So, liebe Leser, heute gibt's das Kapitel mal einen Tag früher ;)

Read and Review (!)

Der Poltergeist

Er hätte ja gern mit einem kurzen "Tempus" die Zeit festgestellt. Zu gerne hätte er gewusst, wie viel Zeit vergangen war, seit sich die schwarze Tür hinter Nathanael und Yvi geschlossen hatte – vermeintlich für immer. Sein neuer Freund, Akkarin, war ein richtiger Magnet für Schwierigkeiten. Tom konnte sich nicht entsinnen, dass er sich von selbst jemals in so kurzer Zeit in so ernste Situationen verstrickt hätte.

Natürlich, es gab schon den einen oder anderen Moment, wo es brenzlig wurde, aber niemals ausweglos. Meist waren Dumbledores Gefolgsleute mit von der Partie und diese vermieden es schließlich mit allen Mitteln, Kinder zu verletzen – etwas, wovon auch sein eigener Vater absah, soweit es möglich war. Oder das ungeplante Zusammentreffen mit den Werwölfen, als Draco und er unbedingt Feenkraut bei Vollmond suchen wollten. Aber Fenrir Greyback war zum Glück mit seinem Rudel gleich zur Stelle und verscheuchte das rivalisierende Pack.

Egal, was ihm bis jetzt auch zugestoßen war, es war wie gesagt noch nie so ausweglos und gefährlich. Der Ernst seiner Lage wurde Tom erst jetzt bewusst, nachdem er sich ein wenig ausgeruht hatte und der teuflische Schmerz an seinem Hals ein wenig nachgelassen hatte.

Er saß mit einem blutdurstigen Vampir in einem verschlossenen Verlies fest – ohne Zauberstab, ohne Magie und fast ohne Chance, gefunden zu werden. Unbewusst verstärkte Tom seinen Griff um das abgebrochene Tischbein. Anfangs hatte er die Idee, Akkarin im Ernstfall zu töten, vehement von sich geschoben, aber er selbst wollte auch nicht unbedingt sterben; und mit dem Holzpflock hatte er zumindest eine Chance. Wahrscheinlich nur eine geringe, aber besser das als gar nichts.

Er sah zu dem anderen Jungen hinüber. Er war etwas von der Wand abgerückt, schlief unruhig auf dem Boden, leicht zusammengerollt. Sein Körper zitterte unkontrolliert und er murmelte im Schlaf vor sich hin. Tom sah an sich selbst hinunter auf die zwei Roben und schälte sich aus Akkarins. Er stand auf, um zu dem Anderen hinüberzugehen, aber sobald er stand, taumelte er zurück an die Wand und weiche Knie zwangen ihn, wieder zurück auf den Boden zu sinken. Das lange Sitzen hatte seinen Kreislauf destabilisiert, bis zu einem Punkt, dass es ihm schwarz wurde vor Augen. Tom schloss die Augen und versuchte, ruhig zu atmen und nach und nach ließ das Schwindelgefühl nach, doch der flaue Magen blieb.

Dieses Mal richtete Tom sich langsam und schrittweise auf, immer fest an die Wand gelehnt. Als er endlich aufrecht stand, gab er sich selbst noch ein paar Momente, bis sich sein Kreislauf wirklich stabilisiert hatte. Er wollte wirklich nicht auf halbem Wege zusammenklappen. Er schüttelte die Robe aus, bevor er zu Akkarin hinüber ging.

Tom stand nun über dem Jungen und dieser bot einen bemitleidenswerten Anblick. Akkarin zitterte wie Espenlaub und Tom meinte, seine Zähne klappern zu hören. Dazu murmelte er unablässig vor sich hin, die Augen unter den geschlossenen Lidern zuckten hin und her, seine linke Hand öffnete und schloss sich immer wieder.

Tom kniete sich neben ihn und legte die Robe über den Körper des Vampirs. Er überlegte, ob er ihn aufwecken sollte, aber entschied dann, dass dies wahrscheinlich eine schlechte Idee sein würde. Im Schlaf würde der Vampir den Blutdurst wenigstens nicht bewusst durchleben. Ohne nachzudenken strich Tom dem Jungen eine blonde Strähne aus dem verzerrten Gesicht, und fuhr erschrocken zurück, als die vermeintlich kalte Stirn unter seiner Hand glühend heiß war.

