Do Over
Kapitel 5
I'll Be Home for Christmas
„Okay, denk daran, ich bin genau hinter dir."
„Ich weiß, Daddy."
„Hab keine Angst."
„Hab ich nicht."
„Okay, stoß dich ab und fahr los, Kumpel."
Masen stöhnte, als er ins Pedal trat. Sein Fahrrad wackelte, und er fuhr langsam den Gehsteig entlang. „Daddy!"
„Ist schon gut", ermutigte Edward ihn. Seine Hände waren zu beiden Seiten des Sattels. Er berührte ihn nicht, aber hatte seine Hände in der Nähe, um zuzupacken, wenn er umfallen sollte. „Du machst das großartig, tritt einfach weiter."
Masen trat schneller in die Pedale und wackelte schon etwas weniger. „Ich kann's!"
„Fahr weiter!"
Masen rauschte den Gehsteig entlang und Edward begann zu laufen, um mit ihm mitzuhalten. „Das machst du toll!"
„Daddy!", rief er besorgt, kurz bevor das Rad ins Wanken geriet und Masen auf den harten Beton fiel.
„Masen!" Edward lief zu ihm, sank auf die Knie und hob das Fahrrad von dem kleinen Jungen hoch. Sein Bauch verkrampfte sich vor Angst. „Bist du okay?"
Zu seiner Überraschung sprang Masen auf die Beine. „Hast du's gesehen? Ich hab's geschafft! Ich war so schnell!" Er sprang auf und ab. „Ich will nochmal."
Edward lachte und drehte das Fahrrad um. „Okay. Aber das nächste Mal denkst du daran, die Füße auf den Boden zu stellen, bevor du stehen bleibst."
Er fuhr wieder voll Zuversicht los, das Fahrrad bewegte sich gerade den Gehsteig entlang und Edward lief neben ihm her. Diesmal trat er in die Bremsen, als er ihren Vorgarten erreichte, und stellte seinen Fuß auf den Boden. Er hatte ein riesiges Grinsen im Gesicht.
Edward war von diesem Moment gefangen, sodass er den kleinen Jungen in seine Arme nahm und ihn herumwirbelte. Das Fahrrad lag vergessen am Gehsteig herum. Masen kreischte und Edward konnte sein Lachen nicht zurückhalten.
„Daddy, mir wird schwindlig", kreischte Masen.
Edward stellte seinen Sohn wieder sanft auf die Beine, ließ ihn aber noch nicht los, damit er sein Gleichgewicht wieder finden konnte. Über Masens Schulter bemerkte er eine Bewegung hinter dem Wohnzimmerfenster. Bella stand dort, hatte Makenna auf ihre Hüfte gesetzt und trug ein sanftes Lächeln im Gesicht, während sie ihnen zusah. Das Lächeln verschwand ein wenig, als sie Edwards Blick erwiderte.
In diesem Moment traf Edward eine Entscheidung. Egal, ob es nun ein Traum war oder nicht, er wollte mit Bella wieder alles gerade biegen.
Denn egal, ob es nun ein Traum war oder nicht, er war noch immer in sie verliebt.
Der Rest des Tages verging zwar friedvoll, war aber nicht angenehm. Bella mied ihn, sie wollte nicht mal im selben Zimmer mit ihm sein, hatte ihn aber noch nicht gebeten, das Haus zu verlassen.
Edward nahm das als ein gutes Zeichen auf.
Weil Masen darauf bestand, öffnete Edward seine Weihnachtsgeschenke. Er bekam noch mehr Flanell-Sachen von Bella – welch große Überraschung. Edward fragte sich, wann er auf den Holzhacker-Style umgestiegen war. Er lächelte aber und dankte ihr und war natürlich sehr beeindruckt von der kleinen Werkzeugkiste aus Holz, die Masen mit blauer und gelber Farbe für ihn bemalt hatte.
Sobald alle Geschenke geöffnet waren, legte Bella Makenna für ein Schläfchen hin und schickte Masen los, seine neuen Spielsachen in sein Zimmer zu räumen. Edward saß einen Augenblick lang unbehaglich da, dann stand er auf und begann, das zerrissene Geschenkpapier und die Schleifen vom Boden einzusammeln. Er knüllte alles in eine große Kugel zusammen und fragte sich, was er damit tun sollte, als Bella mit einem riesigen Müllsack auftauchte.
„Hier." Sie streckte ihn ihm entgegen und er schmiss sein Bündel hinein und nahm ihr den Sack ab.
Sie arbeiteten eine Weile in Stille und räumten das Chaos nach Hurricane Masen auf, als Edward hörte, wie Bella tief seufzte. Edward beobachtete sie aus dem Augenwinkel. Sie sah müde und ausgezehrt aus und – Gott möge ihm helfen – so unglaublich schön.
