie auf und blickte sich als Erstes nach dem Schwert um. Es war verschwunden. Tiefe Verzweiflung überkam sie und sie rannte zurück zum Haus ‚Mond'. Als sie im Eingangsbereich stand, musste sie an ihren alten Garten denken. Dann machte sie sich auf die Suche nach einer Leinwand und Farbe. Überraschenderweise fand Kumo alles in Aidos Zimmer. Sie setzte sich und begann zu malen. Das Einzige, was sie noch wahr nahm, waren ihre Pinselstriche und die Melodie ihrer Kindheit. So merkte sie nicht, wie Aido eintrat und ihr zusah, bis sie fertig war.

„Ein sehr schönes Bild." Kumo fuhr erschrocken herum. Aido stand hinter ihr und stützte die Hände auf die Lehne des Stuhls, auf welchen sie saß. „Was stellt es dar?", fragte Aido, der offenbar Ahnung von Kunst hatte. Die Frage ließ sie erbeben. „Das… das ist der Garten, in dem ich als Kind…", stotterte sie, doch es war ein Fehler gewesen, ihre Vergangenheit zu erwähnen, denn schon füllten Tränen ihre eisblauen Augen und verschleierten ihre Sicht. Gleich glitzernden Perlen liefen ihr die Tränen über die Wangen, sie konnte sie einfach nicht zurückhalten. Sie wurde aus dem Stuhl gezogen und fand sich in einer zärtlichen Umarmung Aidos wieder. Sie wehrte sich nicht, im Gegenteil, sie erwiderte die Umarmung und wollte nie mehr loslassen, so dachte sie. Als Aido klar wurde, dass er gerade eine Reinblüterin umarmte, ließ er los und entschuldigte sich. Dann lief er aus dem Zimmer. Da fühlte Kumo sich zum ersten Mal richtig verloren. Sie sank entkräftet auf die Knie und vergrub ihr Gesicht in ihren Händen. Dann weinte sie einfach nur. Es tat gut, einfach nur da zu sitzen und sich den Frust und die Trauer aus der Seele zu weinen. Als alle ihre Tränen geflossen waren und sie einfach nur schweigend auf dem Boden von Aidos Zimmer saß, erfüllte sie eine tiefe, schwarze Leere. Sie dachte noch: In der Umarmung hatte sie sich geborgen gefühlt, denn die Art, wie Aido ihren Kopf gestreichelt hatte, hatte sie an ihren Vater erinnert, den sie ja bedauerlicherweise ins Jenseits geschickt hatte… Nein, so etwas sollte sie wirklich nicht denken, falls sie die Fassung bewahren wollte! Sie stand entschlossen auf und ging aus dem Zimmer.

Auf dem Korridor begegnete sie noch einmal Aido, doch er schien sie nicht zu bemerken. Sein Blick war so leer… Kumo blieb stehen und schaute ihm nach, bis er um die Ecke bog und nicht mehr zu sehen war. Dann ging sie in ihr eigenes Zimmer und setzte sich mit den letzten fünf Bänden des Mangas in ihre ‚Ecke'. Als es heller wurde und der Tag anbrach, legte sie sich in ihr großes, weiches Bett und schlief ein. Dieses Mal würde sie einen ruhigen Schlaf ohne blutige Erinnerungen bekommen.

Am nächsten Abend öffnete Kumo verschlafen die Augen. Es war schön gewesen, voll ausschlafen zu können. Sie hörte Stimmen aus der Eingangshalle und ging runter. Ihre Klassenkameraden waren alle angekommen, bis auf einen: Senri Shiki war nicht zurückgekehrt. „Wo ist Shiki?", fragte Toya verwirrt. Sie hatte keine Ahnung , also fragte sie gezwungenermaßen Kaname Kuran. Er sagte, Shiki hätte noch etwas zu erledigen und würde nachkommen, was ihr nicht geheuer war. Also setzte sie sich auf die Treppe und wartete. Nach einer gefühlten Ewigkeit flogen die Türflügel auf und Shiki trat ein – gefolgt von Ichijo. Kumo merkte sofort, dass etwas nicht stimmte und sprang erschrocken auf. „Na, Yata-san, habt Ihr auf mich gewartet?", sagte Shiki – oder vielmehr der, der seinen Körper als Gefäß benutzte. Bevor Kumo etwas erwidern konnte, kam Toya angelaufen und wollte Shiki begrüßen, aber sie stocke, als sie seine Augen sah. Eines war blau und das Andere rot. Es lag Kumo auf der Zunge, aber sie konnte doch nicht sagen, wer er war. Sie drehte sich um und lief die Treppen hoch. Oben drehte sie sich noch einmal um und betrachtete den ‚Shiki', der er nicht war. Er war auf jeden Fall Reinblüter, sehr alt und brauchte höchstwahrscheinlich Kraft. Ansonsten würde er nicht einen anderen Körper brauchen. „Vielleicht ist er mit Senri verwandt…!", dachte Kumo und lief in die Bibliothek. Dort suchte sie nach einem Buch über die berühmtesten Reinblüter: Da standen zum Beispiel die wahnsinnige Blütenprinzessin Shizuka Hio, ihr Verlobter Rido Kuran, der vor über zehn Jahren verschwunden ist, der Urahn des Kuran-Clans, Kaname Kuran… Moment! Rido Kuran?! Sie suchte nach einem Bild oder einer Beschreibung seines Aussehens, doch sie fand nichts. Nur, dass er verschiedenfarbige Augen hat…! „Könnte es sein…?!, schoss Kumo durch den Kopf. Na klar! Senri ist doch der Sohn von Rido Kuran! Warum war sie da nicht schon früher drauf gekommen? Aber was will Rido Kuran hier? Das wusste sie nicht, aber egal, Kumo sollte erst Kaname Bescheid geben! Sie rannte zu seinem Zimmer und sagte außer Atem: „Rido Kuran besetzt Shikis Körper!" Zu ihrer Überraschung antwortete Kaname: „Ich weiß." „Warum hast du ihn dann nicht bei seinem Angriff damals umgebracht?!", platzte es aus ihr heraus. „Ich konnte nicht…", sagte er, während er den Teppich musterte, auf dem er stand. „Lügner!", schrie sie ihn an, „Du wärst stark genug gewesen!" „Das ist es ja nicht!", schrie er zurück. „Kaname Kuran…!", murmelte sie, „Er hat dich wiederbelebt und deshalb… er ist dein ‚Herr', nicht wahr? Obwohl du für immer schlafen solltest, Urahn des Kuran Clans Kaname Kuran!" „Ja, schon, aber ich bin vor über dreitausend Jahren gestorben, nicht?" „Du bist und warst nie der Sohn von Haruka und Juri Kuran." Die Tür wurde mit solcher Wucht aufgeschlagen, dass Kumo taumelte und auf die Knie fiel. Sie hörte wie Kaname sagte: „Willkommen zurück, o-nee-sama."