3. Arbeit, Arbeit, Arbeit

Heute ist so ein Tag, den man als unschön oder vielleicht sogar grausam bezeichnen könnte. Aus der Sicht meines Vaters, ist es ein typischer Arbeitstag mit den vielen Annehmlichkeiten einer Führungsperson. Ich allerdings sehe es als Folter an mir eine Versammlung der Journalistenmogule anzutun, die darüber diskutieren wollen, wie man den Rückgang der guten alten Zeitung aufhält, aber dabei nicht den Wachstum der Onlinezeitung schädigt.

Ist das nicht ein Widerspruch in sich? Das sind zwei parallel laufende Medien, die ein und das selbe an den Mann bringen sollen. Nämlich die Nachrichten des Tages aus aller Welt. So, und warum soll man sich gegen die Technik stellen? Wenn die Zahlen in der Kasse stimmen, gibt es doch gar kein Problem. Onlinezeitungen sind heutzutage genauso zu erwerben wie Zeitungen vom Kiosk oder sonst wo. Der einzige Unterschied liegt darin, dass der Kunde sie an seinem Computer lesen kann und das überall wo er möchte. In der Arbeitspause, ein flüchtiger Blick im Tagesverlauf und nicht zu vergessen die vielen zusätzlichen Funktionen, wie z. Bsp. Suchfunktionen und viel bessere Bildqualität.

Jetzt möchte mir doch bitte mal einer erklären, warum ich an einer Versammlung teil nehmen soll, die alles das, was ich mir mit meinen Leuten in den letzten Jahren erarbeitet habe und gut funktioniert, von altmodisch, naiv denkenden Journalisten, und meinetwegen auch hochkarätigen Unternehmern, abgelehnt wird.

Irgendwann wird es soweit kommen, dass die Onlinezeitung die typische Zeitung vollkommen ablöst. Und wer geht dann pleite? Ich sicher nicht!

"Logan! Da bist du ja.", empfängt mich mein Vater in der Eingangshalle des Waldorf Astoria.

"Hi Dad! Ich bin doch nicht zu spät. Du bist zu früh.", entgegne ich ihm ohne dabei meine Missstimmung zu verstecken. Warum sollte ich auch? Er weiß wie ich über dieses Thema denke, aber will mich trotzdem dabei haben.

"Könntest du dich zusammenreißen und dich deiner Position entsprechend verhalten?", blökt er mich, in seiner gewohnten Art, an.

"Aber natürlich, Vater.", gebe ich ihm die einzige Antwort, die ich dazu jemals geben werde, ohne auch nur ein winziges Bisschen an den Wahrheitsgehalt zu glauben, geschweige denn zum stimmlichen Ausdruck zu bringen.

Wir machen uns gemeinsam auf den Weg zum Versammlungsraum. Die Herrschaften des Hochjournalismus sind der Meinung, das solch eine Besprechung in einem der besten Hotels Amerikas stattfinden sollte. Wenn man meine Meinung dazu hören möchte, ist das einfach nur die pure Angeberei und macht den Verlauf solcher Versammlungen sicher nicht produktiver.

Natürlich bin ich einer der Luxus mag und ihn auch gerne lebt, aber dieses Trara hier ist einfach lächerlich und überflüssig.

Als wir den Raum endlich erreichen, wird uns die Tür von zwei Angestellten des Hauses geöffnet. Nun eröffnet sich mir das Ausmaß dieses ganzen Theaters. Eine ovale Anordnung von Tischen bildet das Zentrum der Raumausstattung. Ungefähr 30 Männlein und Weiblein, wobei die Männer definitiv in der Überzahl sind, sitzen wartend an ihren Plätzen. Der Raum an sich ist in einem tiefen Rot getränkt, welches durch dunkelgrüne Vorhänge abgerundet wird. Über der Mitte des freien Raumes, welcher durch die Tischanordnung entstanden ist, hängt ein kristallener Kronleuchter. Alles in allem, fühlen sich die Herrschaften hier wohl wie Adelige.

Mein Vater und ich begeben uns zu unseren Plätzen, die an einem der kleinen Bögen des Ovals liegen. Mit kurzem zunicken zu den bekannten Person, ist dann auch schon die anfängliche Höflichkeit beendet und ich versuche mir die einzelnen Personen genauer anzusehen. Durch die Bank sitzen hier nur die Vertreter der größten Zeitungen.

Nach einer gediegenen Pause, beginnt dann schließlich mein Vater mit der Eröffnung der Versammlung.