„Das macht es nicht wieder gut", sagte sie schließlich leise. „Ich will Masen sein Weihnachten nicht ruinieren, also gehen wir heute zum Abendessen zu Jasper und Alice und verbringen Zeit mit unseren Familien, aber morgen müssen wir über ein paar Dinge reden."
„Okay."
„Ich meine es ernst, Edward", sagte sie streng. „Ich werde diesmal nicht einfach nachgeben. Es muss sich etwas ändern, sonst ..."
Edward musste schlucken. „Sonst ...?", hakte er zögerlich nach.
„Sonst ist es aus." Ihre Worte waren leise, kaum mehr als ein Flüstern, aber sie trafen Edward tief im Herzen.
„Ich werde tun, was auch immer nötig ist", sagte er ihr.
„Das habe ich schon mal gehört."
„Aber diesmal meine ich es ernst."
Bella lachte humorlos. „Das hab ich auch schon gehört."
Edward warf das letzte Papier in den Müllsack, band ihn fest zusammen und ließ ihn auf den Boden fallen. Er fuhr sich mit der Hand durch das Haar. „Ich weiß nicht, was ich sagen soll, Bella. Ich will dich nicht verlieren."
Nicht, bevor ich dich überhaupt hatte, fügte er im Stillen hinzu.
„Edward, du hast mich nicht ... wir haben uns schon sehr lange nicht mehr gehabt", sagte sie traurig. Ich weiß nicht. Vielleicht ist es an der Zeit, loszulassen."
„Das will ich nicht."
Bella beäugte ihn. „Es geht nicht nur um dich, Edward."
„Mommy?" Masen erschien in der Tür und rieb sich schläfrig die Augen. „Ich hab Hunger."
Ohne Edward anzusehen, ging Bella zu ihrem Sohn. „Wie wär's mit einem Sandwich?", schlug sie vor. „Dann ist es Zeit, uns auszuruhen, bevor wir zu Tante Alice fahren."
„Aber ich bin gar nicht müde!"
„Masen." Bellas warnender Tonfall brachte Edward zum Lächeln, als die zwei in die Küche gingen. Ihre Stimmen waren im leisen Haus zu hören.
„Okay", stimmte Masen verstimmt zu, „aber ich will Erdnussbutter und Gelee."
„In Ordnung."
Der Nachmittag war weiterhin angespannt, allerdings hielt Bella ihr Wort und brachte ihre Probleme nicht wieder vor. Stattdessen setzte sie ein Lächeln auf. Während Masen und Makenna ein Schläfchen hielten, räumte sie die Küche auf, obwohl es Edward so vorkam, als würde sie dies nur tun, um ihm aus dem Weg zu gehen, denn die Küche war makellos.
Edward nützte die Gelegenheit und stöberte im Haus herum. Er blätterte durch Fotoalben und sah in diverse Schubladen. Er wusste, dass dies technisch gesehen sein Haus war, aber es kam ihm so vor, als würde er unerlaubterweise herumstöbern. Das, was er fand, erweckte allerdings noch mehr Fragen, als dass es ihm Antworten gab. Er fand sein College-Diplom und das von Bella ... aber es gab keinen Hinweis auf das Master-Diplom, von dem er wusste, dass sie das entsprechende Studium begonnen hatte. Und als er an ein Regal in einem Zimmer kam, das sie offenbar gemeinsam als Büro nutzten, sah er einige Tassen mit der Aufschrift „Beste Lehrerin der Welt" und kleine Trophäen. Er schloss daher, dass Bella eine Lehrerin geworden war und keine Autorin.
Er fragte sich, was zu diesem Entschluss geführt hatte.
Er fragte sich ebenfalls, wie er bei der Forks Weekly gelandet war, einer Zeitung, von der er noch nie zuvor gehört hatte. Er fand einen Stapel Zeitungen und auch ein paar Visitenkarten in einer Schreibtischschublade. Offenbar war er der Chefredakteur.
„Wir müssen in einer Stunde bei Alice sein", sagte Bella von der Türe aus. Edward zuckte schuldbewusst zusammen, aber unterdrückte seine Panik, als er merkte, dass Bella überhaupt nicht überrascht oder irritiert wegen seiner Anwesenheit in diesem Zimmer war. Schließlich war es auch sein Büro.
„Okay."
„Ich wecke die Kids auf und mache sie fertig, und du unterhältst sie ein wenig, während ich dusche?", fragte sie vorsichtig, als ob sie es gewöhnt wäre, dass er bei solch einer Bitte protestierte.
Edward zuckte nur mit den Schultern. „Sicher. Kein Problem."
