Als sie sich umdrehte, erblickte Kumo eine junge Frau, die ungefähr genauso groß war wie Kaname. Ihre blonden, fast weißen Haare hatte sie elegant hochgesteckt und in ihren grünen Augen lag ein kalter Ausdruck. Sie trug ein schwarzes Kleid aus Seide, hochhackige Lederstiefel und ellenbogenlange Handschuhe- ebenfalls in schwarz. Um den Hals trug sie eine Kette mit einem Kreuz. Sie hatte eine geradezu dämonische Ausstrahlung und Kumo wurde klar, dass auch sie eine Reinblüterin war- und wirklich als Kanames Schwester durchgehen konnte. Sie blickte Kumo nur unverwandt an, so als wäre sie hier fehl am Platz und Kumo lief ein kalter Schauer über den Rücken. „Und, wie war's auf Ichios ‚Party'?", versuchte Kaname die Stimmung- die offenbar gekippt war- aufzulockern. Die fremde Reinblüterin zuckte mit den Schultern. Kumo spürte, dass ihre Zeit gekommen war und verabschiedete sich, dann ging sie zügigen Schrittes aus dem Zimmer. Die Andere starrte ihr mit kühlem Blick hinterher, bis Kumo um die Ecke verschwand.
„Wer ist das?", fragte sie Kaname kühl. „Das ist Kumo Yata, genauso wie du eine Reinblüterin." Leise murmelnd fügte er hinzu: „Allerdings nicht mal annähernd so kalt und gruselig wie du." Anscheinend hatte sie das nicht überhört, denn sie schaute Kaname mit ihren grünen Augen böse an. „Ist dir klar, dass du für sie etwas Besonderes bist?", fragte sie ihn. Er wiederum schaute sie fragend an. „Wie kann man nur SO dämlich sein?!", murmelte sie, während sie die Augen verdrehte. Jetzt schaute Kaname sie verärgert an. Mit einem fiesen, aber kaltem Lächeln stand sie schon hinter ihm, beugte sich vor und flüsterte ihm ins Ohr: „Geh zu ihr und erkläre ihr alles." Kaname Kuran schauderte, stand jedoch auf und verließ den Raum mit einem tödlichen Blick im Rücken.
„Wer ist sie?", fragte sich Kumo. Diese Frau ging ihr nicht mehr aus dem Kopf. Ihr kam es vor, als würde sie sie kennen und doch war sie ihr völlig fremd. Was ihr ganz besonders im Gedächtnis geblieben war, waren ihre kühlen grünen Augen. Ein Klopfen an ihrer riesigen Zimmertür riss sie aus ihren tiefgründigen Gedanken. Unter einem Quietschen öffnete sich die Tür und Kumo setzte sich auf ihrem Bett aufrecht auf. Sie war ganz und gar nicht darüber erstaunt, dass auf einmal Kaname Kuran in ihrem Zimmer stand. Er kam zu ihr herüber und fragte sie, ob er sich setzen dürfe. Mit einer Handbewegung machte sie ihm klar, dass ihr völlig egal war, was er tat. Er setzte sich neben sie aufs Bett und begann zu reden. „Ich schätze, ich bin dir eine Erklärung schuldig." Mit einem vorwurfsvollen Blick der so viel sagte wie „Ach wirklich? Hätte ich jetzt nicht gedacht!" schaute sie ihn genervt an. Er seufzte und begann von vorne. „Also, diese Frau von eben war Sanae Kuran." Jetzt sagte Kumos Blick: „Ha-ha-ha, verarschen kann ich mich auch selber!" „Nein ehrlich!", beteuerte er. „Sanae Kuran ist meine ältere Zwillingsschwester. Sie sollte genauso wie ich schon tot sein, allerdings wurde auch sie wiederbelebt. Anders als ich, hat sie es jedoch geschafft, sich der Kontrolle von Rido Kuran zu entziehen. Sie ist etwas später gestorben als ich, wurde aber zur gleichen Zeit wiederbelebt." Kumo schaute ihn so an, als hätte er gerade