Sommer und so, da fehlt bisschen die Motivation. Und ihr macht es einem auch nicht leicht ;)
Gruß Der Poltergeist
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Der Vampirlord winkte sie herein und sie folgten seiner Einladung. Dieses Stockwerk des Turms schien wie ein Eingangsbereich zu sein. Es standen ein paar bequeme Sofas und Stühle an den runden Wänden, dazu kleine Beistelltischchen. Sogar ein Bücherregal mit leichter Literatur war in die Wand eingelassen, kleine Fenster erhellten den Raum. Links des Eingangs führte eine schlichte Steintreppe nach unten und gegenüber eine andere nach oben. Lord Cross hielt auf die nach oben führende Treppe zu und ging hinauf und durch die schwere Tür die sich an deren Ende befand. Sie kamen in ein überdimensioniertes Studierzimmer mit langen Bücherreihen an den Wänden, einem riesigen Schreibtisch an einem der großen Fenster und einer gemütlichen Sitzecke am Kamin.
Wieder führte Nefarian sie zu einer Treppe nach oben und wieder traten sie durch eine Tür. Dahinter fanden sie Sebastian, Samael und Nikita, die Ärztin. Sie standen alle an einem großen Bett und schienen sie schon erwartet zu haben. Die Ärztin sah noch immer wütend aus.
„Wird auch mal Zeit!"
Der Vampir seufzte nur, winkte ab und ging ans Bett, in dem Akkarin selig schlief. Die anderen blieben zögernd ein wenig abseits stehen; Tom hielt sich an der Robe seines Vaters fest, durch die Anstrengung wieder unsicher auf den Beinen. Nikita rollte mit den Augen, schnappte sich den Jungen und setzte ihn auf das Bett; nicht einmal sein Vater wagte es, ihr zu widersprechen und ehrlich gesagt war es Tom lieber, hier zu sitzen.
„So zerbrechlich…"
Nikita flüsterte die Worte wohl zu sich selbst, aber Tom hatte sie genau gehört. Und er hätte etwas erwidert, hätte sie sich nicht so traurig angehört. Nun wandte er aber den Blick zu Akkarin, der auch trotz des Tumults um sein Bett herum immer noch zu schlafen schien. Irgendetwas an ihm war anders, aber Tom konnte es nicht festmachen.
Die Erwachsenen schienen ungeduldig zu werden und Akkarins Vater selbst brach die Stille.
„Ich dachte, er wacht gleich auf?"
Noch bevor Nikita antworten konnte, ertönte eine leise Stimme.
„Papa?"
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Ihm tat alles weh. Ihm tat einfach alles weh. So mies hatte er sich noch nie gefühlt, beschloss Akkarin. Er versuchte, sich daran zu erinnern, woher die Schmerzen kamen, aber ihm kamen nur wirre Erinnerungsfetzen in den Sinn. Beginnende Kopfschmerzen zwangen ihn, die Suche nach Erinnerungen aufzugeben.
Er wandte seine Aufmerksamkeit seinem Körper zu; irgendwie fühlte er sich anders an als sonst. Seine Arme und Beine waren so schwer und sein Herz schien zu rasen, sein Körper und seine Haut waren zwar ungewöhnlich warm, aber dennoch fror er – wirklich seltsam. Dazu kam, dass er zwar die Personen um sich hören konnte, wenn auch nicht so scharf wie sonst, aber er konnte sie nicht riechen, nicht spüren, keinen Pulsschlag hören, nichts. Er konnte nicht einmal mit Sicherheit sagen, wie viele Personen sich in dem Raum befanden. Akkarin hätte auch nicht sagen können, wo er sich befand, es hätte genauso gut der Kellerraum sein können. Normalerweise würde er einen bestimmten Geruch aufnehmen, eine Aura spüren, aber nichts, nur ein unbestimmtes Gefühl der Leere.
Vielleicht war er auch einfach tot.
Grausamer Gott, der einen nach dem Ableben noch immer Schmerzen fühlen lässt!
Akkarin hatte sich schon beinahe mit diesem Gedanken abgefunden, als er die ihm so vertraute Stimme seines Vaters hörte.
„Ich dachte, er wacht gleich auf?"
Na, egal wie er das drehte und wendete, der Vorgang des Aufwachens setzte voraus, dass er noch lebte. Sein Hals fühlte sich heiser und rau an, als er wisperte:
„Papa?"
Vorsichtig schlug er die Augen auf, doch das Licht blendete ihn kaum; ungewöhnlich.
Alle starrten ihn seltsam an; auch ungewöhnlich.
