Kapitel 4

Es war 19 Uhr 58, als Hermione erneut die steinernen Stufen zu den Verliesen hinabstieg. Dabei nahm ihre Furcht mit jedem einzelnen Schritt weiter zu. Schließlich erreichte sie den leeren Klassenraum und blieb zögernd an dessen Eingang stehen.

Sei nicht albern, ermahnte sie sich, aber es half nur bedingt.

Sie umfasste die Schriftrolle, die sie bei sich trug, noch ein wenig fester und durchquerte dann zügig den Raum. Vor der schweren Pforte, die in Snapes höchst eigenes Reich führte, blickte sie noch einmal kritisch an sich herunter. Gemeinsam mit Ginny war sie jedes Detail ihrer Schuluniform durchgegangen, aber sie hatten nicht herausfinden können, was ihrem Lehrer nicht daran passte.

Also hatte sie notgedrungen noch einmal einen Reinigungszauber über jedes einzelne Kleidungsstück gesprochen, jedes Teil nachkontrolliert und den perfekten Sitz sichergestellt. Sogar ihre Haare hatte sie noch einmal frisch durchgebürstet und in Form gebracht.

Ein letztes Mal musterte sie sich, rückte alles perfekt zurecht und klopfte dann auf die Sekunde genau zu den acht Gongschlägen, die ihr wie das Geläut zum Schafott erschienen, an Snapes Tür.

Diese schwang ächzend auf, und Hermione betrat das wie üblich in Kerzenschein getauchte private Büro des Zaubertranklehrers.

„Guten Abend, Professor Snape, Sir", sagte sie leise, aber bestimmt. „Ich melde mich, um die Frage bezüglich des Tranks zu beantworten."

„Tatsächlich, Miss Granger?" Snape saß hinter seinem Schreibtisch und studierte einen riesigen, furchtbar interessant aussehenden Folianten.

Hermione unterdrückte den sofort in ihr aufkeimenden Wunsch, näher heranzutreten, um ebenfalls einen Blick in das Buch werfen zu können, und fügte stattdessen hinzu: „Ich habe die Antwort auch in schriftlicher Form angefertigt, für den Fall, dass Sie jetzt gerade keine Zeit haben."

Er blickte auf, und diesmal wirkte er tatsächlich überrascht, da beide Augenbrauen gleichzeitig ihre erhobene Position eingenommen hatten. Während er sich erhob, streckte er die Hand aus. „Geben Sie mir die Schriftrolle."

Sie trat vor und reichte ihm das Pergament.

Er entrollte es und überflog den handgeschriebenen Text. „Abraxas schreibt man mit einem ‚X'."

Sie biss sich auf die Unterlippe, wälzte einen Gedanken von links nach rechts, dann entschied sie sich für die Tugenden Gryffindors.

„Verzeihen Sie, Professor Snape, Sir, ich habe mich an die Schreibweise der Originalquelle gehalten, die den Ursprung des Wortes anders einordnet. Sie haben selbstverständlich Recht, wenn Sie von der zur Zeit geläufigsten Schreibweise sprechen, Professor Snape, Sir, und ich bitte darum, meinen Einwand zu entschuldigen."

Sie hielt die Luft an. Augenblicke wurden zu Sekunden, dehnten sich zu Minuten.

Schließlich hob er den Blick vom Pergament. „Was haben Sie also heute gelernt, Miss Granger?"

„Dass der transsilvanische Werwolf seine Verwandlung un…"

Nein, Miss Granger! Was haben Sie heute gelernt?" Er schien nicht ungehalten zu sein, nur neugierig.

„Dass …"

Er hob einen Finger. „Erst nachdenken."

Sie zögerte. Er hatte Recht. Erst nachdenken … „Professor Snape, Sir … ich glaube, ich habe heute gelernt, dass es nicht nötig ist, den Lehrer wegen jeder Detailfrage zu unterbrechen, wenn sich diese auch problemlos durch eigenes Studium nach dem Unterricht klären läßt. Sollte dies nicht möglich sein, bietet sich immer noch eine Nachfrage zu Beginn der nächsten Unterrichtsstunde an."

Er sah sie lange und durchdringend an. Falsche Antwort?

Sie ergänzte schnell: „…und sollte man bei seinen Nachforschungen auf Erkenntnisse stoßen, von deren Inhalt die ganze Klasse profitieren könnte, so kann man seine Mitschüler auch privat, nach dem Unterricht, über diese Dinge unterrichten …?"

