Do Over
Kapitel 8
All I Want for Christmas Is You
Bis Jason und Edward es endlich geschafft hatten, Edwards Wagen zu starten, war Edward schon beinahe panisch. Er rief Bella an, kam auf ihre Mobilbox, und versicherte ihr dort, dass er bereits unterwegs war und so bald wie möglich bei ihr sein würde. Er ließ den Wagen laufen, als er schnell in einen kleinen Blumenladen lief und einen Strauß roter Rosen kaufte. Er wusste, das sah klischeehaft aus, aber er hatte keine andere Wahl.
Endlich ... endlich raste er den Highway 101 entlang. Seine Augen blickten ständig auf die Uhr am Armaturenbrett. Egal, wie oft er hinsah, er erfuhr immer wieder das selbe.
Er war spät dran.
Er rief Shelly an und bat sie, Waylon zu kontaktieren und ihm zu sagen, was los war. Es lief nicht alles wie geplant, aber Edward war fest entschlossen, dass die Ereignisse des Tages nicht alles ruinieren durften.
Edwards neuer Anzug rutschte von der Lehne des Beifahrersitzes und er griff hinüber, um ihn schnell wieder gerade zu richten. Er hatte keine Zeit für eine Dusche, so viel war klar. Er schnüffelte an sich selbst. Nicht zu schlimm. Ein schneller Spritzer Kölnischwasser sollte reichen.
Er blickte zurück zu seinem Anzug. Eigentlich wollte er ihn schon tragen, wenn er Bella abholte – und nicht in wahnsinniger Eile, sich umzuziehen, durch die Eingangstür zu laufen.
Denn das würde die Romantik irgendwie ruinieren.
Er beäugte den Anzug grüblerisch, dann blickte er auf die leere Straße.
Er konnte anhalten und sich umziehen, aber es würde viel schneller gehen, wenn er sich während des Fahrens umzog. Seine Augen verengten sich und er betrachtete den in Plastik gehüllten Anzug neben sich. Das Hemd und die Krawatte wäre sicher kein Problem. Die Socken konnte er anbehalten, und die Schuhe zu wechseln würde einfach sein.
Aber die Hose. Die Hose konnte schwierig werden.
„Scheiß drauf", murmelte er, griff hinüber und begann mit einer Hand, das neue Hemd aufzuknöpfen und vom Kleiderbügel zu nehmen. Natürlich rutschte das Jackett mit vom Bügel und Edward fluchte leise, während er das Hemd wieder frei schüttelte und dann das Jackett über die Lehne des Beifahrersitzes hing. Er knöpfte nur die obersten zwei Knöpfe des Hemdes auf, welches er gerade trug, und zog es sich rasch über den Kopf. Dabei geriet der Wagen ein wenig ins Schlingern. Er biss die Zähne zusammen und warf das Flanellhemd über seine Schulter, bevor er einen Arm in das frische, weiße Hemd steckte. Er lehnte sich nach vorne, streckte den linken Arm nach hinten und versuchte, den zweiten Ärmel zu finden, während der Sicherheitsgurt am Hals ihm die Luft raubte. Bis er es endlich geschafft und den Ärmel gefunden hatte, war er durchgeschwitzt. Er versuchte, das Hemd über seine Schultern hochzuziehen.
Aber es funktionierte ... einfach ... nicht.
„Fuck!", schrie er frustriert. Nach einigen weiteren Versuchen und einem schwungvollen Ruck, bei dem er fast fürchtete, dass die Nähte gerissen sein könnte, merkte er, dass er das Hemd an seinem Rücken total verdreht hatte. Er war nun in einer seltsamen, weißen Zwangsjacke gefangen.
Edward sah, dass er sich langsam der Stadtgrenze von Forks näherte, und beschloss, das Ganze sein zu lassen, solange er die Stadt noch nicht erreicht hatte, und fuhr an der nächsten Gelegenheit rechts ran. Er erblickte eine geeignete Möglichkeit am Bankett und blieb dort erleichtert stehen. Es wäre ihm zwar lieber gewesen, wenn man ihn von der Straße aus nicht so leicht gesehen hätte, aber es war nicht viel Verkehr und er hatte keine besseren Optionen zur Verfügung.
