Kapitel 4: Letzter Aufruf
Es war warm in seinem hellen Zimmer; doch konnte nichts seine Schauder verhindern – weder das Licht des Kronleuchters, unter dem er unaufhörlich auf und ab ging, noch die bullernden Flammen des Kamins. Er war nicht unsicher; er hatte lang seine Entscheidung getroffen, fühlte aber den kurzen, scharfen Stich der Angst, als er sich das vorstellte, was bald geschehen wurde. Das machte nichts, sagte er sich. Eine augenblickliche Schwäche; seinem Schicksal gegenüberstehend würde er stark sein, weil er kein Anrecht auf Scheitern hatte. Das wusste er: Dieses Wissen war ein Teil seines Wesens geworden, tief in seinem Körper, in seinem Herzen, seinem Blut, seinen Knochen. So tief es war, war es trotzdem noch nicht das tiefste. Diese Angst war nicht der Grund seiner Entschlossenheit. Er musste würdig sein, sich bewähren. Er musste eine Beleidigung rächen, seinen Namen ehren. Diese Nacht war die erste seines neuen Lebens.
Klopf, Klopf, Klopf… Der scharfe, doch melodische Rhythmus hallte in seinem Kopf wie eine Glocke wider. Er drehte sich - tatsächlich wirbelte er herum, sein Herz unregelmäßig in seiner Brust springend, als er erkannte, dass er keine Zeit mehr hatte.
Er öffnete seinen Mund, sich geistesabwesend fragend, ob es ihm gelingen wurde, etwas von sich zu geben, dass überhaupt menschlich klang… und er schloss ihn. Das wäre nicht nötig gewesen; sie klopfte immer, es war aber unbrauchbar, wie eine ironische Ausstellung der Höflichkeit. Sie kam sowieso herein, mit dunklen, tiefen, verächtlichen und erwartungsvollen Augen starrend…
Seine Tante räusperte sich, indem sie ihre dünnen Augenbrauen hob, und er bemerkte, dass er sie seit ein paar Minuten leer, wortlos angestarrt hatte. Es schien ihm vielmehr, als ob es ein paar Stunden gewesen hätte – schleppende, irrende Stunden, in den er sich um jede winziges Ding drehte, das zwischen ihm und seiner unvermeidlichen Aufgabe stand.
Außerdem war Bellatrix kein winziges Ding. Sie war ein tiefes, ruheloses Wesen, mit dessen Handeln er gar nicht rechnen konnte. Sie war faszinierend… unberechenbar… und mit ganzen Herz und Seele in der Sache verwickelt, in die er sehr kurz danach eintreten wurde.
»Draco!«
Ihre Stimme war hoch von Begeisterung und Ärger gegenüber seiner Langsamkeit. Doch gab es etwas anderes: eine Spur der Sorge, einen jähen Zweifel. Sie starrte ihn lang an, und er fühlte sich wie gefangen genommen in ihren gejagten Augen.
Er konnte nicht zurücktreten. Es war als ob der Schwur seines Lebens schon geleistet geworden wäre. Das ist, was ich will, dachte er heftig, neue Stärke aus den Pupillen seiner Tante ziehend. Blass und zerzaust wie sie jetzt war, mit schlaflosen Ringen unter den Augen, strahlte sie doch eine Aura aus, die seiner Entschlossenheit standfest hielt.
»Wir sollten gehen«, murmelte sie. Ihre Stimme klang ziemlich nervös, leise aber auch, sie war ein bisschen wie die Schneide eines Messers: glatt und kühl, doch scharf und tödlich auf die leichteste Drehung, und dazu neigend, die Haut des gedankenloses Spielers tief zu beißen.
Jetzt konnte er keineswegs umdrehen.
»Ich komme sofort.« Seine Stimme klang klar und standfest – wenigstens gab er sich zufrieden damit. Er bewegte sich nach vorn, einen Fuß nach dem anderen, und trat aus dem Zimmer seiner Kindheit. Sie folgte ihm lautlos, und machte die Tür schnell hinter ihnen zu.
