8. Zwischenspiel

Wehmütig schaue ich den Schneeflocken zu, die um die Straßenlaterne vor meinem Haus tanzen. Es ist ein Freitagabend, die Woche war anstrengend gewesen, der Chef ungeduldig, die Kunden nervtötend. Zum Trost und zur Belohnung habe ich mir eine Flasche Rotwein aufgemacht. Traurig schenke ich mir das erste Glas ein. Ich trinke allein, wie ich es die letzten Wochen und Monate immer getan habe, seit Gina nicht mehr zurückgekommen ist.

Mein Versuch, mit der Zaubererwelt in Verbindung zu bleiben, scheint kläglich gescheitert zu sein.

Weder Lucius Malfoy noch jemand anderes hat sich bei mir gemeldet, als Reaktion auf meinen Versuch der Kontaktaufnahme. Die gestohlene Eule hat wohl eher den Weg in den Wald gefunden wo sie sich nun mit einer fetten Maus im Schnabel ihrer neuen Freiheit erfreut.

Ich nehme einen großen Schluck aus meinem dickbauchigen Glas und horche auf die Stille in meiner Wohnung.

Meine Katze liegt auf dem Wohnzimmersofa, springt aber auf, als sie meinen Blick bemerkt.

Sie läuft mir voran in die Küche, baut sich fordernd neben dem Fressnapf auf.

Mechanisch öffne ich eine Dose und schaue ihr beim Fressen zu.

Wir beide fahren erschreckt zusammen, als es an der Terrassentür klopft.

Halb panisch hole ich das Pfefferspray aus meiner Handtasche im Flur. Mein Garten hat keinen Zugang zur Strasse und liegt eingebettet zwischen anderen Gärten, Häusern und Zäunen.

„Wer ist da?" Meine Stimme zittert und ich überlege, direkt die Polizei anzurufen.

„Ich bin es, Lucius Malfoy!"

Ich erkenne die Stimme wieder, auch wenn es mir nur wenige Male vergönnt war, mit Ginas Mann persönlich zu sprechen.

Rasch öffne ich die Tür und stehe ihm gegenüber. Auf seinem dunkelgrauen Reiseumhang liegt fingerdick der Schnee, Eiskristalle krallen sich in sein langes, blondes Haar.

Ich schaffe es die Fassung zu bewahren und mich an angemessene Höflichkeit zu erinnern, statt ihn einfach nur dümmlich anzustarren.

„Bitte kommen Sie doch herein!"

„Danke!"

Lucius steht unschlüssig in meinem Wohnzimmer und augenblicklich bildet sich eine Pfütze um seine Füße. Verlegen macht er einen halben Schritt zur Seite und produziert im nu ein neues Binnengewässer auf meinem Holzfußboden.

Ich nehme ihm seinen triefnassen Umhang ab und hänge ihn zum Trocknen in die Dusche.

Lucius muss in der Zwischenzeit einen Trockenzauber ausgeübt haben, denn als ich ins Wohnzimmer zurückkomme, steht er verlegen lächelnd aber trocken vor mir.

„Nehmen Sie doch Platz!", fordere ich ihn auf und stelle fest, dass er sehr dekorativ wirkt in meinem Sessel und diesen durch seine Person deutlich aufgewertet hat.

Immernoch verlegen nestelt er an meinen Satinkissen und schaut sich um.

„Sie haben es hübsch hier!"

„Nunja, nichts im Vergleich zu ihrem Haus!" räume ich bescheiden ein. „Darf ich Ihnen ein Glas Wein anbieten?"

„Nein danke, lieber einen heißen Tee, ich muss noch fliegen!", grinst Lucius.

Gerne komme ich seinem Wunsch nach und hoffe dass es ihn nicht stört einen Tee mittels Teebeuteln vom hiesigen Lidl zubereitet zu bekommen.

Kurze Zeit später sitzen wir wieder gemeinsam im Wohnzimmer, er nippt an seinem heißen Tee, ich an meinem Rotwein.