Einige Minuten dauert es, bis das Gespräch endlich den Hauptpunkt erreicht. Ein Schwall von wildem Gequatsche bricht aus und beschäftigt sich nur damit, wie schlecht das Medium des Internetz für die einzelnen Zeitungen geworden ist. Ab und an hört man Begriffe wie 'Rückfall', 'Auflagenverlust', 'Entlassung', etc. Doch das Schärfste kommt noch. Irgendwann platzt einem tatsächlich 'Revolution' heraus. Wie bitte? Revolution? - Kommen die Franzosen? Ist Napoleon schon in Sicht?

So sehr ich mich auch bemühe, dieses ganze Spektakel zu verfolgen, drifte ich doch immer mehr ab. Sogar mein Vater misslingt es, sich Gehör zu verschaffen und wenn er es nicht mal mehr schafft, Aufmerksamkeit zu bekommen, geht diese ganze Versammlung vor die Hunde.

Doch dann höre ich die elektrisierernste Stimme, die mir bisher untergekommen ist.

Eine Frau, ungefähr in meinem Alter, füllt mit ihrem "Ruhe!", das ganze Volumen des Raumes aus. Für einen Moment kam es mir so vor, als ob es in meinem Brustkorb vibriert hätte.

Wer ist die Frau, die solch ein Engagement aufbringt?

Nachdem alle, genauso wie ich stocksteif dasitzen und sie anstarren, zeigt sie trotzdem keinerlei Schüchternheit.

"Ich bitte sie. Wir können doch zu keinen vernünftigen Lösungen kommen, wenn wir alle nur wild durcheinander Schreien. ... Ich denke das Problem ist bekannt. Nun sollte eine klare Strukturierung mit Vorschlägen für Lösungen folgen und dies in gemäßlichtem Ton. Wir sind doch nicht hier zusammen gekommen um uns gegenseitig anzubrüllen.", klärt sie die Situation.

Es ist unglaublich. Keine Scheu, keine ängstlichen Allüren. Wer ist sie? Sie strahlt eine unglaubliche Ruhe aus, wobei sie äußerst professionell wirkt.

Ich habe sie noch nie zuvor gesehen. Eine Frau, mit solch einem glänzend braunem Haar, einem makellosem Gesicht und einer Figur, die einen Mann erstarren lässt, hätte ich niemals übersehen. Selbst wenn sie mitten in Manhattan an einer Bushaltestelle gesessen hätte und ich einfach nur vorbeigefahren wäre, hätte ich sie sofort entdeckt und wäre mit einer Vollbremsung angehalten.

Ohne das Wunder beim Namen nennen zu könne, hat sie es tatsächlich geschafft, die komplette Runde zu einer vernünftigen Diskussion zu bringen. Auch wenn ich daran nur mit Schweigen teil nehme, ist es erstaunlich, wie dieses anfängliche mittelalterliche Schlachtfeld zu einer Teeparty bei Royals mutiert ist.

Nach ganzen vier Stunden, der unnötigsten Diskussionen ohne sinnvollen Ausgang, nimmt die Versammlung endlich ihr Ende an. Alle gehen ihrer Wege, wobei sie alle im Hinterkopf haben, dass wir morgen in Runde zwei starten und diese dann wohl die erhofften Lösungen mit sich bringen wird.

Ich sehe dem ganzen ohne Hoffnung entgegen, aber das muss ich ja nicht laut aussprechen. Viel mehr interessiert es mich, wer die intelligente Schönheit ist. Dies interessiert wohl auch andere. Denn sie ist umzingelt von einem Vogelschwarm, der am liebsten an ihre picken möchte, weil ihre Anziehungskraft unglaublich stark scheint.

Ich nähere mich ihr immer mehr, jedoch will ich mich nicht in den Schwarm einfügen. Geduld ist hier wohl das maßgebliche Argument.

"Logan, komm wir sind zu einem Essen mit Morgan Wechsler verabredet.", fordert mich mein Vater auf zu gehen und reißt mich damit aus meinen Fantasien, über die Unbekannte, heraus. Jedoch kann ich mich nicht drücken. Wenn mein Vater mich dabeihaben will, muss ich folgen, sonst habe ich zukünftig ein großes Problem mit ihm.

Das Einzige was mich nicht dazu bringt, mich sofort durch den Vogelschwarm zu kämpfen um an sie heranzukommen, ist die Tatsache, dass sie morgen wieder hier sein wird und dann werde ich meine Chance nutzen.

"Dad, weißt du wer diese Frau ist?", frage ich mit versuchter Gleichgültigkeit.

"Lorelai Gilmore.", antwortet er knapp.

'Lorelai Gilmore', jetzt weiß ich zumindest ihren Namen.