Nochmals streckte Tom seine Hand zögerlich nach dem Anderen aus und legte ihm den Handrücken auf die schweißnasse Stirn, dann erst auf die eine Wange, danach auf die andere. Der Junge unter ihm verbrannte schier, er hatte sehr hohes Fieber und dazu Schüttelfrost. Tom zog seine Robe auch noch aus und wickelte Akkarin fest darin ein – er würde es schon eine Weile ohne das Kleidungsstück aushalten! Der Vampir zog den Stoff an sich, hielt sich daran fest, wie ein Ertrinkender an einer Holzplanke. Tom zog sich wieder ein wenig zurück. Auch wenn er am liebsten über Akkarin wachen wollte, so wusste er instinktiv, dass es nicht die beste Idee war, neben ihm zu sitzen, wenn dieser aufwachte, desorientiert und durstig.

Tom sah sich einen Moment lang unschlüssig im Raum um, bis er bedächtig auf die schwarze Tür zuging. Er musste einfach versuchen, hier rauszukommen, egal wie sinnlos es ihm erschien. Aber er konnte einfach nicht länger dasitzen und auf sein Schicksal warten.

Er studierte die Tür genau. Sie war pechschwarz und mit Eisen beschlagen, solide und nahtlos in die Wand eingelassen. Auch der Türrahmen wies nicht einen Spalt oder Unebenheit auf, absolut solide. Vorsichtig ließ er die Fingerspitzen über den kaum sichtbaren Absatz zwischen Tür und Rahmen gleiten, glatt und eben und so eng, dass wohl nicht einmal ein Haar dazwischen passen würde. Dafür konnte er die Magie unter seinen Händen vibrieren spüren. Yvi hatte gute Arbeit geleistet.

Eine solche Magieresonanz war Tom sonst nur von seinem Vater gewöhnt. Wenn dieser etwas mit einem Zauber belegte und man es danach anfasste, hatte man das Gefühl, dass die Magie Impulse abgab. Als er seine Handfläche auf das Holz presste, fühlte sich die Magie wie tausend Nadelstiche an, die seine Haut punktierten; aber eher angenehm und prickelnd, statt schmerzhaft. Er legte die andere Hand ebenfalls an die Tür und schloss die Augen. Er hatte es seinen Vater tun sehen – Magie ohne Zauberstab. Er würde es sicher auch schaffen, wenn er sich nur genug anstrengen und es wirklich, wirklich wollen würde.

Tief in sich suchte Tom nach der Quelle seiner Magie. Er konnte es förmlich spüren, eine pulsierende Kugel, in allen Farben schillernd, er konzentrierte sich darauf. Natürlich wusste er, dass ein einfaches „Alohomora" diese Tür nicht öffnen würde, aber er musste es einfach versuchen. So sammelte er seine Magie und leitete sie durch seinen Körper zu seinen Händen. Ruhig und mit fester Stimme sagte er:

„Alohomora!"

Nichts passierte, rein gar nichts. Die Magie in der Tür prickelte nach wie vor an seiner Haut, nichts hatte sich geändert. Tom seufzte enttäuscht, begann den Prozess aber nochmals von vorne. Er richtete alle seine Sinne auf die Tür, bemüht, den Magiefluss zu erkennen, den einen Hebelpunkt zu finden, der es ihm ermöglichen würde, den Zauber außer Kraft zu setzen. Er wusste, dass es möglich war, er hatte in einem in Parsel geschriebenen Buch darüber gelesen – man nannte diese Menschen Zauberbrecher.

Mehr und mehr begann er ein Muster zu erkennen.

´Oder bilde ich es mir nur ein?´

Er entschloss sich, einfach weiter zu machen. Im schlimmsten Fall passierte einfach gar nichts.

Toms Augen waren weit geöffnet und doch nicht sehend. Alles, was er sah, waren Linien. Leuchtende, pulsierende Linien, die ein feinmaschiges Netz über den ganzen Raum zogen und ihren Knotenpunkt an der Tür zu haben schienen. Tom war überwältigt von dem Anblick, so etwas hatte er noch nie gesehen, geschweige denn davon gelesen. Das Buch war weniger spektakulär in seinen Ausführungen. Er ging die Linien Zentimeter für Zentimeter mit den Augen ab, immer auf der Suche nach einer Schwäche.

