A/N: So hier wie versprochen pünktlich das neue Update. Ich hoffe es gefällt. Das nächste Mal gibt es auch von gewissen anderen Personen wieder etwas zu hören :)


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Zu wissen was es heißt

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Als ich das nächste Mal von der Schuppentür geweckt werde, die sich mit einem leichten Quietschen öffnet, fühle ich mich nicht sehr viel besser. Noch bevor ich ganz bei mir bin fliegen sich meine Finger wie von selbst in eine Position die es mir erlaubt augenblicklich einen Abwehrzauber zu werfen. Die schnelle, unbedachte Bewegung lässt mich unterdrückt aufstöhnen, als mein Rücken nachdrücklich gegen jede Beanspruchung protestiert und die Worte des Zaubers zerfasern wirkungslos in meinem Kopf. Das ist vielleicht auch besser so, wird mir gleich darauf bewusst, sobald ich mich erinnere wo ich mich gerade befinde. Wie schlecht mein Zustand wirklich ist, wird mir durch meine unbedachte Reaktion noch einmal nachdrücklich klar gemacht. Normalerweise kann ich mich sehr viel besser konzentrieren.

Als ich misstrauisch in Richtung Tür blinzle, erkenne ich gegen das hereinströmende Licht die Umrisse einer Person, die eigentlich nicht Lenwe sein kann. Vielleicht ist es der Sklave den ich gestern im Schlafzimmer gesehen habe? Vorsichtig richte ich mich mit einiger Mühe weiter auf. Als er sich langsam nähert erkenne ich den Jungen wieder. Diese blonden Locken sind doch sehr einprägsam. Nachdem ich mich endlich an das neue Licht gewöhnt habe, kann ich auch die braunen Augen wahrnehmen, die mich aus dem schmalen Gesicht heraus ängstlich anstarren. Ein überaus hübscher Junge, teilt mir mein Gehirn nüchtern mit. Schnell wendet er den Blick ab. Ein Verhalten, das mich einen Augenblick lang belustigt. Schließlich ist meine Position hier im Moment wahrscheinlich noch unter der seinen.

Auch er bewegt sich ausgesucht vorsichtig als er sich nähert und ich kann einige frische Kratzspuren und Striemen an seinem Körper entdecken. So hat sich Lenwe also gestern abreagiert.

„Und? Hat er dich geschickt um zu sehen ob ich noch lebe?" erkundige ich mich böse. Ich kann fühlen wie meine ausgetrocknete Lippe aufplatzt während ich spreche. Durst schiebt sich nachdrücklich wieder in den Vordergrund meines Bewusstseins. Der Junge schreckt zusammen und legt hastig mit dem Kopf schüttelnd einen Finger über die vollen Lippen. Aha. Er darf also nicht mit mir reden. Statt einer Antwort legt er vor mir einen kleinen Trinkschlauch auf den Boden, woraufhin er sich hastig wieder zurückzieht. Bis auf eine knappe Hose trägt er keinen Fetzen Kleidung am Leib, aber immerhin hat er damit mehr als ich.

Ich starre noch eine Weile auf die Tür, nachdem er wieder weg ist. Offenbar hat Lenwe entschieden mich zunächst hier draußen zu lassen. Irgendwann überwinde ich mich doch zur Bewegung und greife nach dem erbärmlich kleinen Trinkschlauch. Wasser. Ich frage mich wie lange ich mit diesem bisschen Flüssigkeit auskommen soll. Wenn ich Pech habe, den ganzen Tag.

Trotz meiner erzwungenen Beherrschung, ist das wenige was ich bekommen habe, viel zu schnell aufgebraucht. Ich fühle mich etwas besser nachdem ich getrunken habe. Vielleicht hat Lenwe ein wenig von einem Heiltrank beigemischt um zu verhindern, dass sich meine zahlreichen Wunden hier draußen im Dreck entzünden. Trotzdem verbringe ich den Tag dahindämmernd auf der Decke. Zu viel mehr reicht meine Konzentration kaum aus. Leider geht es mir dennoch so viel besser, dass ich in dieser Nacht deutlich die Kälte zu spüren bekomme, die ich gestern in meiner überwältigenden Erschöpfung gar nicht richtig bemerkt habe. Ich schlafe aber nicht nur wegen der Kälte sehr schlecht, denn neben dem schnell wiedergekehrten Durst wird auch der Hunger langsam immer nagender. Und ich habe nichts um mich von diesem Zustand abzulenken.

