Es sei auch angemerkt, dass sich der Autor tierisch über Reviews freuen würde ;)

xxx

Und so gingen die Wochen ins Land und langsam aber sicher neigte sich das Jahr dem Ende. Halloween und damit Toms 12. Geburtstag wurden gefeiert und die Schüler bereiteten sich auf die Weihnachtsferien vor.

Die letzten Schulwochen verliefen ohne nennenswerte Vorkommnisse. Unter der Woche waren beide Jungen voll und ganz damit beschäftigt, den Unterricht zu besuchen und ihre Hausaufgaben zu erledigen, damit sie am Wochenende uneingeschränkt an ihren Kursen teilnehmen konnten. Im Unterricht zeichneten sich langsam ihre Präferenzen und Können ab; Während Toms Stärken in den Fächern Zaubertränke und, Arithmantik und Verwandlung lagen, war Akkarin eher in den Dunklen Künsten und Zauberkunst talentiert. Gemeinsam und gepaart mit harter Arbeit schafften sie es, zum Notenschluss vor den Ferien in allen Fächern mit gut oder besser abzuschneiden. Sie konnten somit beruhigt in die Ferien gehen und sich ein wenig zurücklehnen, sobald die Hausaufgaben, die sie über die freie Zeit bekommen hatten, erledigt waren.

Und seit Sebastian mit ihnen unterwegs war, hielt sich sogar Nathanael zurück. Mehr als ein paar böse Blicke und die ein oder andere abschätzende Bemerkung gab es von seiner Seite aus nicht und die Jungen zogen es vor, den Anderen einfach zu ignorieren. Die Lage beruhigte sich so weit, dass sogar Sebastian und Cassidian in ihrer Rolle als Aufpasser ein wenig entspannten und die beiden tagsüber weitestgehend alleine ließen, solange sie sich in öffentlichen Bereichen und zusammen aufhielten.

Und immer öfter waren auch Tian und Lessa mit den beiden anzutreffen, beim Lernen und Hausaufgaben machen oder bei den Freizeitaktivitäten. Das Mädchen ging schon bald mit einer Selbstverständlichkeit im Gemeinschaftsraum der Vampire ein und aus, die niemand für möglich gehalten hätte. An einzelnen Tagen saß sie mit ihnen sogar zum Essen an einem Tisch, ihre Schüchternheit für den Moment vergessen.

Alles in allem waren es friedvolle Tage und die meisten Schüler und Schülerinnen waren in Gedanken schon in den Ferien unterm Christbaum.

Xxx

Akkarin warf seine Schultasche auf den Tisch am Fenster und ließ sich in einen den Stühle sinken. Geflissentlich ignorierte er den strafenden Blick der Bibliothekarin und kramte sein Buch für Verteidigung gegen die dunklen Künste heraus.

„So unnütz… als ob mir meine eigenen Leute in den Rücken fallen würden! Verteidigung gegen die… keine Ahnung… lichten Künste wäre viel sinnvoller…"

Tom kicherte, blieb aber stehen und stützte sich nur auf der Stuhllehne vor ihm auf.

„Jedes Mal dasselbe, wenn du das Buch raus holst. Du kannst das Fach wirklich nicht ab, oder?"

Der Vampir blätterte ziellos durch das Buch, achtete nicht darauf, dass durch seine grobe Behandlung mehrere Seiten Risse und Knicke davontrugen.

„Ich weiß ja nicht, was Pixies oder Grindelohs mit Dunklen Künsten zu tun haben. Aber ich kann wohl schon froh sein, dass Vampire nicht mehr unter Verteidigung gegen die dunklen Künste aufgezählt werden. Das wär doch mal was, wenn ich lernen würde, wie man einen Vampir erkennt und tötet."

Tom lachte trocken und meinte ironisch:

„Weiß doch jedes Kind, wie man euch Blutsauger los wird… ein Pflock mitten durchs Herz, Kopf abschneiden und die Überreste verbrennen!"