den größten Stuss von sich gegeben, den ein Vampir nur erzählen konnte. „Ich schwöre, es ist die Wahrheit!", beteuerte er noch mal. „Angenommen, ich glaube dir, warum ist sie dann auch zur Cross Academy gekommen?", frage Kumo. „Das weiß ich nicht", antwortete Kaname so leise, dass sie es kaum vernahm. Plötzlich stand der reinblütige Vampir auf und verließ das Zimmer mit einem Lächeln. Kumo glaubte ihm nicht recht und verließ ebenfalls das Zimmer, um seine Schwester zu suchen. Sie suchte fast im ganzen Haus ‚Mond', bis sie vor Kanames Zimmer stand. Sie klopfte. Keine Antwort. Langsam drückte sie die Klinke runter und öffnete die Tür. Vorsichtig trat sie ein und schaute sich um. Keine Spur von Kaname Kuran, allerdings erblickte sie in einer hintersten Ecke Sanae Kuran. Sie las. „Ähm…", fing Kumo an. Sanae zeigte keine Reaktion. „Entschuldigung… bist du Sanae Kuran?", fragte sie zögernd. Nun hob die Gestalt mit dem Buch den Kopf und schaute das verunsicherte Mädchen an. Auf einmal war sie verschwunden, doch dann vernahm Kumo ihre emotionslose Stimme hinter sich, die ihr ins Ohr zischte: „Ich wüsste zwar nicht, was dich das anginge, Kumo Yata, aber ja, das bin ich." Und kaum, dass sie den Satz beendet hatte, stand Kumo vor Kanames Zimmer und hörte nur noch, wie die Tür in ihre Angeln fiel und das Schloss knackte. Verwundert stand Kumo vor der Tür und fragte sich, wie sie hier hin gekommen war. Nun hatte sie Sanae Kuran kennengelernt, aber in ihrem Kopf schwirrten tausend Fragen. Ruhelos spazierte sie durch das Haus ‚Mond' und kam schließlich vor das Zimmer von… Wessen Zimmer war das noch mal? Sie konnte sich nicht erinnern, dass Shiki ihr dieses Zimmer gezeigt hatte. „Shiki… ob es ihm gut geht?", sie machte sich nicht zufällig Sorgen um ihn?! „Egal!", dachte sie und ergriff die Türklinke. Ein Schauer lief ihr den Rücken runter, als sie die Tür aufstieß. Der Raum war nur ausgefüllt von einem Bett, einem Schrank und ein paar Kisten mit Büchern. Die Wände waren weiß und vollkommen kahl. Es war ein trostloser Anblick. Auf dem einzigen Tisch im Raum lag ein aufgeschlagenes Buch. Kumo trat an den Tisch und nahm das Buch in die Hand. Sie sah sich das Cover an und stockte. Dies war das Buch, das Sanae gelesen hatte, als Kumo sie gesucht hatte. War das hier also Sanaes Zimmer? Und wo war sie? Kumo ging zurück auf den Gang. Ihr war dieser Teil des Wohnheims nicht geheuer. Sie fühlte sich in diesen dunklen, kühlen Gängen nicht wohl. Aber, wie fand sie nun zurück zu ihrem Zimmer? Sie nahm einen Gang links, einen rechts, wieder rechts und stand plötzlich vor einer eisernen Tür. Sie war verschlossen. Kumo wollte schon die Hoffnung aufgeben, doch dann ertönte ein Klicken und die Tür sprang mühelos auf. Hinter ihr sah Kumo einen Wald, ihren Wald. Mit schnellen Schritten ging sie einen Pfad entlang und gerade als sie auf die Lichtung mit dem Pavillon treten wollte, hörte sie hinter sich ein Geräusch. In einem Gestrüpp bewegte sich offenbar etwas. Kaum hatte sie sich wieder umgedreht, sprang ein verrückt gewordener Level-E-Vampir aus der Hecke! Kumo drehte sich halb, wich einem Schlag gekonnt aus und brach dem Vampir mit einem Schlag das Genick. Blutspritzer blieben an