II.

„Oh bitte, das glaubt dir kein Schwein, Kensei!"

Die Mittagssonne brannte ihm heiß auf die Brust und Shinjis Geplapper verringerte seine migräneartigen Kopfschmerzen absolut und überhaupt gar nicht. Er reagierte nur brummend.

Zu wissen, was letzte Nacht passiert war, war schlimm genug. Da hatte Kensei jetzt niemanden gebrauchen können, der irgendeinen Kommentar dazu abgab. Also hatte er die schlimmste und schlechteste Ausrede fallen lassen, die ihm eingefallen war. Auf die Frage hin, ob gestern noch was lief, antwortete er doch in der Tat mit ‚...Nö...'

Und das, so meinten die meisten, passierte nur wenn Weihnachten, Neujahr und die Jahrfeier zur Gründung der Akademie auf einen Abend fielen, an dem Brathähnchen in Kokosnussflüssen schwammen – in Tütüs Schwanensee tanzend natürlich!

Und wieso in Tachikazes Namen musste die Sonne ihm direkt in die Augen scheinen? Nicht, dass er einen Kater hatte oder so etwas, doch die Nacht hing ihm gedanklich durchaus nach. Er hatte keine Bedenken oder so etwas Ähnliches, nein, er war einfach nur etwas verwirrt darüber, mit wem er da in der Tat geschlafen hatte. Immerhin war Byakuya nie in seinem Bewusstsein gewesen. Er hatte bislang nur am Rande mit Freunden gescherzt und in lustiger Saufrunde erzählte man sich so, was der kleine Angeber für Mist anstellte – doch das war es eigentlich auch schon gewesen. Der war so interessant gewesen, wie vergammelte Tierkadaver im .

Und nun ging er ihm den ganzen Morgen über schon im Kopf herum. Denn als Kensei aufgewacht war, hatte er sich allein in seiner Wohnung befunden – keine Spur von Byakuya. Das nun verschwommen wirkende Ereignis der Nacht wehte nur noch wie ein lauer Luftzug durch seine Wahrnehmung und er fragte sich ständig, ob das alles in der Tat passiert sei oder ob der erfolglose Beutezug vom Abend in seinem Kopf Halluzinationen ausgelöst hatte. Und wenn ja, wieso sie sich ausgerechnet IHN ausgesucht hatten.

Shinjis vor seinem Gesicht wild wedelnde Hand riss ihn wieder aus seinen Gedanken.

„Kensei... K E N S E I ~ ... hallooo-hooo!? Jemand zu Hause??"

Wieder brummte er nur.

„Oh...." Shinji nahm seine Hand wieder runter. Und lief für einen Moment schweigend neben ihm her. „Dann ... sagst du wohl die Wahrheit, wenn du so... komisch drauf bist, was?" Er murmelte etwas. Zwar konnte Kensei seinen Blick auf ihm spüren – wie er dringend nach einer weiteren oder anderen logischen Erklärung suchte, doch Kensei driftete wieder ab. Konzentriert bei dem Treffen zu erscheinen stellte sich mittlerweile als so gut wie unmöglich heraus. Zu sehr hämmerte die Frage nach dem Warum auf Kenseis malträtierten Schädel ein.

Shinji hielt die Klappe. Es hatte wohl wenig Sinn ein Gespräch führen zu wollen. Zum Glück gab es Freunde mit denen man auch gemeinsam schweigen konnte.

Kensei schob sich eher durch die langen Wege, statt entlang zu poltern wie ein Eber (wie man es eigentlich von ihm gewöhnt war). Seine Blicke schweiften die tristen Mauern. Wenn er noch eine Sekunde länger hätte ihn die Sonne starren müssen, wäre er sicherlich kotzend an der nächsten Ecke stehen geblieben. Und als sie endlich den entsprechenden Stadtteil erreicht hatten, musste er sich etwas anderes zum sinnlos Anstarren suchen und wie es der gottverdammte und dreifach verteufelte Zufall so wollte, traf es Byakuya.