Akkarin schüttelte den Kopf. Als würde es irgendein Wesen auf dieser Welt geben, den diese Prozedur nicht töten würde. Unweigerlich musste er an die Hexenverbrennungen im Mittelalter denken, von denen sie letztens im Geschichtsunterricht gehört hatten. Nur hatten die Hexen irgendwann aufgehört, für ihre Freiheit und Anerkennung zu kämpfen und hatten sich aus der öffentlichen Welt zurückgezogen. Sie, die Vampire und alle anderen Wesen, die sich ihnen angeschlossen hatten, würden dies nicht tun. Bis zum bitteren Ende, das war ihr Wahlspruch.

„Oder ein gemütliches Weihwasserbad, gewürzt mit Knoblauch?"

„Und bei mittlerer Hitze köcheln lassen und gelegentlich umrühren, bis der Vampir durch ist, Tom?"

Die Jungs lachten verhalten. Erst als sie sich beruhigt hatten, fuhr Akkarin fort:

„Na komm, lass uns diesen blöden Aufsatz über die Pixies schreiben, sonst hab ich keine Lust mehr."

Schwungvoll blätterte er eine weitere Seite um – und riss sie aus. Schon hatte er eine Hand im Nacken und die ihm wohl bekannte, schrille Stimme der Bibliothekarin rang in seinen Ohren:

„Mr. Cross, was genug ist, ist genug! Meine Geduld ist am Ende und vor nächstem Jahr werde ich nicht mehr zusehen, wie sie ihre oder meine Bücher missbrauchen. Raus hier und vor dem nächsten Schulbeginn will ich sie hier nicht mehr sehen! Und wenn sich bis dahin ihr Verhalten gegenüber Büchern nicht signifikant geändert hat, brauchen sie gar nicht mehr wieder zu kommen! Selbstverständlich werde ich ihre Eltern darüber informieren, wie sie mit ihrem Eigentum und dem anderer umgehen."

Sie schleifte den Vampir mehr oder weniger zur Tür und bugsierte ihn hinaus. Danach kam sie zurück zum Tisch und nahm sich Tom vor, der gerade Akkarins Sachen zusammenpackte und seinem Freund hinterher wollte.

„Es tut mir Leid, Mr. Riddle, aber ich muss sie bitten, die Bibliothek ebenfalls zu verlassen. Vorerst gelten für sie dieselben Beschränkungen, wie für Mr. Cross. Ich würde es sehr begrüßen, wenn sie ihren Freund eine Weile von hier fern halten. Meine Bücher brauchen eine Pause!"

Sie schob ihn sanft zur Tür und hinaus. Der Türflügel schloss sich mit einem leisen Klicken. Tom starrte Akkarin ärgerlich an.

„War das jetzt nötig, Akkarin?"

Der Junge schnaubte.

„Was? Es ist mein Buch, das geht die gar nichts an!"

„Du weißt doch ganz genau, wie Ms. Schneider mit ihren Büchern umgeht - als wären es ihre Kinder! Und du missbrauchst dein Buch in einer Art und Weise, dass es mir selber schon fast weh tut, das mit anzusehen. "

Tom wedelte mit Akkarins Buch durch die Luft. Der Einband war beschmiert, stellenweise beschädigt und die Ecken abgestoßen. Einzelne Blätter hingen lose heraus und hätte man es aufgeschlagen, hätte es einen noch bemitleidenswerteren Anblick geboten.

Akkarin schnappte sich das Buch und sah Tom kühl an, wie immer, wenn dieser Kritik an ihm übte.

„Dann sei froh, dass das nicht dein Buch ist. Das geht dich gar nichts an, wie ich damit umgehe."

Tom warf dem Vampir seine Tasche grob vor die Brust.

„Ach, das geht mich nichts an? Ich habe wegen dir jetzt Bibliotheksverbot und Ms. Schneider wird meinen Vater deshalb kontaktieren!"