Und dann wurde er endlich fündig. Dort, wo sich alle Linien kreuzten, direkt am Türschloss, genau dort war eine kleine Unterbrechung, nur ein schwach erkennbares Flimmern in einer der Linien. Tom schickte seine Magie genau an diesen Punkt, Schweiß lief an seinem Gesicht vor Anstrengung herab, als er mit überzeugten, befehlenden Ton flüsterte:

„Alohom…"

„Achoo!"

Toms Magie verpuffte an der Tür, nun war er komplett ausgelaugt. Frustriert drehte er sich zu dem Vampir um und sah ihn mit durchdringenden Augen an, das blau schon fast schwarz vor Wut. Er war so kurz davor! Und jetzt war alles weg. Tom musste sich zusammenreißen, den anderen nicht anzufahren.

„Danke Akkarin, ich hätte die Tür beinahe aufbekommen!"

Der Junge blinzelte ihn verständnislos an und wischte sich mit einer der Roben über die Nase. Seine Augen waren nun leuchtend rot und auch das weiße um die Iris war blutunterlaufen. Die oberen Fangzähne ragten unter der Oberlippe hervor und schoben sich leicht über die untere. Seine hellrote Zunge schoss hervor, leckte über eben diese Zähne. Tom schauderte es, Akkarin betrachtete ihn wie ein Stück Fleisch. Nur mit Mühe konnte er den Gedanken abschütteln – sicherlich tat der andere alles Mögliche, um sich zurückzuhalten.

„Wie wolltest du sie aufmachen? Du sahst aus, als würdest du einfach nur dagegen drücken. Ich glaube, da hätte ich bessere Chancen gehabt."

Tom erkannte den Sarkasmus in der Stimme des Vampirs und plötzlich hatte er keine Lust mehr, Akkarin von seiner neu entdeckten Fähigkeit zu erzählen. Er glaubte nun nicht mehr, dass er sich das ganze eingebildet hatte. Also zuckte er nur mit den Schultern und antwortete:

„Wie du meinst."

Er querte den Raum und setzte sich auf den Rand der umgestürzten Tischplatte. Seine Ellbogen auf den Knien aufgestützt und die Hände unter dem Kinn gefaltet beobachtete er den Jungen auf den Boden. Der saß in die Roben eingewickelt noch immer ein wenig orientierungslos auf dem Boden, sein Blick irrte im Raum umher. Immer wieder strich er mit der Zunge über seine spröden Lippen und unweigerlich auch über seine Reißzähne. Das Fieber hinterließ seine Spuren und auch das Zittern hatte nicht aufgehört.

„Wie geht es dir, Akkarin?"

Er behielt ihn genau im Auge, bereit, beim leisesten Anzeichen von Aggression zu reagieren. Den improvisierten Pflock hatte er griffbereit neben sich. Akkarin fuhr sich mit der Hand über das Gesicht, atmete tief ein und wieder aus. Wieder glitt seine Zunge über die Zähne.

„Den Umständen entsprechend gut. Also ich habe noch die volle Kontrolle, wenn du das meinst."

Tom nickte.

„Wie lange noch?"

Akkarin schüttelte verzweifelt den Kopf.

„Ich weiß nicht. Ich war noch nie in so einer Lage."

Tom nickte wieder. Es blieb ihm nichts anderes, als die Antwort zu akzeptieren. Akkarin könnte jederzeit, in jedem Moment überschnappen; ein sehr beruhigender Gedanke.

Jäh wurde Tom aus eben diesen gerissen, als der Vampir sich am Boden zu krümmen begann und sich unter Schmerzen windete und stöhnte. Sofort sprang Tom auf und war neben ihm. Er wusste nicht, was er tun sollte und zum Glück entspannte sich Akkarin auch schon bald wieder und lag nun in die Roben verstrickt auf dem Rücken und keuchte.

Aber seine Erleichterung währte nur kurz, als der Vampir ihn grob wegstieß und ihn anknurrte:

„Bist du wahnsinnig? Bleib bloß weg von mir, du könntest jetzt schon tot sein!"

