„Silencio."
„Lumos."
Erst als Tom den Stillezauber überprüft hatte, holte er das Amulett hervor. Er strich sanft über die Gravuren auf dem Deckel, zwei Schlangen, die einen Kreis bildeten und der jeweils anderen in den Schwanz bissen. Mit einem leisen Klick öffnete er das Amulett und blickte in den kleinen Spiegel darin. Dann presste er seinen linken Daumen auf den Spiegel und musste nicht lange warten, bis das Gesicht seines Vaters erschien.
„Hi Dad!"
„Hallo, mein Junge. Lief alles zu deiner Zufriedenheit?"
Tom grinste.
„Sogar mehr als das. Ich wollte zuerst ja nicht hierher, aber die Schüler hier scheinen doch recht interessant zu sein."
Sein Vater runzelte die Stirn.
„Verdächtig, wenn du so fröhlich bist… mit wem bist du im Zimmer? Oder hast du eins allein?"
„Ach ich teile mit einem anderen Jungen aus meinem Jahr. Er ist ganz nett."
„Ich hätte gerne Name und Herkunft…"
Tom seufzte. Er wusste, wohin das führen würde… in eine sehr lange und sehr laute Lektion, aber er konnte sich nicht überwinden, ihm sofort zu sagen, wer oder was Akkarin ist. Vielleicht hatte er ja Glück und sein Vater findet einfach nichts heraus.
`Die Chance existiert so gut wie nicht…`
„Er heißt Akkarin Cross aber ich weiß nicht woher er kommt. Ich denke aber hier aus der Gegend, er hat denselben Akzent wie die Leute in der Ladenstraße."
„Nicht viel, aber genug. Ich möchte, dass du vorsichtig bist. Sogar auf dieser Schule könnte es Ärger bedeuten, wenn jemand herausfindet, dass ich dein Vater bin."
„Da hätte ich gleich nach Hogwarts gehen können."
„Tom, ich habe dir gesagt, diese Diskussion ist vorbei. Wenn es nach mir geht, und das tut es, siehst du niemals das Innere dieser Schule. Zumindest nicht, solange sie intakt ist und Dumbledore Direktor. Und jetzt gehst du am besten schlafen, ich kann dir ansehen, dass du todmüde bist, Junge."
Tom wollte schon protestieren, aber dann musste er herzhaft gähnen. Er rieb sich die Augen.
„Gute Nacht, Dad. Du fehlst mir."
Voldemort lächelte seinem Sohn zu, seine sonst so kalten Augen warm.
„Du mir auch, Tom. Gute Nacht und pass auf dich auf."
Tom ließ das Amulett zuschnappen, legte sich die Kette wieder um den Hals und ließ den Anhänger zurück unter das Shirt gleiten. Er überlegte noch kurz, doch noch mal das Buch „Siebenbürgen – Toleranz und Disziplin" in die Hand zu nehmen, aber entschied sich dann dagegen. Tom legte das Buch auf das Nachttischchen neben dem Bett, zog die Decke hoch bis zur Nase und schlief schon bald tief und fest.
Xxx
„Tempus"
`7.15, also noch genug Zeit.`
Tom streckte sich nochmal ausgiebig, bevor er die Decke zurückschlug. Er schob den Vorhang zurück und sah sofort, dass der seines Zimmergenossen noch zu war. Es war vollkommen still. Tom holte sich frische Wäsche aus dem Schrank und tapste ins Badezimmer. Frisch geduscht und angezogen kam er 20 Minuten später zurück ins Zimmer, aber Akkarin schlief anscheinend immer noch. Ein schnelles „Tempus" sagte ihm, dass es nun 7.45 war – noch 45 Minuten bis zum Unterricht.
Tom zuckte mit den Schultern und machte sich daran, seine Schultasche zu packen. Auf seinem Schreibtisch lag nun ein Stundenplan, den er sogleich genauer studierte.
