Do Over
Kapitel 13
Do You Know What I Know?
Am Neujahrstag war Edward schon früh aufgestanden. Er war so aufgeregt, weil am vergangenen Tag mit Bella alles so wunderbar gelaufen war, dass er nicht länger im Bett bleiben konnte.
Oder ... auf der Couch, das traf es wohl besser.
Also stand er früh auf, faltete in Stille seine Decke zusammen und machte Kaffee für Jasper und Alice. Seine Schwester taumelte kurz nach sieben in die Küche, ihre Augen waren geschwollen und ihre Hände griffen verzweifelt nach der Kaffeekanne. Edward gluckste ein wenig und reichte ihr eine Tasse. Alice konnte noch nie lang schlafen. Nicht einmal mit einem Kater blieb sie länger als bis acht Uhr im Bett.
„Jasper schläft noch?", fragte Edward, nippte an seinem Kaffee und schob eine Tüte voll Bagels in Alices Richtung. Sie runzelte die Stirn und schob sie zurück, bevor sie sich umdrehte und im Küchenschrank nach einem Aspirin suchte.
„Ja", sagte sie gähnend, drückte ein Aspirin aus dem Blister und schluckte es mit ihrem Kaffee runter. „Du hättest gestern Nacht mit uns kommen sollen. Wir haben es total krachen lassen. Emmett und Rosalie waren da, und du erinnerst dich sicher noch an diesen Kerl namens Tyler Crowley aus der High School?" Edward nickte und sie fuhr fort. „Er ist zurück in der Stadt, auf Besuch, und Emmett hat ihn dabei erwischt, wie er im Abstellraum von einem der Kellner einen geblasen bekommen hat."
Edward lachte. „Ist nicht wahr."
„Doch", bestätigte Alice und setzte sich an den Tisch. „Ich glaube, der Kellner wurde gefeuert, aber da er mit Tyler heim ging, schätze ich, ist alles gut."
„Hört sich nach einer tollen Zeit an", sagte Edward mit einem Grinsen.
Alice beäugte ihn genau. „Du bist letzte Nacht wirklich zu Hause geblieben?"
Edward nickte. „Ja. Ich war ziemlich geschafft, nachdem ich mit den Kids den ganzen Tag lang am Strand auf und ab gelaufen bin." Alice prüfte ihn eingehend und er fragte: „Was?"
Sie schüttelte ein wenig den Kopf. „Nichts ... es ist nur ... normalerweise würdest du keine Party verpassen."
Edward zog eine Grimasse. „Ja, das hab ich auch erfasst."
„Was soll das heißen?" Alice schaute ihn verwirrt an.
„Nichts. Ich habe nur beschlossen, mich zu ändern, das ist alles."
Alice starrte ihn für eine lange Zeit an. Edward rutschte unangenehm berührt hin und her und schwenkte den Kaffee in seiner Tasse. Seine Schwester hatte immer eine Art sechsten Sinn gehabt, was Menschen betrifft – einen Einblick, der manchmal ziemlich gruselig war. Es kam ihm vor, als würde sie in diesem Moment in seine Seele blicken.
„Was ist mit dir passiert, Edward?", fragte sie leise.
Edward lachte. „Du würdest es mir nicht glauben, wenn ich es dir erzähle."
Alice stützte ihr Kinn auf ihre Fäuste. Ihr Blick schwankte nicht. „Versuch es."
Edwards Lächeln verblasste, als er über Alices Worte nachdachte. Was hatte er wirklich zu verlieren?
„Ich bin nicht der Edward, den du kennst", sagte er schließlich.
„Was meinst du damit?"
Edward holte tief Luft. „Ich meine, dies ..." Er breitete die Hände aus, um zu zeigen, dass er die ganze Umgebung meinte. „... all das ... diese Welt. Das ist nicht meine. Ich komme aus einer anderen Welt ... einer anderen Wirklichkeit."
Er fuhr fort und erzählte Alice alles über die Ereignisse, die dazu geführt hatten, dass er am Weihnachtsmorgen auf ihrer Couch gelandet war. Zu seiner Überraschung sagte sie nichts, während er sprach. Weder unterbrach sie ihn, noch warf sie Bemerkungen ein. Sie hörte einfach nur zu.
Als er fertig war, sah er ihr in die Augen und wartete auf ihre Reaktion.
„Also", sagte sie und zog an ihrem Ohrläppchen, wie sie es öfter tat, wenn sie intensiv über etwas nachdachte, „du sagst somit, dass du Bella in deiner Welt nie gebeten hast, dich zu heiraten."
„Nö."
„Und ihr zwei habt Schluss gemacht. Ihr habt euch nie wieder gesehen?"