Sein Vater sah ihn ernst an; absolut gewöhnlich.
„Was ist passiert?"
Er hatte Toms Anwesenheit noch gar nicht registriert, umso überraschter blickte er auf den Jungen am Ende seines Betts, als dieser das Wort ergriff.
„Kannst du dich an nichts mehr erinnern?"
Akkarin starrte an die Decke, versuchte, die Erinnerungsfetzen zu ordnen, zu einem Bild zusammenzufügen. Er fuhr sich mit der Zunge über die Lippen, wie immer, wenn er nachdachte.
„Ich glaub, ich hab dich angeschnauzt und dann hatte ich einen echt komischen Traum und dann… weiß ich nichts mehr."
Den Gesichtern der Anwesenden nach zu schließen war da aber noch mehr. Sein Vater bestätigte diese Vermutung, indem er seine Decke zurückschlug und seinen rechten Arm behutsam hochhob. Akkarins Augen weiteten sich, als er die rote, geschwollene Entzündung sah, die seinen Unterarm überzog und ihren Ursprung in einer Bisswunde hatte.
„Was zum…?!"
Akkarin konnte sich gerade noch zusammenreißen, nicht zu fluchen; verwirrt sah er von einem zum anderen. Vorsichtig stupste er die Wunde mit dem Finger an.
„Lass bloß die Finger weg! Reicht schon, dass du dir das selbst zugefügt hast, du musst es nicht noch schlimmer machen!"
Perplex sah Akkarin zu Nikita auf; sie schien wirklich wütend. Nun war er voll und ganz verwirrt – er soll sich das selbst zugefügt haben? Aber eigentlich logisch, Tom hätte es ja schlecht tun können. Wieder fokussierte er seinen Vater, der nun mit spitzen Fingern die Wunde abtastete. Es tat nicht unbedingt weh, aber der pochende Schmerz ließ sich nicht verleugnen. Je mehr er darüber nachdachte, umso seltsamer war das Ganze – so eine kleine Verletzung hätte doch schon längst verheilt sein müssen!?
„Sebastian, Samael, Nikita. Bitte lasst uns erst einmal allein, ich glaube, die vielen Leute hier sind ein wenig viel für ihn."
Samael und Sebastian gingen kommentarlos zur Tür, aber Nikita setzte zum Protest an. Doch sein Vater brachte sie mit einer Handbewegung zum Schweigen.
„Ich kann mich durchaus selbst um meinen Sohn kümmern, so sehr ich deine Bemühungen auch schätze."
Unter stechendem Blick seitens seines Vaters verließen die drei den Raum. Akkarin fühlte sich tatsächlich ein wenig wohler mit weniger Leuten um sich; und erst jetzt fiel ihm die ihm unbekannte Person auf. Aber ein Blick auf dessen Gesicht und er wusste schon, um wen es sich handelte. Tom war seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten. Sein Vater bemerkte sein Interesse an dem Mann hinter ihm und stellte ihn vor:
„Entschuldige, ich vergaß, vorzustellen. Lord Riddle, das ist mein Sohn Akkarin."
Der Mann nickte ihm mit einem feinen, kaum erkennbaren Lächeln zu und Akkarin nickte freundlich zurück.
„Ich denke, er sollte genau wissen, was passiert ist. Sein Sohn Tom ist ja schließlich auch involviert."
Das klang fair, entschied Akkarin und nickte zustimmend. Sein Vater schnippte mit den Fingern und zwei Stühle erschienen am Bett, in denen die Erwachsenen Platz nahmen. Tom hingegen machte es sich am Fußende bequem, lehnte sich gegen den Bettpfosten und verschränkte die Beine zu einem Schneidersitz. Er wirkte genauso gespannt, wie Akkarin selbst. Akkarin derweil versuchte, sich am Kopfende aufzusetzen und sein Vater war sofort zur Stelle und half ihm, es sich in den Kissen bequem zu machen. Wieder wunderte Akkarin sich über seine Schwäche, das war doch nicht normal.
„Also, vielleicht sollten wir da anfangen, wo deine Erinnerungen aufhören. Tom?"
Tom räusperte sich und fing an, in kurzen Sätzen das Geschehene zu umreißen. Wie er Akkarin blutig in seiner Ecke fand, die Bisswunde notdürftig versorgte und dann auf Rettung wartete, während der junge Vampir besinnungslos neben ihm lag. Dann übernahm Akkarins Vater nahtlos die Erzählung, beginnend mit Sebastian, der sein Verschwinden meldete. Wie sie die Schule durchsucht hatten, Lord Riddle in das Gespräch in Cassidians Zimmer platzte, sie gemeinsam Cameron in den Keller folgten und zuletzt die Tür sprengten und die Kinder dort fanden.