´Aha, erst Doppelstunde Zaubertränke, dann Zauberkunst und heute Nachmittag… Arithmantik. Na toll.´
Nochmals verfluchte er seinen Vater, dass er ihn auf eine Schule schickte, die solche Fächer zu Pflichtfächern machte. Aber ein kurzer Blick verriet ihm, dass Akkarin zumindest in den gleichen Kursen war, denn ihre Jahrgangsstufe wurde zweigeteilt. Doch sie beide befanden sich immer zusammen in den einzelnen Kursen. Er warf nochmals einen Blick auf die geschlossenen Vorhänge des Anderen, schlüpfte dann aber in seine Schuhe und schwang sich seine Tasche über die Schulter.
´Vielleicht frühstückt er ja nicht…´
Leise verließ Tom das Zimmer und machte sich auf den Weg zum Hauptgebäude. Er hatte die Halle noch nicht einmal ganz betreten, da konnte er die Blicke der Vampire schon auf sich spüren. Sogar als er sich an denselben Tisch von gestern setzte, beobachteten sie ihn immer noch. Er beschloss, sie einfach zu ignorieren und nahm sich von den Corn Flakes und dazu eine Tasse Tee.
Tom bemerkte nicht, wie einer von ihnen aufstand und zu ihm herüber kam. Er sah ihn erst, als er direkt vor ihm stand. Tom blickte auf und erkannte ihn als den blonden, großen Vampir mit den dunkelvioletten Augen, mit dem Akkarin gestern gesprochen hatte. Der junge Mann sah extrem müde aus. Tom lehnte sich locker zurück und sah ihn offen an.
„Guten Morgen, wie kann ich dir helfen?"
Cassidian verbeugte sich leicht.
„Guten Morgen, Mr. Riddle. Ich habe gehört, du teilst mit Akkarin trotz allen Erwartungen ein Zimmer. Also frage ich mich, wo er ist?"
Tom räusperte sich.
„Ja, wir teilen ein Zimmer und er schläft noch, denke ich."
„Und du dachtest nicht, dass es angemessen gewesen wäre, ihn zeitig zu wecken?"
Der Jüngere errötete leicht.
„Nun ja, ich dachte er lässt das Frühstück vielleicht aus."
Cassidian schüttelte nur den Kopf und wandte sich zum Gehen. Dann drehte er sich doch noch mal zu Tom um.
„Los, sieh zu, dass du ihn weckst."
Tom wollte protestieren, aber etwas in der Art, wie der Vampir zu ihm sprach, zwang ihn dazu zu gehorchen – fast wie bei seinem eigenen Vater. Er stand auf.
„Und ein paar Manieren würden dir auch nicht schaden."
Sagte Cassidian mit einem verächtlichen Schnauben. Und wieder hatte Tom das Gefühl, den Wünschen des Vampirs entsprechen zu müssen. Er verbeugte sich leicht.
„Ja, Mr…?
„Tepes, Cassidian Tepes. Wenn du vorhast, weiter mit Akkarin zu verkehren, solltest du dir den Namen merken. Ich erwarte, dass ihr heute Mittag bei uns am Tisch sitzt."
Wider Willen verbeugte sich Tom nochmals und antwortete:
„Ja, Sir."
Er musste sich ob seiner Demut gegenüber dem Vampir beinahe übergeben. Er war nur froh, dass sich Cassidian im nächsten Moment abwandte und zurück zu seinem Platz ging. Tom ging einen Schritt Richtung Eingangstür, bevor er nochmals umdrehte und eine Orange und zwei Äpfel einpackte. Cassidian nickte ihm anerkennend zu und für einen Augenblick war er von Stolz erfüllt, in den Augen des Vampirs etwas richtig gemacht zu haben.
Überrascht von sich selbst schüttelte er das Gefühl ab und machte sich auf den Weg zu seinem und Akkarins Zimmer.
Xxx
Als Tom das Zimmer betrat, war von dem Anderen immer noch nichts zu sehen oder zu hören. Mit einem genervten Seufzer ging er auf dessen Bett zu und zog energisch den Vorhang zurück. Tom konnte sich ein Kichern nicht verkneifen, als er Akkarin da sah, schlafend, mit einem Stofftiger an sich gedrückt. Er dachte nur kurz an seinen Stoffbasilisken, aber er würde sich niemals damit erwischen lassen.
