Kapitel 3

Hermiones Nerven lagen blank. Nicht nur, dass sie die ständigen Blicke ihrer aus Gryffindor stammenden Mitschüler in ihrem Rücken spürte, auch Professor Snape schien sie vom Lehrerpult aus immer wieder sorgfältig zu mustern. Sie konnte fühlen, dass er nach irgendetwas suchte, aber sie zwang sich, die daraus resultierende Unruhe zu ignorieren. Sie hatte sich auch ihre ansonsten üblichen Nach- und Zwischenfragen verkniffen, denn nach der gestrigen Punktekatastrophe wollte sie keine erneute Zielscheibe abgeben. Rons Kommentare beim Frühstück waren übel genug gewesen.

Und so saß Hermione die Zaubertrankstunde in einer für sie äußerst ungewöhnlichen, selbst auferlegten Stille ab und bemühte sich auch darüber hinaus, keinen einzigen Fehler zu machen. Immer wieder sah sie, dass vereinzelte Schüler wie versteinert zu ihr herüberblickten, wenn sie Anstalten machte, die Hand zu heben oder sich auf irgendeine andere Weise die Aufmerksamkeit Professor Snapes zu verdienen, also hielt sie sich, ausnahmsweise natürlich, zurück.

Endlich war die Stunde beendet, und Hermione sammelte beinahe unbeholfen ihre Sachen zusammen. Den dunklen Schatten über ihr bemerkte sie erst spät und nur dadurch, dass Harry neben ihr scharf die Luft einsog.

„Sie waren heute außergewöhnlich still, Miss Granger." Snapes seidenmatte Stimme hing wie ein Damoklesschwert in der Luft. „Fehlt Ihnen etwas?"

Sie sah ihn an. Nun sag es schon; los, gib mir die Strafpunkte!

„Nein, Professor Snape, Sir. Es ist alles in Ordnung." Sie zwang sich sogar ein Lächeln auf.

Er studierte ihren Gesichtsausdruck, schien irgendetwas darin zu suchen. „Sie haben … keinerlei Fragen, Miss Granger?"

Sie versuchte seine Intention aus der Frage abzuleiten und glaubte zu wissen, worauf er abzielte, also antwortete sie schnell: „Keine, die sich nicht durch sorgfältiges Nachlesen meiner Aufzeichnungen beziehungsweise investigatives Studieren des zur Verfügung stehenden Lernmaterials klären ließe, Professor Snape, Sir."

Er schien einen Moment lang nachzudenken. Sie bezweifelte, dass es etwas damit zu tun hatte, dass er ihre Antwort erst noch analysieren musste. Sie befürchtete viel eher, dass er sich in Gedanken bereits eine haarsträubend logische und zugleich unendlich demütigende Antwort zurechtlegte.

Stattdessen erwiderte er schlicht: „Gut." Dann wandte er sich ab.

Hermione klappte das Kinn herunter, und hinter ihr atmete die halbe Klasse hörbar aus.

„Das heißt, Sie werden heute Abend in der Lage sein, mir zu erklären, warum der transsilvanische Werwolf resistent gegenüber dem Trank ist, der die Verwandlung bei allen anderen Vertretern seiner Spezies verhindert?"

Verdammt! Sie hatte genau diese Frage auf den Lippen gehabt. „Selbstverständlich, Professor Snape, Sir."

„Dann erwarte ich Sie um Punkt acht Uhr in meinem Büro, Miss Granger."

„Ich werde dort sein, Professor Snape, Sir."

„Gut." Er ging zu seinem Pult.

Hermione sah aus dem Augenwinkel, dass Harry sich anschickte, ihr Luft zuzufächeln, daher erhob sie sich zügig und wandte sich zum Gehen.

„Ach Miss Granger …?" Oh nein.

Sie drehte sich wieder zu ihm um. „Professor?"

„Vielleicht bringen Sie ja bis dahin Ihre Schuluniform auf einen akzeptablen Stand, was halten Sie davon? Zehn Punkte Abzug für Gryffindor."

Hermione stand stocksteif im Raum. Sie sah einmal an sich hinunter und wieder hinauf. Ihre Uniform saß perfekt und war zweifellos in jedem Detail korrekt.

Sie wollte gerade den Mund öffnen, als Ron sie am Arm packte und zum Ausgang zog. „Das wird sie ganz bestimmt, Professor!"

Unter stillem Protest ließ sich Hermione aus dem Klassenraum zerren, verwirrt und wütend zugleich.