„Und jetzt sind eineinhalb Tage vergangen, Lord Riddle und ich haben unsere Differenzen in einem Gespräch geklärt und nun sitzen wir hier."
Schloss sein Vater und Lord Riddle nickte. Beinahe hätte Akkarin Toms verhaltenes Grinsen übersehen, als sein Vater das Gespräch erwähnt hatte, aber er würde es ihm später sicher ganz genau erzählen. Der Junge ließ sich das Gesagte nochmals durch den Kopf gehen und fasste dann kurz zusammen:
„Also ich habe mich selbst gebissen, bin ohnmächtig geworden und ihr habt uns dann gefunden."
Die Anderen nickten.
„Und das Ganze ist jetzt eineinhalb Tage her?"
Wieder nickten alle. Akkarin zeigte auf seinen entzündeten Unterarm, fragte aufgebracht:
„Warum zum Teufel hab ich dann immer noch das da?! Sollte das nicht schon lange verheilt sein?!"
„Ausdruck, Akkarin!"
Der Junge errötete, er versuchte es noch einmal.
„Wieso ist die Wunde noch nicht verheilt? Nach eineinhalb Tagen sollte davon nichts mehr zu sehen sein."
„Nun, daran wirst du dich vorerst gewöhnen müssen, mein Junge."
Akkarin sah ihn verständnislos an, genauso Tom. Lord Riddle hob nur eine Augenbraue.
„Dort unten in dem Verlies hast du dich, wider besseren Wissens, selbst gebissen und dein eigenes Blut getrunken. Normalerweise stirbt ein Vampir, wenn er sein eigenes Blut trinkt, das weißt du ja - es ist, als würdest du pures Gift trinken.
In seltenen Fällen aber - genauer gesagt, wenn es sich um reinblütige Vampire handelt – kann das auch zur Folge haben, dass der Vampir seine Eigenschaften als solcher und seine Magie für einen unbestimmten Zeitraum verliert. Mit anderen Worten, Akkarin, du wirst eine Zeit lang als Mensch ohne Magie leben müssen. Deine Wunde wird auch ohne Magie auf die herkömmliche Weise verheilen müssen."
Akkarin klappte der Mund auf. Als er das Gesagte realisierte, suchte er fast panisch nach seiner Magie. Doch da war nichts, kein Magiefluss, kein warmes Gefühl, wenn er sich auf seine magische Quelle konzentrierte. Angst und Verzweiflung machten sich in ihm breit. Jetzt verstand er, warum die Bisswunde nicht verheilt war, warum er alles so dumpf hörte, warum er die Präsenzen der Anwesenden nicht spüren kann, warum der distinkte Geruch seines Zimmers fehlte, warum sein Herz so schnell schlug, sein Körper so schwer war. Zuletzt prüfte er seine Zähne, doch statt dem vertrauten Piekser an der Fingerspitze war da nichts. Spitz ja, aber niemals spitz genug für einen Vampir.
Er bekam keine Luft mehr; er atmete zwar ein, schnappte nach Luft, aber es kam nichts in seinen Lungen an. Noch mehr Panik, dann noch weniger Luft. Akkarin hatte das Gefühl, ersticken zu müssen. Er hörte die aufgebrachte Stimme seines Vaters, dann wie er versuchte, ihn zu beruhigen. Doch es half nichts, Akkarin konnte nur an eines denken – dass er keine Magie mehr hatte, kein Vampir mehr war und vielleicht nie mehr sein würde. Sein Vater würde ihn sicher verstoßen, so war er von keinem Nutzen, gehörte nicht hierher.
Langsam wurde es ihm schwarz vor Augen und dankbar hätte er sich hineingleiten lassen aber ein plötzlicher, stechender Schmerz auf seiner Wange riss ihn aus der drohenden Ohnmacht.
Akkarin riss die Augen auf und sah seinen Vater, der vor ihm am Bett stand, die Hand noch immer erhoben. Die stechenden, violetten Augen fixierten ihn, es war unmöglich, wegzusehen. Der Befehlston in seiner Stimme ließ keinen Widerspruch zu:
„Und jetzt einatmen!"
Akkarin holte Luft, zu geschockt, sich über irgendwas Gedanken zu machen.
„Und wieder ausatmen!"