Der nächste Morgen bringt auch die erneute Ankunft des Jungen. Schlecht gelaunt blinzle ich ihm entgegen, während er sich vorsichtig weiter zu mir herantastet. Mit einem leisen Seufzer nicke ich, als er schließlich zaghaft auf mich deutet und dann zurück in Richtung des Turms. Einen Moment erwäge ich mich zu weigern, nur um zu sehen wie er daraufhin verzweifelt. Wahrscheinlich würde er dann in Tränen ausbrechen. Ich würde mich selbst zwar weniger hilflos fühlen, aber nachdem ich auch nur eine Sekunde über den Preis solchen Ungehorsams nachdenken kann, verwerfe ich diesen Impuls mit leisem Bedauern wieder. Unter viel Ächzen und Stöhnen erhebe ich mich. Es ist erstaunlich wie steif ich über diese letzten beiden Nächte geworden bin!

Es dauert eine ganze Weile bis wir den Hof überquert haben und ich habe genug Zeit mich gründlich umzusehen. Nicht das es viel zu sehen gibt. Weit und breit keine anderen Häuser und keine anderen Bauwerke, außer dem Schuppen, in dem ich die letzten beiden Nächte verbracht habe und den Turm selbst. Ein Stück entfernt, kann ich noch einen kleinen Brunnen und einen schmalen Pfad ausmachen, der wohl zur nächsten größeren Straße führen muss. Sonst besteht meine Umgebung hauptsächlich aus einem dichten, satt grünen Dickicht. Nachdem ich die letzten Jahrzehnte hauptsächlich in Städten und teilweise sogar unter der Oberfläche verbracht habe, fühle ich mich ein wenig deplatziert in dieser naturgeprägten Umgebung. Der Sand klebt mir unangenehm an den nackten Füßen und ich erschauere ein wenig in der kühlen Luft. Selbst das geschäftige Zwitschern der Vögel scheint mir einen leicht spöttischen Unterton zu haben. Oder vielleicht fange ich auch langsam an, mir unter dem Einfluss von Hunger und Durst solche Dinge einzubilden. Trotz der paar Stunden die ich geschlafen haben muss, fühle ich mich als ob meine Knochen mit Blei gefüllt wären.

Wir betreten diesmal den Turm nicht durch die Tür, welche in den Empfangsraum von gestern führt, sondern gehen noch ein Stückchen weiter, bis zu einer anderen, ziemlich einfach gehaltenen Holztür, die sich direkt in die Küche öffnet. Ach ja, erinnere ich mich bei dem Anblick des Raumes, ich soll für die Mahlzeiten sorgen. Normalerweise war das immer Ethins Aufgabe. Scharfe Trauer schnürt mir einen Augenblick lang den Hals zu und alles in mir rebelliert bei der Vorstellung diesen Dienst für Lenwe zu verrichten. Andererseits werde ich sonst wahrscheinlich auch nichts bekommen und mein Körper verlangt inzwischen nachdrücklich genug nach Nahrung, dass ich mich in Erinnerung an die eigenen Bedürfnisse überwinde. Nach den detaillierten Anweisungen, die Lenwe auf einem Zettel hinterlassen hat, mache ich mich also gehorsam an die Arbeit. Der Junge schlüpft durch eine weitere Tür hinaus, nachdem er sich sicher ist, dass ich meine Aufgabe auch erfüllen werde.

Ich bin nicht wirklich glücklich mit dem Ergebnis meiner Bemühungen. Da ich normalerweise meine Zeit nicht in der Küche verbringe, habe ich wenig Routine was diese Dinge angeht, auch wenn ich grundsätzlich weiß was zu tun ist. Meine Pfannkuchen sehen jedenfalls wenig appetitlich aus. Schließlich lade ich mit einem unguten Gefühl im Bauch alles auf ein Tablett und mache mich mit unsicheren Schritten auf den Weg in den Empfangsraum, so wie es auf dem Zettel stand. Meinen Widerwillen angesichts der Beorderung durch irgendeine hingekritzelte Botschaft unterdrücke ich rücksichtslos. Solche Feinfühligkeiten kannst du dir nicht mehr leisten, halte ich mir vor. Zumindest nicht bis ich eine Möglichkeit gefunden habe mich zu befreien.

Lenwe sitzt auf einer der Couchen, den Jungen kniend zu seinen Füßen. Ich richte stumm alles auf dem niedrigen Tisch an, der zu diesem Zweck dort platziert wurde. Es ist lange her, dass ich diese Aufgabe das letzte Mal wahrgenommen habe, aber zu meiner Erleichterung scheine ich es noch nicht verlernt zu haben. Meine Hände zittern zwar ein wenig, wegen der Erschöpfung und dem wiedererwachten Brennen und Ziehen in meinem Rücken, aber die Bewegungen an sich sind immer noch sicher genug um wenigstens nichts zu verschütten. Ich bemühe mich meine Schmerzen zu ignorieren, aber ich bin froh, als schließlich alles an seinem Platz ist und ich die Wunden nicht mehr damit strapazieren muss mich über den Tisch zu strecken.