´Niemals!´
Irgendwie war es ihm auch peinlich, sich in so einer Situation zu befinden. Aber er musste sich nur an die stechenden Augen Cassidians erinnern und schon war es recht einfach, Akkarin die Decke wegzuziehen.
„Aufwachen, Schlafmütze! Los, du hast noch 20 Minuten, bevor der Unterricht beginnt!"
Akkarin rollte sich nur weiter zusammen und schlief weiter. Tom kratzte sich am Hinterkopf. Er fing nun an, den Anderen an der Schulter zu schütteln.
„Na komm schon, ich will nicht zu spät kommen!"
Der Dunkelblonde murmelte nur etwas vor sich hin und drehte sich weiter weg. Tom erinnerte sich an die Szene gestern mit Cassidian und den Respekt, den sein Zimmergenosse vor diesem hatte. Er kniete nun neben Akkarin auf dem Bett und flüsterte ihm zu.
„Akkarin Cross, du stehst jetzt sofort auf oder ich soll dir von Cassidian ausrichten, dass er selbst kommt, um dich zu holen!"
Akkarin schoss hoch, nur um sofort mit einem Stöhnen zurückzusinken. Tom fiel aus dem Bett, sich den Kopf haltend.
„Au, wieso weckst du mich mit einer Kopfnuss?!"
Tom rappelte sich auf, schaute den anderen Jungen empört an.
„Ich wecke dich mit einer Kopfnuss? Warum dankst du mir mit einer Kopfnuss, dass ich dich geweckt hab?!"
Sie starrten einander an, doch dann schlug sich Akkarin mit der Hand vors Gesicht.
„Verdammt, Cassidian! Er wollte heute Morgen mit mir sprechen! Ich muss sofort in die Halle!"
Tom sah ihm amüsiert zu, wie er noch im Bett aufsprang, sich verhedderte und erst mal aus dem Bett fiel. Er entschied, Akkarin erst nach seinem Besuch im Badezimmer zu sagen, dass Cassidian ihn erst zu Mittag erwartet. Er kicherte, als Akkarin das kalte Wasser verwünschte.
Der Vampir kam zehn Minuten später aus dem Bad und sah schon signifikant wacher aus, als vorher. Aber immer noch gestresst; Tom hatte Mitleid und klärte ihn endlich auf.
„Hey Akkarin, Cassidian erwartet dich übrigens erst zum Mittag. Er möchte, dass wir mit ihm essen."
Akkarin wirbelte herum.
„Wir?! Und hättest du mir das nicht früher sagen können?!"
Tom lachte.
„Es war einfach zu lustig, dir beim Durchdrehen zuzuschauen, weißt du. Und ja, wir beide heute Mittag mit Cassidian und den anderen. Und jetzt komm, wir haben als erstes Zaubertränke."
Er warf ihm einen Apfel zu und schnappte sich seine Tasche und das restliche Obst. Akkarin sah ihn erwartungsvoll an.
„Na los, iss erst mal den Apfel. Du kannst den Rest auch gleich haben, aber…"
Er sah Akkarin an. Er hatte in einer Hand den Apfel und in der anderen seine Tasche halb gepackt und die Bücher unter den Arm geklemmt und keine Möglichkeit, auch noch das Obst zu nehmen.
„Danke, Tom."
„Ja, schon gut. Jetzt los, ich will nicht schon in der ersten Stunde zu spät kommen. Und du hättest mir ruhig sagen können, dass ich dich wecken muss morgens."
Antwortete Tom, schon halb draußen auf dem Flur - Akkarin folgte ihm.
„Weißt du, wo der Unterrichtsraum ist?"
Tom holte einen Plan aus der Tasche. Ein kurzer Blick und er sagte:
„Ja so ungefähr. Auf jeden Fall im Hauptgebäude im Erdgeschoss. Finden wir schon."