Langsam ließ der Junge die Luft entweichen. Mehrere Minuten lang folgte der Junge so den Anweisungen seines Vaters, bis sein Gesicht wieder eine gesunde Farbe annahm und er sich beruhigt hatte. Sein Vater setzte sich zu ihm aufs Bett, nahm sein Gesicht in die großen Hände und zwang ihn, ihm in die Augen zu schauen.
„Was ist denn los? Du musst dir doch keine Sorgen machen! Das geht doch vorbei und bis dahin bleibst du hier und erholst dich."
Eine Träne formte sich und rollte Akkarins Wange hinab, er schniefte.
„Ich darf hier bleiben?"
Nefarian sah ihn verständnislos an.
„Was denn sonst? Ich schick dich doch so nicht in die Schule zurück! Du bleibst hier, wo ich dich beschützen kann, bis alles wieder in Ordnung ist. Egal, wie lange es dauert – Verstanden?"
Akkarin konnte nicht mehr an sich halten, die Erleichterung ließ alle Dämme brechen. Er spürte den sanften Druck auf seinen mentalen Barrieren, als sein Vater Legilimentik auf ihn anwandte. Akkarin errötete, als sich Erkenntnis auf seines Vaters Zügen ausbreitete.
„Junge, ich würde dich niemals wegschicken! Nicht einmal, wenn dieser Umstand permanent wäre! Wir würden eine Lösung finden! Wie kommst du nur auf die Idee, ich würde dich loswerden wollen? Du wirst immer hierher gehören, ob Vampir oder nicht, ob Zauberer oder nicht!"
Der Junge fiel ihm zur Antwort nur in die Arme, unfähig etwas zu sagen.
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Tom und sein Vater blieben nur noch einen weiteren Tag, mehr Zeit konnte Voldemort nicht frei machen. Während er unterwegs war, führte Lucius die Geschäfte, aber er konnte natürlich nicht alle Aufgaben übernehmen und wenn seine Abwesenheit bekannt werden würde, wäre das äußerst riskant. Das Licht würde keine Chance auslassen, eines ihrer Verstecke auszuheben, wenn er nicht da wäre, um einzugreifen.
An diesem Tag musste Tom alle möglichen Zauber und Heilmittel über sich ergehen lassen, in der Hoffnung, so das kreuzförmige Brandzeichen an seinem Hals loszuwerden. Alle anderen Blessuren und die magische Erschöpfung waren geheilt, nur das Zeichen nicht und Nikita machte ihnen auch nicht allzu viel Hoffnung, nachdem Tom ihr schilderte, was für ein Eisen Nathanael benutzt hatte.
„Das Sündenkreuz wurde so verzaubert, dass es dunkle Zauberer permanent zeichnet – und da euer Sohn, wie wir alle wissen, einen Unverzeihlichen gewirkt hat und wahrscheinlich auch schon den ein oder anderen dunklen Fluch, gibt es wenig Hoffnung."
Tom besah das Brandzeichen wieder und wieder im Spiegel. Es befand sich auf der linken Seite, war aber nicht silbrig, wie das von Nathanael, sondern pechschwarz. Das Mal schmerzte nun nicht mehr, die Haut war glatt und nicht mehr gereizt; aber Tom hatte das Gefühl, dass das Mal juckte und kribbelte, sobald er Magie benutzte. Er war sich sicher, er bildete sich das nur ein, so sagte er nichts. Überhaupt interessierte ihn nur eines – und zwar wie er das Mal am besten verdecken konnte. Im Moment musste ein Halstuch genügen. Aber sein Vater hatte ihm versprochen, einen Trank, eine Mixtur, einen Zauber zu finden, um das Mal loszuwerden – und er wusste, wenn es einer schaffen würde, dann sein Vater.
Eben dieser Mann erschien nun hinter ihm im Spiegel, legte ihm eine Hand auf die Schulter.
„Es ist Zeit, nach Hause zu apparieren. Willst du dich noch von Akkarin verabschieden?"
Tom schüttelte den Kopf.
„Ich habe mich schon verabschiedet, er war so müde und schläft jetzt. Aber ich sehe ihn ja bald wieder. Danke übrigens, dass ich einen Teil der nächsten Ferien hier verbringen darf."
„Ich hoffe, du erinnerst dich auch, warum ich dir das erlaubt habe. Du sollst Akkarin bei den Schularbeiten helfen und nicht die ganze Woche herumalbern."
Tom nickte mit einem Grinsen. Eine Woche war genügend Zeit, Hausaufgaben zu machen und trotzdem Unsinn zu treiben. Und nachdem er jetzt bis zum nächsten Schuljahr auf Akkarin verzichten musste, war es nur gerecht, dass er in den nächsten Ferien eine Woche hierher kommen durfte. Und wenn sich der Vampir bis zum Sommer erholt hat, würde er ihn in England während der Sommerferien besuchen. Er freute sich jetzt schon darauf.