Edward schnallte sich rasch ab und schaffte es, sich mit einem siegreichen Brummen aus seinem Baumwollgefängnis zu befreien. Er zog das Hemd richtig an und ruckelte sich die Jeans von den Beinen. Er griff nach der neuen Hose und sah gleichzeitig auf die Uhr. Wenn sie sich beeilten, konnten sie die Reservierung im Canlis noch einhalten.
Edward warf die Jeans auf die Rückbank und sah in den Rückspiegel, worin sich plötzlich rote und blaue Lichter spiegeln.
Ein rotes und blaues Schimmern.
So wie ... das Blaulicht eines Polizeiwagens.
Mit einem Stöhnen steckte Edward umständlich seine Beine in die Anzughose und zog sie gerade über seine Oberschenkel, als ein Officer mit seiner Taschenlampe an die Scheibe klopfte.
Edward setzte sein verlegenes Grinsen auf, blickte hoch ... und fand sich Aug' in Aug' mit der Person, der er nie im Leben mit heruntergelassenen Hosen begegnen wollte.
Denn hier stand Chief Charlie Swan.
Edward dachte sofort an die Wörter „Wild" und „Scheinwerferlicht" und ein paar farbenfrohe Schimpfwörter.
Er kurbelte das Fenster hinunter. „Hi, Chief", sagte er und beschloss, so zu tun, als wäre das witzig. Schließlich war das sein Schwiegervater.
„Edward", antwortete der Chief. Sein Blick nahm Edwards zerzauste Erscheinung in sich auf. „Führerschein und Zulassung."
Häh. Bellas Vater hatte ihn noch nie gemocht. Er nahm an, das würde sich nie ändern, nicht einmal in einer alternativen Wirklichkeit. Natürlich, schließlich war er ja halb nackt am Straßenrand.
Edward suchte seine Hose ab und merkte, dass seine Geldbörse sich in der Jeans befand, die er gerade nach hinten geworfen hatte. Er schluckte schwer, dann drehte er sich um und beugte sich über den Sitz, während er sich gleichzeitig mit dieser Bewegung seine neue Hose über den Arsch zog. Er holte die Geldbörse hervor und reichte dem Chief seinen Führerschein und die Zulassungspapiere.
Charlie Swan untersuchte die Papiere ohne jegliche Emotion im Gesicht, dann beäugte er Edward verdächtigend. „Willst du mir erzählen, was du hier machst, Edward?"
Edward zwang sich zu einem Lachen. „Witzige Geschichte", begann er, aber aufgrund der todernsten Miene des Chiefs entschied er sich für eine andere Taktik.
„Ich wollte bloß Bella überraschen", sagte er stattdessen. „Ich führe sie heute zu einem schönen Abendessen aus und ich bin spät dran. Ich dachte, es wäre einfacher, wenn ich mich gleich im Auto umziehe."
Edward konnte schwören, dass er sah, wie sich die Lippen des Chiefs leicht nach oben bogen. Natürlich konnte er sich das auch nur einbilden.
„Und wie läuft's?", fragte er.
„Äh ... nicht so gut", antwortete Edward, knöpfte sich das Hemd zu und steckte es rasch in seine Hose, bevor er nach seiner Krawatte griff. „Kann ich vielleicht bloß mit einer Verwarnung davonkommen? Ich will wirklich dringend zu Bella."
Chief Swans Gesicht nahm einen düsteren Ausdruck an. „Sie hat wirklich einen netten Abend verdient. Besonders nach dem, was an Heiligabend passiert ist."
Edwards Herz sank nach unten. Wusste wirklich jeder Bescheid? Die Gerüchte, die in einer typischen Kleinstadt kursierten, hatte er überhaupt nicht vermisst.
„Tja ... äh ... ich wollte wirklich gern versuchen, es wieder gut zu machen."
„Das solltest du auch."