„Nicht bis an Heiligabend, als ich sie bei dieser Feier traf."
Alice nahm einen Schluck von ihrem Kaffee und runzelte abwesend die Stirn, da ihr Getränk mittlerweile kalt und bitter geworden war. „Also bist du deshalb so anders. Und deshalb bist du auch so entschlossen, das mit Bella wieder hinzukriegen."
Edward nickte nur. „Es hört sich verrückt an, ich weiß."
Alice kicherte. „Ja. Milde ausgedrückt. Das ist wie eine Folge von Twilight Zone."
Edwards Blick fing den seiner Schwester ein. „Aber du glaubst mir."
Alice zuckte die Schultern. „Etwas ist definitiv mit dir passiert ... und du hast mich noch nie angelogen. Seltsame Dinge passieren ständig auf der Welt – und wer bin ich schon, um zu sagen, was möglich ist und was nicht?"
Edward war plötzlich von den Gefühlen überwältigt, schoss auf und umarmte Alice fest. „Danke."
Sie legte ihre kleinen Arme um ihren Bruder. „Kein Problem", antwortete sie, „aber Edward?"
„Ja?"
„Ich würde das sonst niemandem erzählen", schlug sie vor. „Es wäre mir gar nicht recht, dich nur noch während der Besuchszeiten in der Psychiatrie zu sehen."
Edward lachte ohne Humor. „Ja. Daran hab ich auch schon gedacht."
„Was wirst du jetzt also machen?", fragte sie.
„Bella zurückgewinnen."
„Das hört sich so einfach an, wie du das sagst", meinte sie.
Edward ließ sie los und setzte sich wieder auf seinen Platz. „Tja, jetzt hab ich ja ein wenig Hilfe, richtig?"
Alice grinste. „Du weißt, ich tue alles für dich, was ich kann."
Edward erschien kurz nach zehn Uhr vor Bellas Haustüre. Er hatte einen Strauß Margeriten in der einen und eine Kiste Bier vom Supermarkt an der Ecke in der anderen Hand. Bella errötete wegen der Blumen, aber anscheinend gefielen ihr diese noch mehr als die Rosen, die er ihr zuvor schon geschenkt hatte.
Sie führte ihn schnell in die Küche, wo Edward das Gemüse für einen dicken Rindereintopf zu schneiden bekam. Er genoss die stille Kameradschaft, während sie arbeiteten und die Kinder an der Frühstückstheke Bilder malten. Masen war außergewöhnlich leise, und Edward beobachtete den Jungen immer wieder besorgt.
„Masen", fragte er schließlich, „fühlst du dich nicht gut, Kumpel?"
Sein Sohn zuckte mit den Schultern. Bella lehnte sich zu ihm und drückte ihre Wange an seine Stirn.
„Du hast kein Fieber", murmelte sie. „Tut dir der Bauch weh?"
Er schüttelte den Kopf und zog seinen Buntstift quer über das Blatt. Nun waren nur noch dicke, schwarze Linien zu sehen.
„Was stimmt denn nicht, Masen?", fragte Edward. Angst und Besorgnis formten sich in seinem Bauch zu einem festen Knoten.
Der kleine Junge sah von seinem Bild hoch. Er hatte Tränen in den Augen. „Lasst ihr euch scheiden?", fragte er.
„Was ist scheiden?", fragte Makenna.
Edward drehte sich mit vor Panik geweiteten Augen zu Bella, die zu Makenna ging und sie in ihre Arme nahm. „Hey, sehen wir mal, ob wir in der Garage den Servierteller für das Footballspiel finden. Kannst du mitkommen und Mommy helfen?"
Makenna war somit abgelenkt. Sie nickte, ruckelte sich aus Bellas Griff und lief voraus in die Garage.
Somit blieb nur Edward übrig, um Masens Frage zu beantworten.
„Wie kommst du auf diese Frage, Kumpel?" Edward setzte sich neben Masen und streckte die Hand aus, um ihm das Haar aus der Stirn zu streichen.
„Weil du nicht mehr hier schläfst", sagte er weinend und durch einen Schluckauf hindurch. „Tanners Daddy hat auch nicht mehr in seinem Haus geschlafen und jetzt sind seine Mommy und sein Daddy geschieden und Tanner sieht seinen Daddy nur mehr am Wochenende. Und nicht einmal an jedem Wochenende ... nur manchmal."
Edward holte tief Luft und zog den weinenden kleinen Jungen in seinen Schoß. „Schhhh ...", murmelte er und rieb Masen sanft über den Rücken. Als das schlimmste Schluchzen vorbei war, drehte Edward seinen Sohn etwas herum, sodass er ihm in die Augen blicken konnte.