Tom sah ihn nun wirklich verwirrt an, er hatte doch nur helfen wollen.

„Du hattest Schmerzen, ich wollte dir helfen!"

Akkarin hustete trocken, kämpfte sich aus den Roben und rutschte zurück in seine Ecke des Raumes wie ein verwundetes Tier, Tom immer im Blick behaltend.

„Bleib einfach weg von mir!"

Tom sah Akkarin immer noch verständnislos an, als sich dieser in der Ecke zusammenrollte, die Knie bis ans Kinn gezogen und die Arme um sich selbst geschlungen. Mit dem Kopf lehnte er an der kalten Wand, die Augen waren schon bald wieder geschlossen.

Xxx

Akkarins Schritte hallten in der gewaltigen Eingangshalle wider. Verblüfft blieb er stehen, dieser Ort war ihm vollkommen unbekannt. Neugierig sah er sich um; Säulen aus schwarzem Marmor zierten die Wände, dazwischen in denselben Marmor gemeißelte Bildnisse. Die Szenen waren nur schwer zu erkennen, da sie sich kaum gegen den Hintergrund absetzten, aber sie waren sehr kunstvoll, wenn auch düster. Er konnte durchgängig Vampire, Drachen und andere Fabelwesen darauf sehen und er hätte sich noch Stunden damit beschäftigen können, die Bilder genauer zu betrachten; wäre da nicht dieses sanfte Plätschern am Ende des Ganges, das ihn anzog, wie Feuer Motten.

Langsam aber stetig ging er den Gang entlang, sein Spiegelbild im blanken, schwarzen Boden fasziniert betrachtend. Und am Ende angelangt stockte ihm der Atem.

Der schwarze, gefaserte Marmor ging in spiegelglatten, pechschwarzen Obsidian über, der sich scheinbar fugenlos durch die riesige, fünfeckige Halle erstreckte und sich über Säulen bis zur Kuppeldecke hochwand. In der Mitte des Raumes war ein Brunnen, ebenfalls aus Obsidian. Er war sternförmig, wie die Halle selbst. Als Akkarin die Gestalten inmitten des Wassers genauer ansah, schauderte er. Menschen lagen aufeinander gestapelt in verrenkten Posen und auf ihnen standen, unverkennbar, fünf Vampire. Bei zweien waren an der Stelle der Augen glänzende Rubine eingesetzt, die anderen drei waren blind. Zusammen hielten sie eine Schale hoch, aus der Wasser floss und an ihnen vorbei auf das Gewirr aus Menschen fiel. Auf ihren verzerrten Gesichtern glänzte das Wasser wie bittere Tränen. Akkarin konnte sich nur schwer abwenden, auch wenn ihn der Anblick insgeheim anwiderte.

Er sah sich weiter um. Wieder waren Bilder zwischen den Säulen, doch fesselte die Darstellung auf der anderen Seite des Raumes seinen Blick; diese Szene kannte er. Und nur dieses eine Relief war farblich unterlegt und stand im starken Kontrast zum sonst schwarzen Drachenglas.

Eine weiße, mächtige Burg auf einem Berg, von Wald umgeben, sich strahlend gegen den dunkelblauen Nachthimmel abhebend. Und auf ihren Zinnen, ein Drache, ganz in Silber. Nur die gespreizten, ledrigen Flügel waren schwarz, silbern umrandet. Er spie eine mächtige Flamme gen Himmel, so lebendig dargestellt, dass Akkarin förmlich die Hitze fühlen, das Gebrüll und das Tosen der Flammen hören konnte. Gebannt von der lebensechten Darstellung seines eigenen Familienwappens umrundete er den Brunnen, bis er direkt davor stand, den Kopf weit in den Nacken gelegt, jeden Millimeter des Reliefs mit Blicken abtastend. Er bemerkte nicht die Gestalt, die aus dem Schatten auf ihn zukam.

„Gefällt es dir?"

Akkarins Augen weiteten sich, er war vor Schreck erstarrt, als die dunkle, und irgendwie bekannte Stimme die Worte in seinen Nacken hauchte.

„Es hat mich einige Zeit gekostet, es zu formen."