Der Chief stand einen Moment lang still da und Edward fragte sich, ob er ihn wohl gehen lassen würde, oder ob er ihn wegen einer Befragung mit auf die Polizeistation nehmen würde.
Oder ob er ihn dort quälen würde.
Der Chief tippte mit seiner Taschenlampe in seine offene Handfläche. Seine Augen waren beteiligungslos und Edward musste schlucken.
Zum Glück hatte Chief Swan Gnade mit seinem Schwiegersohn, und mit ein paar gebrummten Worten und der Warnung, nicht wieder einfach am Straßenrand anzuhalten, gab er ihm die Zulassung und den Führerschein zurück und drehte sich um, um zu seinem Streifenwagen zurückzugehen.
Edward atmete erleichtert aus und richtete seine Krawatte. Er untersuchte sie im Rückspiegel. Er sah, dass Charlie ihn beobachtete, und griff schnell nach dem Schlüssel.
In einer perfekten Welt wäre Edwards Wagen nun angesprungen und Edward hätte es rechtzeitig nach Hause geschafft, um Bella zu einem traumhaften Abendessen in ein vier-Sterne-Restaurant auszuführen.
In Edwards Welt sprang der Wagen allerdings nicht an. Er musste seinen Schwiegervater – der ihn offenbar hasste – bitten, ihm Starthilfe zu geben, und als er schließlich zu Hause ankam, war er in solcher Eile, dass er die Rosenköpfe in der Autotüre einklemmte.
Dennoch lächelte Bella ihr hübsches Lächeln, als er ihr die etwas zerdrückten Blumen überreichte. Er läutete an der Türe und war sprachlos, als Bella sie öffnete. Sie trug ein seidiges grünes Kleid, das ihre schlanke Figur betonte und hypnotisierend mitschwang, wenn sie sich bewegte. Edward war zu nichts mehr fähig und drückte ihr die Rosen in die Hand, wie ein Teenager an seinem ersten Date.
„Ich ... äh ... hatte ein paar Schwierigkeiten mit den Blumen ... und der Wagentür", erklärte er lahm, als ein paar Blüten zu Boden fielen.
Bella lachte. „Aber sie sind wunderschön. Danke."
Edward folgte ihr in die Küche, wo sie die Rosen in eine Vase steckte. Er versuchte, nicht zu auffällig auf die Uhr zu schauen. Zum Glück hatte seine Mutter die Kinder bereits abgeholt, die für die Nacht bei ihr und Carlisle bleiben würden. Dennoch wusste Edward, dass sie sich langsam auf den Weg machen mussten.
„Bist du fertig?", fragte er Bella, als sie Wasser einfüllte und die weniger beschädigten Blumen hübsch in der Vase arrangierte.
„Hmm?"
Edward räusperte sich. „Bist du bereit zu gehen? Wir haben eine Reservierung."
Eilig steckte sie auch die restlichen Blumen in die Vase, richtete sie ein wenig und runzelte die Stirn. „Okay", sagte sie und wischte sich die Hände ab, „ich hole nur schnell meinen Mantel."
Sie schafften es aus dem Haus und in den Minivan. Edward vertraute seiner unzuverlässigen Batterie heute Nacht nicht mehr. Er fuhr los und sie ließen die Stadt hinter sich.
„Wohin fahren wir?", fragte Bella. „Ich dachte, wir gehen ins Lodge."
Edward lächelte rätselhaft. „Es ist eine Überraschung." Er war froh, dass es Bella zu gefallen schien und sie ein wenig lächelte. Er beobachtete sie aus dem Augenwinkel, als sie sich dem Flugplatz näherten.
„Edward?" Sie sah ihn fragend an, als er den Van parkte und um ihn herum ging, um ihr die Türe zu öffnen und ihr herauszuhelfen.
„Komm einfach mit", sagte er leise und nahm ihre Hand in seine. Das Gefühl ihrer weichen Haut an seiner sorgte dafür, dass er sich ganz warm und ein wenig schwindelig fühlte. Er führte sie über die Rollbahn, wo Waylon seinen Helikopter vor dem Start durchcheckte.