ihrer Schuluniform kleben. Ihre Vampiraugen glühten in einem sanften Rot, als Takuma Ichijo und Senri Shiki, also Rido Kuran, hinter sie traten. Takuma erschrak, als Kumo ihn unverwandt mit kalten, mordlustigen Augen anstarrte. Dann wurde sie wieder normal und rannte zurück auf ihr Zimmer. Sie kam erst kurz vor Sonnenaufgang wieder heraus. Als sie an Kanames Zimmer vorbeikam, hörte sie , wie jemand sprach: „Du musst mir glauben, sie wollte mich umbringen!" Das war Takuma-san. Redete er über sie? „Das würde sie niemals tun" vernahm sie Kanames ruhige Stimme. Ja, sie redeten über Kumo. „Doch! Wenn ich es dir doch sage! Sie wollte mich umbringen!" Kumo traute ihren Ohren nicht. Plötzlich vernahm sie ein leises Kichern. „Dieses kleine Reinblütermädchen? In ihrem jetzigen Zustand garantiert nicht!", ertönte es aus dem Zimmer. ‚War das nicht Sanae-sama?', erschrak Kumo. „Sanae! Hör auf, dich über mich lustig zu machen!", meckerte Takuma. „Reg´ dich nicht auf Takuma!", kicherte Sanae. Da hörte Kumo Schritte. Schnell flitzte sie in ihr Zimmer und lehnte die Tür so an, dass sie noch durchgucken konnte. Sanae Kuran öffnete die Tür zu Kanames Zimmer und trat heraus. Sie hatte nun nicht mehr das elegante Kleid an, sondern trug wie alle anderen die Schuluniform der NightClass und ihr wallendes Haar trug sie offen. Das Einzige, was sich nicht verändert hatte, war die Kette an ihrem Hals, sie war immer noch da. Langsam ging sie an Kumos Zimmer vorbei und blieb davor stehen. Kumos Herz pochte wie wild. Sie schaute auf die Tür und ihre grünen Augen funkelten in einem Blutrot auf. Kumos Herz machte einen Satz und sie erstarrte. „Ob sie mich gesehen hat?", fragte Kumo sich panisch. Sanae schien sich jedoch nicht weiter für sie zu interessieren und ging die Treppe runter. Kumo schaute ihr noch nach, bis sie sie nicht mehr sehen konnte. Sie seufzte auf und schloss die Tür, ließ sich auf ihr Bett fallen, nahm einen Manga und versuchte, ihren hohen Puls zu beruhigen. Ihr Buch riss sie in ihre eigene Welt. „Ich liebe diesen Manga", dachte sie sich. Nach einer Weile war sie am Ende des Buches angekommen. Sie legte es gerade zur Seite, als sie wieder Schritte vernahm. Dieses Mal ging sie bloß an die Tür um zu lauschen. „Kaname, ich sag´s dir! Nur weil du dieses Mädchen gerne hast, darfst du nicht die Augen vor ihren schlechten Seiten verschließen!" „Geh, Takuma!" Die Schritte entfernten sich und Kumo hörte, wie Kaname seufzte und die Tür schloss. Leise huschte Kumo aus ihrem Zimmer. Sie hatte beschlossen, Takuma zu verfolgen, auch wenn es nur aus purer Langeweile war! Sie folgte ihm in ein paar Metern Abstand. Kumo kannte sich im Haus ‚Mond' nicht sonderlich gut aus, aber diese Flure kamen ihr bekannt vor. Takuma blieb plötzlich stehen und klopfte an eine Tür. „Herein!", ertönte es aus dem Zimmer. „Das ist Sanae-samas Zimmer!", schoss es Kumo durch den Kopf. Takuma trat ein und Kumo huschte wieder durch die Gänge, auf dem Weg zu ihrem Zimmer. Während sie versuchte, in diesem Irrgarten einen Ausweg zu finden, fielen ihr plötzlich die ganzen Fragen ein, die sie Sanae Kuran stellen wollte. „Dann eben morgen!", sagte sie sich, sah ihr Zimmer, trat ein und schmiss sich auf ihr Bett.
