Kapitel 5

Als es weit nach Mitternacht erneut an seine Tür klopfte, nein, hämmerte, hob Professor Severus Snape eine seiner dichten Augenbrauen und sah von der Lektüre auf, die bis gerade eben seine Aufmerksamkeit gefesselt hatte, und aktivierte nach einem kurzen Moment des Zögerns den Öffnungszauber.

Es war Hermione Granger, die wutschnaubend in sein Büro stürmte. „Wissen Sie, Professor, ich hätte es wissen müssen! Gleich beim ersten Mal hätte ich ahnen müssen, dass dies wieder nur eines Ihrer kleinen miesen Spielchen ist!"

Die zweite Augenbraue folgte der ersten. Er hatte die Schülerin noch nie so aufgeregt, erhitzt und wütend gesehen. Natürlich war er es gewohnt, kleine schwarze Wölkchen über ihrem Haupt schweben zu sehen, aber einen so offensichtlichen Ausbruch negativer Emotionen hatte sie sich in seiner Gegenwart noch nie erlaubt, erst recht nicht mit ihm als Ziel.

Er sah sie in aller Seelenruhe an und wartete erst einmal ab.

„Sie sind ein Schwein, Professor, ein mieses, perverses Schwein! Ich habe wirklich gedacht, das ganze Gerede um Respekt wäre ernst gemeint gewesen. Verflucht, ich habe es Ihnen geglaubt!"

„Und was hat Ihre Einstellung geändert, Miss Granger?" Er saß völlig entspannt in seinem Sessel und sah zu ihr herüber.

Sie schimpfte und fluchte, spuckte Galle und mordiozeterte. „Diese Sache mit der Schuluniform … ich soll also ausschließlich tragen, was in der Schulordnung steht … Erwarten Sie ernsthaft, dass ich ohne Unterwäsche zum Unterricht erscheine?"

Snape saß einfach nur da und starrte die Schülerin an. In seinem Kopf standen ein paar Synapsen lichterloh in Flammen, während er den an ihn gerichteten Vorwurf verarbeitete. Hatte Granger den Verstand verloren?

Er wartete, bis ihr Redefluss beendet war, dann erhob er sich. Eine Königskobra hätte sich nicht anmutiger auf ihr Opfer zubewegen können.

„Miss Granger, ist Ihnen die diesjährige Neuauflage der Schulordnung geläufig?"

„Natürlich! Was soll die Frage?!", keifte sie.

Er legte den Kopf schief. „Auch die Zusatzrolle mit den Ergänzungen?"

Sie hielt inne. „Zusatzrolle? Ergänzungen?"

„Sie ist genau drei Wochen alt, Miss Granger. Es gab einige Anregungen zur Verbesserung, und die Rolle wurde von Dumbledore persönlich vervielfältigt und in jedem Gemeinschaftsraum aufgehängt."

Hermione wurde blass.

„Bitte sagen Sie mir nicht, Miss Granger, dass Sie diese Rolle übersehen haben."

„Nein, ich … ich dachte nur, es handele sich um eine Erinnerung für die Schüler mit den wichtigsten Punkten … Es … es waren Ergänzungen?"

„Ganz genau. Und laut dieser Ergänzungen ist geboten, sich bei nicht direkt zur Schuluniform gehörenden, aber laut Schulordnung dennoch erlaubten Gegenständen – wie Schmuckstücken und ähnlichem – an die Hausfarben zu halten." Er blickte sie ausdruckslos an.

„Bitte was?!"

„Ihre Haarspangen, Miss Granger."

Seine Schülerin fasste sich an den Kopf und ertastete die kleinen, unscheinbaren Spangen, mit denen sie ihre seitlichen Strähnen über den Ohren zurückhielt. Sie zog eine heraus. In das Metall war ein winziger, kleiner Stein eingelassen. Er schimmerte weder rot, noch gelb im Kerzenlicht, sondern funkelte in tiefstem Slytherin-Grün.

- -

Hermione wich sämtliche Farbe aus dem Gesicht. Der zurückhaltende Schmuck war ein Geschenk ihrer Großmutter gewesen, die natürlich keinerlei Ahnung von Hausfarben und dergleichen hatte. Hermione hatte sich absolut nichts dabei gedacht, die Spangen im Alltag zu benutzen. Es war typisch für Snape, dass er sich an einem so – im wahrsten Sinne des Wortes – haarsträubenden Detail festklammerte, aber wenn man die Schulordnung penibelst genau nahm, hatte er natürlich Recht.