„Sie waren also in Gambia?", fragt Lucius.

Ich nicke und lege mir im Geiste die passenden Worte zurecht, mit denen ich meine Erzählung beginnen kann.

Doch Lucius kommt mir zuvor.

„Sie waren an Ihrem Grab?"

Und wieder nicke ich nur stumm

Ich bemerke, dass sich Lucius' Finger um die Teetasse krampfen. Offensichtlich fällt es ihm sehr schwer, mich zu fragen. Ich gebe mir einen Ruck und beginne, ihm von meiner Reise zu erzählen, die ganz touristentypisch im Fischerdorf Bakau begonnen hatte, und mich nach der obligatorischen Besichtigung der Krokodilstation immer weiter landeinwärts führte.

Ich gebe zu, ich habe einen gewissen Hang zu spirituellen Dingen.

Mir liegen die typischen Touristenattraktionen nicht. Wenn ich ein fremdes Land oder auch nur eine fremde Stadt besuche, dann schaue ich am liebsten von einem halb versteckten Winkel aus den Einheimischen zu und versuche auf diese Art so viel wie eben möglich zu erfahren.

Aber einer der wirklichen Gründe, weshalb ich Gambia als mein Urlaubsziel ausgewählt hatte, waren nicht die faszinierenden Mangrovenwälder längs des Gambiaflusses gewesen, obwohl deren berauschend üppige Vegetation beeindruckend gewesen war, nein, es waren die Steinkreise von Wassu gewesen, die ich mit eigenen Augen sehen und mit eigenen Händen fühlen wollte. Auch von mir liegt jetzt ein kleiner Kiesel auf einem der tonnenschweren Megalithen. Ein Ritual, das wohl vor allem Glück bringen soll wie mir mein einheimischer Führer versicherte.

Ein Bild vom gewaltigen Stonehenge kennt fast jeder, aber kaum jemand weiß von den über tausend Steinkreisen längs des Gambiaflusses, die bis in den Senegal reichen.

Manche sind klein und unscheinbar, bestehen nur aus wenigen Gesteinsbrocken und wirken wie zufällig in die Landschaft gestreut. Selbst die imposanten Steinkreise von Wassu sind kaum einem Europäer bekannt und ich hörte erstmalig davon, als Gina mir mit leuchtenden Augen davon berichtete. In der Mitte der großen konzentrischen Steinkreise habe sie Energien gefühlt, deren Intensität ihr Angst gemacht hatten. An all dies muss ich denken, als ich mit meiner Erzählung fortfahre.

„Dank meines Führers fand ich das Dorf, in dem Gina gelebt hatte, sehr schnell. In der mittäglichen Hitze flimmerte die Luft, angefeuert durch die senkrecht stehende Sonne.

Kaum jemand war auf der ungepflasterten Strasse zwischen den bescheidenen Hütten unterwegs.

Ich bat meinen Führer nach dem „Grab der weißen Frau" zu fragen."

An dieser Stelle meiner Erzählung sehe ich Lucius direkt ins Gesicht. Er versucht Gelassenheit zu suggerieren, was ihn in Anbetracht seines tatsächlichen Gemütszustandes noch viel erbärmlicher aussehen lässt. Dieser Mann leidet, leidet bei jedem Wort, dass er im Zusammenhang mit Gina hören muss. Trotzdem kann er sich nicht abwenden, trotzdem ist er auf der Suche nach der Wahrheit. Wie soll ich es ihm nur beibringen?

Nur sehr zögerlich fahre ich fort.

„Mein Führer fand alsbald einen jungen Einheimischen, der ihn wild gestikulierend in eine Unterhaltung verstrickte. Trotz einiger Meter Abstand zu den beiden sah ich, wie sich mein Begleiter verfärbte, wie seine schokoladenbraune Haut erbleichte.

