Anbei ein Ausschnitt von Sirisas Mail an mich:
Hi "Alikema" du Nervensäge,
anbei das nächste kurze Pitel, das schon etwas zeigt, wo der Weg im dritten Teil hinführt. Bestelle den Süßen vom mal ganz liebe Grüße und sie sollen nicht böse sein, wenn ich momentan nicht auf jeder Mail antworten kann. Ich versuche dir diese Woche auch #7 zu schicken. Der Job läuft momentan etwas ruhiger, deshalb bin ich optimistisch.
Liebe Grüße und dir noch einen schönen Sonntag
Sirisa
6. Wirklich zurück?
Ginas Hand glitt liebevoll über den schwarzen, schmiedeeisernen Torriegel. Er war leicht angerostet und sie musste etwas Kraft aufwenden, um ihn zu lösen.
Mit leisem Quietschen ließ sich das ehemals imposante Eingangstor zum Vorgarten des Anwesens zurückschieben. In der Dämmerung hatte das Gebäude eher Ähnlichkeit mit einem Geisterhaus, als mit einer Villa. Zwar hatten die Wintermonate die Vegetation an allzu üppigem Wachstum gehindert, doch sprach aus dem Unkraut, das zwischen den Pflastersteinen der Auffahrt wuchs, doch die mangelnde Pflege der letzten Monate.
Langsam und verstohlen ging Gina zum Seiteneingang und fingerte hinter dem Steinlöwen den Ersatzschlüssel her, der ihr, obwohl leicht Rost angesetzt, die Haustür problemlos öffnete.
Eine leichte Staubschicht hatte sich auf den Fußboden gelegt und bewies ihr durch die Spuren die sie hinterließ, dass sie tatsächlich heim gekommen war, in ihr geliebtes Haus.
Andächtig durchquerte sie die Diele, vorbei an der geräumigen Küche und betrat den Salon, der jetzt wo er leergeräumt war, durch seine Größe fast wie ein Ballsaal anmutete. Die Schiebetür zu Lucius Billardzimmer war nur halb geschlossen und sie sah die Queues, sorgfältig aufgereiht in ihrer Halterung an der Wand, das Stück Kreide auf dem Rand des Tisches deponiert, als wolle es gleich jemand in die Hand nehmen um ein Spiel mit sorgfältigem Einkreiden einzuläuten.
Hinter den großen Glasscheiben der Fenster hüllte sich der Garten in ein dunkles, abendliches Kleid und gab ihr trotzdem den warmen Schein des Vertrauten.
Mit einem versteinerten Gesicht stieg sie die Treppe zum ersten Stockwerk empor, warf einen flüchtigen Blick in Lucius' ehemaliges Schlafzimmer und ging den Korridor weiter, bis sie zu ihrem eigenen Schlafgemach kam.
Erstaunt stellte sie fest, dass es unverändert war. Ihre Frisierkommode mit dem mächtigen Spiegel stand noch am Fenster, ihre Bürsten lagen auf einem Silbertablett. Sogar ihre kleine Schmuckschatulle stand an dem gewohnten Platz.
Mit einem kurzen Ruck zog sie den Überwurf aus schwarzem Satin von ihrem breiten Bett und sank langsam in die Kissen.
Die Reise zurück nach Blankenstein war anstrengend gewesen. Volle zwei Tage war sie unterwegs. Geschlafen hatte sie kaum, war zwischendurch nur für ein paar Minuten eingenickt, eingelullt durch das monotone Dröhnen der zweimotorigen Propellermaschine, die sie von Gambia zurück nach Deutschland geflogen hatte. Zahlreiche Zwischenstops, zunächst auf den holprigen Pisten im Busch, dann auf den besseren Landebahnen der zivilisierten Flughäfen, hatten dafür gesorgt, dass ihr Schlaf nie zu lang und zu tief wurde.
Eine Stunde hatte sie nach der letzten Landung gebraucht, bis sie die kleine Reisetasche wieder hatte, die ihr spärliches Gepäck darstellte. Eine weitere Stunde war verstrichen, bis sie endlich in einem Muggeltaxi saß und eine weitere Stunde, bis das Auto vor ihrer Einfahrt hielt. Wenigstens hatte der Fahrer ihre Erschöpfung erkannt und sie mit lästigen Fragen und dümmlichem Geschwätz verschont.
Schwerer und schwerer wurden nun ihre Lider, bis sich ihre Augen schlossen und dem Schlaf die Tore öffneten.
Sanft glitt sie hinüber in den Zustand ermatteter Wehrlosigkeit, ergab sich der Müdigkeit, die ihren Körper nun zur Ruhe zwang.
Um die Villa herum wurde der Abend zur Nacht und tauchte das kleine, verträumte Örtchen in eine winterliche Stille. Der mächtige Turm der Burg Blankenstein, keine drei Steinwürfe entfernt, trotzte gegen den sternenklaren Himmel und hielt Wache, wie schon Jahrhunderte zuvor.
Mit gleichmäßigen Atemzügen hob und senkte sich Ginas Brustkorb, ihr Gesicht war entspannt. Friedlich wirkte sie, auf rührende Art zerbrechlich.
Der Frieden in ihrem Gesicht währte nicht lange, denn schon bald begannen ihre Pupillen unter der dünnen Haut der Lider hin und her zu tanzen und wirre Kreise zu beschreiben.
Ihre Hände fuhren suchend über die Laken, griffen ins Leere oder krallten in den Stoff.
Immer schneller wurden die Atemzüge und wirbelten die kleinen Schweißtröpfchen von ihrer Oberlippe in die Dunkelheit des Raumes. Keuchend richtete sie sich plötzlich auf, hellwach und mit vor Entsetzen aufgerissenen Augen, vor denen sich noch die Bilder des Alptraumes zu grässlichen Szenen zusammenfügten.
„Lumos!", flüsterte Gina heiser und tastete vergeblich nach ihrem Zauberstab.
„Lumos!", diesmal flehend, doch blieb alles um sie herum dunkel.
Sie quälte sich aus dem Bett, tastete sich zur Tür um auf den Lichtschalter zu drücken.
Aufstöhnend rutschte sie an der Türlaibung hinunter und ließ ihren Kopf auf ihre Arme sinken.
Zum tausendsten Male fragte sie sich, warum sie ins Leben zurückkehren mußte, während all ihre Zauberkraft im harten Boden von Gambia auf ewig begraben schien.
tbc
