Als Kumo die Augen öffnete, war ihr furchtbar schwindelig. Sie lag in einem Bett mit weißer Bettwäsche. Das Krankenzimmer vom Haus ‚Mond'. Kaname saß an ihrem Bett. Er war eingenickt. Als hätte er gespürt, dass sie ihn ansah, öffnete er die Augen und sah sie an. Kumo fragte:"Was ist passiert?" „Du warst zu lange in der Sonne, hast jetzt Fieber und ähm… Takuma hat dich gefunden und hergetragen.", antwortete er sorgenvoll. „Also doch nicht Shiki…?", dachte Kumo, „Schade. Habe wohl Halluzinationen gehabt…" Kaname war aufgestanden. Sie wollte ihn festhalten, doch ihre Hand griff ins Leere. „Du brauchst Ruhe. Schlaf´etwas.", sagte er und verließ den Raum. Kumo tat wie ihr geheißen und schloss die Augen. Sie hatte höllische Kopfschmerzen und überhaupt fast überall, wo sie von irgendwas berührt wurde. In ihrem Kopf drehte sich alles. Wie lange hatte sie geschlafen? Der Gedanke daran, tagelang ohne Bewusstsein gewesen zu sein, ließ sie schleunigst kerzengerade in ihrem Bett aufrecht sitzen. Sie stemmte die Beine aus dem Bett und stand auf. Sie taumelte und fiel. Sie wurde aufgefangen. Von Aido. „Danke…", hauchte sie ihm lächelnd ins Ohr. Er sah sie komisch an. „Ähm… Aido-san, würdest du mich bitte loslassen, ich glaube, ich kann jetzt allein stehen.", gab sie ihm zu verstehen, dass ihr das unangenehm war. Aido ließ sie auf der Stelle los, doch als ‚Stütze' hielt sie sich noch an seinem Ärmel fest. „Entschuldigt, Yata-sama.", sagte er. Kumo erwiderte: „Nenn´mich bitte Kumo." „In Ordnung,", sagte er, „Kumo-san!" Er lächelte ein ehrliches Lächeln. Kumo fragte: „Wie viele Tage habe ich geschlafen?" „Drei. Morgen Abend ist der Ball und heute hat die NightClass frei!", lächelte Aido. Zusammen verließen sie das Krankenzimmer. Draußen stand Shiki an die Wand gelehnt. Es war Shiki. Der echte Shiki, keine Einbildung und auch nicht besessen von Rido Kuran. Er lächelte und sagte: „Na, gut geschlafen, Dornröschen?" Sie errötete und schenkte ihm ein Lächeln ihrerseits. Dann konnte sie sich nicht mehr zurückhalten und fiel ihm um den Hals, unter den verdutzten Blicken von Aido und Shiki. Wobei Aido irgendwie nicht damit klarzukommen schien, dass sie Shiki so stürmisch umarmte. „Ich bin so froh, dass du wieder da bist!", flüsterte sie so, dass nur er es hören konnte. „Ich auch!", antwortete er auf dieselbe Weise wie sie. Kumo war überglücklich, ließ ihn los und ging in Richtung ihres Zimmers. Dort angekommen, durchstöberte sie ihren Schrank, fand ein schlichtes, dunkelrotes Kleid aus Seide, das bis zum Boden hinunter reichte und figurbetonend geschnitten war. Dazu wollte sie eine Kette mit einem Rosenanhänger und schwarze Highheels tragen. Als sie gerade verschiedene Frisuren ausprobierte, klopfte Sanae und kam rein. „Alles in Ordnung?", fragte sie. „Ja.", antwortete Kumo und sah, wie Sanae sich näherte. „Warte ma, du musst auch ein paar Strähnen locker hängen lassen, so etwa.", gab Sanae Kumo Tipps für ihre Frisur. Dabei fiel ihr die wunderschöne Kette auf, die Kumo um den Hals trug. „Woher?", fragte Sanae und zeigte auf die Kette. „Ein Geschenk.", lächelte Kumo, wobei sie verheimlichte, dass Shiki sie ihr während der Umarmung zugesteckt hatte. Kumo und Sanae redeten ein bisschen über Kaname, Sanaes trotteligen Bruder und so verging die Zeit wie im Flug und Sanae ging wieder auf ihr Zimmer.

