Sie erwachte früh. In der vergangenen Nacht konnte sie kaum Schlaf finden. Auf der Yacht war es kalt und Vydics Männer bemühten sich nicht darum, ruhig zu sein, wenn andere schliefen. Der Wachposten vor ihrer Tür hatte die ganze Nacht damit zugebracht den neusten Tratsch mit den anderen Passagieren auszutauschen. Den Sinn einer Überwachung hatte sie ohnehin nicht verstanden. Als könnte sie jetzt noch davon laufen. Nachdenklich sah sie aus dem Fenster ihrer Kabine. Die blauen Ströme des Hyperraums leuchteten ihr entgegen. Niemand hatte etwas darüber gesagt, wohin sie flogen, oder was ihre nächsten Ziele waren. Man behandelte sie wie eine Aussätzige. Die Wärme die sie von der Little Miss gewohnt war, gab es hier nicht. Hier gab es nur Wut und Hass. Die Crew sprach meist in bissigem Ton miteinander, um sich gegenseitig keine Blöße zu geben. All diese Faktoren bestärkten sie umso mehr in ihrer Ansicht: Dieser Ort war die Hölle – und ihr neues zu Hause.
Sie würde sich nicht umentscheiden. Irum und Elrassa hatten jetzt die Möglichkeit ihr Leben frei zu gestalten. Sie waren frei. Das war wichtig, auch wenn es bedeutete, dass sie diese Freiheit nicht teilen konnte. Es war wie Irum sagte: Es lag in der eigenen Natur jenen zu helfen, die man gern hatte. Er und Elrassa hatten lange genug ihren Preis dafür gezahlt. Jetzt war sie an der Reihe.
Die junge Frau seufzte und strich die Bettdecke zur Seite. Die Beiden würden es sicher nicht verstehen. Ob sie sie dafür hassten? Immerhin war sie zu Vydic gegangen. Dem Feind, wenn man so wollte. Reva wusste gar nicht, wie sie reagiert hätte, stünde sie an der Stelle ihrer Freunde. Wahrscheinlich wäre sie wütend. Zu Recht. Dennoch war es so besser. Sie sah aus dem Fenster und nickte in sich hinein: Sie hatte das richtige getan.
Die Tür öffnete sich. Die junge Frau wandte sich zum Eingang und erblickte Vydic. Die roten Augen des Ayrou leuchteten durch die Dunkelheit. In der Hand hielt er zwei Tassen Tee. Hinter ihm stand sein Leibwächter Arbor. Der große Herglic. Reva machte einen Schritt zurück. Die riesenhafte Erscheinung jagte ihr wirklich Angst ein, auch wenn er kleiner war als sein Auftraggeber. Dieser legte den Kopf schief und lächelte.
„Du musst dich vor ihm nicht fürchten. Arbor mag ein Monster sein, aber er ist von schwachem Geiste. Er wüsste nicht, was er mit dir anstellen sollte, befänden er und du sich alleine in einem Zimmer."
Wie gewöhnlich sprach er von oben herab. Als wäre er ein Raubvogel der seine Kreise zog und nur auf den richtigen Moment wartete, um zuzuschlagen. Reva zitterte ein wenig.
„Ich...ich habe nur noch nie einen Herglic aus dieser Nähe gesehen...das ist alles."
Vydic nickte.
„Arbor? Du kannst gehen. Sag der Crew, dass ich in der nächsten halben Stunde nicht gestört werden will. Vahlu und Heela sollen etwas zu Essen bringen. Ich ziehe es vor, heute mit unserem Neuankömmling zu speisen."
Der Leibwächter verließ die Seite seines Meisters ohne ein weiteres Wort zu sagen. Der Ayrou stellte die beiden Tassen auf einem Tisch neben dem Bett ab und deutete Reva sich niederzulassen. Zögernd kam sie seiner Bitte nach. Er nahm auf einem Stuhl Platz und schob eine der beiden Tees zu ihr herüber.
„Ansonianischer Tee. Vielleicht nicht ganz das, was du gewöhnt bist, aber wie sagt man? Es ist wichtig, sich stets neuen Veränderungen zu öffnen."
Sie nahm die Tasse in die Hand.
„Danke", presste sie hervor. Sie sah ihn nicht an. Die Situation kam ihr merkwürdig absurd vor.
Bevor sie weiter darüber nachdenken konnte, öffnete sich die Tür von neuem. Zwei Kallidahin trugen Tabletts mit verschiedenen Speisen in das Quartier und stellten sie auf dem Tisch ab. Sie waren kleine zierliche Wesen. Ihre Gesichter wirkten beinahe geisterhaft. Vydic nahm einen der Beiden an die Hand und zog ihn zu sich.
„Das ist Vahlu. Die Schüchterne daneben ist Heela. Begrüßt Reva. Sie wird von jetzt an mit uns reisen!"
Die Beiden sahen zu der 18-Jährigen. Bei näherer Betrachtung fiel ihr auf, dass beide ein elektronisches Armband trugen. Sie waren nicht wie der Rest der Crew. Sklaven im Dienste Vydics.
„Hallo Lady Reva", brachte Heela langsam hervor. Sie sah ihren Meister nicht an. Genau wie Arbor. Die Schwarzhaarige musterte die beiden einen Augenblick lang.
