Akkarin streckte sich; und zuckte sofort wieder zusammen, als er sich der Schmerzen in seiner Brust bewusst wurde. Es war, als würden tausende Nadeln seine Haut und das Fleisch darunter überziehen, dennoch fühlte er sich so wach und klar wie schon lange nicht mehr.
Vorsichtig öffnete er die Augen und blinzelte; Licht fiel durch einen schmalen Spalt zwischen den zugezogenen Vorhängen am Fenster, auf seinem Tisch stand ein Teeservice, der Tee in der Tasse dampfte sogar noch.
Sein Arm fühlte sich unglaublich schwer an, als er ihn hob um die Decke zurückzuschlagen, die bis zu seinem Kinn hochgezogen war. Er schaffte es gerade so, sie bis zur Hüfte hinabzuschieben.
Akkarin zog scharf die Luft ein, als er die Bandagen sah; und bereute es sofort, als sich die verletzte Haut über seinem Brustkorb straffte. Beim Anblick des Verbands kamen langsam die Erinnerungen wieder, die sein Unterbewusstsein in den letzten Tagen erfolgreich verdrängt hatte. Langsam fuhr er über den Stoff, dort wo sich der oberste Schnitt befand; ein dumpfer Schmerz folgte seinem Finger.
Unwillkürlich sah er Nathanaels Gesicht vor sich, das Grinsen des Anderen, dann Yvi, wie sie vor ihm stand, den Zauberstab auf ihn gerichtet. Wut stieg in ihm auf, unbändige Wut auf die beiden und auf sich selbst. Wie hatte er sich nur so demütigen lassen können? Wie hatte er Tom nur in eine solche Gefahr bringen können? Wie konnte er nur so unvorsichtig sein?
„Akkarin!"
Seine Hand wurde vom Verband weggerissen, Akkarin blickte erschrocken auf; er blickte direkt in Sebastians strenges Gesicht. Dieser hielt noch immer seine Hand fest und sah diese kopfschüttelnd an. Akkarin folgte seinem Blick und betrachtete mit fast morbider Faszination die blutigen Nägel, dann die blutdurchtränkte Linien, die er auf seiner Brust hinterlassen hatte. Erst ein kurzer, heftiger Schlag auf den Kopf riss ihn aus seiner Starre.
„Glaubst du eigentlich, ich verbringe zum Spaß meine Zeit hier und flick dich wieder zusammen? Damit du dann daran rumkratzt?"
Sebastian schlug ihm nochmals auf den Kopf.
„Mach das noch einmal und ich schwöre dir…."
Akkarin unterbrach Sebastian mit einer stürmischen Umarmung. Sein Körper stöhnte vor Schmerzen ob der plötzlichen Bewegung, aber er hatte einfach das Bedürfnis danach. Der Ältere schloss ihn seinerseits in die Arme.
„Du hast uns ganz schön Sorgen gemacht, Kleiner…"
„Ich…"
Akkarin schluckte, seine Stimme brach. Heiße Tränen standen ihm in den Augen und er vergrub das Gesicht in der Schulter des Mannes.
„Ist schon gut, Akkarin. Es ist nichts passiert, außer ein paar Kratzern."
Akkarin ballte die Fäuste, sich an Sebastians Hemd festhaltend. Erst jetzt realisierte er, wie nahe er dem Tod doch war. Seine Schultern zuckten heftig, als er haltlos schluchzte, doch Sebastian machte keine Anstalten, ihn wegzuschieben - schon bald war sein Hemd durchnässt. Er strich dem Jungen über den Rücken, immer wieder, aber es dauerte lange, bis Akkarin sich beruhigen konnte. Erst als die Schluchzer in einen Schluckauf übergingen, ließ Sebastian den jungen Vampir los und drückte ihn sanft zurück in die Kissen, die er mit Hilfe von Magie aufgestapelt hatte. Der Ältere zog ein sauber gefaltetes Stofftaschentuch aus der Brusttasche und reichte es Akkarin.