Am Nachmittag vor dem Ball stand Kumo auf und machte sich an ihre Frisur. Sie steckte sie streng hoch. Hinten machte sie ein paar Strähnen los, so wie Sanae es ihr gezeigt hatte. Danach zog sie das Kleid an, die Kette trug sie sowieso immer. Sie trug zusätzlich rote, lange Handschuhe, die sie auch im Schrank gefunden hatte. Als sie die Schuhe anzog, klopfte es. Sie sperrte die Tür auf und Shiki stand vor ihr. „Du siehst wunderschön aus.", lächelte er, „Komm." Kumo freute sich, dass er sie abholte und so folgte sie ihm. Unten waren schon alle versammelt und alle Blicke richteten sich auf Kumo und Shiki, aber Kumo kümmerte sich nicht darum. Dann setzte sich die Night Class in Bewegung und ging in Richtung Ballsaal. Dort angekommen wurde Kumo gleich von Shiki auf die Tanzfläche gezogen. Zu der Musik tanzten sie einen langsamen Walzer. Kumo lehnte ihren Kopf gegen Shikis starke Schulter und schloss die Augen. So wollte sie für immer bleiben, aber dann neigte sich der Tanz dem Ende zu und die Tanzpartner wechselten. Shiki wurde von einem mittelgroßen Mann im Anzug abgelöst. Er war ein Vampir. Der Mann hatte lockige, braune Haare, die ihm schon über den Rücken reichten. Seine Frisur sah aus, wie die von Yagari, nur, Yagaris Haare waren länger. Seine wunderschönen Augen hatten zwei Farben und Kumo verlor sich in ihnen. Sie redeten miteinander und ganz plötzlich standen sie auf der Terrasse und der Mann drückte sie gegen die Wand. Mit seinen starken Armen drückte er Kumos Hände fest an die Wand, so dass sie sich fast nicht bewegen konnte. „Wer bin ich? Das weißt du doch.", fragte er. Ja, sie hatte schon längst gewusst, wer er war, denn eine Stimme in ihrem Kopf schrie: „Töte Rido! Jetzt hast du eine Chance!" Ihre Vampiraugen leuchteten auf und ihr wahres Ich kam zum Vorschein. Mit ruhiger, gelassener Stimme und einem kühlen Blick sagte sie: „Rido… ich bringe alles zu Ende. Und zwar heute." Er versuchte sie zu beißen, doch sie trat ihn weg. Nachdem er aufgeprallt war,keuchte er: „Willst du, dass die Menschen erfahren, dass es uns gibt?!" „Nein.", sagte sie und schnippte mit den Fingern.

Als er sah, dass Kumo von Rido Kuran auf der Terrasse bedroht wurde, setzte sein Herz einen Schlag aus. Dann wurde er von jemandem angesprochen. Als er sich wieder der Terrasse zuwand, waren die Beiden verschwunden.

Ridos Augen weiteten sich vor Schreck: Die Cross Academy war in weite Ferne gerückt und stattdessen stand er in einem Garten, in dem nur Dornenbüsche wuchsen. Wo war Kumo? Eine Stimme sagte: „Erkennst du denn nicht deinen eigenen Garten, den du verwüstet hast, Rido? Na?" Sie hatte recht. Es war der Garten, den er der Familie Yata geschenkt hatte. Ihr, Kumos Vater, war ein guter Freund von Rido gewesen. „Du hast damals meinen Körper benutzt, damit du sie töten konntest!", ertönte ihre hasserfüllte Stimme und schwarze Ranken schossen aus dem Boden, fesselten ihn. Sie tauchte vor ihm auf. In ihrer Stimme lag sowohl Trauer als auch Hass, was er nicht verstand, als sie sagte: „Ich werde dich mit demselben Hunterschwert richten, wie du meine Familie, Onkel!" Durch die Ranken konnte er sich nicht bewegen, auch um seinen Hals schlängelte sich eine Ranke, doch er lächelte: „Wie schön, dass du mich immer noch Onkel nennst." Die Ranke schnürte ihm die Kehle zu. Durch ein Flackern seiner Sicht hindurch sah er, wie sie jetzt auf Augenhöhe mit ihm war. „Aber nein, ich habe dich nie als meinen Onkel angesehen! Weißt du, du warst eher wie ein Dorn im Auge für mich." Ein Lachen ertönte. „Du hast eine Schwäche für Wortgefechte, wie es scheint." „Nein, du irrst dich! Ich hasse dich aus ganzem Herzen. Aber ich kann dich nicht töten!", zischte sie. Er erwiderte: „Liebst du mich?" „Vergiss es!", fauchte sie und biss zu. Während sie sein Blut trank, murmelte sie: „Vielleicht sollte ich dir erst die Zunge rausschneiden!" Sie hielt sich an seinem Hemdkragen fest und ein paar Ranken lösten sich. Sie griff blitzschnell an seine Seite, zog das Hunterschwert und stieß es ihm ins Bein. Eigentlich wollte sie sein Herz durchbohren, doch noch während sie zustieß, traf ein Schuss ihren Arm. Als sie hinter sich blickte, sah sie Ichiru Kiryu. Seine Hand war verbrannt und eine Kopie der ‚Bloody Rose' lag vor ihm auf dem Boden. „Ein gutes Schwert.", sagte sie zu Rido und sprang von ihm weg. Das Schwert war in Gift getaucht gewesen und das Gift verteilte sich jetzt in Ridos Körper. Er wand sich im Griff der Ranken und Kumo ließ ihn los. Rido quälte sich, aber es war ihr egal. Sie sagte zu Rido: „Dass ich dich nicht töten kann, war gelogen. Ich bin nämlich jene Kumo Yata, die vor dreitausend Jahren gestorben ist!" „Hätte ich mir denken können! Aber ich weiß etwas, was du nicht weißt: Ichiru! Diese Reinblüterin trägt das Herz von Shizuka Hio in sich!" Ichiru sah geschockt aus, jedoch kniete er nieder und schwor ihr, sie zu beschützen. Das alles bekam sie nicht mehr mit, denn sie bekam höllische Kopfschmerzen und taumelte. Sie fiel nach hinten und wartete auf einen Aufprall, doch sie wurde aufgefangen und hochgehoben. Ridos Stimme dröhnte in ihrem Kopf: „Haha. Noch bin ich nicht tot!" Langsam öffnete sie die Augen und streckte die Hand aus. Ridos Körper wurde zu Stein. Das war das Letzte, was sie sah, bevor sich Eis auf ihre Sinne legte.

