Kapitel 5: Wie neu
Am Morgen fühlte er sich ganz anders: komisch, seine Gedanken verschwommen, sein Arm schmerzend. Es war, als ob ihm etwas weggenommen und etwas anderes hinzugefügt worden wäre. Als ob er in gewisser Hinsicht jemandanderen geworden wäre – mehr wie einen Mann. Ihm war ein Weg gegeben worden.
Eine ganze Zeit lang stand er bewegungslos vor seinem offenen Fenster, während er seinen markierten Arm geistesabwesend rieb, und seine Gedanken schweifen ließ. Doch dann zog eine dünne Silhouette seinen Blick an, die in der Ferne auf dem in Sonne gehüllten Hof stand. Er sah sie eine Weile schweigend an, danach verließ er das Zimmer.
Sie stand mit fernem Ausdruck nah einigen Bäumen, als er sie erreichte. Er wagte nicht, sofort zu fragen, was er fragen wollte, doch konnte er es nach ein paar Minuten ausdehnendem Schweigens nicht mehr ertragen.
»Ich wollte darum bitten«, sagte er direkt. »Würdest du mich lehren, was ich wissen und können muss… um ein wahrer Todesser zu werden?«
Sie lächelte seltsam.
»Guten Morgen«, flüsterte sie. »Wie fühlt es sich, endlich etwas Würdiges zu tun? Dich wie ein Mann zu verhalten?«
»Bizarr«, antwortete er nur ungern. »Ich fühle mich… benommen. Es ist, als ob ich nicht damit zurechtkommen könnte. Übrigens hast du mir keine Antwort gegeben.«
»Ich erinnere mich daran, wie ich mich fühlte«, sann sie nach. »Es war… mein Gott, es war unglaublich… Und dann bewies der Dunkle Lord mir, was es wirklich bedeutete…« Sie verstummte sich allmählich, dann fing wieder an.
»Also willst du, dass ich dir lehre… Bist du ganz sicher…« Ihr Lächeln machte ihn unbehaglich, als ob sie sich an einem Witz amüsieren würde, den er gar nicht verstehen konnte – egal wie sehr er es versuchte.
»Ja«, antwortete er steif. »Das ist, was ich will.«
»Du hast nicht gerade die Wahl. Es gibt um dich herum nicht so viele Todesser, die bereit wären, Mentor zu werden für so einen Jungen wie dich.«
»Ich bin keine Junge mehr«, wies er hin, wütend darauf, dass seine Stimme so kindisch, fast wimmernd klang. »Ich dachte, dass ich mit dem Dunklen Mal ein Mann geworden war. Ich habe meinen Weg gewählt.«
»Das hast du getan«, antwortete sie ruhig. »Glaube jedoch nicht, dass das Mal alles zusammenführt. Dir ist noch alles zu beweisen.«
»Und das werde ich tun«, zischte er. »Antwortest du nie, wenn du etwas gefragt wirst? Ich schlage Wurzeln.«
»Das kann gut sein«, sagte sie mit leisem Lachen. »Ja, du ungeduldiger Junge, ich werde dich alles lehren, das du wissen sollst. Obwohl ich gar nichts lehren kann, was Geduld betrifft, weiß ich sowieso, dass du etwas brauchen wirst.«
»Wenn ich mein Vater etwas fragte, antwortete er sofort oder gar nicht«, sagte Draco defensiv.
Er fragte sich dann, was der Zweck dieser Worte gewesen war. Sich als immer kindischer zu erweisen? Zuzusehen, dass sie keine positive Meinung über ihn haben konnte? Oder vielleicht hatte er keinen Grund für Sorge, und es war ihm gelungen, sie an den Stolz seiner Familie zu erinnern?
Bellatrix lächelte, als ob sie genau wusste, um was er sich sorgte. »Dein Vater hätte dich nicht so gut gelehrt, wie ich kann – und werde«, sagte sie zu ihm. »Ich will ihn nicht kränken. Er ist ja begabt… Zu stolz auf seinen Namen, sage ich. Er hätte dich unaufhörlich vorangetrieben, doch ohne die Fähigkeit, hart genug zu sein, damit du echte Fortschritte erreichen würdest.« Sie machte eine nachdenkliche Pause. »Ich habe keine Angst davor, dir ein bisschen wehzutun, und ich beschwöre es, wenn du nach Hogwarts zurückkehrst, bist du so gut ausgebildet, wie möglich ist«, fügte sie mit bösem Grinsen hinzu.
Er wäre gern einen Schritt zurückgetreten. »Vielleicht«, sagte er widerwillig.
Sie brach in klares, hohes Gelächter aus. »Oh, Draco«, kicherte sie. »Du bist nicht so schwach, wie ich befürchtete, doch gibt es so, so viel, das du lernen musst. Ich glaube, dass es mir gefallen wird – seit so langer Zeit habe ich keinen Lehrling gehabt.«
Er wäre gern weggelaufen. Doch war er irgendwie gefangen.