Er schüttelte es und betrachtete einen Moment lang das eingestickte Wappen – ein Drache, der sich in die Zinnen einer mächtigen Burg krallte, die Flügel gespreizt, und Feuer in den Himmel spie – trocknete sich die Augen und putzte sich dann die Nase. Es dauerte aber noch lange, bis Akkarin wieder sprechen konnte.
„Es tut mir leid, ich hätte besser aufpassen sollen, ich hätte vorsichtiger sein sollen, ich hätte…"
Ein Finger auf seinen Lippen brachte ihn zum Schweigen. Sebastian sah ihn ernst an, die dunkelvioletten Augen blitzten gefährlich.
„Nein, Akkarin, das alles war nicht deine Schuld! Wir hätten Cassidian nicht die Verantwortung für deine Sicherheit auferlegen sollen! Wir hätten deine Mitschüler genauer überprüfen sollen! Und wir hätten einen Vorfall wie diesen…"
Sebastian zeigte auf Akkarins bandagierte Brust.
„… unter allen Umständen verhindern müssen!"
Akkarin hielt den Blick gesenkt. Sebastian fuhr fort:
„Dein Vater hat veranlasst, dass ich hier bleibe und dich und Mr. Riddle im Auge behalte. Ich werde ab Montag mit euch zusammen den Unterricht besuchen. Außerdem wird die Umgebung nun genauer überwacht."
Der Junge blickte auf. Sebastian zeigte nochmals auf Akkarins verbundene Wunden.
„So etwas wird nicht noch einmal passieren."
Xxx
Akkarin überprüfte sorgfältig die Bandagen; die weißen Leinenstreifen waren straff um seinen Oberkörper gewickelt und mit einem Klebezauber befestigt. Die Wunden darunter waren so gut wie verheilt, dennoch bestand Sebastian darauf, dass er den Verband noch die ganze Woche trug. Er selbst war nicht gänzlich abgeneigt, fühlte er sich doch immer noch sehr verwundbar.
Er atmete tief durch und schlüpfte in sein schwarzes Hemd, knöpfte es bedächtig zu und steckte es in die schwarze, eng sitzende Hose, die von einem schwarzen Gürtel mit silberner Schnalle gehalten wurde. Die Hosenbeine steckten in schweren, schwarzen mit – ebenfalls silbernen - Schnallen beschlagenen Stiefeln. Akkarin fuhr sich noch einmal durch die Haare, stellte sicher, dass sich jede einzelne Strähne an ihrem Platz befand. Sein normalerweise zerzaustes, dunkelblondes Haar hatte er heute fein säuberlich zurückgestrichen.
Durch den Spiegel beobachtete er, wie sich die Tür zum Badezimmer öffnete und Tom erschien; ähnlich gekleidet und zurechtgemacht. Akkarin grinste ihm zu, seine Fangzähne blitzten hervor. Tom nickte nur zur Antwort. Heute, nach einer Woche der Genesung, würden sie Nathanael und Yvi zeigen, dass das Erlebte ihr Selbstbewusstsein nicht im Mindesten beschädigt hatte. Nein, dass sie sogar gestärkt aus der Begegnung herausgingen.
„Wollen wir, Tom?"
„Ja, lass uns gehen."
Akkarin warf sich seinen schwarzen Umhang über die Schultern. Er hatte einen kleinen Stehkragen, reichte bis zum Boden und war von einer silbernen Bordüre eingefasst. Links auf der Brust prangte sein Familienwappen, der feuerspeiende Drache auf den Zinnen einer Burg, ebenfalls ganz in Silber gehalten.
Tom hingegen trug einen ebenfalls schwarzen Umhang, aber mit weiter Kapuze. Seiner war mit einem dunkelgrünen Zierstreifen eingefasst und das Wappen auf seiner Brust beinhaltete einen grünen Basilisken.
Sie verließen das Zimmer und dort wartete ein Junge in ihrem Alter – lange, zurückgebundene, schwarze Haare, dunkelviolette Augen und ebenfalls in schwarz gekleidet. Das Wappen auf seinem Umhang zeigte einen roten Stein über den Ruinen einer Stadt.