Kumo fühlte sich, als würde sie auf Wolken liegen. Sie öffnete zögernd die Augen. Was war passiert? Ihr Arm schmerzte. Bilder blitzten auf. Die ‚Boody Rose'. Rido, der versteinert war. Sie hatte ihn umgebracht. Ichiru hatte ihr die Treue geschworen, weil Shizukas Herz in ihr schlug. Jetzt wurde ihr einiges klar. Nachdem Kaname Shizuka das Herz herausgerissen hatte, hatte er sie damit wiederbelebt, weil er ihr eigenes Herz nicht regenerieren konnte. Sie konnte Shizukas letzten Momente miterleben. Ichiru stand an Kumos Bett. Er sah mit traurigem Blick an ihr vorbei in die Ferne. Er erinnerte sich an Shizuka. Sie setzte sich auf, so dass sie auf gleicher Augenhöhe waren. Er starrte in die Ferne und murmelte „Shizuka-sama…". Immer wieder. Sie legte eine Hand auf seine Schulter und umarmte ihn. Eine einzelne Träne lief über seine Wange. Kumo fuhr ihm mit den Fingern durch seine silbergrauen Haare und murmelte wie zu einem Kind: „Alles ist gut. Alles ist gut." Seit sie ihr wahres Ich gefunden hatte, konnte sie jede Empfindung spüren, jeden Gedanken hören und vor allem fühlte sie in diesem Moment seine tiefe Zuneigung für sie, oder besser, für Shizuka. Es kam Liebe schon ganz nah. Plötzlich löste er seinen Kopf von ihrer Schulter und sah ihr in die Augen. „Seltsam", murmelte Kumo, „das gleiche Gesicht wie Zero und doch einen entschieden besseren Charakter als er." Sie legte den Kopf schief und küsste ihn auf die Stirn. Er zuckte zusammen, doch er wehrte sich nicht. „Was bin ich für dich, Ichiru? Shizukas Schatten oder ganz einfach eine Reinblüterin?" Er zögerte und schaute weg. Dann begann er zu sprechen: „Nichts von beidem. Ihr seid Shizuka-sama in Aussehen und Charakter ähnlich, doch ich erkenne, dass ihr eine größere Rolle spielt als sie, Kumo-sama." Er schaute zu Boden. Sie hob sein Kinn an und sagte: „Du bist der erste Mensch, dem ich mein Vertrauen schenken will. Du bist ehrlich und du würdest keine Gefahr scheuen, mich zu beschützen. Das schätzte Shizuka an dir und ich folge ihrem Beispiel." Er lächelte unsicher und sagte: „Entschuldigt, dass ich euch am Arm verletzt habe." „Das macht doch nichts!", widersprach Kumo, „Kannst du mich zur Academy bringen? Bitte." „Sehr wohl, Kumo-sama.", sagte er und sie schloss die Augen. Er hob sie auf und trug sie aus dem Haus. Von dem Hin- und Hergeschaukel und dem regelmäßigem Geräusch seiner Schritte auf Kies schlief sie ein.

Sie glaubte, das Klirren von aufeinanderprallenden Klingen zu hören und öffnete die Augen. Dunkel. Schwarz. Sie sah nichts. Aber sie spürte ein Prickeln auf der Haut. Überall. Sie war nicht allein: Sie spürte Ichiru in der Nähe. War sie blind? Nein. Kumo horchte auf. Sie glaubte Stimmen zu hören. Schwach. Vergänglich. Sie roch Blut. Zeros Blut. Und Ichirus! Alarmiert sprang sie auf und taumelte.