Akkarin rollte die Augen.

„Oh nein, sie wird deinen Vater wegen ein paar beschädigten Büchern kontaktieren. Und jetzt?"

Tom ballte die Fäuste. Wenn seinem Vater eines heilig war, dann waren es Bücher. Und er würde gar nicht erfreut darüber sein, dass sein Sohn ausgerechnet in einer Bibliothek Unfug getrieben hat. Und dabei war er nicht einmal Schuld daran!

„Du bist doch echt ein Arsch! Lass mich bloß in Ruhe!"

Damit schwang er sich seine Tasche über die Schulter und marschierte davon. Manchmal war Akkarin wirklich unausstehlich, besonders wenn er nicht zugeben konnte, dass er einen Fehler gemacht hatte.

„Ist ja schön für ihn, dass es seinem Vater egal ist, wenn er Bücher kaputt macht und beschädigt. Meinem Dad ist es leider ganz und gar nicht egal!"

Tom ging den Gang entlang, Verwünschungen murmelnd. Akkarin hatte es jetzt endlich geschafft, dass sie aus der Bibliothek geworfen wurden. Es war ja nicht so, dass Ms. Schneider sie nicht schon mehrfach vorgewarnt hätte, aber Akkarin provozierte sie immer und immer wieder. Er ging mit seinen Schulsachen generell recht sorglos um, aber man konnte ihm schon fast Absicht unterstellen, wenn man sah, wie er mit seinen Büchern in der Bibliothek umging. Besonders, wenn Ms. Schneider ihn dabei zusah.

Er konnte ja verstehen, dass der Vampir die Bibliothekarin nicht ausstehen konnte; sie war schließlich kein Freund von Vampiren und Werwölfen. Aber wenn man sie nicht, wie Akkarin, ständig provozierte, würde sie nie einen Schüler aufgrund seiner Herkunft anders als die anderen behandeln. Aber Akkarin war in diesen Dingen ungewöhnlich fanatisch; sobald es um Gleichberechtigung oder Akzeptanz von magischen Wesen ging, war er eine vollkommen andere Person. Über diese Themen konnte man mit ihm nicht diskutieren, besonders wenn man anderer Meinung war. Und das war unumgänglich, weil der junge Vampir sehr einseitige und extreme Ansichten vertrat.

Tom wunderte es nur, wie Akkarin es schaffte, sich so ausgiebig über die Beweggründe der Rebellion auszulassen, aber über die Vorgänge selbst kein Wort zu verlieren. Er hatte es bis jetzt nicht geschafft, auch nur einen Satz über diesen Krieg im Verborgenen aus seinem Freund herauszubekommen.

Er blieb stehen und sah sich um, er war einfach ziellos weitergelaufen. Hier war er bis jetzt noch nie gewesen, eine einzelne Treppe führte in den Keller. Tom ging an das nächste Fenster und blickte hinaus; viel gab es nicht zu sehen, das Glas war beinahe blind und dahinter war nur ein kleiner, dunkler Hinterhof zu erkennen, in dessen Mitte ein etwa vier Quadratmeter großes Beet angelegt war, in dem ein knorriger, alter Baum stand. Er war mit Schnee bedeckt und kleine Eiszapfen hingen an seinen Ästen. Tom versuchte noch, das Glas ein wenig klarer zu wischen, aber sah schon bald ein, dass das Vorhaben zwecklos war. Verärgert blickte er auf den nun dreckigen Ärmel seiner Robe.

„Na, dann muss ich wohl den ganzen Weg zurück…"

Tom wandte sich um und blickte direkt auf die Spitze eines Zauberstabs. Yvi lächelte, als sie sagte:

„Ich denke nicht."

Dann wurde alles schwarz.

