Do Over

Kapitel 3

Rockin' Around the Christmas Tree


Ein lautes, dröhnendes Geräusch fand seinen Weg bis in Edwards Gehirn. Er stöhnte, zog das Kissen über seinen Kopf und wünschte, dass das Gefühl, als würde jemand mit einem Eispickel in seinen Augenhöhlen bohren, bitte aufhören würde.

Sofort.

Das Dröhnen hörte kurz auf, nur um sofort wieder zu beginnen, und Edward rollte sich herum. Er gab die Hoffnung auf, seinen Rausch auszuschlafen. Vielleicht gab es Bauarbeiten vor dem Hotel ... oder jemand hatte in einer Suite eine Harley gestartet. Wie auch immer, an Schlaf war offenbar nicht mehr zu denken.

Er spürte ein raues Material unter seiner Wange und musste die Stirn runzeln. Er hätte gedacht, er hätte es letzte Nacht bis ins Bett geschafft, aber vielleicht war er auf dem Fußboden eingeschlafen. Ohne seine Augen zu öffnen, streckte er seine Hand aus, um das zu berühren, auf dem er lag.

Häh. Eine Couch.

Aber er hätte gedacht, in seiner Suite stünde eine Couch aus Leder ... eine weiße Ledercouch, wenn er sich recht erinnerte.

Er kämpfte gegen den stechenden Schmerz in seinem Kopf an, öffnete seine verschwollenen Augen langsam und zwinkerte, um zu erkennen, wo er war. Es dauerte einen Augenblick, bis er das Zimmer klar erkennen konnte.

Er war nicht in seinem Hotelzimmer. Er war in einem Haus ... in einem Wohnzimmer. Er sah sich langsam um, erkannte ein überladenes Bücherregal ... einen Großbildfernseher in einer Ecke, der halb von einem Weihnachtsbaum verstellt war ... zwei zusammenpassende Lehnstühle, die auf der einen Seite eines Kaffeetischchens standen. Auf der anderen Seite stand die Couch, auf der er gerade lag.

Wo in aller Welt war er?

„Morgen", sagte eine kratzige Stimme, die daraufhin gähnte. Jemand ging vor ihm durch das Zimmer. „Ich habe Kaffee gemacht, wenn du welchen willst."

Edward setzte sich langsam auf und blinzelte den Mann an, der mit ihm sprach. „Jasper? Jasper Hale?"

Er hatte Jasper nicht mehr gesehen, seit er Seattle verlassen hatte ... und seither kaum mit ihm gesprochen. Und jetzt war er in seinem Wohnzimmer?

„Was tust du hier?", fragte Edward geschockt.

Jasper lachte und nahm einen Schluck von seiner Kaffeetasse. „Das ist mein Haus, Arschloch. Wie viel hast du gestern Abend bitte getrunken?"

Bevor Edward antworten konnte, tanzte ein Wirbelwind quer durch den Raum in Richtung Jasper.

„Fröhliche Weihnachten, Mr. Sexy", sagte der Wirbelwind, sobald er zur Ruhe gekommen war, und drückte einen Kuss auf Jaspers Lippen.

„Alice?", sagte Edward und begriff endlich, dass er wohl träumen musste. Ein Traum, in dem offensichtlich sein ehemaliger bester Freund und seine Schwester vorkamen. Und er schlief auf ihrer Couch.

Alice ignorierte ihn, sprang in Jaspers Arme und schlang ihre Beine um seine Hüften. Jasper fing sie mit einem Arm auf, ohne seinen Kaffee zu verschütten, und küsste sie zunehmend leidenschaftlicher.

„Äh. Das muss ich nicht unbedingt sehen", beschwerte sich Edward und kniff die Augen zusammen, als er seine Schwester sah, die nur mit einem T-Shirt und ihrer Unterwäsche bekleidet war und gerade direkt vor seinen Augen einen Kerl lebendig auffraß.

Ohne eine Sekunde verstreichen zu lassen, rief Alice über ihre Schuler: „Dann geh nach Hause, Edward. Du solltest sowieso besser dort sein. Es ist Weihnachten." Sie glitt Jaspers Körper hinab und küsste ihn noch einmal, bevor sie sich zu ihrem Bruder umdrehte. „Hast du Bella gestern Nacht überhaupt angerufen und ihr gesagt, wo du bist?"

Edward zwinkerte sie an. „Bella?"

Alice verdrehte die Augen. „Hast du nicht, oder? Tja, gut für dich, dass ich es getan habe, sonst hätte sie schon die Polizei losgeschickt, um nach dir zu suchen. Du hattest Glück, dass wir dich gestern Nacht überhaupt herein gelassen haben, nachdem Bella deinen Arsch zur Türe raus geworfen hatte."

