Kumo machte die Augen auf. Sie spürte, dass sie ungefähr ein Jahr geschlafen hatte. In der Zeit hatte sich einiges verändert. Sie blickte auf einen riesigen Vollmond. Kumo setzte sich auf. Sie hatte in einem Sarg gelegen, der mit rotem Samt ausgepolstert war. Sie spürte ihre Beine nicht mehr und so beschloss sie, sich umzusehen. Kumo stand in der Ruine eines großen Hauses. Hinter den Grundmauern erstreckte sich ein dichter Wald, der von einem Weg durchbrochen wurde, der zu einem alten Tor führte. Kein Zweifel, fand sie: Kumo stand in den Ruinen von Haus ‚Mond'. Was war passiert? Wo waren die ehemaligen NightClass-Schüler? Ein Rauschen ertönte und Kumo wirbelte herum. Sie erblickte einen Hunter im schwarzen Mantel. Er schoss. Sie wich der Kugel aus und sprang hinter ihn. Während des Sprungs erschien DAS Schwert in ihrer Hand und sie hielt es dem Hunter unter die Kehle. Erst da erkannte sie ihn. „Zero Kiryu…", sagte sie kalt. Sie hob die Hand und die schwarzen Ranken hielten ihn an Ort und Stelle. Sie brauchte Blut. Also biss sie zu. Sein Blut schmeckte gut und sie spürte, wie die Kraft von Yuki, Kaname, Shizuka und Ichiru in sie hineinfloss. Sie schloss die Augen und die Erinnerung jeder einzelnen Person überflutete den Hohlraum ihrer Seele. Als letztes sah sie Zeros Erinnerungen und sie wurde von einer neuen Kraft durchströmt. Sie genoss das Gefühl noch einen Moment, dann öffnete sie die rot glühenden Augen wieder, ließ seinen Hals frei und trat vor ihn. Sie wischte sich das Blut mit dem Handrücken vom Kinn und schleckte die letzten Reste aus ihren Mundwinkeln. Dann betrachtete sie Zero. Sein Blick war sogar noch kälter als vorher, aber er schien auch gewachsen zu sein – geistig als auch körperlich. Er sah sie einfach nur an. „Wenn Blicke töten könnten….", lächelte sie und ließ die Ranken zurückschnellen. „Sorry, Zero, dieses Mal musst du mich gehen lassen.", sagte sie. Er antwortete: „Ach ja?" und packte sie am Arm. Er hielt sie fest mit seiner starken Hand, doch Kumo kümmerte es nicht. Sie legte den Kopf schief und sah ihn seelenruhig an. Das schien ihn noch mehr zu provozieren und er hielt ihr den Lauf seiner ‚Bloody Rose' an die Brust. Kumo lächelte. Er überlegte sich gerade, wie er sie am besten umbringen sollte. „Drück doch einfach ab.", sagte sie, „Oder kannst du nicht?" Sie hatte genau ins Schwarze getroffen. „Hey, Zero, was ziehst du hier für ´ne Nummer ab?", rief jemand. Zero fauchte: „Kaito-kun! Musst du mich denn bei meiner Arbeit stören?!" Dieser eben benannte Kaito sagte: „Ich glaube kaum, dass eine Reinblüterin auf der Liste steht. Lass sie los." Kaito Takamiya war ebenfalls Hunter, aber was sollte Kumo sagen. Er sah nett aus. Viel netter als Zero, der seinen Griff lockerte. „Lass mich los, Zero!", drohte sie ihm, „ Sonst…" Er unterbrach sie: „Sonst WAS?". „Lass los!", fauchte sie. Er sah irgendwie enttäuscht aus und ließ los. Sie nickte den Huntern zu und verschwand dann im heraufziehenden Nebel…

