Kapitel 3: In Spiralen hinunter

Die Stimmung im Zimmer war peinlich – größtenteils von Dracos Seite. Bellatrix bewegte sich hin und her, während sie ihn noch musterte. Es war kein Zeichen der Verlegenheit; sichtlich fiel es ihr nur schwer, stillzuhalten. Ohne ihre Augen abzuwenden, trat sie einen Schritt zurück und setzte sie sich anmutig mit gekreuzten Beinen in den Sessel, sich vorbeugend und ihr Kinn an die Knöchel ihrer festen Fäusten lehnend.

»Nun, ich setze voraus, dass du nicht bloß hier gekommen bist, um eine Tante zu begrüßen, die du vor ein paar Minuten gar nicht kanntest«, sagte sie leicht.

Er räusperte sich, entschlossen, die Worte nicht ihm fehlen zu lassen.

»Ich wollte die Gelegenheit nutzen, dich zu sehen«, antwortete er. »Doch hatte ich auch etwas mehr in Aussicht.«

Sie wartete, dann trieb ihn an: »Und das war…?«

Er kräuselte die Lippen. »Eigentlich wollte ich über das Ministerium und die Verhaftung meines Vaters hören… Von jemandem, der dort gewesen ist.«

Bellatrix verdrehte die Augen. »Den größten Teil kann ich dir nicht erzählen, da du kein Todesser bist«, sagte sie. »Du darfst nichts von unseren Plänen wissen, weder von den früheren noch von den künftigen.«

Draco spannte seinen Kiefer an. »Das kann gut sein«, murmelte er. »Jedenfalls kenne ich schon die Hauptsache… Ich weiß, dass es etwas gab, das ihr abholen solltet… scheinbar aus der Mysteriumsabteilung… und Potter wurde irgendwie verwickelt, wie er es immer ist…« Er atmete tief. »Und ihr seid gescheitert. Die anderen wurden festgenommen… und es gelang dir, zu entkommen. Mit dem Dunklen Lord, richtig?«

Sie richtete sich auf, ihre Beine spreizend, dann ihre Fußgelenke kreuzend. »Das ist ja die Hauptsache – ganz ins Detail«, bestätigte sie vorsichtig. »Was genau willst du denn wissen?«

»Wie ist alles schiefgelaufen?« fragte er verzweifelt. »Mein Vater klang sehr zuversichtlich – wie er immer war – und meine Mutter schien auch keine Besorgnis zu haben… Wie alle anderen, soweit ich weiß! Was ist denn geschehen?«

Sie bewegte sich nervös, dann stand sie plötzlich auf; er trat zurück, erschüttert. Sie warf ihre Haare zurück und steckte die Strähnen hinter ihre Ohren. »Es gab ja etwas, das wir abholen sollten, und das Potter zufällig trug,« sagte sie sehr schnell. »Es war unbedingt notwendig, dass das… Ding… unbeschädigt sein sollte,deswegen hatten wir einen sehr begrenzten Tatumfang. Wegen der Entscheidung des Dunklen Lords war dein Vater der Führer der Gruppe, und er wollte kein Risiko eingehen – er hielt mich davon ab, zu versuchen, Potter die Pro- das Ding wegzureißen. Wir trieben ihn sowieso in die Enge, und wir hatten einen seiner Freunde – doch platzte der verdammte Phönixorden hinein, und überrumpelten uns. Danach drang Dumbledore selbst ein, dann brach für uns mehr oder weniger die Hölle los. Ich bin weggelaufen, nachdem ich Sirius Black tötete. Ich wusste, dass Potter mir folgen wurde. Ich hätte die Prophezeiung gefangen, doch hatte der dumme Halbblut sie schon zerbrochen –«

Bellatrix hörte plötzlich auf, ihre Augen brennend; Draco hielt ihre Blick, während sein Herz beschleunigte. Es herrschte Schweigen. Dann biss sie sich stark auf die Lippen, und fügte langsamer hinzu: »Der Dunkle Lord kam, um mit Potter ein für alle Mal fertig zu werden. Er hat ein Duell mit Dumbledore, dann sind wir weggekommen.«

Sie unterbrach noch einmal ihre Erzählung, atmete scharf, und Draco spürte, dass sie etwas zurückhielt.

»Und dann?« veranlasste er sie.

»Dann war er wütend, was mehr möchtest du wissen?« fauchte sie an. »Wütend auf die ganze Gruppe, besonders mich und deinen Vater. Trotzdem war ich die einzige, an der er seine Wut auslassen konnte.«

Sie ging nicht weiter ins Detail; Draco hatte es nicht nötig, die Einzelheit der Bestrafungen des Dunkles Lords zu erfahren, doch fühlte er eine bizarre, morbide Neugier. He atmete tief, und versuchte, den Informationsfluss zu klären, der seinen Geist überwältigte.

»Wann denkst du, dass er sie befreit?« fragte er.

Ihre Mund krümmte sich fast konvulsiv. Sie fuhr sich mit der Hand durch die Haare, hart genug, um Strähnen herauszureißen, während sie an ihm vorbei auf und ab mit großen Schritten durch das Zimmer ging. Schließlich wirbelte sie herum und schaute ihm fest in die Augen.

»Das weiß ich nicht«, sagte sie. »Wahrscheinlich dauert es eine Weile.«

Wut brannte sich in ihn hinein. »Na ja, das ist sicher genau genug, was dich betrifft. Warum solltest du dich für das interessieren?« fauchte er an.

Sie öffnete ihre Augen gefährlich weit. »Denkst du denn, dass du weißt, wie er mit diesen Sachen fertig wird, du kleiner Mann? Denkst du, dass er überhaupt etwas macht, was wir wünschen?«, zischte sie. »Komm auf den Dunklen Lord zu, und bitte darum, dass er seine besiegten Anhänger sofort befreit! Sieh wie er es liebt, wenn man ihn bezweifelt oder anweist!«

Er atmete tief. »Vielleicht bekomme ich bald eine solche Gelegenheit«, sagte er. »Früh genug werde ich volljährig, und ich habe es satt, wie ein Kind behandeln zu werden. Ich bin ein Mann, wie du richtig gesagt hast. Ich will verwickelt werden. In die Sache.«

Bellatrix' Ausdruck veränderte sich von Wut zu Überraschung und von Überraschung zu Freude, doch sah sie noch ein bisschen unsicher aus. »Natürlich weißt du alles, das es mit sich bringt«, murmelte sie. »Sobald du dich dafür entschieden hast, kannst du nie zurückgehen. Du bist noch jung…« Sie verstummte allmählich; es sah aus, als ob sie ihm einen Weg hinaus anbot, aber dringend hoffte, dass er weitergehen würde.

»Du glaubst also, dass ich nicht würdig bin. Zu jung,« bemerkte Draco bitter.

»Das habe ich nie gesagt,« antwortete sie. »Es hat schon Todesser gegeben, die sechzehn waren, als sie das Mal bekamen. Ich meinte nur, dass du dir deiner Entscheidung sicher sein solltest.«

»Ich bin sicher.« Er machte eine Pause. »Wie alt war mein Vater?«

Sie zögerte. »Neunzehn, zwanzig… Etwas in dieser Art, glaube ich.«

»Wie alt warst du

»Achtzehn.«

»Ich bin ganz sicher.«

Sie grinste ihn an.