Xxx
Sie schafften es gerade so. Mit dem Klingeln der Schulglocke stolperten beide durch die Tür. Professor Carter sah sie überrascht an, wie der Rest der Klasse.
„So, da nun auch Mr. Cross und Mr. Riddle uns mit ihrer Anwesenheit beglücken, können wir ja beginnen. Setzt euch."
Er wies zu zwei freien Plätzen in der ersten Reihe. Akkarin stöhnte und auch Tom selbst war nicht allzu erfreut über die Plätze. Er ließ auf seinem Weg zu seinem Tisch den Blick schweifen.
Die Kessel und Arbeitsflächen waren in Zweierplätzen arrangiert. Etwa zehn solche Arbeitsgruppen befanden sich im Raum und mit ihrer eigenen mit eingerechnet, waren 6 davon besetzt. An der anderen Gruppe in der ersten Reihe saßen die Ichinose-Zwillinge. Hinter denen zwei Mädchen, das eine erkannte er sofort, es war die Blonde, die als erstes aufgerufen wurde. Die andere hatte Tom gestern wohl überhört, aber im Laufe des Unterrichts hörte er, wie Mariella sie als Nadja ansprach. Hinter ihnen selbst saßen Jesus Suarez und sein Zimmerkumpane Vicarius Quentin, dahinter zwei weitere Mädchen, er kannte ihre Namen nicht, aber sie sahen aus wie Schwestern, eine definitiv älter als die andere – sie wurden später als Janina und Larissa Rouseau aufgerufen. Neben ihnen in der letzten Reihe saßen zwei Jungs, Kemal Al-Sahid und Caspar Valentino.
Tom und Akkarin packten ihre Sachen aus, der Kessel stand schon bereit. Er war überrascht, dass auch Akkarin normale Hefte und Blöcke den unhandlichen Pergamentrollen vorzog. Er legte sein Heft vor sich und seinen Füller, ein Geschenk seines Vaters, darauf. Und schon hatte Akkarin genau diesen Stift in der Hand.
„Wow, so einen wollte ich auch schon immer! Aber Papa besteht darauf, dass ich eine Feder benutze. Den hier hab ich selber gekauft, die Hefte auch."
Akkarin hielt ihm einen einfachen Kugelschreiber unter die Nase. Tom nahm seinen Füller zurück.
„Den hier hat mir mein Dad geschenkt. Er schreibt auch lieber damit und auf so was."
Er schwenkte sein Heft vor Akkarin´s Gesicht.
„Ihn nerven diese Pergamentrollen. Laut Dad rollen die sich immer auf und dann ist alles verschmiert und wenn du was versaust, dann musst du von vorne anfangen, weil du ja nicht einfach ein Stück rausreißen kannst. Er schreibt nur seine Geschäftsbriefe auf Pergament."
Akkarin nickte nur zustimmend, runzelte dann aber die Stirn.
„Mein Papa sagt dann immer, dass ich nur keine Fehler zu machen bräuchte, dann hätte ich das Problem nicht. Vielen Dank, Mr. Ich-Kann-Alles."
Tom kicherte, als Akkarin seine geballte Faust gegen eine imaginäre Person vor ihm schüttelte und lachte offen, als Professor Carter dies auch bemerkte und sich anscheinend angesprochen fühlte.
„Akkarin, der Unterricht hat noch gar nicht begonnen und du drohst mir schon?"
Akkarin starrte zuerst auf seinen Lehrer, dann auf seine Faust und nahm sie sofort wieder runter.
„Äh, nein, Entschuldigung. Das war nicht an sie gerichtet, Professor."
Akkarin senkte schuldbewusst den Blick und Tom hatte größte Mühe, sein Lachen zu unterdrücken. Erst ein strenger Blick seitens Professor Carter ließ ihn verstummen.