Xxx

Akkarin sah Tom fassungslos hinterher. Hatte dieser Kerl gerade „Arsch" zu ihm gesagt und ihn stehen gelassen? Hatte der sie noch alle, wegen eines fünftägigen Bibliotheksverbots so einen Aufstand zu machen?

Er machte sich in die entgegengesetzte Richtung auf - nun würde er den Aufsatz auch noch alleine machen müssen. Er war es schon so gewöhnt, dass Tom den Tag mit ihm verbrachte und sie alles gemeinsam machten, dass er sich schon komisch vorkam, allein zum Wohnheim zu gehen. Dort angekommen setzte er sich an seinen Schreibtisch und holte das Streitobjekt hervor und legte das Buch vor sich auf den Tisch, betrachtete es.

Eigentlich hatte Tom schon Recht. Es war wirklich nicht notwendig, dass er dieses Buch so geringschätzig behandelte, nur weil er den Unterricht nicht ausstehen konnte. Mit einem leisen Seufzen tippte Akkarin seinen Zauberstab auf das Buch und schon sah es etwas besser aus. Die herausgerissenen Seiten waren wieder an Ort und Stelle und die gröbsten Beschädigungen am Einband waren auch verschwunden. Das Buch sah zwar immer noch immens mitgenommen aus, aber wenn er ein wenig vorsichtiger damit umging, würde es das Jahr noch überstehen.

Er schlug das Kapitel über Pixies auf und begann zu lesen. Und schlug es gleich wieder zu; zuerst musste er Tom suchen und sich entschuldigen – und dann zusammen den Aufsatz schreiben!

Nur wenige Minuten später stand Akkarin wieder vor der Bibliothek. Einen Moment sah er sich unschlüssig um und folgte dann dem Gang, den Tom vorhin gewählt hatte. Er führte in den hinteren Teil des Gebäudes, wo Schüler der Stufen eins bis drei nicht erlaubt waren. Cassidian hatte ihm erzählt dass dort die Wahlfächer stattfanden, die man ab dem vierten Jahr wählen konnte oder, Gerüchten zufolge, dafür ausgewählt wurde. Tom wusste das eher nicht, also war es umso wichtiger, dass er ihn fand. Er war sich sicher, dass der Andere weiteren Ärger nur zu gern vermeiden würde.

Der Gang schien endlos, mit schmalen Fenstern auf der einen und verschlossenen Türen auf der anderen Seite. Akkarin bog um eine weitere Ecke und sah, dass der Gang in einer Treppe in den Keller endete. Er konnte sich nicht vorstellen, dass Tom so blöd wäre, in den Keller weiter zu gehen. Wahrscheinlich hatte er ihn einfach verpasst. Er drehte um und ging den Weg zurück.

Weit kam Akkarin aber nicht –Scharniere quietschten, der Vampir blieb stehen. Vor ihm öffnete sich eine Tür knarrend. Heraus kam eine ihm wohlbekannte Person, grüne Augen blitzten gefährlich. Nathanael stand mitten im Gang, blockierte seinen Weg. In der rechten Hand hielt der Junge eine weiße, faustgroße Kugel. Er warf sie lässig hoch und fing sie wieder.

„Hallo, Akkarin. Heute so allein unterwegs?"

Nathanaels Mund verzog sich zu einem Lächeln und Akkarin hatte eine böse Vorahnung.

„Wo ist er?"

Der Junge lachte nur bösartig, als er plötzlich ausholte und die Kugel nach ihm warf. Reflexartig griff Akkarin danach und bemerkte erst viel zu spät, um was es sich handelte. Sobald die Kugel seine Handfläche berührte, explodierte sie und Akkarin hatte nicht einmal Zeit für einen Schrei, als der Schmerz ihm das Bewusstsein nahm.

Xxx

Ein harter Schlag ins Gesicht holte Akkarin ins Bewusstsein zurück. Er lag auf dem Boden, an Füßen und Händen gefesselt; die Hände waren ihm auf den Rücken gebunden. Seine Augen brauchten einen Moment, um sich an das Dämmerlicht zu gewöhnen, erst dann konnte er die Situation voll aufnehmen.