Dieser war so eben mit seinem Vater unterwegs und wirkte so gar nicht mehr verführerisch, sondern nur wie ein willkürlich Daherlaufender in Akademieuniform – zunächst noch! Doch Kenseis Blick blieb unweigerlich haften und je länger er ihn regelrecht anglotzte, desto eher schossen ihm die Bilder der Nacht in den Kopf. Diese Bewegungen, diese Tonlage... der schmale Körper und –.

NEIN.

Er durfte jetzt bloß nicht daran denken. Es war doch eh wenn schon nur eine einmalige Sache gewesen, wie sonst auch.

„Muguruma-Taichou, Hirako-Taichou..." Kuchiki Senior verbeugte sich im Vorbeigehen. Kensei nickte nur zu. Und für einen kurzen Moment trafen sich seine und Byakuyas Blicke. Schlagartig verwandelten sich diese zornigen und unausgeglichenen Augen wieder in diesen Schmollblick von gestern. Kensei musste stehen bleiben, als sie vorbeigingen und der Blickkontakt wieder abbrach.

Ein seltsames Gefühl überkam ihn. Ein so überaus seltsames Gefühl.

Die Sonne interessierte ihn plötzlich nicht mehr, denn ein Schleier legte sich über alles Mögliche, nur nicht über den immer noch präsentesten Gedanken in seinem Kopf.

Was Kuchiki Senior wohl dazu sagen würde, wenn er es wüsste? Kensei starrte auf Shinjis Rückennummer. Was würde Shinji sagen? Überhaupt... würde er gerne nach seiner Meinung fragen, hatte jedoch so eine Vorahnung, dass dabei etwas noch Schlechteres heraus kommen würde.

Er behielt es für sich.

Und behielt auch für sich, dass er wenige Stunden darauf merkte, dass sein Geschmack was Beute betraf heute äußerst wählerisch ausfiel und er im Grunde nur einen haben wollte.

Aber das konnte ja nicht angehen. Auf keinen Fall. Kensei hatte nie das Bedürfnis mit ein und demselben Kerl zwei Mal ins Bett zu gehen. Seit der kurzen Begegnung am Mittag jedoch, verspürte er das dringende Verlangen, Byakuya... wiederzusehen, irgendwie.

An diesem Abend blieb er im Büro und fühlte sich nicht imstande irgendwen aufzureißen. Und mittlerweile lag das einfach daran, dass er Zeit brauchen würde, um diese abscheulichen Gedanken loszuwerden. Arbeit gegen inneres Chaos sozusagen. Zumindest belief sich alles noch rein auf körperliche Aspekte. Und Kensei schwor sich, wenn Byakuya nochmals bei ihm auftauchen sollte, so würde er ihn abservieren, eiskalt. Dann würde die kleine Kröte schon verstehen und ihn in Ruhe lassen. Er hatte es einfach im Urin, dass es keine gute Idee gewesen war und auch weiterhin nicht sein würde. Er wollte einfach nicht mehr darüber nachdenken, darüber, warum gerade er, oder wieso es nicht dasselbe einfache Gefühl der sexuellen Befriedigung war wie sonst auch. Es sollte nicht mehr passieren und damit sollte das Ganze auch gegessen sein.

Schnaubend saß er über den Akten. Mit Mashiros Notizen konnte doch kein Schwein etwas anfangen, also wirklich. Während er sich über ihr zusammenhangloses und unstrukturiertes Gekrakel aufregte, bemerkte er nicht, wie die Tür zu seinem Büro aufgeschoben wurde und jemand eintrat.

„Gar nicht auf Brautschau?", stichelte Byakuya, hoppste mit Schwung auf seinen Schreibtisch und ließ die Beine baumeln.

Kenseis Puls raste ihm durch den Stiernacken.

„Gar nicht im Bett um die Uhrzeit...", brummte er wenig verständlich vor sich her und konzentrierte sich krampfhaft auf den Wisch vor ihm. Er musste ihn nur irgendwie los werden!

„Naja, hab dich halt nicht eher gefunden..."

Er grinste ihn unverschämt an, das konnte man praktisch fühlen. Wie konnte er nur diese abnormale Dreistigkeit besitzen? Und auch noch so direkt... Kensei musste ehrlich mit sich sein – es machte ihn wahnsinnig in zweierlei Hinsicht. Vielleicht hätte er sich doch jemanden suchen sollen, um sich abzureagieren, bevor er ihn abblitzen lassen konnte. Und überhaupt, Moment mal... wieso ließ er sich denn bitte von einem Kind schikanieren?