Seine Nackenhaare stellten sich auf, Gänsehaut überzog seinen Körper. Noch immer hielt Akkarin den Blick starr nach vorne gerichtet. Er konnte die Person hinter sich weder spüren noch riechen; er nahm keinen Pulsschlag war, hörte keinen Atemrhythmus, spürte keine Magie, keine Wärme, keinen Hauch von Schweiß, Parfüm oder sonstigem. Hatte er sich die Stimme eingebildet?

„Warum so zögerlich? Und das, obwohl wir uns schon so lange kennen… nun ja, ich kenne dich zumindest schon sehr lange."

Diese Behauptung ließ Akkarin nun doch herumfahren, wollte er doch wissen, wer dieser „alte Bekannte" war, der ihn an diesem sonderbaren Ort auflauerte.

Er stolperte zwei Schritte zurück, als er in sein eigenes und doch verzerrtes Gesicht sah. Stechend rote Augen, die schwarzen Pupillen zu Schlitzen geformt, ein kaltes Lächeln offenbarte zwei Reihen spitze Zähne; wie die eines Raubtieres.

Akkarin suchte nach Worten, aber sie blieben ihm im Halse stecken. Da stand ein Junge, der sein exaktes Gegenbild war, nur dass er wie von einem dunklen Nebel umgeben war. Der Junge stand nur da und wartete geduldig, bis Akkarin sich so weit gefasst hatte, um zu stammeln:

„Wer bist du?"

Ein kaltes, trockenes Lachen, die Lippen zu einem schiefen Grinsen verzogen, antwortete der Junge:

„Ich bin Akkarin, wer bist du?"

Akkarin stutzte.

„Nein, ich bin Akkarin, du kannst nicht ich sein!"

Der Junge, der behauptete, ebenfalls Akkarin zu sein, legte eine Hand ans Kinn, legte den Kopf schief; er schien zu überlegen.

„Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass ich Akkarin heiße. Vielleicht können wir ja einfach beide Akkarin sein?"

Im Moment blieb ihm nichts anderes übrig, als diese absurde Antwort zu akzeptieren, aber der Junge kam ihm sehr suspekt vor.

„Was ist das für ein Ort und was machst du hier?"

„Ich habe auf dich gewartet. Endlich befreist du mich aus diesem Gefängnis!"

Die schattenhafte Gestalt hatte den ersten Teil der Frage einfach übergangen, aber das interessierte Akkarin auch nicht mehr.

„Gefängnis? Wie sollte ich dich befreien?"

Der Schatten lachte, heiser und humorlos. Er kam näher und näher, Akkarins Füße wollten sich nicht bewegen.

„Aber du hast mich doch schon befreit…"

Sie standen nun Nasenspitze an Nasenspitze. Akkarin konnte sich selbst in den schwarzen Pupillen des Anderen sehen; er zog scharf die Luft ein, als er seine Augen sah – sie waren türkis mit einem feinen silbernen Kranz am Rand der Iris. Er runzelte die Stirn.

„Hier bist du nicht mehr als ein Mensch, Akkarin."

Akkarins Augen verengten sich, als er darüber nachdachte, den Blick auf den Schatten fixiert.

„Dann bist du…"

Ein weiteres schiefes Grinsen offenbarte die perfekt weißen, spitzen Zähne.

„Der Vampir in dir, richtig. Ich bin die Wut, die Verführung, der Blutdurst, die Macht, das Dunkle das in dir vorherrscht."

Der Schatten folgte Akkarin, als dieser zurückwich.

„Und endlich gibst du mir die Möglichkeit, in den Vordergrund zu treten. Nur zu oft stand die Tür zu meinem Gefängnis angelehnt, nur damit du sie, kurz bevor ich durchschlüpfen konnte, wieder zuschlugst."

Akkarin verstand.

„Die Bluttabletten!"

Der Schatten fauchte, packte Akkarin am Hals und drückte ihn an die Wand. Akkarin wurde sich mit einem Schlag seiner Schwäche voll bewusst. Die kalte Hand auf seiner Haut ließ ihn frösteln, er schnappte nach Luft, unfähig, sich von der Hand zu befreien, die seine Kehle stetig zusammendrückte. Die scharfen Nägel des Anderen bohrten sich in seine Haut und das Fleisch darunter, feine Rinnsale Blut bildeten sich und bahnten sich ihren Weg über seinen Hals. Rote Augen funkelten ihn gefährlich an, die Gestalt knurrte:

„Wie konntest du mir nur immer wieder Blut versagen?"