Zusammen verließen sie die Burg und gingen zu dem Portalkreis, in dem schon Lord Cross und Sebastian warteten. Lord Cross reichte seinem Vater die Hand.
„Danke für deine Gastfreundschaft, Nefarian. Ich weiß es wirklich zu schätzen, echte Verbündete zu finden."
Lord Cross nickte.
„Ja, dem kann ich nur zustimmen. Wir bleiben in Kontakt, schon allein wegen den beiden Jungs."
„Ich vertraue darauf, dass Sebastian Tom zum Ferienbeginn sicher hierher bringt und dann zu meinem Anwesen in England?"
Wieder nickte der Vampirlord.
„Ja, natürlich. Sebastian dient der Familie seit dem Tag, an dem Akkarin geboren wurde. Wenn nicht ihm, wem sonst könnte ich meinen Jungen anvertrauen?"
Voldemort sah Sebastian noch einmal prüfend an, bevor er in den Kreis ging, Tom an der Hand.
„Nun denn, Sebastian, dann zeige ich dir, wohin du Tom bringen wirst."
Er hielt dem Vampir die andere Hand hin und dieser ergriff sie. Lord Cross ermahnte ihn noch, bevor sie disapparierten.
„Komm zurück, sobald du deine Aufgaben erledigt hast. Akkarin wird dich brauchen, sobald er aus dem Bett kann."
Sebastian verbeugte sich vor seinem Lord und dann verschwanden sie alle mit einem lauten Knall.
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Definitiv England, dachte Tom, als ihn der kalte Regen am Apparierpunkt empfing – und definitiv zuhause, als er das Herrenhaus vor sich sah. Trotz des nassen Empfangs und der leichten Übelkeit, die Apparieren bei ihm verursachte, lächelte er bei dem Gedanken, gleich sein Heim zu betreten.
Er war noch nicht ganz durch die Eingangstür getreten, da hörte er schon das schrille Kreischen seiner Tante.
„Tommy!"
Schon kam sie auf sie zu gerannt und er hoffte für Bellatrix, dass sie gleich ihm um den Hals fallen würde. Er war sich sicher, dass sein Vater sie für „Tommy" nicht nur mit einem Cruciatus bestrafen würde…
Er hatte den Gedanken noch nicht ganz zu Ende geführt, da drückte die Hexe ihn schon kraftvoll an sich und hob ihn sogar ein paar Zentimeter an; Tom schnappte nach Luft.
„Wie kannst du deiner Tante nur solche Sorgen bereiten?"
Tom ächzte. Eine kalte, schneidende Stimme beendete Bellatrix überschwängliche Begrüßung.
„Bellatrix!"
Die Hexe ließ Tom sofort los und fiel auf die Knie, um Entschuldigung bettelnd.
„Mein Arbeitszimmer, in einer Stunde!"
„Ja, mein Lord."
Der Wahnsinn war aus ihrer Stimme gewichen und hatte Ernst und einer Portion Angst Platz gemacht.
„Und jetzt geh mir aus den Augen! Rodolphus, kümmere dich um das Gepäck!"
Bellatrix machte sich aus dem Staub, während ihr Mann Toms Koffer nahm und sich in Richtung Wohnräume begab. Erst dann wandte sich Voldemort an Tom selbst.
„In zwei Stunden erwarte ich dich zum Tee."
Die Stimme seines Vaters war gewohnt kalt, aber das Tom so wohlbekannte minimale Zucken in seinen Mundwinkeln verriet, dass er sich auf die Teestunde mit seinem Sohn freute. Tom verbeugte sich zur Antwort knapp und nahm dieselbe Treppe wie Rodolphus zuvor. Und diesen fand er auch in seinem Zimmer wieder, als dieser gerade mit Magie seinen Koffer ausräumte und die Sachen in die Schränke und Regale einsortierte. Tom schüttelte nur den Kopf.
„Aber Rodolphus, ich kann das doch schon lange selber."
Der Angesprochene grinste, als er aufsah.
„Ich weiß, aber lass uns dich doch ein wenig verwöhnen, wenn du nur noch so selten da bist."