Allerdings bestand ihr Problem in diesem Moment weder in den Haarspangen noch in der Tatsache, dass sie auf eine lächerlich irrelevante Weise gegen die Schulordnung verstoßen hatte. Sie war eines viel schlimmeren Vergehens schuldig: Sie hatte gerade ihren erbarmungslosesten Lehrer einer furchtbaren Perversion bezichtigt, die sie sich nur eingebildet hatte. Aus dieser Nummer kam sie so schnell nicht wieder heraus.

Wie zur Bestätigung sagte Snape: „Mir war nicht bewusst, dass Sie neuerdings eine Sympathie für mein Haus entwickelt haben, Miss Granger, aber auch wenn ich mich geehrt fühle, widerspricht es nichtsdestotrotz seit drei Wochen der Schulordnung, wenn Sie als Gryffindor-Schülerin zur Schuluniform Slytherin-Farben tragen. Was Sie darüber hinaus privat anziehen … oder nicht anziehen … steht Ihnen selbstverständlich frei."

Hermione stieg die Schamesröte ins Gesicht. Er hatte sie am Wickel, das wussten sie beide. Und nun stand sie vor ihm, vermutlich das kleinste Häufchen Elend, das dieser Lehrer jemals zu Gesicht bekommen hatte und noch bekommen würde, und starrte ihn mit einem Ausdruck in den Augen an, der den Wunsch nach spontaner Selbstentzündung vermutlich nur zu deutlich verriet.

„Ich will Ihnen helfen, Miss Granger. Sehen Sie, da Ihnen nun höchstwahrscheinlich klargeworden ist, dass ich offenbar doch kein ‚mieses, perverses Schwein' bin, dürfte Ihre größte Sorge im Moment sein, als die Frau zu enden, auf deren Grabstein dereinst stehen wird: ‚Sie brach den Strafpunkterekord bei Severus Snape'. Ich möchte Ihnen diese Peinlichkeit ersparen, da Sie zur Zeit ohnehin genug Zorn bei Ihren Mitschülern erregt haben. Dennoch werden Sie mir zustimmen, dass ein Verhalten, wie Sie es gerade an den Tag gelegt haben, keinesfalls geduldet werden darf. Ich muss darüber hinaus gestehen, dass mich Ihre Vorstellung, ich könnte von Ihnen erwartet haben, ohne Unterwäsche zum Unterricht zu erscheinen, über das normale Maß hinaus irritiert. Ich wage zu behaupten, dass es entschieden mehr bedarf als der für Ihr Alter üblichen pubertären Phantasie, um auf eine solche Idee zu kommen."

Hermione gab ein Geräusch von sich, das man am ehesten mit dem Platzen einer Kröte hätte vergleichen können, aber eine sinnvolle Antwort gab sie damit natürlich nicht zum Besten. Im Nachhinein konnte sie absolut nicht begreifen, wie sie nur auf einen so abwegigen Gedanken hatte kommen können.

Ich bin echt das dümmste Schaf auf Hogwarts Weiden! Määh!

„Nun, Miss Granger … als Kompensation für Ihr unverschämtes Auftreten könnte ich Ihrem Haus gleich für ganze Jahrzehnte jede Aussicht auf den Hauspokal nehmen. Stattdessen schlage ich vor, Ihre blühende Phantasie zum Gegenstand Ihrer Strafe zu machen. Sind Sie damit einverstanden?"

In Hermione drehte sich alles. „Ich … weiß es nicht."

„Wäre es Ihnen lieber, wenn ich Ihren kleinen Ausraster in Strafpunkte umrechne?"

Sie zuckte zusammen. Nein, natürlich nicht.

„Ich … bin einverstanden", erwiderte sie zögernd.

Snape lächelte sie an. Das verhieß nichts Gutes.

„Schön, dass wir uns einig sind. Also … als Strafe für den Ausbruch Ihrer schmutzigen Phantasie in meiner Gegenwart und die ungeheuerlichen Anschuldigungen gegen meine Person verlange ich, dass Sie von heute an bis zum Rest des Schuljahres tatsächlich ausschließlich in Ihrer Schuluniform in meinen Räumlichkeiten erscheinen, egal ob privat oder zum Unterricht."

Bitte was?! Sie starrte ihn mit aufgerissenen Augen an. „Professor … das … das kann doch nicht … Sie wollen wirklich, dass …"

„Miss Granger, bevor Sie weiterreden, denken Sie über den Wortlaut der Strafe nach, und Sie werden feststellen, dass dessen Bedeutung eine reine Interpretationsfrage ist. Ich rate Ihnen also dringend davon ab, denselben Fehler zweimal hintereinander zu begehen."