Edward schwirrte der Kopf. „Sie hat mich hinausgeworfen?"

Alice lehnte sich zu ihm und schnüffelte ein wenig. „Gott, du stinkst wie eine ganze Brauerei. Du kannst dich wirklich nicht an gestern Abend erinnern?" Bei Edwards ausdruckslosem Gesichtsausdruck fuhr sie fort. „Die Weihnachtsfeier? Hast einen über den Durst getrunken und bist nach Hause gegangen? Bella, die dir gesagt hat, du sollst endlich die Kurve kriegen, sonst brauchst du nie wieder zurückzukommen?" Alice schüttelte aus Mitleid und Frustration den Kopf. „Ehrlich, Edward, wann geht das endlich in deinen Sturkopf hinein, dass Bella das Beste ist, das dir je passiert ist?"

Edward konnte diesen Punkt nicht bestreiten. „Ich weiß", sagte er leise.

„Tja, dann benimm dich auch danach!", meinte sie, gab ihm einen Klaps auf den Hinterkopf und sorgte dafür, dass das beständige Pochen noch schlimmer wurde. Er hörte Jasper glucksen.

„Geh heim, Edward", sagte Alice mit einem Seufzen. „Wir sehen uns hier wieder um sechs zum Abendessen, richtig?"

Edward zögerte, aber er beschloss, dass es wahrscheinlich in einem Traum das Beste war, einfach mitzuspielen. „Um sechs, genau."

„Okay." Alice lehnte sich zu ihm und gab ihm einen Kuss auf die Wange. „Und geh um Himmels Willen duschen."

Das nächste, das er wusste, war, dass er zur Tür hinausgeschoben wurde. Er drehte sich zu der langen Einfahrt, die mit Kieselsteinen bedeckt war, schloss seine Jacke und fragte sich, was er als nächstes tun sollte. Dann bemerkte er etwas Seltsames.

Kein Schnee.

Vorige Nacht hatte es geschneit. Heftig geschneit. Aber im grauen Licht des Tagesanbruchs nieselte es nur mehr leicht und Wasser tropfte vom Dach und den Bäumen rundherum. Edward zog seine Hand aus der Tasche des Mantels und merkte endlich, dass er etwas gehalten hatte. Er öffnete seine Finger und erkannte die kleine Glocke wieder, die Michael ihm in der Nacht zuvor gegeben hatte.

Er schob sie in seine Hosentasche und bemerkte, dass er nicht mehr die Sachen trug, in denen er gestern schlafen gegangen war. Stattdessen trug er eine dunkle Jeans und Stiefel, ein weißes T-Shirt und darüber ein blaues Hemd, sowie eine dicke Jeansjacke.

Was für ein seltsamer Traum. Alice und Jasper waren zusammen. Er und Bella waren anscheinend zusammen, obwohl sie sich gerade gestritten hatten. Und offenbar war er gekleidet wie ein Holzfäller.

Oder ein Model von Eddie Bauer. (Ü/N: Outdoor-Label in Amerika, siehe: . )

Oder vielleicht einfach nur süchtig nach Jeansstoff.

Edward seufzte, trat von der Veranda herunter und ging den kleinen Pfad zur Einfahrt entlang, wo zwei kleine Autos und ein Jeep standen. Er wandte sich einem der kleinen Wagen zu und überlegte, ob er ihn wiedererkannte.

Er erkannte ihn nicht wieder.

Er blickte die Einfahrt in Richtung Straße hinab und fragte sich, wohin er gehen sollte. Intuitiv griff er in seine Taschen und stieß ein siegreiches Glucksen aus, als er ein Handy und einen Schlüsselbund fand. Er drückte auf den Knopf der Schlüsselfernbedienung und wurde mit dem Geräusch einer Wagentür belohnt, die sich entriegelte. Er näherte sich dem alten Mittelklassewagen, der neben dem Jeep geparkt war, und öffnete die Fahrertüre.

Edward sah sich den kleinen, schwarzen Wagen an. Es war ein Honda Civic ... aus den frühen 90ern, schätzte er, und die hintere Stoßstange war ein wenig zerkratzt und zeigte einige Spuren gelber Farbe. Er fragte sich, wo er wohl dagegen gefahren war. Mit einem schweren Seufzen ließ er sich in den Fahrersitz fallen und tappte mit seinen Fingern auf dem Lenkrad herum. Er fragte sich wieder, was er als nächstes tun sollte.

Wohin sollte er fahren?