„Lass mich dir eine Frage stellen, Masen", sagte er. „Habe ich dich je angelogen?" Er hielt seinen Atem an, als er auf die Antwort wartete, und hoffte, dass er diese Frage nicht bereuen würde.
Masen rieb sich mit der Faust unter der Nase. „Nein."
Edward lächelte. „Tja, dann weißt du, dass du mir glauben kannst, wenn ich dir sage, dass es egal ist, wo ich schlafe. Ich werde immer für dich da sein. Du und Makenna und Mommy, ihr seid die wichtigsten Menschen auf der ganzen Welt für mich."
Masen zwinkerte unschuldig zu ihm hoch. „Wirklich?"
„Wirklich", sagte er ernst. „Wir haben gestern den ganzen Tag gemeinsam am Strand verbracht, richtig?"
Masen grinste. „Das war toll. Ich hab dich so nass gespritzt!"
Edward zerzauste seinem Sohn das Haar. „Ja, das ist wahr ... und heute werde ich auch den ganzen Tag lang hier sein. Und wenn du mich jemals brauchst und ich nicht in der Nähe bin, dann nimm einfach das Telefon und ruf mich an."
„Auch in der Arbeit?", fragte Masen zweifelnd.
„Jederzeit", sagte Edward.
Masen war einen Moment lang still. „Also lasst ihr euch nicht scheiden?", fragte er hoffnungsvoll.
Edward zögerte. Er wollte die Ängste seines Sohnes zerstreuen, aber konnte er ihm das versprechen? Klar, momentan lief es mit Bella wieder besser, und wenn es nach ihm ginge, würde sich die Frage einer Scheidung gar nicht stellen.
Aber es ging hier nicht nur um ihn allein.
„Nein." Bellas Stimme ertönte leise von der Türe. Sie durchquerte den Raum, stellte ein paar Teller auf die Theke und setzte sich dann zu Edward und Masen. Ihre Augen betrachteten Edward, als sie einfach sagte: „Keine Scheidung."
„Wirklich?", sagten Masen und Edward gleichzeitig.
Bella nickte und richtete ihre Aufmerksamkeit auf ihren Sohn. „Mommy und Daddy haben nur eine Auszeit", erklärte sie und berührte seine Wange. „Wir haben uns in letzter Zeit nicht sehr nett behandelt, aber wir wollen uns bessern."
Masen sah kurz zwischen seinen Eltern hin und er. „Ich wusste nicht, dass Erwachsene auch 'ne Auszeit kriegen", sagte er.
„Wir brauchen sie manchmal", gab Bella zu.
„Du solltest nett sein", tadelte er und drehte sich zu seinem Vater.
Bella und Edward lächelten sich an. „Du hast Recht", antwortete Edward, „und wir arbeiten daran, aber du brauchst dir keine Sorgen machen, Masen. Wir werden beide immer in deiner Nähe sein, wenn du uns brauchst."
Masen nahm dies still in sich auf, dann sprang er schnell von Edwards Schoß. „Okay", sagte er gut gelaunt. „Kann ich jetzt Spongebob gucken?"
Edward war ein wenig irritiert aufgrund seines schnellen Stimmungswechsels, aber Bella regelte das für ihn. „Makenna sieht sich gerade Dora an", sagte sie ihm. „Aber wenn das vorbei ist, kannst du Spongebob einlegen, okay?"
Masen stimmte lächelnd zu und lief aus der Küche.
Der Rest des Tages verlief entspannt und war angenehm und Edward gefiel das Gefühl, von seiner Familie umgeben zu sein. Seine Eltern waren da, genauso wie Charlie, der in einem der Lehnstühle Platz genommen hatte und nur aufstand, um sich zwischen den Spielen etwas zu essen zu holen oder um die Toilette zu benutzen. Alice und Jasper und Emmett und Rosalie kamen zusammen an und das Haus war mit Jubel und Buh-Schreien und den Geräuschen der spielenden Kinder erfüllt.
Edward liebte jede Minute davon.
Nachdem alle gegangen waren, blieb Edward noch da, um Bella beim Saubermachen zu helfen. Sobald das übrig gebliebene Essen weggepackt und das Geschirr gewaschen war, half er, die Kinder ins Bett zu bringen. Dann schnappte er sich den Mantel und lief zur Türe.
„Edward", begann Bella nervös, als er nach der Türschnalle griff. Er hatte das Gefühl, sie würde ihm anbieten zu bleiben, aber nach einem Augenblick sagte sie stattdessen: „Danke ... für all deine Hilfe heute."