„Guten Morgen, Akkarin, Mr. Riddle."
Der Junge verbeugte sich. Tom runzelte die Stirn.
„Sebastian, für dich Tom."
Sebastian lächelte.
„Ja natürlich, Tom. Bitte entschuldige, es ist noch ein wenig ungewohnt."
Zusammen verließen sie das Wohnheim.
Xxx
Sie betraten die große Halle, Akkarin in der Mitte, rechts von ihm Tom und links Sebastian. Gemäßigten Schrittes durchquerten sie die Halle zu ihrem gewohnten Platz. Innerhalb kürzester Zeit waren alle Blicke auf sie gerichtet, auch Nathanael und seine Gruppe starrten sie an. Als die drei an deren Tisch vorbei gingen, zischte Nathanael:
„Dass du dich traust, dich hier zu zeigen! Anscheinend hast du deine Lektion nicht verstanden?"
Akkarin und die beiden anderen blieben stehen. Der junge Vampir wandte sich Nathanael zu, kalte Augen auf ihn fixiert.
„Merk dir eins, Abschaum – das war deine erste und letzte Chance in deinem Leben an mich ran zu kommen. Das nächste Mal endest du so wie dein Bruder, verstanden?"
Nathanael wollte schon hochschießen, aber Yvi, in der Gestalt von Samantha, hielt ihn fest. Sie blickte die Gruppe hasserfüllt an.
„Nicht, Janos, wir bekommen unsere Chance. Im Angesicht der Gerechtigkeit wird ihm auch sein „neuer" Freund nicht helfen."
Weder Akkarin noch Sebastian waren überrascht, dass Yvi die Maskerade direkt durchschaut hatte – schließlich hatte sie schon unzählige Male gegen Sebastian gekämpft.
Nathanael lehnte sich zurück, schüttelte Yvis Hand ab. Traurig blickte er zu Tom auf.
„Ich hatte wirklich gedacht, du hättest verstanden, in welche Gesellschaft und Gefahr du dich begeben hast. Leider habe ich mich wohl in dir getäuscht. Deine Seele scheint schwärzer zu sein, als ich vermutet hatte."
Nathanael zuckte beinahe zusammen, als Tom kalt lachte, seinem Vater so ähnlich. Und wie dieser sagte er mit leiser und doch klarer, durchdringender Stimme:
„Du hast ja keine Ahnung…"
Mit einer gewissen Genugtuung beobachtete er, wie Aleksander, der kleinste in der Gruppe, versuchte, sich die Gänsehaut von den Armen zu reiben. Er bedachte ihn noch mit einem stechenden Blick, der diesen nochmals zusammenzucken ließ.
Akkarin neben ihm lachte.
„Nun denn, lasst uns frühstücken gehen. Der Anblick dieser armseligen Bande verdirbt mir sonst noch den Appetit!"
Sie ignorierten die zornigen Blicke Nathanaels und Yvis, wandten sich um und gingen weiter zu ihren Plätzen. Sie hörten und sahen nicht, wie Yvi ihrem Schützling etwas zuflüsterte und dieser selbstgerecht lächelte.
Xxx
Die Gruppe hatte sich noch nicht ganz gesetzt, da ertönte die verstärkte Stimme der Direktorin.
„Liebe Schülerinnen und Schüler!
Bevor ihr die Woche beginnt, habe ich ein paar Ansagen zu machen.
Zuerst möchte ich einen weiteren, neuen Schüler begrüßen - Sebastian Hohenheim. Er konnte aus privaten Gründen erst diese Woche anreisen."
Sebastian stand auf, verbeugte sich in die Halle und setzte sich wieder.