„Ich hab dir dein blaues Hemd gebügelt. Es liegt auf dem Bett, wenn du dich umziehen willst."
Edward zwinkerte. Er war es nicht gewohnt, dass man so etwas für ihn tat. „Danke", sagte er schließlich. „Das weiß ich zu schätzen."
Bella nickte nur ein wenig als Bestätigung und ging.
Edward machte sich auf den Weg in das Schlafzimmer und zog sich schnell um, bevor er den Gang entlang zu Masens Zimmer ging. Er kämpfte gegen ein Glucksen an, als er sah, was sich hier abspielte. Ein offenbar sehr aufgeregter Masen sprang auf dem Bett herum, während Bella versuchte, ihm einen gestreiften Pullover über den Kopf zu ziehen.
„Daddy!", schrie er, als er Edward in der Türe stehen sah. „Wir fahren zu Tante Alice!"
Edward grinste. „Ich weiß, Kumpel. Aber wir können nicht fahren, wenn du Mommy nicht dabei hilfst, dir den Pullover anzuziehen."
„Aber ich freu mich so! Mein Körper hört nicht auf herumzuspringen!", meinte er und betonte jedes Wort mit einem weiteren Hüpfer auf der quietschenden Matratze.
Edward kam in das Zimmer, schnappte sich den lachenden Jungen und setzte sich mit ihm am Schoß auf das Bett. „Versuch's nur eine Minute lang", sagte Edward. „Wir zählen bis fünf und ich wette, bis dahin ist Mommy fertig. Eins ..."
Masen lächelte wegen dieses Spiels. „Zwei ..."
Bella zog Masen den Pullover über den Kopf. „Drei ..."
Ein Arm durchgesteckt, dann der nächste ... „Vier ..."
Bella steckte Masen schnell die Schuhe an die Füße und band ihm rasch die Schnürsenkel zu. „Viereinhalb ...", sagte Edward und zog das Wort in die Länge.
Bella war fertig mit den Schuhbändern und drückte Masen einen lauten Schmatz auf die Wange. „Fünf!"
„Fertig!" Masen rutschte von Edwards Schoß und rannte aus dem Zimmer. „Fahren wir!"
Bella setzte sich zurück auf die Fersen und schob sich das Haar aus dem Gesicht. „Danke", sagte sie. „Könntest du Makenna holen? Sie ist in ihrem Zimmer und schon fertig angezogen. Ich werde nur schnell unter die Dusche springen."
Edward war ein wenig besorgt, als er daran dachte, sich um Makenna kümmern zu müssen. Er hatte generell sehr wenig Erfahrung mit Kindern, und noch weniger mit kleinen Mädchen. Aber er versteckte seine Angst und lächelte stattdessen. „Sicher. Kein Problem."
„Ich bin in zwanzig Minuten fertig", sagte Bella, blickte abrupt weg und ging den Gang entlang zum Elternschlafzimmer.
Edward näherte sich langsam Makennas Zimmer und versuchte, nicht in Panik auszubrechen, als er sich in dem ungewohnt mädchenhaften Zimmer mit rosa und gelben Streifen an den Wänden wiederfand. Das kleine Mädchen saß mitten am Fußboden, hatte eine Babypuppe im Arm und wiegte sie leise hin und her. Edward nahm sich einen Moment Zeit, sie zu betrachten. Im Schatten von Masens Enthusiasmus hatte er bislang noch keine Gelegenheit gehabt, sie anzusehen.
Ihr Haar war das reinste Chaos auf ihrem Kopf, es schimmerte in roten und bronzefarbenen Tönen in dem gedimmten Licht der Lampe. Edward lächelte reuevoll, da er wusste, dass sie die Haarwirbel wohl ihr ganzes Leben lang verfluchen würde, und hoffte, dass sie ihrem Vater nicht allzu böse für die Gene war, die ihr noch solch ein Unbehagen bereiten würden. Er lächelte sanft, als sie der Puppe vorsang. Es war eine klanglose Melodie mit Worten, die er nicht verstand. Schließlich merkte sie, dass sie beobachtet wurde, und hob ihren Blick, um Edward anzusehen.
„Hi Daddy", flüsterte sie leise. Offenbar wollte sie ihre Baby-Puppe nicht aufwecken.
Edward brauchte einen Moment, um antworten zu können, denn als er ihre großen Augen sah, verschlug es ihm die Sprache. Es war, als würde er in einen Spiegel sehen. Die leuchtend grünen Augen mit goldenen Funken darin starrten ihn an, als wären es seine eigenen Augen. Das war verstörend ... überwältigend ... und zugleich erfüllte es ihn mit Stolz und einem Beschützerinstinkt, der ihn beinah umwarf.
