Kumo öffnete die Augen. Sie sah immer noch nichts. „Kumo… Kumo!", hörte sie eine verzweifelte Stimme. Shiki rief ihren Namen. Sie wollte antworten, doch ihre Kehle war wie ausgetrocknet. Sie öffnete den Mund ein Stück weit, um Luft zu holen. Die Luft fühlte sich trocken und verbraucht an. Wo war sie? Verzweifelt kniff sie die Augen zu und öffnete sie erneut, doch alles blieb unverändert. Schwarz. Was war Einbildung? Was war Wirklichkeit? Sie vermischten sich zu einem Gefühl des nahen Todes. Ja, sie, Kumo, hatte Angst. Aber nicht vor dem Tod, sondern vor der Einsamkeit, die er unweigerlich mit sich bringen würde. Hätte sie nur ihre wertvolle Zeit des Lebens genutzt, um Shiki ihre Gefühle für ihn zu beichten. Auch wenn es verboten ist. Auch wenn es eine bittere Enttäuschung werden könnte. Es war ihr egal. Das Schwarz wurde zu einem Weiß und es kam ihr so vor, als würde sich Nebel lichten. Als der Nebel sich verzogen hatte, erblickte sie einen Rosengarten mit eine schneeweißen Pavillon. In dem Pavillon saßen ihr Vater, ihre Mutter und ihr Bruder. Nun war sie nicht mehr allein. Nun hatte sie keine Angst mehr.

Ichiru konnte nur hilflos mitansehen, wie Kumos Augen immer glasiger wurden. Er rannte so schnell er konnte durch den stillen Wald. Bald war er bei der Academy, sie musste nur noch ein bisschen durchhalten. Immerzu flüsterte er: „Halte durch, Kumo-chan, wir sind gleich da!" Er betete, dass er es noch rechtzeitig schaffen konnte. Wäre sie dem Tod doch nicht SO nahe! Es hatte keinen Sinn, seine Beine und Arme scherzten! Und sie? War sie auch schon kurz vorm Aufgeben? Würde ihr sein Blut helfen? Der Wald um ihn herum wurde dichter, doch er bemerkte es nicht. Als der Wald sich plötzlich auftat, sah Ichiru ein Pavillon. Er blieb stehen.

Shiki stand auf der Lichtung des Pavillons. Als ein Rascheln ertönte, blickte er sich um. Er sah einen der Kiryu-Zwillinge, Ichiru, aus dem Wald treten. Er sah furchtbar erschöpft aus. Er trug jemanden in den Armen. Kumo. Shiki rannte ihm entgegen und nahm sie ihm ab. Sie öffnete die Augen und er war schockiert. Sie waren fast milchig weiß. Sie war fast tot. Er rief ihren Namen. Keine Antwort. Er versuchte es noch ein Mal. Diesmal versuchte sie zu sprechen, aber sie schaffte nichts als ein röchelndes Einatmen. Sie schloss die Augen. „Kumo!", rief Shiki. Sie öffnete wieder die Augen. Alles, was er sah, war tiefe Leere. Er legte sie auf die Sitzfläche des Pavillons. Sie trug einen schönen Kimono, doch er war von ihrem Blut getränkt. Sie brauchte Blut. Er biss sich in die Hand. „Was machst du?", fragte Ichiru. Shiki gab keine Antwort, sondern ließ seinen Mund mit Blut volllaufen. Dann nahm er ihr Gesicht in seine Hände, senkte den Kopf und küsste sie. Dabei ließ er sein Blut in sie hinein fließen. Augenblicklich bekamen ihre Augen etwas von ihrer blauen Farbe zurück, doch sie brauchte noch mehr. Er biss sich wieder und saugte sich sein Blut aus, ließ es in ihren Mund fließen und wartete. Sie war zwar schwach, aber sie würde wenigstens an Blutmangel nicht sterben. Mit ihr in den Armen rannte Shiki in Richtung Haus ‚Mond', gefolgt von Ichiru. Er stieß die riesigen Türflügel auf und rannte zu der Couch und rief zu Aido, er solle Kaname und Sanae holen. Aido rannte sofort hoch und man hörte, wie er etwas rief. Dann kam er zurück, gefolgt von Sanae und Kaname Kuran. Als die Beiden sahen, was passiert war, ordneten sie an, dass alle den Raum verlassen sollte. Viele NightClass-Schüler waren geschockt und Ruka stiegen sogar Tränen in die Augen. „Ich fürchte," begann Sanae, „es ist das Beste, ihr Leben einfach anzuhalten…" Sie wurde unterbrochen von Shikis: „WAS?! Wollt ihr sie umbringen?!" „Nein! Wir schicken sie in einen tiefen Schlaf, der es ihr ermöglicht, sich zu regenerieren. Sie wird aufwachen, wenn dies der Fall ist.", fuhr Kaname dazwischen. Senri Shiki willigte ein. Und so schickten Sanae und Kaname Kuran Kumo in einen traumlosen Schlaf…

Kumo stand in einem Rosengarten. Ihr alter Rosengarten aus der unbeschwerten Kindheit. Sie pflückte eine Rose und betrachtete sie. Sie war weiß. Kumo schnitt sich an einer Dorne. Sie hob den Finger, um die Wunde zu sehen. Ein kleiner Schnitt, nichts weiter. Und doch blutete er unwahrscheinlich stark. Ihr dunkelrotes Blut färbte die weiße Rose so rot wie die Abendsonne. Kumo starrte die Wunde an. Dann fiel ihr Blick auf die Rose. Ihr fiel der Name von der Hunterpistole ein. Sobald sie ‚Bloody Rose' gemurmelt hatte, umfing sie grenzenlose Finsternis. Sanae und Kaname hatte sie schlafen geschickt. Bis ihre Wunden verheilt sein würden.