Herzhaft gähnend streckte sich Elrassa, bevor sie sich im Bett aufsetzte. Im Quartier war es fast gänzlich dunkel. Nur die Anzeige der Holo-Uhr spendete etwas Licht. Die Vahla warf einen Blick auf das Display. Für ihren Geschmack eigentlich noch zu früh, aber da sie heute aufbrechen wollten, war es besser wenn sie nicht zu lange schlief. Besonders Reva nutzte diesen Umstand gerne aus. Besser man gab dem keinen Nährboden. Ella erhob sich langsam. Wie jeden Morgen warf sie erst einmal einen Blick in den Spiegel. Mit ihren beinahe 30 Jahren machte sie noch immer eine gute Figur. Es gefiel ihr, wenn sich die Männer nach ihr umdrehten. Nicht dass sie es nötig hätte. Der Gedanke, ansehnlich zu sein sagte ihr zu. Das war einer der Gründe. Zwar behauptete Reva immer, sie würde langsam fett werden, aber davon ließ sich Elrassa nicht unterkriegen. Dennoch warf sie einen prüfenden Blick auf ihren Bauch um sicher zu gehen, bevor sie ihr Quartier verließ und durch den Korridor der Little Miss zum Aufenthaltsraum marschierte.
Irum war bereits wach und bereitete Frühstück vor.
„Morgen", säuselte sie ihm entgegen. Langsam schritt sie zur Anrichte und goss sich eine Tasse Kaf ein. Ein herzhaftes Gähnen ließ sich nicht unterdrücken. Mit einer Handbewegung wischte sie sich den Schlaf aus den Augen. Der erste Schluck ihres Heißgetränks weckte die müden Lebensgeister der Rennfahrerin.
„Ist Reva noch nicht wach?"
„Ich wollte sie noch ein wenig schlafen lassen. Gestern war für uns alle schwierig. Außerdem denke ich, dass es ihr im Augenblick nicht so gut geht", erklärte der Sluissi, der gerade dabei war ein paar Eier zu braten. Ella nickte und ließ sich am Tisch nieder.
„Ja. Gestern war sie schon etwas seltsam. Ich habe aber nichts gesagt. Vielleicht hat sie sich ja mittlerweile wieder ein wenig beruhigt."
Der Sluissi wandte sich zu ihr um und fuhr sich mit der Hand über die Haut. „Sie ist ein feinfühliger Mensch. Auch wenn man es ihr nicht ansieht: Sie macht sich um viele Dinge Gedanken."
Ella nickte nur und starrte gedankenverloren in den Raum hinein, während Irum damit begann das Frühstück anzurichten. Für Ihn und Ella die Eier. Für Reva hatte er Binka-Früchte vorbereitet.
„Gestern hat sie gesagt, sie fühlt sich schuldig wegen Vydic", erklärte er und ließ sich neben der Vahla nieder. Sie sah ihn irritiert an.
„Wieso?"
„Wegen ihrer Krankheit. Sie macht sich Vorwürfe, weil wir um ihr zu helfen, den Kredit aufgenommen haben. Ich habe versucht ihr das zu erklären. Ich hoffe sie hat verstanden, dass es uns darum ging, ihr zu helfen."
Elrassa seufzte. Leider war das Ganze nicht so einfach. Reva sah die Dinge schon immer ein wenig anders. Als sie krank wurde, hatten die beiden sich geeinigt dass dies die richtige Entscheidung war. Eine Alternative gab es überhaupt nicht. Das Mädchen gehörte zu ihrer Familie. Wenn sie so darüber nachdachte, hatte sie sich nie Gedanken darüber gemacht, wie die 18-Jährige wohl darüber dachte. Klar, sie hatte sich bedankt, aber wer wusste schon, wie es in ihrem Innern aussah?
„Reva ist nicht einfach. Dieses Leben ist für sie manchmal schwierig. Du kannst es ihr ansehen Irum. Sie lacht und macht ihre Scherze, aber wenn du darauf achtest, kannst du sehen, dass sie ihre kleine Mauer um sich herum aufgebaut hat."
Eine bedrückte Stimmung machte sich im Raum breit. Eigentlich mochte sie es nicht, hinter dem Rücken ihrer Freundin so zu reden, aber irgendwie musste sie das einfach loswerden. Ihr Ziehvater nahm einen Schluck Kaf.