„Dann möchte ich euch darauf hinweisen, dass dieses Jahr wieder zahlreiche Nachmittagsaktivitäten zur Verfügung stehen! Wie immer wird erwartet, dass jeder Schüler sein schulisches Engagement beweist und zumindest einen Kurs belegt. Und wie auch in den Jahren zuvor sind die Kurse Heilkunst, Magische Baukunst und der Duellclub nur für Schüler ab der vierten Stufe belegbar. Für alle offen sind die Kurse Besenflug, Quidditch, Pflege magischer Geschöpfe, der Duelleinführungskurs und der Zusatzkurs Kräuterkunde, außerdem magischer Schwertkampf und Muggelsportkunde. Dazu wird wegen verstärkter Nachfrage jetzt Unterricht für verschiedene Musikinstrumente angeboten.
Ich denke, es sollte für jeden etwas dabei sein. Die Listen hängen ab der Mittagspause am schwarzen Brett vor der großen Halle aus. Und bedenkt, die Listen sind magisch, ihr könnt nur euren eigenen Namen eintragen. Bitte achtet darauf, dass sich die einzelnen Kurse nicht überschneiden. Zeitänderungen sind wie immer nicht möglich."
Damit setzte sich die Direktorin wieder. Tom schätzte es, dass sie kein Freund großer Worte war und einfach knapp und präzise sagte, was sie zu sagen hatte. Nicht so wie Dumbledore, dessen Ansprachen und Interviews in den Medien durchaus Stunden dauern konnten und sich trotzdem nur im Kreis drehten.
Tom lehnte sich nach hinten und sprach Sebastian an, der neben Akkarin und somit zwei Plätze weiter saß.
„Hohenheim… kommst du aus Deutschland?"
Der Angesprochene lächelte und nickte.
„Ja, meine Familie kommt tatsächlich aus Deutschland. Aber wir mussten schon vor Jahrzehnten das Land verlassen und leben nun auf dem Land von Lord Cross. Oder zumindest die, die von uns übrig geblieben sind."
Der Schwarzhaarige wandte sich wieder seinem Essen zu, offensichtlich unwillig, weiterzusprechen. Tom aß einen weiteren Löffel seiner Frühstücksflocken und träumte jetzt schon vom Mittagessen; heute würde es sein Lieblingsessen geben, Steak mit Kartoffeln und frischen Bohnen. Neben ihm saß wieder Tian, der bedächtig seinen Löffel in das Müsli tauchte und dann den Inhalt genau untersuchte, bevor er ihn sich in den Mund schob. Der Vampir kaute sorgfältig, bevor er schluckte. Tom konnte nicht anders, als zu grinsen.
„Und, schmeckts?"
Tian nickte und antwortete:
„Das Zeug ist echt super! Das ist einfach so gut, dass du hier am Tisch sitzt! Jetzt kann ich endlich das Essen von den Anderen probieren!"
„Isst du denn zuhause so was nicht? Ich meine, da kannst du dir ja sicher aussuchen, was du möchtest."
Der Junge lächelte traurig.
„Nein. Es erinnert meinen Vater zu sehr an meine Mutter und deshalb gibt's zuhause nur das Übliche."
„Das Übliche?"
Tian druckste ein wenig herum, antwortete dann aber doch.
„Naja, Blut eben. Mit Blut brauchen wir ja nichts anderes dazu."
Der Vampir sah Tom unsicher an und war augenscheinlich erleichtert, als er nicht angewidert zurück wich.
„Umsichtig von dir, Rücksicht auf deinen Vater zu nehmen. Ich würde dasselbe tun."
Tian nickte ihm dankbar zu und aß einen weiteren Löffel Müsli. Tom wollte auch gerade weiter essen als Akkarin ihn ansprach.
„Hey, klasse Show vorhin. Der Kleine hat sich fast in die Hosen gemacht."
Sein Freund imitierte den verängstigten Jungen und Tom musste unweigerlich lachen, denn die Gestik passte so gar nicht zu seinem heutigen Erscheinungsbild.