„Sie sind Kallidahin. Eine intelligente Spezies vom Planeten Polis Massa. Einst waren sie nur Einwanderer, aber es gefiel ihnen dort weshalb sie dort blieben. Seltsam, nicht wahr? Man lässt alles was man kennt einfach hinter sich ohne zu wissen, was vor einem liegt."
Vahlu und Heela beendeten ihre Arbeit. Als sie mit dem Servieren fertig waren standen sie abwartend nebeneinander vor dem Ayrou.
„Ihr dürft gehen."
Wenig später waren Er und Reva wieder allein. Sie musterte ihn. Das Kopfgefieder wippte langsam hin und her, als er einen Schluck von seinem Tee nahm. Nickend deutete er auf ihre Tasse.
„Trink. Keine Sorge. Es ist nicht vergiftet. Das wäre wohl kaum eine logische Handlung, nachdem wir beide eine solch profitable Abmachung geschlossen haben, nicht wahr?"
Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken. Langsam führte sie die Tasse zu ihrem Mund. Es war sehr süß. Beinahe wie ihre Früchte. Bedrückt senkte sie den Kopf. Irum würde ihr jetzt normalerweise eine Schale Binka-Früchte servieren. Sie schüttelte den Gedanken ab. Es tat nicht gut, daran zu denken. Dennoch gab es viele Fragen, die sich ihr stellten. Dies was eine gute Gelegenheit, um von Vydic ein paar Antworten zu erhalten.
„Was wird jetzt aus mir? Ich meine äh...ich bin jetzt bei ihnen, aber was bedeutet das genau? Soll ich für sie arbeiten, so wie Vahlu und Heela?"
Der Ayrou lachte schnatternd. Sein Gefieder tanzte dabei richtig. Er schüttelte den Kopf.
„Nein nein. Du bist viel wertvoller als ein Sklave Mädchen. Beim Tee Kochen und Essen servieren wären deine Fähigkeiten mehr als nur verschwendet. Du bist eine Co-Pilotin. Dein technisches Verständnis ist deine beste Eigenschaft. Das hat auch Irum immer gesagt. Er hat eine hohe Meinung von dir. Du besitzt viel Potenzial. Nun bist du an dem richtigen Ort um das auch zu fördern. Ich möchte, dass du weiterhin dieser Beschäftigung nachgehst."
Fragend sah sie ihn an und nahm einen bissen Brot.
„Das verstehe ich nicht."
Er lächelte süffisant und faltete die Hände vor dem Gesicht ineinander.
„Du wirst von jetzt an Mitglied der Crew der Raiders Arc sein. Vorthras braucht eine gute Mechanikerin und ich denke, dass du am besten dafür geeignet bist. Er und seine Co-Pilotin sind bereits darüber informiert. Wir werden sie an unserem Zielort treffen."
Sie schluckte. Im ersten Moment hoffte sie, er würde scherzen, doch der ernste Ausdruck in seinen Augen zeigte ihr, dass dies nicht der Fall war. Innerlich erschauderte sie. Vorthras? Der schlimmste Konkurrent der Little Miss sollte ihr neuer Captain werden.
„Ich...sind sie sicher? Ich meine...ich bin doch nur eine einfache Mechanikerin. Mein Wissen wird ihm sicher nicht viel nützen. Ich bin gar nicht mit dem Schiff vertraut. Ich werde eher hinderlich sein, als eine Nutzen bringen."
Ihr Einwand klang kläglich. Der Ayrou schüttelte den Kopf und ergriff ihre Hand.
„Deswegen wirst du ein Teil seiner Crew. Du wirst mit ihm reisen, sein Schiff kennen lernen und an seiner Seite Rennen fliegen. Er ist ein guter Mann und seine Fähigkeiten sind bemerkenswert. Du bist bei ihm gut aufgehoben."
Sie schüttelte den Kopf. Trotz wuchs in ihr.
„Nein. Ich kann hier viel nützlicher sein."
Vydics Blick verfinsterte sich.
„Ich denke, du hast mich falsch verstanden: Das war keine Bitte. Sei dir einer Tatsache immer bewusst: Du gehörst jetzt mir. Was ich für dich als richtig erachte, wirst du tun. Wenn ich zum Beispiel sage, du servierst zusammen mit Vahlu und Heela Essen, dann tust du das auch. Wenn ich sage, du wischst den Dreck von den Latrinen, dann tust du das und wenn ich dir sage, Vorthras wird dein Captain sein, dann ist das so. Verstanden?"
Sein scharfer Ton sorgte dafür, dass sie zusammenzuckte. Beinahe hätte sie vergessen, was für eine Person Vydic war. Grausam und machthungrig. Er hatte Recht. Sie unterlag seinem Willen und es gab nichts, was sie dagegen tun konnte.
„Ja."
„Gut. Nun, iss. Du wirst deine Kräfte noch brauchen."
Damit erhob er sich und verließ das Quartier. Reva blieb zurück. Alles drehte sich in ihrem Kopf. Sie hatte Angst. Was sie nun erwartete lag im Dunkeln. Nur eines war ihr bewusst: Es würde die Hölle sein. Dennoch zauderte sie nicht. Es war für Elrassa und Irum. Nicht anderes war wichtig.