Über ihm stand Yvi, die ihn am Arm auf die Knie hochgezogen hatte. Schräg hinter ihr stand Nathanael vor Tom, der an die Wand gekettet aufrecht stand – blaue Augen suchten rote, der Blick darin war verzweifelt und ängstlich. Akkarin selbst spürte ebenfalls Panik in sich aufsteigen, doch er war so schwach, dass er sich nicht einmal von Yvis Griff losreißen konnte. Wütend fauchte er:

„Was hast du vor? Was willst du mit Tom?"

Nathanael lachte nur und kam auf ihn zu.

„Immer mit der Ruhe, eine Frage nach der anderen. Wir haben genügend Zeit und werden noch eine Weile hier miteinander verbringen. Was ich vor habe? Rache natürlich! Was ich mit deinem Freund hier anstellen will? Na das ist die wirklich interessante Frage."

Er schritt in dem Kellerraum auf und ab.

„Deine Sippe hat mir meinen Bruder genommen. Und jetzt nehme ich dir deinen Freund, anstatt eines Bruders versteht sich. Lausiger Ersatz eigentlich, wenn man es recht betrachtet."

Er stieß Tom in die Seite, dieser öffnete den Mund, wie um zu sprechen, aber es war kein Ton zu hören.

„Aber dafür habe ich mir etwas ganz besonderes für euch zwei einfallen lassen. Ihr werdet euch euer eigenes Grab schaufeln!"

Akkarin zerrte an seinen Fesseln, bleckte die Zähne.

„Glaub nur nicht, dass du damit durch kommst! Was glaubst du, was passiert, wenn du uns hier tötest?"

Nathanael schüttelte nur den Kopf.

„Tststs, wer redet denn davon, dass ich euch töte? Nein, nein, mein Plan ist viel besser als das. Aber ich will nicht zu viel verraten, sonst wäre es ja langweilig."

Akkarin riss sich nun doch los, nur um von dem Jungen mit einem Tritt wieder zu Boden befördert zu werden. Nathanael holte eine weitere Kugel aus der Tasche, sie schimmerte blau.

„Ich würde mir genau überlegen, was du jetzt machst. Mit dem hier kann ich dich ohne weiteres töten und niemand würde auch nur ein Haar von dir finden."

„Wenn dich damit jemand erwischt, werden sie dich wegsperren! Wahrscheinlich sogar nach Azkaban! Du weißt genau, dass diese Zauber strengstens verboten sind!"

Jetzt war es an Yvi, zu lachen.

„Wo kein Kläger, da kein Richter. Sogar wenn du hier lebendig rauskommst, wird dir niemand mehr glauben, kleiner Vampir."

Akkarin verstand nicht, was sie damit meinte. Warum sollte ihm dann keiner mehr glauben? Fassungslos musste er ihr zusehen, wie sie eine weitere Kugel hervor holte; eine weiße, wie zuvor, aber deutlich kleiner.

„Die hier ist für den Cruciatus. Ich würde sie ja zu gern deinem Freund geben, aber sie wirkt ja nur bei Vampiren, also was bleibt mir anderes übrig?"

Yvi setzte die Kugel auf Akkarins Schulter auf und fuhr mit ihr seinen Arm entlang, über den Stoff seiner Robe. In dem Moment, in dem die Kugel die nackte Haut seiner Hand berührte, explodierte auch sie in gleißendem Licht. Die Schmerzen, die Akkarin durchzuckten, waren mit nichts zu vergleichen; er hätte sogar den Cruciatus vorgezogen. Diese Kugeln waren speziell für den Kampf gegen Vampire entwickelt worden und verletzten nicht nur den Körper, sondern zerrten am Innersten, der Seele. Sie waren schon vor über 150 Jahren verboten worden, denn dies erschien den Menschen sogar gegenüber Vampiren zu grausam.