„Kannst du es ihr verdenken? Wirf einen Blick auf die Situation: Was würde ein 8-Jähriges Mädchen dazu veranlassen einfach von zu Hause fortzulaufen? Ihre Familie zu verlassen? Nur ein Kind, das viel Kummer erlebt hat würde eine solche Entscheidung in Betracht ziehen. Du musst dir immer Hinterkopf behalten, dass wir nicht ihre richtige Familie sind. Wir sind Fremde, die sie aufgenommen haben. Natürlich. Sie kennt uns jetzt 10 Jahre, aber kannst du ihr eine gewisse Grundzurückhaltung verübeln? Jeder hat Angst davor, verletzt zu werden. Besonders jemand, der so fragil ist wie unsere Kleine."
Grübelnd schob sich Elrassa ein Stück Ei in den Mund. Es stimmte. Reva gab sich zwar taff, wenn es sein musste, aber im Innern war sie noch ein Kind. Diese ganze Welt in der sie lebten, war eigentlich gar nichts für sie. Ein Mensch wie Reva brauchte Liebe und Geborgenheit. Ein richtiges Heim. Das einzige was sie ihr darboten war eine kalte Kabine während sich ihre Aufenthaltsorte ständig änderten. Sie war aufgewachsen ohne ein richtiges zu Hause zu haben. Dieses ganzen Leben, die Rennen und die Frage danach, wie lange sie überhaupt so leben mussten, bis sich etwas änderte. Das war nichts, dass sich jemand wie Reva fragen sollte.
„Wenn wir unsere Schulden bezahlt haben, dann möchte ich ein richtiges Heim für Sie", erklärte Irum langsam. Ella nickte und erhob sich von ihrem Platz.
„Ich werde mal nach ihr sehen. Wir unterhalten uns nachher weiter."
Damit schritt sie durch den Korridor der zu Revas Quartier führte. Bedächtig klopfte sie an der Metalltür.
„Reva? Bist du schon auf? Es gibt Frühstück. Irum hat dir Binka-Früchte besorgt."
Keine Antwort. Eigentlich wunderte es sie nicht. Sicher hatte sie erst spät Schlaf gefunden. Wer konnte es ihr auch verübeln, wenn sie sich um solche Dinge Gedanken machte? Die Vahla öffnete die Tür und betrat das Zimmer. Von dem Mädchen war keine Spur. Das Bett sah so aus, als wäre es die Nacht nicht angerührt worden. Auch ihre Sachen waren nicht da.
„Irum! Komm schnell her", rief sie. Etwas stimmte nicht. In wenigen Sekunden hatte der Sluissi das Quartier erreicht und warf einen fragenden Blick über ihre Schulter.
„Was ist?"
„Reva ist nicht hier. Ihre Sachen sind weg!"
Sie stürmte in den Raum und sah sich um. Auf dem Tisch erblickte sie ein Datapad. Sofort griff sie danach. Eine Nachricht wurde ihr angezeigt. Von Reva. Langsam und bedächtig las sich Elrassa die Zeilen durch, wobei sie zu zittern begann.
„Nein."
Sie ließ sich auf dem Bett nieder. Wort für Wort wiederholte sie in ihrem Kopf die Nachricht, die sich wie ein Geschwür in ihr Herz fraß:
'Ella, es tut mir leid. Ich wollte euch nie Probleme machen. Ich habe eine Lösung für das alles gefunden. Ihr seid jetzt frei und nicht mehr auf Vydic angewiesen. Bitte sag Irum, dass es mir leid tut, aber ich glaube, dass es besser so ist. Ich werde euch nie vergessen. Ich liebe euch.
Reva'
Es war, als würde ihr Herz auseinandergerissen. Sie ließ das Datapad fallen. Geräuschvoll fiel es auf den Boden. Irum kam ein wenig näher an sie heran und sah sie besorgt an.
„Ella? Was ist los?"
Die Vahla hob den Kopf. Tränen liefen ihre Wangen hinab. Es dauerte etwas, bis sie ihre Stimme wieder fand und selbst dann klangen ihre Worte seltsam leer. Als hätten sie keinerlei Bedeutung, da sie es bereits wusste:
„Sie ist weg Irum. Reva ist weg..."
Diese Gewissheit hämmerte in ihrem Schädel. Jede Faser ihres Körpers schrie die Worte, die für sie so unglaublich schienen: Reva war fort und sie würde nicht mehr zurück kommen.