Tom spürte Wärme in sich aufsteigen. Nicht viele wussten überhaupt von seiner Existenz und noch weniger wussten, dass er Voldemorts Sohn war, aber die Eingeweihten behandelten wie ein eigenes Kind. Gerade Bellatrix und Rodolphus, die selbst keine Kinder hatten, hatten sich seiner angenommen – Bellatrix, weil sie dachte, er bräuchte eine Mutter und Rodolphus, um seine Frau dann und wann zu bremsen; manchmal übertrieb sie es einfach.
Tom nickte sein Einverständnis und Rodolphus fuhr fort, aus- und einzuräumen. Er sah sich in seinem Zimmer um, es war alles wie zuvor. Das große Bett ganz in grün in der einen Ecke, der Schreibtisch unter dem großen Fenster, sein gut gefülltes Bücherregal, das Portrait von Salazar Slytherin, der breite Schrank, die gemütliche Sitzecke vorm offenen Kamin, sein Spielzeug immer noch in einer Ecke in einer Kiste verstaut, der Besen an der Wand zusammen mit dem Quidditchset. Er wusste, dass ihn viele zu alt für die Spielsachen hielten, aber er konnte sich einfach noch nicht trennen.
Er ging zu seinem Schrank, holte ein paar Klamotten hervor und sagte zu Rodolphus:
„Ich geh erst mal Duschen."
Der Mann nickte und antwortete:
„Soll ich auf dich warten?"
Tom lächelte, schüttelte aber den Kopf.
„Nein, schau lieber nach Tante Bellatrix, sie wird dich nachher brauchen…"
Rodolphus nickte traurig und verabschiedete sich.
„Wir sehen uns beim Abendessen."
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Toms Haut dampfte fast noch, als er sich in Shorts auf sein Bett warf und wohlig seuftze. Genüsslich streckte und räkelte er sich in der frischen Bettwäsche, bis ihn eine tiefe Stimme hochschrecken ließ.
„Der Erbe ist also wieder im Hause und fühlt sich sichtlich wohl…"
Tom errötete und zog sich die Bettdecke bis über die Hüfte hoch und funkelte wütend das Portrait an der Wand an.
„Ich hab dir schon mal gesagt, du sollst hier nicht einfach so reinschleichen, Sal!"
Der Angesprochene kicherte verhalten und zog amüsiert die schwarzen Augenbrauen hoch.
„Salazar Slytherin geht, wohin ihm beliebt, junger Erbe!"
Tom streckte ihm die Zunge raus; er hatte schon lange jeglichen Respekt vor diesem Portrait des großen Zauberers verloren. In diesem Bildnis war er als etwa 25-jähriger dargestellt und genauso verhielt er sich auch. Zwar sprach er beizeiten recht hochgestochen, war aber einem Scherz oder harmlosem Geplänkel niemals abgeneigt, ermutigte Tom sogar noch dazu.
Anfangs, als Tom zu verstehen begann, dass die Portraits im Haus eigene Persönlichkeiten hatten und er anfing, sich mit ihnen zu unterhalten, wusste er nicht, dass er Salazar Slytherin gegenüberstand. Sein Vater hatte ihm immer nur Bilder eines Mannes mittleren und hohen Alters gezeigt, wenn sie über Salazar Slytherin sprachen, so hatte er ihn nicht erkannt. Dieser Salazar war jung, mit vollem, schwarzem Haar, das ihm ab und an auch mal verwegen ins Gesicht fiel. Die dunkelgrünen Augen blitzten einem schelmisch entgegen, gepaart mit unergründlichem Wissensdurst, der geschwungene, rote Mund stand im Kontrast zu den scharf geschnittenen Gesichtszügen. Und trotzdem war sein Gesicht zum Lachen gemacht und Tom hatte jedes Mal, wenn der Mann im Bild depressiv war, das Bedürfnis, ihn aufzuheitern.
Über die Jahre wurden sie immer vertrauter und erst kurz vor seinem zehnten Geburtstag fand er heraus, wer sein Gesprächspartner, der sich Sal nannte, tatsächlich war. Er hatte ihm immer von seinen Reisen um die Welt erzählt, was er entdeckt, gelernt und gesehen hatte; dieses Mal aber erzählte er ihm von seiner Rückkehr nach England, wie er seine alten Freunde wiedergetroffen hatte. Zur Feier der Wiedervereinigung hatten er, Godric, Helga und Rowena Portraits anfertigen lassen, um den Moment einzufangen und genau dieses Portrait hing an Toms Wand.
„Und mir würde es belieben, wenn du wenigstens den Anstand hättest, die Privatsphäre anderer nicht so schamlos zu stören."
Sal zuckte nur mit den Schultern, die Lippen immer noch zu einem schiefen Grinsen verzogen.