Akkarin schnappte nach Luft und versuchte erfolglos, seinen zitternden Körper unter Kontrolle zu bringen. Die Wirkung des Zaubers hatte nach ein paar Minuten nachgelassen, aber noch immer hatte er das Gefühl, als würde seine Seele entfliehen wollen. Er rollte sich zu einem Ball zusammen.

Erst das Klappern von Toms Ketten ließ ihn zaghaft aufschauen. Er folgte Toms Blick und sah Nathanael verschiedene Dinge auf einem Tisch ausbreiten – er konnte nicht sehen, was genau, aber Toms panischen Blick zu urteilen etwas Angsteinflößendes. Mit äußerstem Kraftaufwand schob Akkarin sich an der Wand hoch in eine kauernde Position.

Yvi wandte sich zu ihm um, betrachtete ihn einen Moment lang und sagte dann:

„Ich glaube, er ist so weit. Wir können anfangen; soll ich es machen?"

Nathanael winkte ab.

„Sorg du nur dafür, dass der Zauber funktioniert, ich mache den Rest."

Er nahm einen Gegenstand vom Tisch und holte seinen Zauberstab aus der Tasche. Nathanael hielt einen Stab aus Stahl in der Hand, an dessen Spitze ein Kreuz befestigt war. Akkarin erkannte es sofort – das sogenannte Sündenkreuz. Van Helsings Männer benutzten es, um Verräter zu kennzeichnen; und manchmal auch einfach nur zum Spaß an gefangenen Vampiren.

„Yvi, der Zauber!"

Die Frau nickte und schnippte ihren Zauberstab, zusammen mit einer Inkantation in fremder Sprache. Ein Band formte sich, verband Akkarin und Tom, verblasste dann. Nur Sekunden später spürte er Toms Schmerzen auf der Stirn und Tom fing merklich an, zu zittern, die Nachwirkungen der Kugel. Yvi seufzte enttäuscht.

„Wenn ich gewusst hätte, dass die Effekte der Kugel auch übertragen werden…"

Nathanael gebot ihr zu schweigen. Er trat an Tom heran und zeigte ihm sein Werkzeug.

„Das hier ist das Sündenkreuz und es ist reserviert für solche wie dich - Verräter an der eigenen Rasse. Nicht dass du lange darunter leiden musst, wenn alles nach Plan geht. Du wirst für deinen Verrat bezahlen und du…"

Er zeigte auf Akkarin.

„… du bezahlst für das hier!"

Er fuhr sich über die kreuzförmige Narbe an seinem Hals. Akkarin sah ihm direkt in die Augen.

„Die, die das getan haben, haben dafür bezahlt, Nathanael! Lass Tom nicht für etwas bluten, das nur uns etwas angeht!"

Nathanael lachte emotionslos. Yvi antwortete für ihren jungen Herrn:

„Es geht ihn seit dem Tag etwas an, an dem er sich draußen auf dem Dach eingemischt hat! Er hat seine eigene Rasse verraten!"

„GENUG JETZT!"

Der Junge brachte seinen Zauberstab zum Glühen und hielt ihn unter das Brandeisen. Er erhitzte den Stahl als würde er Marshmallows über einem Feuer braten.

„Manche Dinge können nicht genug gesühnt werden. Sie haben meine Seele für immer beschmutzt und dafür bezahlt ihr mir bis in alle Ewigkeit!"

Das Brandeisen begann nun selbst zu glühen, er ging hinüber zu Tom und sagte an Yvi gewandt:

„Den Schweigezauber, bitte. Ich will ihn schreien hören…"

Und Schreien war alles, was Tom tun konnte, als sich das glühend heiße Metall durch die zarte Haut an seinem Hals brannte und in das Fleisch darunter. Und Akkarin schrie mit ihm, jede einzelne Sekunde, den ganzen Schmerz mitempfindend. Tom stemmte sich gegen die Ketten, doch er hatte keine Möglichkeit, seinem Peiniger zu entkommen.