Edward lächelte und lehnte sich nach vor, um sie leicht auf die Wange zu küssen. Er war entschlossen, Bella nicht zu bedrängen. Er würde es langsam angehen lassen ... ihr Zeit lassen, um ihm wieder zu vertrauen ... er würde um sie werben. Er war sich ziemlich sicher, dass er immer noch Frauen umgarnen konnte wie ein Profi.
„Kein Problem", sagte er. „Hab ich gern getan. Gute Nacht, Bella."
„Nacht."
Edward ging mit federndem Schritt zu seinem Wagen, und als er es sich auf Jaspers Sofa bequem machte, verging das Lächeln nicht, das auf seinem Gesicht lag.
Alice hielt ihr Wort und war Edward in den nächsten Wochen wohlgesonnen zur Hilfe geeilt. Sie begleitete ihn oft hinüber in ihr eigenes Haus und bot an, auf die Kinder aufzupassen, damit Edward und Bella spazieren gehen oder ungestört eine Tasse Kaffee trinken konnten.
Zwei Mal pro Woche verließ Edward seinen Arbeitsplatz früher, damit er die Kids abholen und Bella zu ihrem Schreibkurs nach Port Angeles fahren konnte. Er musste seinen Zeitplan etwas umkrempeln, aber mit Shellys Hilfe gelang ihm dies und er konnte Versäumtes aufholen, sobald die Kinder schlafen gegangen waren. Edward war ein wenig überrascht, wie sehr er die Zeit allein mit den Kindern genoss. Er lernte sie immer besser kennen und schloss sie richtig ins Herz. Er wäre sehr gerne wieder zu Hause eingezogen, aber er war auch entschlossen, dass dies Bellas Entscheidung sein würde, wann das passieren sollte.
Er suchte weiter nach kleinen Möglichkeiten, wie er Bella zeigen konnte, dass sie etwas Besonderes war – entweder er brachte ihr Blumen oder eine dieser Zimtrollen vom Lodge, die sie so sehr liebte. Ein paar Tage die Woche kam er vor der Arbeit zu Hause vorbei, um die Kinder in die Schule und in den Kindergarten zu bringen. Dies gab Bella ein wenig Zeit, sich zu entspannen, bevor sie zur Arbeit musste, und anscheinend war sie ihm sehr dankbar für diese Geste.
Eines Tages holte er eine Pizza und überraschte Bella in der Schule damit. Es wärmte sein Herz, wie sie lächelte, als er in der Tür zu ihrem Klassenzimmer auftauchte. Obwohl Bella nur eine halbe Stunde Mittagspause hatte, verbrachten sie diese in seinem Wagen mit Pizza essen und lachen.
„Wie läuft's im Schreibkurs?", fragte Edward mit seinem Mund voll Käse.
Bella errötete und streckte die Hand aus, um Edward etwas Soße von der Wange zu wischen. „Es läuft gut", sagte sie. „James sagt, ich habe echtes Talent."
„Er hat Recht."
Bella knabberte an ihrer Pizza herum. „Das glaubst du wirklich?"
Edward lächelte sie an. „Ich weiß es. Du bist eine unglaubliche Autorin."
Bella blickte weg. Offenbar war ihr das Lob peinlich. „Es gibt eine ... äh ... Lesung von Gedichten in der letzten Stunde", sagte sie zögerlich. Ihr Gesicht rötete sich. „Es ist nichts Großes. Wir werden nur etwas von dem vorlesen, was wir alle geschrieben haben."
„Wann?", fragte Edward.
„Am siebenundzwanzigsten", antwortete sie. „Das findet in Port Angeles statt, also wenn es sich bei dir nicht ausgeht, verstehe ich das vollkommen."
„Ich werde da sein."
Sie lächelte ihn an. „Bist du dir sicher?"
Edward legte seine Pizza auf den Karton, wischte sich die Hände ab und schob ihr dann das Haar hinter die Ohren. „Auf keinen Fall möchte ich das verpassen. Ich bin mir sicher, dass meine Mom oder Alice auf die Kinder aufpassen würden."
„Das bedeutet mir wirklich sehr viel, Edward. Danke."
„Tja, eigentlich ist es ziemlich egoistisch von mir", antwortete er und sein Mund verzog sich zu einem Grinsen.
„Egoistisch?"
Edward nickte. „Natürlich. Weil wenn du erst mal eine reiche und berühmte Schriftstellerin bist, kann ich dir dann am Rockzipfel hängen.
Bella lachte, und bevor sie durch den Nieselregen zurück zur Schule lief, dankte sie ihm und lehnte sich zu ihm, um dabei ihre Finger in seinem Haar zu verweben und ihn sanft zu küssen.
Edward dachte, dass dies wahrscheinlich das beste Essen war, das er je genossen hatte.