Kurz drauf kommt er zu mir zurück, wedelte ablehnend mit der Hand vor seiner Brust. Hier sei nichts zu machen, sagte er, es gäbe kein Grab, keine weiße Frau und überhaupt müsse er nun zurück und es sei an mir, mit ihm zu fahren und wieder die Touristenroute zu betreten, oder hier in dem unseeligen Kaff zurückzubleiben.

War ich um die halbe Welt geflogen um mich von den aufgeregten Worten eines Mannes abschrecken zu lassen? Hatte mich nicht Gina Bekanntschaft gelehrt, stark und selbstbewusst zu sein? Ich schickte ihn also mit mildem Lächeln fort. Was sollte ich mit einem Mann als Führer, der sich beim ersten Anzeichen von Unheimlichkeiten in die Hose machte.

So schlenderte ich denn alleine die staubige Straße entlang. Sah neugierig in das Dunkel der Hütten, deren Türen offen standen und spürte ungleich viel mehr neugierige Blicke auf meiner Haut.

Ich wusste nicht genau, was ich suchte, wahrscheinlich so etwas wie einen Friedhof. Ich stellte mir ein Areal vor, umgeben von einem weißen Zaun, die Gräber fein von einander abgegrenzt. Leider fand ich nichts von alledem.

Resigniert wollte ich umkehren, meinem aufgescheuchten Führer folgen, als ich eine mächtig korpulente Frau im weißen Gewand aus einer der Hütten kommen sah.

Sie sang ein Lied vor sich hin, unterbrach sogar ihren Weg zuweilen für einen tänzerisch gestampften Ausfallschritt, der angesichts ihrer Leibesfülle eher grotesk als behände wirkte.

Obwohl ich nur ihrer Rückseite ansichtig wurde, spürte ich ihre beeindruckende Ausstrahlung.

Anscheinend spürte auch sie meinen Blick und drehte sich um. Ihr geträllertes Liedchen verstummte und nach einem kurzen Augenblick winkte sie mich zu sich heran.

Sie streichelte mir freundlich über die Stirn und meinte, dass was ich suchen würde sei nicht mehr hier, drehte sich um und wollte ihren Weg fortsetzen. Doch ich war nicht tausende von Kilometern geflogen, um nicht wenigstens eine Kerze auf dem Grab einer Freundin anzuzünden.

Beherzt lief ich der Frau hinterher, die ich für Waida Boswata hielt.

Und wieder blieb sie stehen und dreht sich zu mir um. Doch dieses Mal war ihr Blick ernst, sah mir direkt in die Augen und ich fühle mich für einen Moment, als ob ich über einem unendlichen Abgrund schwebte. Als würde ich der Unendlichkeit ins Angesicht sehen, war ich nicht in der Lage in diesem Moment zu lügen oder meine Gefühle zu verbergen.

Doch schon lächelte Waida wieder und setzte meinen Geist behutsam auf die Erde zurück.

Dann nahm sie mich am Arm und führte mich einige hundert Meter weiter.

Nachdem wir die letzte Hütte hinter uns gelassen hatten, drängte sie mich in ein kleines Wäldchen. Von halbhohen Büschen gesäumt sah ich endlich Ginas letzte Ruhestätte.

Doch als ich näher trat, traute ich meinen Augen kaum und mit Unverständnis im Gesicht geschrieben, bat ich Waida stumm um Antwort.

Denn das was ich sah war ein ausgehobenes, leeres Grab. Die Erde war ausgetrocknet und bröselig, der aufgeworfene Erdhaufen fast verweht."

Ich reiße meinen Blick tapfer von der rubinroten Flüssigkeit des Weines in meinem Glas los und tauche stattdessen ein, in das ungläubige Blau von Lucius Augen. Seine Lippen sind leicht geöffnet und trocken von seinem beschleunigtem Atem. Wieder frage ich mich, was ich ihm hier antue. Aber er ist ihr Mann. Er muss es wissen und wenn ihr jemand helfen kann und will, dann er!