Sogar als Nathanael das Brandeisen wegnahm, stieg der Schmerz noch an, der Geruch von verbranntem Fleisch erfüllte den Raum. Nur entfernt nahm Akkarin das würgende Geräusch wahr, als Nathanael sich in einer Ecke übergab. Er registrierte nur am Rande, wie Yvi zu ihm ging und ihn beruhigte. Aber auch wenn er jetzt unbeobachtet war, konnte er nichts ausrichten, sein Körper von den Kugeln geschwächt, seine Sinne mit Schmerzen überflutet. Er lag nur schwer atmend am Boden, schweißgebadet und hielt Blickkontakt mit Tom, zu mehr waren sie nicht mehr imstande. Er könnte sowieso nicht in Worte fassen, wie sehr es ihm leid tat, dass Tom in all das hineingezogen wurde und das alles aushalten musste.

Akkarin fühlte sich wie betäubt von den Schmerzen und auch Tom hing schlaff an der Wand, unfähig sich noch auf den Beinen zu halten; Akkarin konnte den Schmerz in seinen Schultern und Handgelenken spüren. Nathanaels Magen hatte sich offensichtlich so weit beruhigt, dass er weiter machen konnte.

„Und jetzt? Tötest du uns jetzt endlich?"

Akkarins Stimme war nur mehr ein heiseres Flüstern. Auch Nathanaels Stimme klang rau:

„Aber jetzt kommt doch erst der Hauptteil, mein Freund."

Dem Vampir stellten sich die Nackenhaare auf, als der Junge ihn als „Freund" bezeichnete. Er brauchte nicht zu fragen, was der Hauptteil war, der Junge sprach schon weiter.

„Wir werden euch jetzt losbinden und gehen."

Akkarins Mund klappte auf, Tom blickte müde auf.

„Was?"

„Dann sperren wir die Tür ab und gehen auf Nummer sicher, dass euch in den nächsten Tagen keiner findet."

Akkarins Augen weiteten sich. Nun wusste er, was Nathanael damit meinte, dass ihm keiner glauben würde, sollte er es lebendig hier raus schaffen. In diesem Fall hätte er Tom im Blutdurst getötet und wäre wahrscheinlich halb wahnsinnig. Und das würde bald geschehen, die letzte Bluttablette lag schon eine Weile zurück. Er wollte sie eigentlich noch nehmen, als er vorhin sein Zimmer verließ.

Die Aussicht auf dieses Szenario ließ ihn das Unglaubliche tun – er rappelte sich hoch auf die Knie und flehte Nathanael an:

„Bitte, Nathanael, bitte mach das nicht. Bitte sperr Tom nicht mit mir hier drin ein. Er ist doch schon als Verräter gezeichnet, ist das denn nicht schon Strafe genug? Bitte!"

Doch alles Flehen war umsonst.

„Er soll ruhig sehen, mit welchen Monstern er sich eingelassen hat. Das ist der Preis für seinen Verrat. Komm, wir gehen. Schade, dass ich nicht zusehen kann, aber die Ferien warten auf mich."

Yvi schnappte sich die schon zusammengepackten Utensilien und gemeinsam gingen sie zur Tür. Als sie sie öffneten, fiel kein Licht herein – im Gang war es pechschwarz. Nathanael selbst befreite die beiden von ihren Fesseln und sagte zum Abschied:

„Schreit, so laut und so viel ihr wollt – keiner wird euch hören!"

Damit schloss sich die Tür und Akkarin konnte spüren, wie starke Zauber in Kraft traten. Unsicher sah er zu Tom hinüber, der an der Wand hinunter gesunken war und der ihm trotz allem schwach zulächelte. Er hatte offensichtlich keine Ahnung, was in den nächsten Stunden und vielleicht sogar Tagen auf ihn zukommen würde.