„Jetzt, da alle an ihrem Platz sind und alles soweit vorbereitet ist, können wir endlich beginnen. Mich kennt ihr ja schon, ich heiße Francis Carter und werde euer Zaubertranklehrer für die nächsten 3 Jahre sein. Danach könnt ihr dann wählen, wie ihr weitermachen wollt. Wenn ihr nur den Grundkurs wählt, dann werdet ihr mich bis zum Ende eurer Schullaufbahn ertragen müssen. Solltet ihr aber den Leistungskurs wählen, werdet ihr ab eurem vierten Jahr einem anderen Lehrer, Professor Gaetan, zugewiesen. Aber jetzt lasst uns erst mal mit den Grundlagen beginnen. Hat von euch schon jemand zuvor gebraut oder dabei geholfen?"
Einzelne hoben die Hand, auch Tom meldete sich; Akkarin rührte sich nicht.
„Na, das sind ja schon einige. Heute werden wir mit etwas einfachem beginnen – einem Beruhigungselixier. In der ersten halben Stunde werden wir die Zutaten aufschreiben und besprechen, dann den richtigen Umgang damit und zu guter Letzt die Anleitung für den Trank durchgehen. Danach heizen wir unsere Kessel an und beginnen damit, das Elixier zu brauen. Bis zum Ende der Doppelstunde sollten wir dann auch fertig sein."
Tom hatte keine Probleme mit dem Elixier. Er konnte sich gar nicht mehr daran erinnern, wie oft er eben dieses Elixier zusammen mit seinem Patenonkel Severus Snape gebraut hatte.
´Auf jeden Fall verdammt oft.´
Mit traumwandlerischer Sicherheit schnitt, würfelte und zerrieb er die Zutaten, warf sie zur richtigen Zeit in den Kessel und verrührte sie gewissenhaft. Es kostete ihn keine Stunde, das Elixier fertigzustellen. Erst als er das Elixier abschöpfte, in eine Phiole gefüllt und diese fest verkorkt hatte und den Rest in eine Stasis versetzt hatte, wandte er seine Aufmerksamkeit von seinem Kessel ab.
Schmerzlich erinnerte er sich daran, wie er einmal einen Kessel unbeobachtet gelassen hatte. Erst die Schmerzen vom explodierten Trank auf seiner Haut, dann Severus, der ihm einen Vortrag hielt und zuletzt die Bestrafung durch seinen Vater. Alles in allem keine schöne Erinnerung, aber wenigstens lehrreich. Er ließ nie wieder einen Kessel ohne Aufsicht.
Nun sah er zu Akkarin hinüber. Dieser mühte sich gerade damit ab, die Ingwerwurzeln aufzureiben. Er bemerkte nicht, wie die Substanz in seinem Kessel dabei war, überzukochen. Tom schaffte es gerade noch rechtzeitig, das Feuer herunterzuregeln und die Substanz mit einem Zauber aufzuhalten. Akkarin sah ihn groß an.
„Der wär fast übergekocht. Kann zwar nicht viel passieren, außer einer riesen Sauerei, aber dein Elixier wäre hinüber gewesen."
Der Vampir errötete leicht.
„Danke."
Er sah zu Tom´s Kessel hinüber.
„Bist du schon fertig?"
„Ah, ja. Hab das Elixier schon mal gemacht. Ist halb so schwer, wenn du weißt, wie es geht."
Akkarin zuckte mit den Schultern.
„Ich hab keine Ahnung von Zaubertränken. Dafür haben wir einen Meister, der die für uns macht."
„Ja, wir auch. Aber genau von dem hab ich das Brauen gelernt – er ist mein Patenonkel."
Tom bemerkte die Trauer, die sich kurz auf Akkarin´s Gesicht zeigte. Aber es war so schnell vorbei, dass er sich nicht fragen traute. Stattdessen klopfte er dem Jungen auf die Schulter, sagte:
„Komm, ich helfe dir ein bisschen. Ich kann das Elixier zwar nicht für dich brauen, aber dir Tipps geben und aufpassen, dass nichts übergeht."
In der Zwischenzeit hatte Professor Carter Tom´s Probe schon eingesammelt und überprüft. Akkarin war gerade dabei, sein Elixier abzufüllen, als Professor Carter zusammen mit Tom´s Phiole zurück zum Tisch kam.