„Ich konnte ja nicht wissen, dass der junge Erbe sich gerade wie eine Katze auf dem Bett herum rollt."
Tom stöhnte; Sal verstand es wie kein anderer, belanglose Konversationen ins Endlose hinauszuzögern und daher war es besser, nicht auf seine Provokationen einzugehen.
„Hör zu, Sal, ich wollte eigentlich noch ein wenig schlafen, bevor ich mich mit Dad zum Tee treffe. Es waren ein paar echt harte Tage."
Sals Gesichtsausdruck wurde ungewohnt ernst.
„Mir wurde schon einiges zugetragen, die vergangenen Erlebnisse betreffend und ich hoffte, du würdest mir detailliertere Informationen zukommen lassen."
Der Junge ließ sich auf das Bett zurückfallen und drehte sich so, dass er den Mann auf der Leinwand direkt ansehen konnte.
„Hat das nicht Zeit bis heute Abend?"
„Ich befürchte, nein."
Tom kannte diesen Blick und wusste, dass es nichts nutzte, wenn er sich jetzt weigerte. Sal würde ihn so lange mit Fragen löchern, bis er nachgab oder es Zeit zum Tee war; so oder so würde er jetzt keinen Schlaf finden, also entschied er sich, Sal alles genauestens zu erzählen und hoffte, dass er dann wenigstens heute Nacht seine Ruhe haben würde.
Als er dem Mann im Bild alles erzählt hatte, wirkte dieser nachdenklich. Tom fand es schon mehr als ungewöhnlich, dass Sal ihn während der Geschichte nicht unterbrochen und Fragen gestellt hatte, wie er es üblicherweise tat. Auch jetzt erweckte er nicht den Eindruck, sprechen zu wollen, denn er hatte die Stirn in Falten gelegt, das Kinn auf die Hand gestützt und dachte angestrengt nach; dann sah er auf.
„Ich muss etwas überprüfen. Ich empfehle mich, junger Erbe, gehab dich wohl."
Und damit war er verschwunden und ließ einen verwirrt dreinblickenden Tom zurück. Der gestikulierte in Richtung des leeren Bilderahmens.
„Ja danke auch. Erst hältst du mich vom Schlafen ab und dann verschwindest du einfach! Bleib bloß weg!"
Widerwillig rutschte Tom an den Rand seines Betts und stand auf. Unschlüssig stand er vor seinem Kleiderschrank, den Rodolphus gewohnt ordentlich eingeräumt hatte, und überlegte, welche Kleidung angemessen war. Schließlich hatte ihm sein Vater nicht gesagt, ob es eine private Teestunde war oder eben nicht. Schlussendlich wählte er eine schwarze Hose und ein dunkelgrünes Hemd, damit konnte in jedem Fall aufkreuzen; die Haare noch schnell mit einem Schnippen seines Zauberstabs gerichtet und schon war er fertig.
Es war ein angenehmes Gefühl durch die ihm vertrauten Gänge zu gehen und die ihm bekannten Portraits zu grüßen. Der volle Klang des dunklen Holzbodens folgte ihm durch den langen Flur und begleitete ihn bis vor die Flügeltür zum Salon, hinter der sein Vater mit Sicherheit schon wartete. Ohne anzuklopfen trat Tom ein und überraschte seinen Vater dabei, als er gerade genüsslich in ein Erdbeertörtchen biss. Tom zeigte auf das Törtchen in seiner Hand.
„Aha, ich wusste es!"
Voldemort ließ sich Zeit mit der Antwort, bis er den Bissen runtergeschluckt hatte.
„Ja, jetzt hast du mich ertappt. Auch der Dunkle Lord muss einmal was essen."
Er lachte trocken. Tom ließ sich ihm gegenüber in einen Sessel fallen und da sie alleine im Raum waren, schwang er ein Bein lässig über die Lehne. Solange es niemand sah, würde sein Vater dieses Verhalten billigen.
„Aber ein Erdbeertörtchen! Du hast mir doch immer gesagt, dass du nichts Süßes magst!"
Der Mann ließ sich nicht zu einer Antwort herab und aß das Törtchen auf. Er lächelte ihm zu.
„Auch ein Dunkler Lord hat seine Geheimnisse, mein Sohn."
Tom winkte ab und nahm sich selbst eines der Törtchen, dazu eine Tasse Tee.
„Kommt noch jemand dazu, oder bleibt es bei uns beiden?"
Voldemort schüttelte den Kopf.