„Ihr Grab war leer?" Zweifel jagt die Hoffnung in seinem Gesicht.

Ich nicke stumm, nippe tapfer an meinem Wein.

Plötzlich spüre ich seine Hand auf meinem Unterarm.

„Bitte... bitte reden Sie weiter!"

Seine langen, schlanken Finger hinterlassen Abdrücke auf meiner Haut. Ich schaue fasziniert auf seine Hand und sofort zieht er sie zurück.

„Verzeihen Sie mir!" Anscheinend erschrocken über sich selber weicht er etwas zurück und ich stelle dies mit Bedauern fest, rufe mich aber sofort zur Ordnung.

Nervös dreht er die Tasse in seiner Hand, ich lege die meinige auf die Stelle an meinem Arm, wo mich die seinige zuvor berührt hat.

Rasch erzähle ich weiter.

„Waidas Stimme war leise geworden, als sie mir von einem Ritual erzählte, dass Gina wieder zum Leben erweckt hat. Ich konnte es nicht glauben und habe sie angestarrt, vollkommen stumm da ich nicht mehr in der Lage war, die tausend Fragen die ich hatte in Worte zu kleiden. Ich war aufgeregt und voller Freude, und meine Stimme überschlug sich, als ich sie endlich wiederfand. „Dann lebt sie also?" frohlockte ich.

Waida zog leicht zweifelnd die Schultern hoch und ließ ihren mächtigen Oberkörper hin und her schwanken. Nicht alles in ihr wäre wieder lebendig, erklärte sie mir und überließ mir die Deutung ihrer kryptischen Behauptung. Trotzdem fragte ich nach, wollte wissen ob Gina nun so etwas wie ein Zombie ist. Ich hatte auf ein verneinendes und vergnügtes Lachen von Waida gehofft. Stattdessen runzelte sie nachdenklich die Stirn. Noch nicht, entgegnete sie ernst, aber es könne sein, dass Gina ihre Seele verlieren würde.

Beinahe schon hysterisch rüttelte ich an Waidas Arm, fragte nach wie ich Gina helfen könne, wo sie sei, warum Waida sich nicht um sie kümmern würde.

Waida wandte sich einen Moment von mir ab, die Muskeln ihrer fleischigen Wangen zuckten und mit Bestürzung stellte ich fest, dass sie weinte.

„Isch gann ihr nischt elfen, sie gann sisch dies'mal nur selbscht ´elfen."

Natürlich wollte ich mehr wissen, überschüttete Waida mit Fragen, doch sie gab mir darauf keine Antworten mehr sondern schickte mich mit einem letzten Rat fort, geduldig abzuwarten, ob Gina wieder ihren Weg zu mir finden würde."

Ich schweige, traue mich kaum Lucius Malfoy ins Gesicht zu sehen.

Meine Katze kommt ins Wohnzimmer, betrachtet den fremden Besucher mit anfänglichem Argwohn, springt ihm dann aber unvermittelt auf den Schoß und reibt sich mit steil erhobenen Schwanz an seiner Brust. Ihre Aktion entlockt Lucius ein Lächeln und freundlich streichelt er ihr den Rücken und krault ihr den Nacken. Ich bin tatsächlich etwas neidisch., doch da setzt er meine Katze schon auf den Boden und steht energisch auf.

„Ich muss Gina finden!", sagt er und geht zur Terrassentür.

Ich reiche ihm noch seinen Umhang. Er ist immer noch nass und scheint eine Tonne zu wiegen.

Draußen fällt der Schnee, unbeeindruckt von meinem ungewöhnlichen Besuch.

„Danke!" Lucius Hand fährt spinnwebfein über meine Wange, seine Lippen hauchen mir einen Kuss auf den atemlosen Mund. Dann reißt ihn sein Besen empor in die Nacht.

„Gina war eine blöde Kuh!" denke ich noch als ich ihm hinterher sehe. Ich höre noch das Flattern seines Umhanges im Winterwind, dann ist es still!

tbc