Viper's Nest: So wurde die Station genannt, die Vydic ansteuerte. Treffpunkt von Abschaum, wie Reva ihn noch nie zuvor gesehen hatte. Piraten, Kriminelle und jene Individuen denen man nachts nicht begegnen wollte. Ord Martell war dagegen ein Nonnenkloster. Schon im Hangar zog die 18-Jährige gierige und niederträchtige Blicke auf sich, weshalb sie sich dazu entschloss in der Nähe von Arbor und Vydic zu bleiben. Der Ayrou bemerkte ihre Nervosität und legte ihr eine Hand auf die Schulter.
„Vipers Nest ist unsere Hauptanlaufstelle. Mein Hauptsitz, wenn du so möchtest. Sofern ich nicht gerade damit beschäftigt bin einem Rennen beizuwohnen, findet man mich hier. Sei unbesorgt. Du stehst unter meinem Schutz. Diese Männer und Frauen werden dir nichts tun, da sie wissen dass du mir unterstehst."
Seine Worte beruhigten sie nicht. Reva wusste, dass Vydic viele Facetten besaß. Eine einfühlsame und ruhige Seite, die dazu diente unerfahrene Naivlinge auf seine Seite zu ziehen. Dann gab es noch den harten und kalten Vydic, der keinerlei ungehorsam duldete. Einen Hauch davon, hatte sie auf dem Hinflug bereits erlebt.

„Hier sind so viele", erkannte die junge Frau. Ihr Begleiter nickte, während sie durch die große Halle schritten und hielt dabei die Hände hinter dem Rücken verschränkt.
„Hier gibt es viele verschiedene Typen: Jene, die Geld suchen, andere die in meiner Schuld stehen und wieder andere, denen es nur darum geht sich zu beweisen. Du wirst merken, dass jeder von ihnen seinen eigenen Beweggrund hat hier zu sein. Ebenso, wie bei dir."
Er machte eine kurze Pause.

„Allerdings ist wahrscheinlich niemand von ihnen hier, aus übergroßer Herzensgüte."
Ihr Magen zog sich zusammen. Einmal mehr musste sie sich daran erinnern, dass sie hier war, um ihrer Familie zu helfen. Irum und Elrassa. Ob sie wohl nach ihr suchten? Vydic hatte versprochen, dass er es ihnen erklären würde. Konnten sie ihre Beweggründe verstehen? Sie war sich nicht sicher darüber.

„Hier entlang", riss der Ayrou sie aus ihren Gedanken. Sie hatten ein Ende des Hangars erreicht. Vor sich sah Reva einen nur zu bekannten Umriss: Die Raiders Arc. Wie ein lauernder Raubvogel lag die HWK-290 vor ihr. Ein Ubeser arbeitete gerade mit einem Schweißgerät an der Außenhülle. Allerdings nicht Vorthras. Diese Person mochte zwar ähnlich verhüllt sein, war jedoch sehr viel zierlicher und kleiner als der Pilot. Vydic blieb vor der Person stehen und hob zur Begrüßung die Hände.
„Tharasa. Wie ich sehe, bist du schon wieder bei der Arbeit. Wo ist Vorthras?"
Die Person kam auf die Beiden zu und legte das Werkzeug zur Seite. Reva hatte schon von Tharasa gehört. Vorthras Co-Pilotin. Ein oder zweimal war sie ihr über den Weg gelaufen. Gesprochen hatten die beiden allerdings nie.

„In der Cantina. Wer ist die Kleine?"
Sie klang eher abwertend, als wirklich interessiert. Vydic lächelte und legte eine Hand auf Revas Schulter.

„Dies ist eure neue Mechanikerin. Ich habe bereits mit Vorthras gesprochen. Er dürfte dich informiert haben."
Sie nickte und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Wir werden sehen, ob sie ihren Zweck erfüllt. Es ist eine Weile her, dass wir eine Mechanikerin hatten. Nach der letzten wollte Vorthras eigentlich nur im Team aus uns zwei fliegen. Es wundert mich, dass du ihn überzeugt hast."
Vydic breitete die Arme aus.

„Nun, wie du weißt Tharasa, kann ich sehr überzeugend sein. Weise das Mädchen ein und wenn du damit fertig bist, führe sie auf der Station herum. Sie ist jetzt ein Teil von uns, also behandle sie auch entsprechend."
Damit schritt er voran und ließ Reva alleine mit der Ubserin zurück.

