Trautes Heim, Glück muss sein?
Severus saß gebeugt über dem Test der vierten Klasse und schüttelte pausenlos den Kopf ob der kollektiven Dummheit dieser Schülergruppe.
Vor allem die grässliche Sandra Peters hatte sich wieder hinter ihren dicken Brillengläsern einen so hanebüchenen Unsinn ausgedacht, dass sich ihm seine Korrekturfeder zusammen mit seinem Haupthaar sträubte. Gnadenlos ergossen sich seine bösen Kommentare ich blutroter Tinte über das cremefarbene Pergament, kindliche Hoffnungen auf gute Zensuren mit verzweifeltem Bedauern zerstörend.
Hermine erhob sich leise stöhnend vom Sofa und schleppte sich die wenigen Schritte in Snapes private Bibliothek, wo sie sich dann hinter ihren leise vor sich hinschimpfenden Gatten stellte und begütigend ihre Hände auf seine Schultern legte.
Für einen Moment ließ Snape die Feder sinken und schloss ergeben die Augen, wusste nicht ob er ihre Nähe in diesem, seinem Moment des Ärgers genießen konnte oder nicht.
„Ist wieder alles so schlimm, mein Schatz?" fragte Hermine leise aber doch mit soviel unüberhörbarer Ironie in der Stimme, dass Snape genervt aufstand und sich zu Hermine umdrehte, ihre Hände dabei abschüttelnd.
„Ja, Hermine, es ist schlimm. Es ist schlimm, dass ich Tag für Tag diesen dummen Gören immer und immer wieder das Gleiche erzähle, stereotyp Jahr für Jahr mit dem Holzhammer auf sie einschlagen muss, damit sie ihre Prüfungen bestehen und ich dabei das Gefühl habe meinen Intellekt zu kastrieren.!"
Hermine lächelte ihn an
„Es können nicht alle soviel Leidenschaft deinem Steckenpferd entgegenbringen wie ich es getan habe, Severus!"
Statt einer Antwort bekam Hermine ein gehässiges Blitzen seiner Augen, bevor er sich seinem Privatlabor zuwandte.
„Severus?"
Hermine stand noch am Sekretär, sich mit einer Hand auf der Stuhllehne abstützend.
An der Tür blieb Snape stehen und drehte sich nur halb zu ihr um, musterte sie von Kopf bis Fuß. Sie trug eine ausgebeulte Jogginghose, die sich über ihrem Bauch spannte. Die Bluse war inzwischen viel zu eng geworden, ihre geschwollenen Füße steckten barfuss in den ausgetretenen Plüschpantoffeln, die auch schon bessere Tage gesehen hatten.
Hermines Gesicht war aufgedunsen, von der Hormonumstellung gezeichnet und mit fragendem Ausdruck auf ihren Mann gerichtet.
„Meinst du etwa nicht, dass ich mich bezüglich meines Talentes von der breiten Masse deiner anderen Schüler absondere?" fragte sie noch mal nach und ihre Stimme hatte an Schärfe zugenommen.
„Doch meine Gute!" Auch Snapes verbaler Ausdruck triefte nun vor altbekanntem Sarkasmus als er sie mit nun unverhohlenem Spott betrachtete.
„Aber genützt, wirklich genützt hat es dir offensichtlich nicht!"
Und damit schlug er die Tür hinter sich zu und tauchte ein in die ungestörte Parallelwelt seiner höchst persönlichen Forschungen.
Hermine verharrte noch einen Moment in ihrer Haltung. Tränen brannten hinter ihren Augen und sie fühlte sich so schlecht und alleingelassen, wie selten zuvor in ihrem Leben.
So sehr sie sich auch immer bemüht hatte, die alte Vertrautheit, das alte gegenseitige Verstehen, die Liebe und Zuneigung wieder aufzubauen, nie war es ihr gelungen an ihr früheres gemeinsames Leben anzuknüpfen. Immer wieder fühlte sie sich von Severus zurückgestoßen, missverstanden und nun auch noch verachtet.
Was war nur mit ihm geschehen, was war mit ihnen beiden geschehen?
Hermine quälte sich ins Schlafzimmer, zog sich Strümpfe an und warf sich ihre Robe über.