„Wo hast du das denn gelernt? Als du „Du hast ja keine Ahnung…" gesagt hast, mit dieser leisen, gefährlichen Stimme, wurde sogar mir für einen Moment anders. "
Tom spürte Stolz in sich aufsteigen - Stolz darauf, dass er seinem Vater nachkam. Dennoch tat er das Lob ab.
„Ach, das kam einfach so. Dieser Nathanael nervt mich einfach nur, da kann schon einmal mit einem durchgehen."
Akkarin schien die Antwort zu akzeptieren, denn er wechselte das Thema.
„Welches Wahlfach wirst du belegen?"
Tom überlegte kurz, ließ sich die Fächer nochmals durch den Kopf gehen.
„Ich weiß nicht so recht. Ich wusste zwar schon, dass ich ein Wahlfach belegen muss, aber hab mir noch nicht so wirklich Gedanken gemacht. Vielleicht den Anfängerkurs für Duell. Der hört sich gar nicht so uninteressant an."
Er hatte noch nicht ganz zu Ende gesprochen, als Valerians Kopf zwischen ihm und Akkarin erschien.
„Mach das bloß nicht! Der Kurs ist das langweiligste, was ich jemals erlebt habe!"
Einige Andere murmelten ihre Zustimmung.
„Du schießt einfache Flüche auf Strohpuppen und das war es auch schon. So wie ich dich einschätze, würde dir das sehr schnell langweilig werden und dann musst du da ein ganzes Jahr aushalten. Überleg dir das gut."
Damit zog sich Valerian zurück und ging weiter zu seinen Brüdern.
„Also wenn das so ist, lass ich das lieber. Akkarin, was wirst du machen?"
Akkarins Antwort kam wie aus der Pistole geschossen, offensichtlich wusste er schon, was er belegen würde.
„Also ich werde den magischen Schwertkampfkurs belegen und den Muggelsportkurs."
Tom klappte die Kinnlade runter.
„DEN MUGGELSPORTKURS?!"
Cassidian sah amüsiert zu, wie Tian den Jungen wieder zurück auf seinen Stuhl zog, erklärte dann:
„Überleg mal, Tom. Wir dürfen in diesem Kurs zwar keine Magie verwenden, aber trotzdem sind wir allen anderen körperlich weit überlegen."
Weiter kam Cassidian nicht, weil er von einem groß gewachsenen, muskulösen Jungen unterbrochen wurde, der eben an den Tisch herankam. Tom drehte sich in seinem Stuhl und betrachtete ihn genauer. Der Junge war wohl genauso alt wie Cassidian, also 16, hatte braun gebrannte Haut und dunkelbraune Haare. Das markanteste an ihm waren aber die goldenen Augen, die lustig blitzten. Tom erkannte den Jungen sofort als einen der Werwölfe.
„Ganz schön eingebildet, Cassidian. Hast du die Niederlage letztes Jahr schon vergessen? Ihr habt in fast jeder Disziplin verloren."
Der Junge lachte, aber es war nicht spottend, sondern eher kameradschaftlich und als Tom zum Tisch der Werwölfe hinübersah, winkten diese freundlich herüber. Er winkte verhalten zurück.
„Aber dafür haben wir euch beim Schwertkampf vernichtend geschlagen, Cameron. Und wir haben dieses Jahr Verstärkung bekommen!"
Cassidian wies auf Tom, Akkarin und Sebastian, doch der Werwolf lachte nur. Offensichtlich kannte Cameron Akkarin besser, denn er zerzauste seine sorgfältig frisierten Haare mit seiner riesigen Hand.
„Verstärkung nennst du das? Ich kenne die Schwächen von dem hier ganz genau, Sebastian hier war noch nie ein Sportler und Mr. Riddle hier…"
Cameron zuckte entschuldigend die Schultern.
„… stellt nun wirklich keine Herausforderung dar. Sorry, Kleiner."
Tom wollte gerade etwas entgegnen, als der Junge mit einem Lachen fortfuhr.
„Schade, dass du keiner von uns bist, dann hättest du wenigstens im Schwimmen gegen Akkarin hier gewinnen können, der säuft nämlich ab wie ein Stein!"