„Sehr gut, Tom, ein so gutes Resultat hatte ich in der ersten Stunde nicht erwartet. Nicht einmal von jemanden, der Vorkenntnisse hat. Schade, dass der Rest davon hinüber ist."
Er warf einen bedauernden Blick zu Tom´s Kessel. Tom aber grinste nur.
„Aber Professor, ich habe extra einen Stasiszauber darüber gelegt. Das Elixier im Kessel ist genauso brauchbar wie das in der Phiole."
Die Überraschung stand dem Professor ins Gesicht geschrieben.
„Einen Stasiszauber? Wer hat dir das denn beigebracht. Hier wird das erst im dritten Jahr gelehrt."
Tom zuckte nur mit den Schultern.
„Ich hatte etwas Privatunterricht in den letzten Jahren und da wurde mir auch der Stasiszauber gezeigt."
Der Professor schien die Antwort zu akzeptieren. An Akkarin gewandt sagte er:
„Und Akkarin, versuch das nächste Mal, die Aufgabe ohne Tom´s Hilfe hinzubekommen. Ich habe zwar bemerkt, dass er hauptsächlich auf deinen Kessel aufgepasst hat, aber ohne ihn hättest du jetzt kein Ergebnis. Konzentrier dich mehr auf deine Aufgabe; ich weiß, es fällt dir schwer, aber bis jetzt hat es noch jeder hinbekommen."
Akkarin ließ den Kopf hängen, antwortete mit einem ergebenen „Ja, Sir." und übergab ihm seine Phiole.
Der Professor sammelte die restlichen Proben ein und sagte dann an die Klasse gewandt:
„Reinigt noch eure Kessel da vorne an den Waschtischen und als Hausaufgabe schreibt ihr mir einen Aufsatz über die Vorzüge und Nachteile eines Beruhigungselixiers; ich möchte mindestens 2000 Wörter. Der Aufsatz ist bis zur nächsten Stunde fällig und auch wenn die erst am Freitag ist, rate ich euch, zeitig mit dem Aufsatz zu behinnen."
Beim Auswaschen der Kessel tauschten die Schüler ihre Erfahrungen aus und es schien, dass die meisten Probleme damit hatten, Zutaten zuzubereiten und gleichzeitig den Kessel im Auge zu behalten. Nur eine Hand voll konnte am Ende ein fertiges Elixier abgeben. Akkarin stand neben Tom, fast fertig mit seinem Kessel.
„Danke nochmal, Tom. Ohne deine Hilfe wär ich niemals fertig geworden."
„Kein Problem. Was meinte der Professor eigentlich damit, dass er weiß, dass dir Konzentration schwer fällt?"
Akkarin seufzte.
„Weißt du, wie schwer es für einen Vampir ist, sich in einem Raum wie hier zu konzentrieren? All die verschiedenen Gerüche und Geräusche, das macht mich total fertig. So viele Leute hier und wenn sich dann noch wer schneidet, wars das sowieso. Schau dir mal den Werwolf an, der ist genauso kaputt und der hatte keinen, der auf seinen Kessel aufpasst."
Tom sah hinüber zu Jesus und musste unfreiwillig kichern. Der arme Junge war über und über mit einer klebrigen Substanz bedeckt und der Inhalt seines Kessels solide eingebrannt. Der würde länger beschäftigt sein.
Xxx
„Wie langweilig!"
Tom hatte gerade seine Feder zum Schweben gebracht – zum gefühlten hundertsten Mal. Und wenn er jetzt noch einmal zuhören musste, wie einer der Zwillinge hinter ihm den Spruch falsch aufsagte, dann würde er wahrscheinlich explodieren. Akkarin erging es ähnlich, er ließ seine Feder gerade Saltos in der Luft schlagen.