Akkarin konnte nicht antworten, sein pfeifender Atem ließ kein Wort zu. Der Andere schien dies bald zu bemerken und seine Hand wanderte zum Kragen seines Shirts, ihn immer noch an die Wand pressend.

„Du bist eine Schande!"

„Was weißt du schon? Du…"

Der Schatten schoss vor und Akkarin zuckte zusammen, als eine kalte Zunge die einzelnen Blutstropfen an seinem Hals ableckte – einen nach dem anderen. Er wagte nicht, sich zu bewegen, bis der andere Junge sich wieder aufrichtete, sich genüsslich über die Lippen leckend.

„Ich weiß, dass das unsere wahre Macht hervorruft. Und ich weiß, dass dieser Junge, den du Tom nennst, besonders köstliches Blut hat!"

„Nein, nicht Tom!"

„Keine Angst, sie werden dich nicht in die Finger bekommen und bestrafen, das kann ich dir versprechen. Sie werden keine Chance haben, sobald ich sein Blut…"

„NEIN!"

Xxx

Akkarin riss die Augen auf.

Der Blutdurst war nun kaum mehr zu kontrollieren. Der Puls des Anderen pochte laut und regelmäßig in seinen Ohren, sein Geruch hing in der Luft, ein Duft von Unschuld, Magie und Blut. Diese Mischung brachte den Vampir in Akkarin zur Ekstase. Akkarins Atmung beschleunigte sich, seine Muskeln spannten sich an, bereit zum Sprung, die spitzen Eckzähne bohrten sich unangenehm in die untere Lippe.

Ein einzelner Blutstropfen quoll aus Akkarins punktierter Lippe, seine Zunge schnellte hervor und nahm ihn auf. Ein Lächeln verzerrte das Gesicht des Jungen, die roten Augen blitzten gefährlich, als er sein Ziel ins Visier nahm.

Blitzschnell biss er zu, die Zähne schnitten durch die Haut und das weiche Fleisch darunter.

Der Geschmack war bitter.

xxx

Und wieder sah Tom seinem Freund beim Schlafen zu.

´Scheint ja schon zur Gewohnheit zu werden…´

Mit einem leisen Seufzer wandte er die Augen von dem Vampir ab, faltete seine Beine in einen Schneidersitz und lehnte sich gegen die Wand zurück. Er regulierte seine Atmung mit kontrollierten Zügen, beruhigte seinen Puls und leerte seinen Geist. Es schien zu wirken, der Magiefluss der Zauber, die auf den Raum gelegt waren, wurde wieder in blassen Linien sichtbar. Aber er bemerkte auch, dass es nicht mehr so wie vorher war. Die Linien wirkten verzerrt und verschwommen, nicht mehr so deutlich wie zuvor; statt dem fein konstruierten Werk, das er beim ersten Mal gesehen hatte, glich dieses eher dem Geschmiere eines kleinen Kindes. Seine Magie war einfach zu erschöpft, als dass er sie ausreichend fokussieren könnte. Frustriert gab er seine Versuche schon bald auf.

Er hätte ja auch gern geschlafen, aber die undeutlichen Worte, die Akkarin im Schlaf vor sich hin murmelte, hielten ihn davon ab; so dämmerte Tom die längste Zeit vor sich hin.

Ein knirschendes Geräusch, ein erstickter Aufschrei, unterdrücktes Keuchen; Tom fuhr auf, den Blick alarmiert auf Akkarin fixiert. Zuerst sah alles ganz normal aus - Der Junge saß an die Wand gelehnt, die Beine angezogen; erst auf den zweiten Blick sah er, dass da etwas ganz und gar nicht stimmte. Der Körper des Vampirs zitterte, wurde schon beinahe von Krämpfen geschüttelt, noch immer unterdrücktes Keuchen, Kupfergeschmack lag in der Luft. Tom sprang auf und zögerte dann doch.