Akkarin errötete heftig, Tom musste unfreiwillig kichern.
„Halt die Klappe, Cameron!"
Cameron packte ihn am Genick, schüttelte ihn und lachte dabei laut.
„Wo ist der Respekt gegenüber Älteren geblieben?"
Er ließ den jungen Vampir los und hob die Hand wie zum Gruß.
„Also nehme ich an, wir sehen uns dann draußen auf dem Sportplatz! Haut rein!"
Immer noch lachend ging der Werwolf zurück zu seinen Leuten. Tom blickte in die Runde und war erstaunt, in lächelnde Gesichter zu blicken. Und er dachte immer, dass Vampire und Werwölfe Feinde wären. Niemand schien seinen verwirrten Blick zu bemerken und Thamos sagte:
„Dieses Jahr werden wir besser abschneiden als die Hunde da drüben!"
Cassidian lachte leise.
„Lass das bloß nicht Cameron hören, sonst versucht der wieder bei der ersten Gelegenheit, dich im Schwimmbecken zu ertränken!"
Nun fiel Toms geschockter Blick doch auf. Akkarin legte ihm eine Hand auf den Arm.
„Kein Grund zur Sorge. Cameron müsste ihn dafür schon eine ganze Weile unter Wasser halten und so viel Geduld hat der sowieso nicht. Also willst du dich mit uns in die beiden Kurse eintragen?"
Tom kaute auf seiner Unterlippe.
„Ich weiß nicht, verglichen zu euch versage ich da doch total."
Sein Freund klopfte ihm auf die Schulter.
„Ach was, magischer Schwertkampf ist eher eine Frage der Kontrolle deiner Magie und Feingefühl für das Schwert, als dass es abhängig von deiner körperlichen Kraft wäre und beim Muggelsportkurs machen auch „normale" Schüler mit. Die Teams sind gemischt, also mach dir da mal keine Gedanken. In erster Linie macht es einfach Spaß, sich mal ohne Magie zu messen, egal was dabei rauskommt."
„Hm, ich muss mir das noch überlegen."
Akkarin nickte.
„Ich trag mich auch erst heut Mittag ein."
Xxx
Der Vormittag ging viel zu schnell vorüber. Zaubertränke verlief ruhig und sogar Akkarin hatte es geschafft, sein Elixier alleine ohne Zwischenfälle fertig zu bekommen. Und die Doppelstunde Zauberkunst nutzten Tom und Akkarin dazu, ihre nachgearbeiteten Hausaufgaben an die einzelnen Lehrer zu verteilen. Viele von ihnen hatten sie ja noch nicht getroffen und so kostete sie das Ganze länger als gedacht, da sie sich überall erst vorstellen mussten. Ebenso Sebastian, der die Chance nutzte, sich einen Überblick über das Personal zu verschaffen.
Und so stand Tom mittags vorm schwarzen Brett und hatte sich noch nicht einen Gedanken über seine Wahl gemacht. Er wollte wirklich gerne diesen magischen Schwertkampf ausprobieren. Im Laufe des Vormittags hatte er viele Geschichten darüber gehört und demzufolge musste das der beste Kurs überhaupt sein. Aber er war sich immer noch unschlüssig über Muggelsportkunde. Er konnte sich da nicht wirklich was darunter vorstellen, war er doch ausschließlich in der magischen Welt aufgewachsen. Vielleicht wählte er doch lieber etwas ihm bekanntes?
„Wie wärs mit Besenflug und dann Quidditch? Die zwei Kurse gehören ja zusammen."
Fast hätte er Akkarins panischen Blick übersehen, sein Gesicht wurde noch bleicher als normal. Hätte der Vampir nicht so miserabel ausgesehen, wäre es beinahe zum Lachen gewesen. Sebastian klopfte Akkarin auf die Schulter und grinste:
„An dem Tag, an dem der hier freiwillig auf einen Besen steigt, esse ich den selbigen! Ich hab noch nie einen Vampir gesehen, der so eine ausgeprägte Reisekrankheit hat – wenn ich es mir genau überlege, hab ich eigentlich noch nie einen Vampir mit Reisekrankheit getroffen. Also wenn du Quidditch spielen willst, musst du das wahrscheinlich alleine tun, weil…"
Sebastian zeigte auf den jüngeren Vampir und tat so, als müsste er sich übergeben. Akkarin stieß ihm in die Seite.