„Ich kenne dich", begann Sie mit herabschätzendem Tonfall und kam einen Schritt auf die 18-Jährige zu.
„Gehörtest du nicht zur Crew von Elrassa? Wie kommt es dass du jetzt hier bist? Haben sie dich abgeschoben, weil du nichts getaugt hast?"
Reva zuckte zusammen. Tharasa war nicht darauf aus mit ihr Freundschaft zu schließen. Das erkannte sie sofort. Dennoch versuchte sie sich nicht unterbuttern zu lassen. Sie machte einen Schritt auf die Co-Pilotin zu.

„Ich wüsste nicht was dich das anginge."
Die Ubeserin lachte.

„Da denkt jemand er wäre taff."
Mit einem Mal hatte Sie Reva gegen die Hülle des Schiffes gedrückt. Es war so schnell passiert, dass die Averamerin nicht reagieren konnte. Tharasa hielt sie am Kragen und kam ihr immer näher. Das Rasseln ihres Atemgerätes drang an das Ohr der jungen Frau.

„Lass mich dir eines sagen, Mädchen: Es ist mir egal, wer du bist, woher du kommst, oder warum du hier bist. Du bist nichts weiter als Vydics Spielzeug und wenn er dich nicht mehr braucht, dann wirft er dich weg. Du bist nur solange wertvoll, wie du auch deine Arbeit richtig machst. Verstanden?"
„Das reicht Tharasa!"
Die beiden Frauen hatten Vorthras gar nicht bemerkt. Langsam schritt er auf die Raiders Arc zu und schüttelte den Kopf.
„Sie hat es verstanden."
Die Ubeserin ließ Reva wieder los. Das Mädchen schnappte nach Luft und wich vor den Beiden zurück. Ihr Herz raste nur so in ihrer Brust. Je länger sie hier war, desto mehr fürchtete sie sich davor, was sie noch erwarten konnte. Am Anfang hatte sie geglaubt, sie täte das richtige, aber jetzt war sie sich nicht mehr so sicher. Sie vermisste Irum und Elrassa. Das hier war einfach nur die Hölle.

„Hallo Mädchen. Ich habe bereits alles mit Vydic besprochen. Willkommen."
Zur Begrüßung hielt er ihr die Hand hin. Sie kannte Vorthras gut genug um zu wissen, dass dies hier nichts weiter als Show war. Bei den Rennen gab er sich nie die Blöße Gefühle zu zeigen. Er achtete nur auf sich selbst. Dennoch war es wohl besser, es sich nicht mit ihm zu verscherzen, weshalb sie seine Hand ergriff.

„Ich entschuldige mich für das Verhalten meiner Co-Pilotin. Sie ist es nicht gewohnt, mit jemandem außer mir zu arbeiten. Mach ihr keine Vorwürfe!"
Hätte sie unter die Maske blicken können, wüsste Reva dass die Angesprochene wütend war. Sie ballte die Hand zur Faust und warf dem Mädchen einen kurzen Blick zu.
„Wie auch immer. Gewöhne dich nicht zu sehr an sie Vorthras. Sie ist ein Kind. Sie wird hier nicht lange durchhalten!"
Damit schritt die Frau von dannen.

Reva sank in die Knie. Das erste Mal seit ihrer Abreise, überkam sie alles. Der Fortgang von Irum und Elrassa, die Situation hier. Sie versuchte dagegen anzukämpfen, doch verlor den Kampf gegen ihre Trauer. Die Flut brach unweigerlich aus ihr heraus. Ein paar Anwesende hoben den Kopf um die Situation zu begutachten. Vorthras brachte sie mit einem Blick in ihre Richtung zur Raison, ehe er sich dem Mädchen zuwandte.
„Du bist jung und naiv. Ich weiß warum du hier bist. Deine Gründe sind edel. Daran besteht kein Zweifel. Dennoch haben sie in dieser Welt keinen Platz. Halte dir das im Hinterkopf."
Er kniete sich vor ihr nieder und streichelte ihr über den Kopf.

„Hier bist du ganz allein. Niemand wird auf dich zukommen und dir seine Freundschaft anbieten. Erwarte keine Freude, oder Liebe an diesem Ort. Die einzige Person auf die du dich wirklich verlassen kannst, bist nur du selbst."
Er erhob sich und schritt davon. Vorthras hatte Recht. Erst jetzt begriff sie das wahre Ausmaß ihrer Entscheidung. Sie dachte, es wäre einfach. Sie würde für Vydic arbeiten so dass Irum und Elrassa weiter ihre Wege gehen konnten. Jetzt wusste sie: Hier gab es nur Hass und Einsamkeit. An diesem Platz würde sie keinen Frieden finden.