„Nein, nur wir beide. Severus ist bis zum Beginn der Ferien noch in Hogwarts tätig und Lucius kommt dann mit Draco zusammen am ersten Weihnachtsfeiertag. Und für den Rest ist es gerade besser, sich nicht sehen zu lassen."
Die Stimme seines Vaters hatte einen gefährlichen Unterton angenommen und Tom wusste, dass er damit die Lestranges meinte. Zu gerne wollte er wissen, wie hart Bellatrix bestrafte wurde und ob es ihr einigermaßen gut ging, aber er wusste auch, dass es sinnlos war, seinen Vater danach zu fragen. Er würde ihm die Frage nicht beantworten und der gemütliche Nachmittag wäre auch hinüber, also unterdrückte er seine Neugier vorerst und würde später einfach Rodolphus oder Rabastan fragen.
„Wir müssen sowieso über deine zukünftige Schulkarriere reden…"
Tom sprang auf, er hatte genau gewusst, dass das kommen würde. Sein Vater würde ihn von der Schule nehmen und zuhause unterrichten, oder noch schlimmer, nach Durmstrang stecken. In dieses Eisloch und zu diesem Schleimer Karkaroff wollte er auf keinen Fall!
„Ich will nicht von der Schule runter! Ich will in der Akademie bleiben, zusammen mit Akkarin! Ich…"
„Ruhe!"
Sein Vater hatte weder die Stimme erhoben, noch war er aufgestanden oder hatte sich überhaupt bewegt. Doch allein die Bestimmtheit und der Befehlston in seiner Stimme ließen Tom verstummen und zurück in den Sessel sinken. Voldemort nahm einen Schluck von seinem Tee, stellte die Tasse ab und nahm Tom ins Visier.
„Erst einmal habe ich nicht vor, dich von der Schule zu nehmen. Für einen qualifizierten Heimunterricht, fehlt mir selbst die Zeit und das geeignete Personal und Durmstrang…"
Er sah Tom in die Augen und dieser spürte den sanften Druck der Legilimentik; der Junge sah auf den Tisch, leicht verärgert über den Eingriff in seinen Kopf. Sein Vater schien auch das zu deuten.
„Du schreist es mir mehr oder weniger entgegen Tom…"
Stellte Voldemort fest und fuhr fort, ohne eine Antwort zu erwarten.
„Durmstrang ist keine Alternative. Karkaroff ist zwar, wie du richtig erkannt hast, ein Schleimer, aber er würde nicht davor zurückschrecken, dich für seine Zwecke zu verwenden. Dumbledore wüsste schneller Bescheid von deiner Existenz, als ich Karkaroff die Zunge rausreißen könnte. Nein, du bleibst an der Akademie, zumindest so lange wie möglich."
Tom wollte gerade zum Protest ansetzen, dass er Akkarin keinesfalls alleine dort zurücklassen würde aber sein Vater unterbrach ihn, indem er eine Hand hob und ihn zum Schweigen brachte, bevor er auch nur einen Laut geäußert hatte.
„Lass mich ausreden. Auch Akkarins Vater ist der Meinung, dass ihr beide so lange dort zur Schule gehen solltet, wie es in Anbetracht eurer Sicherheit möglich ist. Aber sobald wir der Ansicht sind, dass diese nicht mehr gewährleistet ist, werden wir euch beide von der Schule nehmen und euch dann zuhause unterrichten."
Tom musste die Worte erst einmal sacken lassen. Sein Vater nahm einen weiteren Schluck Tee, bevor er weiter sprach.
„Du bist zwar nicht in unmittelbarer Gefahr, aber trotzdem bist du mittlerweile in das Visier dieser Leute geraten und ich möchte nicht, dass sie es ausnutzen, wenn du allein bist. Daher wird Sebastian in den kommenden Wochen auf dich aufpassen, solange Akkarin zuhause bleiben muss. Er wird auch in dein Zimmer im Internat umziehen, denn im Moment will ich nicht, dass du auch nur eine Minute allein bist. Und denk daran, Sebastians Aufgabe im Ernstfall lautet, dich aus der Gefahrenzone zu bringen; unter allen Umständen. Ich erwarte von dir, in diesem Fall jedem Befehl Folge zu leisten und keine Dummheiten zu machen. Kann ich mich auf dich verlassen, Tom?"
Tom kaute auf seiner Unterlippe, als er über das Gesagte nachdachte. Doch dann nickte er.
„Ja, kannst du."
Voldemort quittierte das mit einem Nicken und damit war für ihn das Thema erledigt.
„Aber wann wird Akkarin denn wieder zur Schule kommen?"
„Sobald er seine Magie wiedererlangt hat."