Sein Kind. Seine Tochter.
War es möglich, sich so schnell in jemanden zu verlieben?
Zögerlich ging er zu ihr und ließ sich neben ihr auf dem Teppich nieder. „Hi Makenna." Er konnte nicht widerstehen und streckte seine Hand aus, um ihr eine verirrte Haarsträhne aus dem Gesicht zu streichen. „Was tust du da?"
„Ich kümmere mich um Baby. Sie ist müde", flüsterte sie.
„Kommt sie mit uns mit zu Tante Alice?"
Makenna nickte ernst. „Klar. Sie kommt immer mit mir mit."
Edward lächelte. „Tja, können wir nach unten gehen? Sobald Mommy fertig ist, müssen wir losfahren."
„Okay, Daddy." Sie reichte ihm kurzerhand die Puppe, als sie aufstand. Edward hielt sie einfach an einem Arm fest.
„Daddy!", tadelte sie. „Du musst sie sanft halten!" Sie streckte ihre Hände aus und legte seine um die Plastikpuppe.
„Ist es so richtig?", fragte Edward und war ein wenig erstaunt über das hübsche Kind. Er korrigierte seinen Griff. „Ist es so besser?"
Makenna nickte, schnappte sich Edwards Hosenbein und zog ihn aus dem Zimmer. „Glaubst du, hat Tante Alice Kekse?"
„Ähmmm ... vielleicht."
„Erdnussbutterkekse? Das sind meine Lieblings."
„Meine auch!"
Makenna sah ihn komisch an. „Das weiß ich doch, Daddy."
Edward grinste. „Natürlich weißt du das."
Sie gingen nach unten und fanden Masen vor, der wild von einem Zimmer ins nächste rannte. Er hatte seine Arme weit ausgestreckt und machte Flugzeuggeräusche.
„Ich fliege zu Tante Alice!", schrie er aus der Küche.
„Vielleicht sollten wir lieber das Auto nehmen", schlug Edward vor.
„Nö. Fliegen geht schneller."
„Du kannst nicht fliegen, Masen", sagte Makenna. Ihr Tonfall klang viel älter als ihr kleiner Körper, und sie stemmte ihre Fäuste in die Hüften. „Du hast keine Flügel."
Masen blieb vor ihr stehen. „Kann ich doch."
„Kannst du nicht."
„Doch!"
„Nicht!", schrie sie.
„Whoa! Wartet eine Sekunde", versuchte Edward dazwischen zu gehen. Er suchte verzweifelt nach einem Weg, diese Situation zu entschärfen. Zwei Augenpaare wandten sich ihm zu und warteten offenbar darauf, dass er einen Gewinner dieser Streitigkeit auserwählte.
Edward hatte keine Ahnung, was er tun sollte.
Zum Glück blieb ihm dies erspart, da Bella gerade die Stufen herunter kam und einen langen Mantel anzog, als sie ins Wohnzimmer kam. „Zeit zu fahren!", sagte sie fröhlich und lenkte die Aufmerksamkeit der Kinder erfolgreich auf sich. „Zieht euch an, wenn ihr mit zu Tante Alice kommen wollt."
Masen und Makenna jubelten, schlüpften in ihre Mäntel und warteten geduldig, dass Bella sie ihnen zuknöpfte. Edward beobachtete die Situation mit gemischten Gefühlen.
Einerseits war er überwältigt ... eine Frau ... zwei Kinder ... sie alle waren abhängig von ihm – und von dem, was er bislang erfahren hatte, hatte er bei ihnen völlig versagt.
Andererseits erfüllte ihn diese heimelige Szene mit einem Gefühl des Friedens und der Sehnsucht. Das war etwas, von dem er nicht gewusst hatte, dass er es gern hätte, nicht einmal in den Zeiten, als er über Bellas Verlust in seinem Leben mit mehr Leidenschaft getrauert hatte als gedacht.
Aber doch ... er wollte das alles.
Er folgte Bella hinaus zum Minivan und sah ihr zu, wie sie Makenna in den Kindersitz setzte und anschnallte. Masen sang, so laut er konnte, Jingle Bells. Der Motor stotterte ein wenig, bevor er ansprang, und dann fuhren sie langsam rückwärts aus der Einfahrt.
Er spähte kurz zu Bella ... seiner Frau ... die neben ihm saß.
Er wollte dieses Leben. Auch wenn es bedeutete, dass er nie einen Fuß in ein fremdes Land setzen und nie in den nationalen Nachrichten erscheinen würde. Er wollte dieses Leben.
Aber sein Herz sank, als er etwas anderes bemerkte.
Er wollte dieses Leben zwar leben, aber er war sich nicht sicher, ob Bella das noch wollte.