Bella blieb abrupt stehen. „Wir fliegen doch nicht mit dem da", meinte sie und schüttelte langsam den Kopf.
Edward zog an ihrem Arm. „Das macht Spaß. Komm schon."
„Spaß?", wiederholte sie und drehte sich mit panischen Augen zu ihm. „Aber Edward, diese Dinger sind gefährlich ... und Waylon Forge?" Ihre Stimme wurde zu einem Flüstern. „Du weißt, dass dieser Kerl ein Spinner ist!"
„Entspann dich, Bella. Ich bin schon tausend Mal mit diesen Dingern geflogen", versicherte er ihr.
„Ja? Wann?", fragte Bella verwirrt.
Edward zögerte. In einem anderen Leben. In einer anderen Welt.
„Okay, du hast mich ertappt", gab er nach einem Augenblick zu. „Vielleicht noch keine tausend Mal, aber glaub mir, das ist sehr sicher."
„Also ich weiß nicht", sagte sie zögerlich.
„Komm schon, Bella ... bitte." Er wandte sich mit einem bittenden Blick zu ihr und hoffte, dass sie immer noch empfänglich dafür war. „Ich habe einen unglaublichen Abend geplant ... aber damit er stattfindet, müssen wir in diesen Helikopter steigen."
Bella biss sich auf die Lippe und beäugte den Hubschrauber zweifelnd. Als sie ihre Lippe losließ, wusste Edward, dass er gewonnen hatte.
„Okay. Gehen wir."
Sie liefen auf den Helikopter zu und Waylon half den beiden hinein. Er reichte ihnen Headsets, bevor er den Rotor startete.
„Entspannt euch einfach", sagte Waylon mit einem Grinsen. Seine Stimme klang über die Kopfhörer recht dünn. „Ihr seid in null Komma nichts in Seattle."
„Wie lang fliegen Sie schon, Waylon?", fragte Bella. Ihre Stimme schwankte vor Nervosität.
Waylon lachte, sprach kurz mit dem Tower, dann betätigte er den Steuerknüppel und hob den Helikopter in die Luft. „Schon länger, als es dich gibt, Puppe", sagte er. „Früher hab ich die Kameraden im Vietnam mit Vorräten versorgt, bevor mein Knie von einem Bombensplitter verletzt wurde." Er rieb kurz sein Bein. „Ein paar Touristen herumzufliegen ist nicht das selbe, wie Mörserbomben auszuweichen, aber ..." Seine Stimme schweifte beinah sehnsüchtig ab, als er an seine Kriegsjahre dachte, und Bella tauschte einen bedeutungsschweren Blick mit Edward aus.
Siehst du?, sagte sie mit ihren Augen, ein Spinner!
Edward unterdrückte ein Lachen.
Sie landeten in Seattle und Bella war sehr erstaunt, dass eine glänzende, schwarze Limousine auf sie wartete. Edward fand eine Flasche gekühlten Champagner im Inneren und dankte im Geiste Shelly für ihre Voraussicht. Er schenkte ihnen jeweils ein Glas ein.
Bella nippte an der prickelnden Flüssigkeit. „Ich hatte seit der Hochzeit von Alice und Jasper keinen Champagner mehr", sagte sie. „Und das nahm damals ja kein so gutes Ende."
Edward lachte nur, als ob er wüsste, wovon sie sprach.
„Hoffentlich musste du diesmal nicht meine Haare hoch halten", fuhr sie fort und weihte ihn damit ein wenig ein, was auf der Hochzeit seiner Schwester passiert war.
Edward lächelte warm. „Das würde ich dennoch tun, weißt du", sagte er ernst. „Ich würde alles für dich tun, Bella."
Er machte sich Sorgen, ob sie diese Aussage wohl zu abgedroschen finden würde, aber sie lächelte – ein echtes Lächeln – und Edwards Herz machte einen Sprung. Es funktionierte. Sie würde ihm vergeben und dann würden sie miteinander glücklich sein.
Endlich.
