Schattenprinz
Outtakes
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Disclaimer: Die Welt von Harry Potter gehört J. K. Rowling.
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V
Kapitel 21
Annäherung
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AN: Eine alternative Version von Kapitel 21 – mit einem Gedicht von Ernst Toller, den ich sehr schätze. ;-)
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Miguel lag im Bett, wieder einmal, und fühlte sich schlecht – wie eigentlich jeden Tag, den er in diesem schrecklichen Haus verbracht hatte. Als er aufwachte, war er allein gewesen. Allein in dem schönen, scheußlichen Zimmer, das sein Gefängnis war. Er hatte keine Schmerzen, da, wo er welche hätte haben sollen, herrschte nur ein warmes, taubes Gefühl. Miguel starrte den cremefarbenen Leinenstoff des Betthimmels an. Ihm war so elend zumute, dass er am liebsten geheult hätte, aber die Tränen wollten nicht kommen. Er hatte sich wohl leer geweint in all den Tagen in diesem goldenen Käfig. Neben ihm auf dem Nachttisch standen ein Glas Wasser und ein Teller mit Obst. Irgendjemand hatte ihm ein neues Buch daneben gelegt. Er wusste nicht, ob er Hunger oder Durst hatte. Er wusste gar nichts mehr.
Leer. Ausgebrannt. Tot.
Irgendwann öffnete sich die Tür. Hraban trat ein, gehüllt in ein weites, umbrabraunes Gewand.
Er sieht aus wie ein Mönch, dachte Miguel müde und schloss die Augen. Bitte lass mich in Ruhe, ja? Lass mich einfach in Ruhe.
Doch er hörte, wie der andere sich einen Stuhl heranzog. Seiten raschelten. Dann begann Hraban mit gedämpfter Stimme zu lesen.
„Ein Freund starb in der Nacht.
Allein.
Die Gitter hielten Totenwacht.
Bald kommt der Herbst.
Es brennt, es brennt ein tiefes Weh.
Verlassenheit."
Er hielt inne.
„Lies weiter, bitte ...", flüsterte Miguel mit geschlossenen Augen.
„O dumpfer Sang unendlicher Monotonie!
O ewiges Einerlei farblos zerrinnender Tage!
Immer
Wird ein Tag sein
Wie der letzte,
Wie der nächste,
Immer.
Zeit ist ein grauer Nebel. Der setzte sich in die Poren Deiner unendlichen Sehnsucht."
Miguel verlor sich in Hrabans Worten, seiner sanften, melancholischen Stimme. Grau. So fühlte er sich. Grau und leer und farblos. Wie Wasser wuschen die Worte über ihn hinweg, bis Hrabans Stimme immer eindringlicher wurde und er wieder aufhorchte.
„Erst wehrtest Du Dich,
Aber die Gitterstäbe waren stärker als Du.
Nun wachsen sie in Deinen Augen,
Und wohin Du blickst,
Überall
Überall siehst Du Gitterstäbe."
„Ja", hauchte Miguel. „Sie sind überall."
Er spürte eine Hand, die sacht über die seine strich.
„Nein, Miguel, das sind sie nicht. Sie sind nicht überall – sie sind in dir."
Miguel schlug die Augen auf und sah Hraban an. „Weißt du ... weißt du, was er mit mir gemacht hat? Lucius?"
„Ja", sagte Hraban leise und drückte seine Hand. „Er hat bitter dafür bezahlt. Er ist weg. Aemilius hat ihn aus dem Haus geworfen."
„Er wird wiederkommen."
„Vielleicht. Aber frühestens in einem Jahr."
„In einem Jahr?"
„Ja. So lange hat er Hausverbot."
Aemilius hat ihn tatsächlich rausgeworfen ...
„Und wenn er irgendwann wiederkommt, wird er dir nichts tun. Er hat seine Lektion gelernt." Hraban klang bitter und traurig. „Ich bin ganz sicher, dass er dir nichts tun wird", setzte er freundlicher hinzu. Doch sein Lächeln wirkte gezwungen und verschwand wieder, als er mit gesenkter Stimme fortfuhr: „Ich ... er hat mich zu sich nach London gebeten, vor zwei Stunden. Aemilius' Methode der Bestrafung war sehr ... eindrucksvoll. Lucius hat geweint, als ich kam und ich glaube, er hat gleich wieder damit angefangen, sobald ich weg war."
Geweint?!
Miguel konnte sich nicht viel vorstellen, dass einen so arroganten, selbstbewussten und kalten Mann wie Lucius Malfoy zum Weinen bringen würde.„Wie ... wie hat sein Vater ihn bestraft?"