Sie begann, am ganzen Leib zu zittern. Jetzt spielte er tatsächlich mit ihr. Er wusste es, sie wusste es, und es gab nichts, was sie dagegen tun konnte.

Dennoch hatte er einen seltsam gequälten Ausdruck in seinen Augen, der nicht wirklich zu dem irritierend freundlichen Tonfall in seiner Stimme passen wollte. „Sie haben mich zutiefst beleidigt. Wenn ich mich also schon dazu bereit erkläre, auf eine offizielle Bestrafung zu verzichten, dann erwarte ich von Ihnen zumindest eine Wiedergutmachung, die meine unermessliche Gnade auf eine besondere Art und Weise belohnt. Diese Wiedergutmachung besteht darin, dass Sie nicht nur für sich behalten, wie Sie meine Strafe interpretieren, sondern auch, wie Sie diese umzusetzen gedenken. Da ich selbstverständlich nicht vorhabe, zu überprüfen, wie Ihre Interpretation aussieht, bleibt diese somit unserer beider Vorstellungskraft überlassen. Wie Sie nach reiflicher Überlegung feststellen werden, ist uns Beiden damit auf angenehmste Weise gedient, finden Sie nicht?"

In ihr arbeitete es. Snape war ein unglaubliches Schlitzohr. Er hatte absolut nichts von ihr verlangt, was in irgendeiner Form anstößig gewesen wäre; es waren die Umstände, die aus seiner Anweisung eine überaus schlüpfrige Sache machten. Was er von ihr erwartete, war ebenso klar wie unangebracht. Andererseits hätte er ihr jetzt auch alles mögliche aufbrummen können; das wusste sie ebenso wie er. Und gemessen an dem, was sie ihm an den Kopf geknallt hatte, war die Strafe irgendwie… originell.

Egal, wie sie sich entschied – und natürlich würde sie sich gegen seine Erwartung entscheiden – in seiner Phantasie würde sie bis zum Ende ihrer Schulzeit keine Unterwäsche mehr tragen … er würde sich vorstellen, dass sie unter ihrer Uniform nichts weiter trug als nackte Haut, und sie konnte ihm schlecht das Gegenteil beweisen, ohne vor ihm den Rock zu heben – was für ein mieser Schachzug!

Andererseits – sollte er doch denken, was er wollte. Vermutlich tat er das sowieso mit der Hälfte seiner Schülerinnen; das konnte sie kaum verhindern.

Ja, es war falsch, aber sie hatte diesen Lehrer, der ihr erst vor wenigen Stunden eine absolut ehrlich gemeinte Predigt über Respekt gehalten hatte, entschieden in seiner Ehre gekränkt. Und dieses abgebrühte Spiel mit der Phantasie war seiner würdig. Es war intelligent, durchdacht, gemein … und irgendwie, irgendwo, auf eine merkwürdig kribbelige Art und Weise … spannend.

„In Ordnung", hörte sie sich spontan sagen, bevor sie noch länger darüber nachdenken konnte. „Ich werde bis zum Ende des Monats ausschließlich in meiner Schuluniform zu Ihrem Unterricht und in Ihren Räumlichkeiten erscheinen."

Er blickte sie überrascht an, und ihr wurde schlagartig klar, dass er die ganze Zeit keine Sekunde daran geglaubt hatte, dass sie auf seinen Vorschlag eingehen würde.

Dieser Mistkerl.

Da fiel ihr plötzlich etwas ein. Ich kann auch gemein sein.

Sie zog die zweite Spange aus den Haaren. „Sie verstehen sicher, Professor Snape, Sir, dass ich jetzt und hier keine weitere Anpassung an die Kleiderordnung vornehme …?"

Er hob eine Augenbraue. Sie fragte sich, ob das ein gutes Zeichen war.

„Natürlich, Miss Granger", erwiderte er leise.

Sie nickte und wandte sich mit hochrotem Kopf, aber deutlich sichtbarem Grinsen zum Gehen.

„Ach, Miss Granger…?"

Nein, nein, nein, nein, nein …

„Aufgrund Ihrer außerordentlich mutigen und selbstlosen Bereitschaft, Ihrem Haus keine weitere Schmach zu bereiten, verleihe ich Gryffindor in Ihrem Namen zwanzig Punkte."

Hermione sah ihn an, als hätte er ihr gerade einen Heiratsantrag gemacht. Da dem mitnichten so war, hastete sie ein ‚Vielen, vielen Dank, Sir' heraus, bevor sie ihr glückliches Heil in der Flucht suchte.