Er gab ihr die Schriftrolle zurück. „Fertigen Sie hiervon Kopien für Ihre Mitschüler an, Miss Granger. Der Inhalt ist weitestgehend korrekt und könnte in der Tat von Nutzen sein."

Dann drehte er sich um und setzte sich wieder. „Sie können gehen, Miss Granger."

Sie zögerte … wartete … fasste allen Mut zusammen. „Professor Snape, Sir …?"

Er kniff die Lippen zusammen. „Miss Granger?"

„Entschuldigen Sie bitte, Professor … ich … ich meine diese Frage ganz ehrlich … wie kann man bei Ihnen Hauspunkte gewinnen?" Sie zitterte leicht, aber nicht so stark, wie es angebracht gewesen wäre. Dass er mit ihrem Text halbwegs zufrieden gewesen zu sein schien, hatte sie über jedes vernünftige Maß beflügelt.

Snape zögerte. Sie konnte sehen, dass er innerlich abwog, ob er sie vor die Tür setzen sollte, aber dann erkannte sie in seinem Blick eine Veränderung. Irgendetwas an seinem Gesicht wurde härter, aber auch weniger verkniffen.

„Miss Granger … ich weiß, dass die anderen Lehrer gerne Punkte für außergewöhnliche Taten vergeben. Je nach Haus werden Mut und Klugheit, Entschlossenheit und Hilfsbereitschaft belohnt, sowie viele weitere, zweifellos wichtige Dinge. Ich bin aber der Ansicht, Miss Granger, dass es in Hogwarts jemanden geben sollte, der darüber wacht, dass die Schüler auch gewisse andere Eigenschaften trainieren und sich Fähigkeiten aneignen, die mancher für sinnlos, einige gar für kontraproduktiv halten."

Sie sah ihn fragend an, nicht wirklich begreifend, was er meinte.

„Wie oft hat Ihr guter Freund Potter bereits Punkte für eine mutige Tat gewonnen, obwohl er sich dabei über sämtliche nur denkbaren Regeln, die in dieser Schule herrschen, hinweg gesetzt hat?"

Hermione schluckte. Jetzt wusste sie exakt, was er meinte. „Zu oft, Professor Snape, Sir."

Snape seufzte leise auf, und das hatte sie definitiv noch nicht bei ihm erlebt. Irgendetwas ging hier vor. „Ich bin erfreut, dass Sie meine Ansicht teilen, Miss Granger. Sehen Sie, was nützen Regeln und Disziplin, wenn sich niemand daran hält oder gebunden fühlt? Es mag ja sein, dass man gelegentlich über derartige Dinge hinwegsehen muss, wenn es gilt, wichtige Ziele zu erreichen, aber grundsätzlich sind Regeln für einen funktionierenden Schulbetrieb, für ein funktionierendes Zusammenleben außerordentlich wichtig. Es geht dabei nicht um Hörigkeit vor der Obrigkeit, sondern um den Erhalt von Respekt. Mir ist durchaus bewusst, dass ich nicht respektiert, sondern gefürchtet werde, Miss Granger. Der Unterschied ist fundamental. Man gehorcht mir nicht, weil man es für richtig hält, sondern weil man die Strafe fürchtet. Aber genau das ist es, was die Strafe provoziert. Weil ich merke, dass hinter jeder Ecke, die ich gerade umschritten, in jedem Raum, den ich gerade durchquert, auf jeder Etage, die ich verlassen habe, hinter meinem Rücken gelästert und getuschelt wird, ob ich nachts kopfüber von einer Stange baumelnd schlafe. Respekt, Miss Granger, echter Respekt und Gehorsam – das sind die Tugenden, die ich bei meinen Schülern vermisse. Gewiss bin ich kein Charmeur wie Dumbledore, kein Kuschelteddy wie Hagrid. Habe ich deswegen weniger Respekt verdient?"

Hermione starrte ihren Zaubertranklehrer an, als habe er sich gerade vor ihren Augen gehäutet. Sie war fassungslos über seine Offenheit. Hinzu kam die Tatsache, dass das, was er sagte, durchaus Sinn ergab.

„Nein, Professor Snape. Natürlich nicht. Ich …" Sie dachte darüber nach, wie erschreckend wenig sie über ihn wusste. Von allen Lehrern war Snape der rätselhafteste. Niemand kannte seine Geschichte; niemand wusste, warum er ständig gereizt war und den Anschein erweckte, unter einem enormen Druck zu stehen. Sicher war nur, dass er allein in seinem Verlies hauste und dort an irgendetwas Wichtigem für Dumbledore arbeitete, wenn er nicht gerade Unterricht gab. Vielleicht hatte das, was er da tat, wirklich besonderen Respekt verdient, aber er konnte kaum erwarten, dass man ihn für etwas achtete, über das man so gut wie nichts wusste. Und es erklärte auch nicht seine unnachgiebige Gemeinheit bestimmten Schülern gegenüber. Ihr gegenüber.