Kumo rannte durch den Wald. Sie war in Gedanken vertieft: Ihr kam es vor, als wäre sie erst gestern eingeschlafen, dabei hatte sie ein Jahr gebraucht, um sich zu regenerieren. Es war eigentlich eine sehr kurze Zeitspanne für sie, aber was sollte man machen. Ihre Schritte verlangsamten sich von allein, als sie einen Vampir in der Nähe spürte. Diese Aura war ihr nur allzu bekannt. Ihr Herz setzte einen Schlag aus, als sie durch eine Baumkrone Shiki erkannte. In Zeros Erinnerung hatte sie gesehen, dass er für die Menschen modelte, aber es live zu erleben war schon angenehmer als es mit Zeros düsteren Gedanken im Hintergrund zu sehen. Leise kicherte sie. Rima war auch dort. Warum hatte sie das nicht gewusst? Sie wurde aus ihren Gedanken gerissen, denn die Menschen legten offenbar eine Pause ein und Kumo sah, wie Shiki in den Wald verschwand. Sie wunderte sich noch, dass Rima nicht mit ihm ging, als sie ein Rascheln hinter sich hörte. Shiki stand unter dem Baum, auf dessen starken Ästen sie saß und flüsterte, sie solle runter kommen. Sie sprang vor ihm aus der Baumkrone, beugte die Knie, um den Aufprall abzufedern und stand schließlich vor ihm dicht am Baum. „Schön, dass du unverletzt bist.", lächelte sie schwach. „Schön, dass Dornröschen endlich aufgewacht ist.", erwiderte er und Kumo errötete. „Meine Güte, dein Kimono ist ja völlig zerrissen! Ich hol dir was von Rima.", bemerkte er und drehte sich schon um, um ihr was zum Anziehen zu holen, doch sie hielt ihn am Arm fest. „Shiki, geh nicht…", wisperte sie, aber er warf ihr ein Lächeln über die Schulter zu und sagte: „Ich komme ja gleich wieder. Warte bitte hier." Und schon war er gegangen und Kumo ließ sich am Baum hinuntergleiten. Sie saß unbewegt dort an den Stamm gelehnt, bis Shiki wiederkam. Er hatte ein Bündel Klamotten dabei. Sie stand auf und nahm es entgegen. Shiki ließ sie wieder allein, denn auch sein Fotoshooting ging weiter. Kumo ging durch den Wald und suchte nach einer geeigneten Stelle, sich umzuziehen. Schließlich kam sie an einen See. Sie ging sich baden, um das Blut abzuwaschen, das um ihre Wunde herum getrocknet war und tauchte unter. Als sie alles Blut abgewaschen hatte, stieg sie aus dem kühlen Nass und zog Rimas Klamotten an. Es war ein schwarzes, schlichtes Kleid, das bis zu den Knien reichte. Dazu trug sie dunkle Netzstrümpfe und passende, schwarze High Heels. Dann ging sie langsam zurück. Sie hatte den Kimono gleich mitgewaschen und trug ihn jetzt zusammengelegt unterm Arm. Sie merkte erst, als ein Geräusch von auf den Boden fallenden Metall ertönte, dass etwas aus den Falten des Kimonos gefallen war. Sie bückte sich danach und ihre Hand umfasste ein Armband aus schwarzem Stein. Woher es kam, wusste sie nicht. Es waren schwarze Rosen. Sie glänzten im gleißenden Licht der Sonne wie einzelne Sterne. Sie streifte sich das Armband übers Handgelenk und ging zurück zu dem Baum, wo Shiki schon auf sie wartete. Der Rotschopf führte sie durch den Wald zu einem schwarzen Wagen mit getönten Scheiben, wo Rima schon auf Shiki wartete. Sie hatte offenbar nicht erwartet, Kumo hier anzutreffen – zusammen mit Shiki. „Warum hat sie…?!", wunderte Rima sich, dass Kumo IHR schwarzes Kleid trug. „Keine Sorge", lächelte Shiki, „wir laden sie bei mir zu Hause ab."