Hraban presste die Lippen zusammen und schwieg.
„Hraban?"
„Er ... er hat ihn vergewaltigen lassen", stieß Hraban endlich hervor.
Die Worte betäubten Miguel. Er hörte sie, aber er begriff sie nicht.
Er hat seinen Sohn ...? Seinen eigenen Sohn ...?
„Du kannst also zufrieden sein."
„Hraban – ich ...", stotterte Miguel erschrocken.
Mir geht's doch nicht besser, bloß weil Lucius das Gleiche passiert ist, was er mit mir gemacht hat!
Er starrte den jungen Heiler an, sah den Schmerz in seinem Blick. „Hraban ...", begann er erneut, sehr leise diesmal. „Du magst Lucius ... ziemlich gerne, oder?"
Tränen stiegen in die blauen Augen. „Ja", presste Hraban voll unterdrückter Wut hervor. „Ja! Und Lucius weiß das auch. Aber er ..." Mit einer ärgerlichen Geste wischte er die Tränen aus seinem Gesicht. „Ich hab keine Chance bei ihm. Er steht nicht auf Männer. Ich kann dankbar sein, dass er mich überhaupt in seiner Nähe duldet, obwohl er weiß, dass ich schwul bin. Er macht ganz gern Witze auf meine Kosten, vor allem, wenn andere Freunde von ihm dabei sind. Aber ... ich bin ja schon froh, wenn er mich überhaupt dabei haben will", schloss Hraban resigniert.
Miguel schwieg einen Moment.
Wie war das?
„‚Die Gitter sind in dir'?", fragte er dann mit einem schiefen kleinen Lächeln.
Hraban schnaubte – halb amüsiert, halb abfällig. „Ja ... das sind sie wohl."
„Magst du nicht weiterlesen?"
Hraban hob das Buch auf.
„Kalt wurde das Buch in meiner Hand,
So kalt, so kalt.
Die schwarzen Lettern schwarze Berge, die zu wandern begannen im Geäder meines Herzens.
Die raschelnden Blätter Schneefelder am Nordpol endloser Ohnmacht.
Ich friere.
Die Welt gerinnt.
Es muß schön sein einzuschlafen jetzt,
Kristall zu werden im zeitlosen Eismeer des Schweigens.
Genosse Tod.
Genosse, Genosse ..."
Mit einem Knall klappte Hraban das Buch zu.
„Warum liest du nicht weiter?"
Hraban lachte geringschätzig. „Jetzt kommen die Schwalben."
„Und?"
„Möchtest du eine Probe?
Zirizi Zirizi Zirizi
Zizizi
Urrr
Daß man, nahe der dunklen Schwelle,
Solche Melodie vernimmt, so irdischen Jubels, so irdischer Klage trunken ..."
Wieder brach Hraban ab. „Ich kann das nicht lesen."
„Warum nicht?" Miguel nahm ihm, nach kurzem Zögern und einem unsicheren, Erlaubnis heischenden Blick, das Buch aus den Händen und überflog die nächsten Zeilen des Gedichts. „Das wird ja ganz anders ...", sagte er überrascht.
„Ja."
„Über mir über mir
Auf dem Holzrahmen des halbgeöffneten Gitterfensters ...," – er übersprang die nächsten Zeilen –
„Sitzt
Ein
Schwalbenpärchen.
Sitzt,
Wiegt sich! wiegt sich!
Tanzt! tanzt! tanzt!
Weichet zurück Ihr schwarzen Berge! schmelzet Ihr Schneefelder!
Sonne Sonne, zerglühe sie! zerglühe sie!"
Stumm las er weiter. Bis:
„Das Wunder ist da!
Das Wunder!
Das Wunder!"
Er blätterte. Es ging noch lange weiter, das Gedicht. Aber eigentlich war er schon froh, bis zum Wunder gekommen zu sein. Miguel klappte das Buch zu und sah auf den Titel. „Das Schwalbenbuch", sagte er leise. „Von Ernst Toller. – Wer ist das?"
„Irgendein deutscher Dichter aus den zwanziger Jahren. Ich war mal ein Semester als Austauschstudent an der deutschen Zaubereruniversität. Die liegt irgendwo in einem riesigen Moorgebiet. Nicht sehr gemütlich da, aber ganz interessant ..."
Miguel hörte nicht länger zu.
Vielleicht, dachte er, vielleicht könnte ich mich irgendwie an das Leben hier gewöhnen. Die Schwalben sehen, die durch die Gitterstäbe schlüpfen. Vielleicht ...
„Hraban? Wo ist eigentlich Severus?"