„Sie werden vielleicht auch verstehen, Miss Granger, dass meine Ungeduld mit der Schülerschaft von Jahr zu Jahr wächst. Ich sehe ganze Jahrgänge von Gryffindors abgehen, denen beigebracht wurde, dass Mut wichtiger ist als Respekt, wichtiger als Disziplin, wichtiger als Regeln und Gesetze. Die Wahrheit ist: All dies ist gleichermaßen wichtig, das eine kann das andere nicht ersetzen. Und wenn ich so intelligente Schüler vor mir sehe wie Sie, Miss Granger …"

Er zögerte, blickte ihr direkt in die Augen.

„Ich weiß einfach, was aus Ihnen werden könnte … und doch missverstehen Sie Tag um Tag, Schuljahr um Schuljahr meine Intention, wenn ich Sie oder Ihre Mitschüler wegen Kleinigkeiten piesacke. Für mich sind es keine Kleinigkeiten, sondern deutlich sichtbare Hinweise auf Gedankenlosigkeit. Ein kleines, unscheinbares Detail kann ein Beweis dafür sein, dass ein Schüler ein grundsätzliches Einstellungsproblem hat. Verstehen Sie das, Miss Granger?"

Sie zögerte, sah ihn lange an. „Ich glaube schon, Sir. Ich …" Sie schwieg.

„Was wollten Sie sagen, Miss Granger?", forderte er sie auf.

„Ich bitte um Entschuldigung, dass ich Ihnen die … ursprüngliche Frage gestellt habe, Professor Snape, Sir."

„Entschuldigung angenommen." Er lächelte.

Hermione starrte ihn aus großen Augen an. „Ich … ich wünsche Ihnen noch einen guten Abend, Sir."

„Ich Ihnen auch, Miss Granger."

Sie wandte sich ab und war schon fast zur Tür hinaus, als er sagte: „Noch drei Dinge, Miss Granger: Für Ihre Uniform … zehn Punkte Abzug."

„Professor!", entfuhr es ihr, während sie herumwirbelte. „Ich habe alles genau beachtet! Ich …"

Er legte den Kopf schief.

Sie biss sich auf die Unterlippe, bevor Sie sagte: „Verzeihen Sie, Professor Snape, Sir. Darf … darf ich fragen, woran es …"

„Zehn weitere Punkte für Ihre scheinbar ungebrochene Arroganz, immer zu glauben, alles zu wissen. Ich rate Ihnen, noch einmal die Schulordnung in Bezug auf Ihre Uniform zu konsultieren, vielleicht kommen Sie dann darauf. Ich erwarte von Ihnen, dass Sie ausschließlich die in der Schulordnung erwähnten Kleidungsstücke tragen, wenn Sie meine Räumlichkeiten betreten. Haben Sie das verstanden, Miss Granger?"

Hermione zuckte. Ein hungriger Hund, der Frauchen beim Füllen des Fressnapfes zusah, hätte nicht hektischer gucken können. Was in Dreiteufelsnamen Namen war falsch an ihrer verfluchten Uniform?!

„Ja, Professor Snape, Sir. Ich habe verstanden. Die dritte Sache, Professor …?"

„Ich vergebe an Haus Gryffindor einen Punkt, Miss Granger, weil ich das Gefühl habe, dass Sie tatsächlich auf dem Weg sind, zu verstehen, worum es mir geht. Beweisen Sir mir, dass ich mich nicht in Ihnen täusche, dann sehen wir weiter."

Sie starrte ihn zum wiederholten Male fassungslos an.

„Guten Abend, Miss Granger."

„Guten Abend, Professor Snape, Sir …" Sie wandte sich ab und verließ den Raum. Auf der Treppe nahm sie gleich zwei Stufen auf einmal. Ihr war klar, dass ihre Mitschüler nur Augen für die neunzehn Strafpunkte haben würden, die sie ihnen mal wieder verschafft hatte, aber in ihrem Innersten zählte für Hermione Granger nur eines: Sie hatte bei Snape einen Punkt geholt. Und sie schwor bei Merlin, dass es nicht der letzte gewesen war!