Akkarins Worte kamen ihm in den Sinn - Bleib einfach weg von mir. Doch der Zustand seines Freundes machte seine Entscheidung einfach.

´Scheiß drauf!´

Der Holzpflock lag vergessen in der Ecke, als Tom den Raum mit nur wenigen Schritten querte und gerade rechtzeitig zur Stelle war, um den in sich zusammenfallenden Körper aufzufangen. Akkarins Kopf rollte nach hinten und der leicht geöffnete Mund war mit rot glänzendem Blut verschmiert. Toms Blick glitt über den Körper des Jungen.

„Was zum Teufel…"

Mit einer Hand schob er den Ärmel der Robe am rechten Arm des Vampirs zurück und zog scharf die Luft ein. Eine tiefe, immer noch blutende Bisswunde prangte auf dem schneeweißen und sonst makellosen Unterarm. Noch immer quoll Blut in einem stetigen Strom aus der Wunde, durchnässte den Stoff der Robe. Tom fluchte und positionierte Akkarins Kopf auf seinem Schoss, packte den Saum seiner eigenen Robe und riss einen Streifen heraus. Damit versuchte er, die Verletzung so gut wie möglich zu verbinden.

So würde er zumindest nicht verbluten; sein Gesamtzustand war seiner Meinung nach aber eher kritisch, tiefschwarze Ränder unter den Augen, bläuliche Lippen, wächserne Haut, flache Atmung und immer noch Fieber.

Xxx

Akkarin fand sich in dem mit Obsidian ausgekleideten Raum wieder, doch diesmal war die Situation komplett anders. Der Schatten, der zuvor noch selbstsicher und mächtig aufgetreten war, wurde nun von einer schleimigen, schwarzen Masse an die Wand gefesselt, nur sein Kopf ragte noch heraus.

„Weißt du, was du gerade getan hast?!"

Akkarin lächelte verzerrt, schwach und müde.

„Warum tust du mir das an?!"

In der Stimme des Schattens lag etwas Verzweifeltes, Flehendes. Doch Akkarin ließ sich davon nicht beeindrucken.

„Warum tust DU mir das an?! Du zwingst mich, zwischen Tom und meinem eigenen Sein zu wählen! Du weißt genau, dass ich mit dieser Schuld nicht hätte leben können! Nicht, wenn es um Tom geht!"

Die Gestalt seufzte.

„Ja, ich hätte es wissen müssen. Ich dachte nur nicht, dass dieser Junge dir so viel bedeutet. Vielleicht hoffte ich auch darauf, dich ganz in den Hintergrund drängen zu können und die Führung dauerhaft zu übernehmen."

Akkarin runzelte die Stirn.

„Mich, die menschliche Seite an uns, ganz verdrängen? Aber das würde bedeuten, dass…"

„Ja, dass wir zu einem Monster würden. Aber wir wären mächtig, unaufhaltsam…"

Die altbekannte Gier und der Machthunger kehrten für den Bruchteil eines Moments in die Stimme des Anderen wieder. Akkarin starrte den Schatten eine lange Zeit an, bevor er mit leiser aber deutlicher Stimme fragte:

„Ist es das denn wert?"

Eine unendlich lange Stille folgte und Akkarin erkannte, dass der Schatten zur Antwort entweder lügen müsste, oder sein ureigenes Wesen als blutdurstiger Vampir verraten müsste. Mit sicherem Schritt ging er auf den Gefangenen zu und legte ihm eine warme Hand an die eiskalte Wange. Fest schaute er in die lebendig roten Augen.

„Ich verspreche dir, du wirst dein Blut bekommen. Nicht heute, nicht morgen, nicht nächste Woche, aber ich schwöre dir, der Tag wird kommen und es wird unglaublich sein!"

Der Schatten lächelte milde.

„Du glaubst also immer noch daran? Nach all der Zeit?"

Akkarin wandte sich zum Gehen, er lachte glockenhell.

„Glauben? Ich weiß es!"

Das Wort, das der Gefesselte nun flüsterte, verfolgte ihn auf seinem Weg aus seinem magischen Inneren wie das Echo seiner eigenen Schritte. Das Flüstern war zwar schwach, aber voller Hoffnung:

„Seelenverwandter…"