Vielleicht war Lucius in seinem Quartier und hatte Lust auf eine Tasse Tee. Gelegentlich apparierte er auf seinen Landsitz um dort nach dem Rechten zu sehen, doch überwiegend verbrachte er seine freie Zeit in seinen Räumen im Huffelpuff Trakt des Schlosses.
Es hatte alle erstaunt, dass die Direktorin McGonagall Lucius Malfoy nicht bei den Slytherins untergebracht hatte, sonder ihm diese nette kleine und sonnendurchflutete Wohnung auf der Südseite des Schlosses zur Verfügung gestellt hatte.
Für Hermine war es eine längere Wanderung, aus ihrer Wohnung hinunter in die Kerker und wieder hinauf in die große Eingangshalle und quer durchs Schloss zum Huffelpuff Turm, aber etwas Bewegung tat ihr schon gut.
Obwohl Lucius und sie eine tiefe Freundschaft verband, war ihr Klopfen an seine Tür zögerlich und schüchtern, sie wollte sich nicht aufdrängen und wäre auch sofort wieder gegangen, hätte Lucius nicht im nächsten Augenblick mit vor freudiger Überraschung strahlendem Lächeln vor ihr gestanden.
„Hermine, wie nett! Komm doch herein!"
Hermine grinste verlegen.
„Ich hoffe ich komme nicht ungelegen?"
Lucius schnalzte empört mit der Zunge und nötigte Hermine sich zu setzen.
„Tee? Kaffee? Limonade? Saft?"
„Tee wäre großartig!"
Hermine streckte aufseufzend ihre geschwollenen Beine von sich und ließ sich ergeben in den dicken Plüschsessel sinken, den Lucius ihr angeboten hatte.
„Weiß er, dass du hier bist?"
Lucius hatte mit einem Schwenker seines Zauberstabes eine große Tasse Tee zubereitet und nicht vergessen, einige der Schokomuffins dazu zu legen, die Hermine während ihrer Schwangerschaft kiloweise verdrückt hatte.
„Natürlich nicht, meinst du ich hätte nicht schon genug Ärger mit ihm?"
Hermine tunkte einen Muffin in den Tee und stopfte ihn genüsslich in den Mund. Sie wusste auch nicht, warum sie pausenlos essen musste.
Lucius hatte sich ebenfalls einen Tee gemacht und ließ sich Hermine gegenüber auf der breiten Ottomane nieder, die er aus Ginas Villa mitgebracht hatte.
Sein Haar war noch etwas länger geworden, die grauen Strähnen, die seinen Schläfen entsprangen, verliehen ihm nun eine gewisse Seriosität und hatten das Knabenhafte seiner Ausstrahlung vertrieben. Vor seinen Schülern genoß er einen ziemlichen Respekt, denn seine mächtige Art mit Zauberstäben umzugehen hatte er bereits mehrfach im Unterricht zum Leidwesen einiger unaufmerksamer Zeitgenossen anschaulich unter Beweis gestellt.
„Was ist nun schon wieder passiert?" Ärger über Snape entsprang seiner Frage.
Er konnte nicht verstehen, warum er diese wunderbare Frau nicht auf Händen trug, wie sie es verdient hatte. Sie trug ein Kind von ihm aus und er behandelte sie zuweilen als wäre sie Luft.
Nur zu oft hatte Hermine ihrem Kummer über ihren Mann tränenreich Luft verschafft. Bislang war es ihm immer wieder gelungen, sie zu trösten und ihr Mut zu machen.
Besorgt betrachtete er die dunklen Ringe unter ihren braunen Augen. Sie sollte doch auf ihr Baby freuen dürfen, aber momentan schien sie alles andere als glücklich zu sein.
„Diesmal hat er mir anscheinend vorgeworfen, dass ich noch keinen Abschluss habe!"
Lucius verschluckte sich fast an seinem Tee.
„Bitte?"
Resigniert schilderte Hermine den Vorfall in der Bibliothek und Severus bösen Kommentar.
Lucius stand zwischendurch empört auf.
„Dieser unmögliche Mensch..."
Erstmalig wusste er nichts Tröstendes mehr zu sagen und zog stattdessen Hermine aus ihrem Sessel hoch um sie fest in den Arm zu nehmen