„Hey!"
Tom prustete.
„Reisekrankkeit? Echt? Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass Vampire so etwas überhaupt bekommen können!"
Akkarin streckte Tom die Zunge raus, ging zum Brett und trug sich wortlos in die Listen für Schwertkampf und Muggelsport ein. Dann trat er zurück, immer noch ein bisschen schmollend. Tom ergab sich seinem Schicksal und schrieb seinen Namen unter Akkarins. Sebastian trug sich nur für Schwertkampf ein mit der Erklärung, dass er wirklich absolut talentfrei in jeglichen Sportarten sei.
Gerade in diese zwei Listen hatten sich schon viele eingetragen. Camerons Name stach auf beiden Listen hervor, da er ihn gleich über zwei Zeilen gekritzelt hatte.
„Wer ist eigentlich dieser Cameron? Er scheint dich ja gut zu kennen, oder nicht?"
Die drei gingen nach draußen und suchten sich ein schattiges Plätzchen, um die Mittagspause dort zu verbringen. Sebastian packte etwas zu essen aus, während Akkarin antwortete.
„Ja leider. Sein Vater ist der Alphawolf von einem der größten Rudel in Europa und da mein Papa das Clanoberhaupt meiner Familie ist, haben wir uns schon ein paar Mal getroffen. Die magischen Wesen müssen zusammenarbeiten, sagt mein Papa immer."
Dabei spuckte er die Phrase „magische Wesen" aus, wie etwas sehr, sehr Widerwärtiges.
„Cameron hat auch schon mal einen Sommer bei uns verbracht."
Informierte Sebastian ihn.
„Ich musste Akkarin beinahe jeden Abend wieder zusammenflicken. Mit einem zwölfjährigen Werwolf konnte er einfach nicht mithalten."
Akkarin schnappte nach Luft, fuchtelte mit den Armen.
„Ich war acht und du weißt genau, was Spielen für Cameron bedeutete! Der Penner hat mich von einem Baum geworfen!"
„Cameron sagte, du bist gefallen."
„Er hat mich gestoßen! Dann wollte er wissen, wie lange ein Vampir die Luft anhalten kann!"
„Na, jetzt reg dich nicht auf. Nach einer halben Stunde hat er dich doch losgelassen, also hattest du noch ein paar Minuten Spielraum."
„In eiskaltem Quellwasser! Ich wäre fast erfroren!"
„Sofern ein Vampir erfrieren kann…"
„Dann hat er Messerwerfen mit mir gespielt. Ich wär fast verblutet!"
„Fast verblutet… an einem Messer im Oberarm ist noch keiner verblutet."
Akkarin stieß verärgert die Luft aus und sah Sebastian resigniert an.
„Weißt du, als mein Kindermädchen leistest du einen miserablen Job…"
„Im Jobprofil stand nicht, dass ich dich vor Schäden generell bewahren sollte, sondern nur vor bleibenden Schäden. Und solange du dich so aufregen kannst, scheinst du mir recht gesund."
Akkarin warf ihm eine Mandarine an den Kopf, aber Sebastian hob sie nur auf, schälte sie und aß sie genüsslich, unwillig, die Situation ausarten zu lassen.
Tom verfolgte den Schlagabtausch mit stillem Vergnügen. Akkarin verhielt sich so anders, wenn er mit Sebastian sprach. Es war ein Leichtes, zu erkennen, wie tief die Freundschaft und das Vertrauen zwischen den beiden war und Tom hoffte, dass er und Akkarin irgendwann einmal auf dieselbe Art und Weise verbunden sein würden.