„Weißt du, Tom, ich dachte, die erste Stunde Theorie war schon öde, aber das hier…"
Er ließ von seiner Feder ab und visierte Tom´s stattdessen mit seinem Zauberstab an. Sekunden später explodierte sie mit einem Knall. Professor Ricardo blickte von ihren Papieren auf und kam mit einer neuen Feder herüber, die sie vor Tom auf den Tisch legte. Verständnisvoll blickte sie ihn an und sagte:
„Kein Grund zu verzweifeln, mein Junge. Das passiert anfangs, wenn man die Magie noch nicht so gut unter Kontrolle hat. Versuchs einfach weiter."
Tom starrte ihr nach, als sie zurück zu ihrem Tisch ging. Hatte diese Frau auch nur ansatzweise Interesse an ihrem Unterricht? Es war kaum zu übersehen, dass er den Spruch beherrschte und dass es Akkarin war, der die Feder zum Explodieren brachte. Er drehte sich zu diesem, Zauberstab auf ihn gerichtet.
„Mach das noch einmal und ich lass dir auch was explodieren."
Doch selbst die Drohung konnte Akkarins Gelächter nicht stoppen. Tom verschränkte die Arme und schmollte ein wenig. Erst als Akkarin ihn anstupste, schenkte er ihm wieder Beachtung und sah zu, wie er seine Feder in die Luft gleiten ließ und diese dann mit hoher Geschwindigkeit durch den Raum sauste und so ziemlich jede andere Feder aus der Luft holte. Ihre Mitschüler johlten entweder oder waren verärgert darüber, doch Akkarin legte den nur den Kopf schief und lächelte Professor Ricardo zu und sagte:
„Tut mir Leid, Professor. Mit mir ist wohl die Magie ein wenig durchgegangen."
Caspar Valentino neben ihm verschwand unter dem Tisch und hustete verdächtig in seine Tasche. Er kam erst Minuten später wieder hoch, mit rotem Gesicht.
Professor Ricardo hingegen nickte nur wohlwollend und ließ neue Federn zu den Schülern gleiten.
„Wingardium Levioso!"
Tom schlug sein Buch zu und stopfte es mitsamt Heft in seine Tasche.
„Das ist jetzt genug. Ich gehe jetzt, das ist ja albern hier."
Er stand auf und schlang sich seine Tasche über die Schulter.
„Kommst du mit?"
Akkarin nickte nur und nahm seine längst gepackte Tasche. Seinen Zauberstab verstaute er sicher im Holster an seinem Unterarm. Tom wandte sich zum Gehen, sagte dann aber doch noch an die Zwillinge gewandt:
„Und um Himmels Willen, es heißt Wingardium LeviosA!"
Die beiden schauten ihn erstaunt an, aber da war er auch schon bei der Tür draußen, dicht gefolgt von Akkarin. Bevor dieser die Tür ins Schloss zog, konnten sie noch das freudige „Yeah" der Zwillinge vernehmen. Professor Ricardo nahm keine Notiz von den beiden.
„Wohin jetzt, Tom? Mittagessen gibt es erst in…"
Akkarin warf einen Blick auf seine Taschenuhr. Nicht das erste Mal heute.
„… 40 Minuten."
„Lass uns in die Bibliothek gehen. Dann können wir wenigstens so tun, als würden wir Selbststudium betreiben."
Sie fanden die Bibliothek auf Anhieb und suchten sich zwei Plätze im hinteren Teil.
„Wieso benützt du eine Taschenuhr? „Tempus" ist doch viel einfacher?"
Akkarin holte die Uhr hervor, strich sanft darüber. Im Deckel war ein Drache eingraviert.
„Sie war ein Geschenk. Ich trage sie immer bei mir, also warum nicht auch benützen?"
Tom´s Hand wanderte unfreiwillig zu seinem Medaillon. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass es an seinem Platz war, ließ er die Hand wieder sinken.
„Ach so, ich verstehe."
„Komm, lass uns gleich mit dem Aufsatz für Zaubertränke anfangen."
Tom nahm den Themawechsel gerne an und holte seinen Block heraus. Glücklicherweise war es Professor Carter egal, auf welchem Material der Aufsatz geschrieben wurde.