Normalerweise war es in einem Traum immer klar, was man tun sollte. Nun, da er genauer darüber nachdachte, merkte er, dass normal einfach alles um einen herum einfach passierte und man einfach nur mitmachen musste. Die Stille um ihn herum war seltsam. Es war niemand da, das einzige Geräusch war das Tropfen des Regens und sein eigener Atem. Wieder sah er sich um und war sich nicht sicher, wo er war.

Es sah mit Sicherheit nicht aus wie New York.

Rauch stieg aus dem Schornstein von Jaspers kleinem Haus und stieg durch die Äste der großen Kiefern und Zedern hindurch in den grauen Himmel hinauf. Nein, es sah überhaupt nicht wie New York aus. Es sah eher aus wie ...

Edward griff in seine Gesäßtasche und holte eine abgegriffene Geldbörse aus Leder heraus. Er öffnete sie, registrierte abwesend eine Handvoll Kreditkarten und ungefähr zwanzig Dollar in bar. Er untersuchte den Führerschein, der hinter einer Plastikfolie steckte.

Forks.

Forks, Washington. Seine Heimatstadt ... eine Stadt, in der er schon sehr lange nicht mehr gewesen war, seit er nach New York aufgebrochen war.

Edward konnte nur annehmen, dass der Grund für diesen eher seltsamen Traum war, dass er Bella am Abend zuvor gesehen hatte. Allerdings konnte er irgendwie nicht aufwachen. Zumindest nicht, bis er Bella gesehen hatte.

Er konzentrierte sich und fragte sich, ob er so zu ihr gelangen konnte. Normalerweise dauerte es nicht lange, bis man halb wach war, wenn man erst einmal begriffen hatte, dass man träumte. Er starrte die Adresse auf seinem Führerschein an und beschloss, dass er es genauso gut auch versuchen konnte.

Er startete den kleinen Wagen, oder zumindest probierte er es. Er benötigte drei Versuche, bis die Zündung schließlich funktionierte und er aus Jaspers Einfahrt fahren konnte. Sobald er auf der Hauptstraße war, begann die Umgebung wieder vertraut auszusehen. Er registrierte, dass Jasper sein Haus auf einem Stück Land gebaut hatte, auf dem sie immer herumhingen, als sie noch in der High School gewesen waren. Wenn Edward sich recht erinnerte, gab es einen kleinen Schwimmteich etwa fünfzig Meter hinter Jaspers Haus. An diesem Teich hatten sie all diese Jahre sehr viel Spaß gehabt.

Edward musste lächeln, als er durch das Stadtzentrum von Forks fuhr. Es hatte sich nicht viel verändert. Nicht etwa, dass er das erwartet hätte. Es machte Sinn, dass alles so aussah, wie er es in Erinnerung hatte. Er fuhr den Calawah Way entlang, an dem Campingplatz vorbei, an dem Emmett McCarty gewohnt hatte, und dann bog er in die Trillium Avenue ab und weiter auf die Mayberry Street, wo er nach der richtigen Hausnummer suchte.

Er parkte vor einem einstöckigen weißen Haus mit blauen Fensterstöcken und einer schwarzen Eingangstüre. Ein Spielzeug-Riesenrad lag umgeworfen in der Einfahrt neben einem grauen Minivan, und der Vorgarten war mit dickem, grünen Gras bewachsen, da es anscheinend erst wochenlang geregnet hatte. Edward stieg aus dem Wagen und war überrascht, dass er sich fühlte, als hätte er einen Knoten im Bauch.

Es ist nur ein Traum, sagte er sich immer wieder wie ein Mantra. Dennoch war er unerklärlicherweise nervös.

Er fummelte mit den Schlüsseln in seiner Hand herum und fragte sich, ob er anklopfen oder einfach hineingehen sollte. Schlussendlich musste er sich aber nicht entscheiden, denn gerade als er die Veranda betrat, wurde die Tür aufgeworfen und er wurde von einem schweren Kleidersack an der Brust getroffen.

Edward strauchelte ein wenig und fing den Sack auf, bevor er auf dem nassen Boden landete. Bevor er sich komplett erholen konnte, wurde er von einer kleineren Tasche am Kopf getroffen.

„Oh Scheiße!" Er stolperte zurück, die Veranda hinab, verlor das Gleichgewicht und landete schmerzhaft auf seinem Arsch, wo er nochmal von beiden Taschen schwer am Bauch getroffen wurde. Er blickte hoch in ein vertrautes Gesicht, das ihn so böse wie ein Racheengel anstarrte.

„Rosalie?" Edwards Stimme brach vor Überraschung, als er Jaspers jüngere Schwester sah. „Was zur Hölle geht hier vor?"