Schweigen. „Ich glaube, er schämt sich", sagte Hraban schließlich zögernd. „Er gibt sich die Schuld an dem, was dir passiert ist. Weil er letzte Nacht nicht hier bei dir war, sondern mit Aemilius und mir auf irgendeiner blöden Party ..."
„Kannst du ... würde es dir etwas ausmachen, zu ihm zu gehen und ihm von mir auszurichten, dass ich bestimmt nicht böse bin auf ihn? Und dass er zu mir kommen soll, bitte? Sobald es ihm passt?"
Ein kleines Lächeln huschte über Hrabans Gesicht. „Ich werde ihn holen. – Nein, behalt das Buch, ich schenk es dir", wehrte er ab und stand auf. „Hör mal", sagte er sanft, indem er sich über Miguel beugte und ihm plötzlich einen Kuss auf die Stirn gab, „du bist ein wirklich netter Muggel." So, wie er das Wort sagte, klang es fast wie ein Kosename. „Wenn du irgendwann meine Hilfe brauchen solltest –." Er zog zwei kleine Spiegel aus der Tasche und strich rasch mit dem Zauberstab darüber, ehe er einen an Miguel überreichte. „Du musst nur in den Spiegel schauen und meinen Namen sagen, dann können wir miteinander sprechen."
„Danke!", flüsterte Miguel und schloss die Hand fest um das kostbare Geschenk.
Hrabans Lächeln wurde breiter. „Du bist wirklich süß." Ein zweiter flüchtiger Kuss auf Miguels Wange.
Ein bisschen irritierte ihn diese plötzliche Zärtlichkeit. Aber Küsse waren natürlich besser als Tritte, Schläge oder Beleidigungen, von denen er reichlich hatte einstecken müssen vor drei Tagen. Severus fehlte ihm und die professionellen Berührungen Averys waren kein Ersatz für Liebkosungen. Miguel hungerte regelrecht nach liebevollem Körperkontakt, gerade nachdem sein Körper wieder einmal misshandelt worden war. Außerdem war er sich sicher, dass Hraban sich niemals an ihm vergreifen würde. Er beschloss, auf die Vertraulichkeit einzugehen – wenn auch nur mit Worten. „Du, Hraban ...", fing Miguel stockend an.
„Ja?"
„Darf ich dich was fragen?" Miguel hatte wenig Möglichkeiten, an Informationen heranzukommen, und Hraban schien derzeit durchaus gesprächsbereit.
„Klar."
„Was machst du bei diesen Leuten? Du passt nicht zu ihnen."
„Und Severus?" Hraban sah ihn forschend an.
„Der auch nicht."
„Und Avery? Passt der zu ‚diesen Leuten'?"
„Also, ich ... nein."
„Wen meinst du dann mit ‚diese Leute'? Aemilius? Lucius? Lucius' Freunde?"
„Ich ... vielleicht. Lucius' Freunde, ja."
„George Degrés und Robert Mallory sind sicher Arschlöcher ersten Ranges, aber Alexander Rosier ist nichts als ein verwöhnter kleiner Schleimer."
„Trotzdem. Ich versteh nicht, was du" –
„Ich bin mit den meisten dieser Menschen verwandt, Miguel. Reinblütige Zaubererfamilien sind eigentlich alle miteinander verwandt. Lucius ist mein Cousin, Aemilius mein Onkel, Avery ist mein Großcousin ... Der Bruder von George Degrés hat meine älteste Schwester geheiratet, und so weiter, und so fort. Das ist der eine Grund, warum ich mit ‚diesen Leuten' verbunden bin – auch wenn mir vielleicht nicht alles gefällt, was sie sagen und tun. Wenn du allerdings wissen willst, warum ich im Orden bin, dann ist die Antwort einfach: meine Eltern. Sie wollen einen Fuß in der Tür haben, falls der Dunkle Lord die Macht übernimmt."
Der Dunkle Lord. Ein unheildrohender Name, den Miguel in den letzten Tagen schon einige Male gehört hatte.
„Wer ist das, der Dunkle Lord? Und was ist der Orden?"
Hraban tippte ungeduldig mit der Zauberstabspitze gegen sein Knie. „Miguel, ich kann dir nicht unser gesamtes Gesellschaftssystem erklären. Außerdem würdest du es ohnehin nicht verstehen. Der Dunkle Lord ist die bedeutendste politische Reformkraft in Großbritannien – bezogen auf unsere Welt, natürlich. Im Orden versammelt sich die Elite seiner Unterstützer. Mehr brauchst du nicht zu wissen. – Und jetzt gehe ich Severus holen."
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