„Hab ja nich gedacht, dass du Arbeitstier bist", flötete er und nahm einen Zettel in die Hand, um ihn zu begutachten. Kensei entriss es ihm sofort.

„Is nun mal mein Job und jetz raus", schnauzte er ihn an, was ihm natürlich absolut keinen Anlass dazu gab, seinem Befehl auch Folge zu leisten.

„Na na... so ein unhöflicher Captain heute... dabei dachte ich, dass du etwas dankbarer wärst." Byakuya fuhr sich durch den Pony. In diesem Moment konnten es wohl beide nicht fassen, dass Kensei einfach nicht cool bleiben konnte. Der Junge raubte ihm den letzten Nerv.

„Merkst du es eigentlich nicht, wenn du einem Erwachsenen auf den Geist gehst? Also mach endlich die Biege, lass mich arbeiten und sprich mich nicht mehr an, sonst vergess' ich mich, kapiert!?" Zu spät – Kensei hatte sich bereits vergessen. Jetzt, wo er in Fahrt war, war er gleich mal in Falle Nummer zwei getappt. Endlich gab er Byakuya die Aufmerksamkeit, die jener gewollt hatte. Aber als ob er sich damit zufrieden geben würde, jetzt wo er den Code praktisch geknackt hatte und genau wusste, womit man Kensei schön schaden konnte.

Er rutschte auf dem Tisch noch etwas näher zu ihm.

„Naja, ich weiß zumindest, dass es gestern doch ganz gut gefiel, dass ich mich nicht‚ ver-pisst' habe... nicht wahr!?"

Oh und jetzt musste Kensei doch wieder daran denken, denn so gesehen... verdammt scheiße ja, es war absolut grandioser Sex gewesen, aber deshalb jetzt irgendwie zu schwächeln, das konnte nicht, das durfte nicht passieren! Wenn Byakuya jetzt der erste werden würde, den Kensei zwei Mal... ZWEI Mal nahm, wäre das nur der Grund zur Annahme, dass er etwas Besonders war und das war er nicht- bestimmt nicht!

„Du schweigst, also habe ich Recht, nicht wahr?" Byakuya vergaß die Höflichkeit vom Vorabend. Er hatte ihn einmal so weit bekommen, das würde er locker ein zweites Mal schaffen, einfach nur, weil Kensei in der Beziehung so lächerlich schwach war.

Und er sollte Recht behalten. Er reizte ihn im Wahrsten so lange, bis es entweder Kensei selbst oder dessen Geschlechtsteil es nicht mehr aushalten konnte und Byakuya schneller, als er gucken konnte mit herunter gelassenem Hakama unter ihm auf seinem Tisch lag und es sich so richtig besorgen ließ.

Kensei begann an sich und allem, was bisher gewesen war zu zweifeln. Was war nur in ihn gefahren? Wieso hatte er sich nicht zurück halten können. Normalerweise war doch eine angebissene Kirsche für ihn absolut uninteressant gewesen. Und nun hatte er sich ein zweites Mal auf ihn eingelassen.

Zugegeben – es lohnte sich. Es lohnte sich so richtig. Byakuya ließ einfach alles mit sich machen und sogar mehr. Er streckte ihm den Arsch nur so entgegen. Es war kaum auszuhalten, wer hätte da nicht zugegriffen?

Kensei jedenfalls griff nicht nur zwei Mal zu, nein... noch ein drittes, ein viertes und fünftes und sechstes Mal. Eine ganze verfickte Woche lang, hatte Byakuya ihn immer wieder rumbekommen. Und er war jedes Mal anders. Mal aufmüpfig, mal fordernd, mal sich zierend – Kensei hatte nicht den Hauch einer Chance ‚nein' zu sagen. Und nach einer Woche wollte er es auch definitiv nicht.

Nein, am achten Abend wartete er bereits darauf, dass Byakuya irgendwann erschien, ihn in absolut sinnlosen Smalltalk verwickelte, ihn ein bisschen leiden und mit sich selbst ringen ließ, nur um dann von ihm nach Strich und Faden durchgenommen zu werden.