„Was geht hier vor?", zischte sie. „Ehrlich, Edward, musstest du überhaupt fragen? Bella hat mich gestern Nacht weinend angerufen, nach dem Scheiß, den du abgezogen hattest, und du erwartest, dass du hierher zurückkommen kannst und dir alles vergeben wird? Diesmal nicht, du Arschloch."

Edward schaffte es aufzustehen. „Wo ist Bella?"

„Sie will dich nicht sehen."

Ein Schauer lief bei diesem Gedanken über seinen Rücken. „Rosalie. Ich will mit ihr sprechen."

„Einen Scheißdreck", gab sie zurück. „Sie hatte das Gefühl, dass du vorbeikommen würdest, und ich war mehr als froh, hier zu bleiben und sicher zu gehen, dass du dein Zeug bekommst." Sie wedelte mit ihrer Hand in Richtung der Taschen. „Nimm sie ruhig mit zu Jasper oder wo auch immer du bleibst, weil sie will dich hier nicht mehr haben."

„Rose, es ist Weihnachten." Es war lahm, aber das einzige Argument, das ihm einfiel. Er hatte ja wirklich keine Ahnung, was hier vor sich ging ... und sei es nun ein Traum oder nicht, er wollte Bella unbedingt sehen.

Rosalie Hale erlag jedoch niemandes Charme. „Daran hättest du denken sollen, bevor du das abgezogen hast – am Heiligen Abend, verdammt, Edward – und du hast dich wie ein besoffenes Arschloch benommen. Du weißt, es ist nicht nur die letzte Nacht allein. Sie hat das alles satt, Edward. Sie hat genug von dir."

Damit ging Rosalie wieder zurück in das Haus und warf die Tür zu. Edward blieb wie erstarrt auf der untersten Stufe der Veranda stehen.

Ein schreckliches Gefühl machte sich in seinem Bauch breit, als ihm ein paar Dinge klar wurden. Erstens tat ihm alles weh. Sein Arsch tat weh und seine Hand blutete, wo er sie sich am Boden aufgeschürft hatte, um seinen Fall abzufedern. Zweitens regnete es jetzt stärker und er begann zu zittern. Seine Kleidung war kalt und nass und das nasse Haar hing ihm in die Augen.

Dies brachte ihn zu einer unlogischen ... unmöglichen ... Schlussfolgerung, die schon am Rande seines Verstandes schwebte. Er wollte nicht einmal darüber nachdenken.

Edward schloss seine Augen und zwang sich aufzuwachen. Er hatte es schon hundert Mal gemacht, wenn ein Albtraum zu schrecklich geworden war. Alles, was er tun musste, war, sich zu konzentrieren, und dann würde er seine Augen öffnen und er wäre wieder in seinem eigenen Bett und er würde sich nicht mal mehr an diese bizarren Erlebnisse erinnern.

Nur noch ein paar Minuten.

Er wartete.

Es regnete nun stärker, es donnerte und er sah das Aufleuchten eines Blitzes durch seine geschlossenen Lider.

Noch ein Weilchen länger.

Es müsste gleich so weit sein.

„Edward?" Eine leise Stimme brachte ihn dazu, die Augen zu öffnen. Er atmete scharf ein, als er ihr Gesicht sah.

Bella.

„Warum stehst du hier im Regen?", fragte sie. Sie hatte die Arme defensiv um ihren Bauch geschlungen und stand in der offenen Türe. „Ich dachte, du wärst gegangen.

Edward starrte sie still eine Minute lang an und fand keine Worte. Sie trug eine ausgeblichene Jeans und ein T-Shirt unter einem rot-karierten Flanell-Hemd. Die Ärmel waren hochgekrempelt. Er fragte sich, ob das Hemd wohl ihm gehörte.

Nur hatte er leider keine Ahnung.

Sie trug die nasse Tasche, die am Boden lag, und Edwards feuchten Kleidersack mit hinein und seufzte ein wenig. „Es tut mir Leid wegen Rose", sagte sie schließlich. „Du weißt, wie beschützend sie ist, und nach gestern Nacht ..." Sie brach ab, blickte weg und fuhr sich über die Wangen. Edwards Herz sank ein Stück hinab, als er begriff, dass sie weinte.

„Bella ... es tut mir Leid."

Sie zuckte mit den Schultern und starrte wieder ins Leere. „Ich weiß, Edward. Es tut dir immer Leid. Das ist das Problem, oder?" Sie trat von der Türe zurück. „Du könntest genauso gut rein kommen und dich abtrocknen. Wir können uns später darüber unterhalten. Ich weiß, dass die Kids dich liebend gern sehen würden."

Edward stoppte seinen Schritt, als er nach vorne treten wollte.

Kids?