„Stell den Teller für Wern hier auf den Boden", befiehlt Lenwe und deutet auf die gewünschte Stelle. So heißt also der Junge. Nicht das ich viel Gelegenheit haben werde den Namen zu benutzen solange ich nicht mit ihm reden darf. Wortlos befolge ich den Befehl und ziehe mich dann ein wenig zurück. So weit, dass ich jederzeit bereit bin, falls noch etwas gebraucht wird, aber nicht so nah, dass meine Anwesenheit nicht zu ignorieren wäre. Ich komme mir reichlich seltsam vor wie ich hier knie, völlig verdreckt von den Nächten im Schuppen, überzogen mit halb verheilten Wunden und Striemen auf dem Rücken. Meine langen Haare hängen schwer in einer wirren Masse über meine Schulter auf meine Brust herunter, um sie von meinem Rücken fern zu halten und ich denke nicht, dass ich gerade besonders gut rieche, aber Lenwe lässt sich davon nicht im geringsten stören.

Verstohlen beobachte ich ihn beim essen. Dieses leichte Zucken in der Augenbraue, beim Anblick der nur halb gelungenen Pfannkuchen, ist nicht gerade viel versprechend für meine Hoffnung auf Nahrung. Mit einem innerlichen Seufzen und etlichen stillen Beschimpfungen stelle ich mich auf eine längere Hungerzeit ein. Zunächst scheinen sich meine Erwartungen auch zu bestätigen, denn Lenwe nimmt seine Mahlzeit schweigend ein, ohne mich weiter zu beachten. Weder um zu kritisieren, noch um irgendetwas anderes von sich zu geben.

Aus dem Augenwinkel beobachte ich Wern. Er isst schnell und sauber, auch ohne die Hilfe von Besteck. Darin hat er augenscheinlich Übung. Wie lange er wohl schon bei Lenwe ist? Lange genug um einen gesunden Respekt vor seinen Strafen entwickelt zu haben schätze ich. Zumindest deutet seine Angst im Schuppen darauf hin. Von Zeit zu Zeit vergräbt Lenwe eine Hand in seinem Haar um ihn nachlässig zu kraulen. Eine Geste, die Wern mit augenscheinlichem Genuss willkommen heißt. Ob diese Reaktion nun ehrlich ist oder nicht, sie macht mir auf jeden Fall klar, dass er gut ist in dem was er tut. Kein unerfahrener Junge, den Lenwe gerade erst irgendwo aufgegabelt hat. Die Leere in meiner Seele fühlt sich von diesem Anblick so angesprochen, dass ich sie erschrocken unterdrücken muss. Die Zähne fest zusammengebissen starre ich vor mir auf den Boden. Schließlich lehnt der blonde Elf sich mit seiner Tasse voll Tee auf der Couch zurück und ich kann praktisch körperlich fühlen, wie sein prüfender Blick über meine momentan wenig beeindruckende Erscheinung gleitet.

„Servieren kannst du also. Kochen allerdings nicht", bemerkt der Lenwe neutral. Da ich nicht denke, dass er darauf eine Antwort erwartet, verharre ich lediglich reglos. Diese Angewohnheit von ihm, das Offensichtliche festzustellen, wird mich bestimmt schon bald in den Wahnsinn treiben.

„Ich schätze das bedeutet, dass du auch nur eine halbe Mahlzeit bekommst."

Eine halbe Mahlzeit ist besser als gar keine, beschließe ich mit einem innerlichen Schulterzucken und wundere mich wieder einmal darüber wie nachgiebig er sein kann. Nachdem ich gar nicht mehr damit gerechnet hatte überhaupt etwas zu kriegen, bin ich mit diesem Ergebnis sogar beinahe zufrieden. Kochen kann ich schließlich lernen, auch wenn ich mich damit wohl besser beeilen sollte. Solange ich keinen besseren Plan habe, kann ich nur dafür sorgen, dass ich in möglichst guter Verfassung bin, für den Fall dass sich eine Gelegenheit bieten sollte die Bindung irgendwie zu brechen.

„Wie mein Herr es wünscht", murmle ich deshalb nur. Die leise Hoffnung, dass ich seinen Teller benutzen darf um die Reste zu essen, zerstört sich leider, als er lediglich ein mundgerechtes Stück nimmt und in meine Richtung hält. Misstrauisch wie ich bin, bewege ich mich nicht, bis er sagt: „Da nimm."

Langsam strecke ich versuchsweise die Hand aus. Ich hatte zwar nichts anderes erwartet, aber dennoch möchte ich am liebsten wütend auf den Boden einschlagen, als er mich unterbricht mit den Worten: „Nicht mit den Händen Evoe. Als ich sagte du wirst nur essen was ich dir gebe, meinte ich das sehr wörtlich."

Ich hasse es so gefüttert zu werden. Das habe ich schon immer getan. Selbst zu jener lange zurückliegenden Zeit als Gehorsam selbstverständlich für mich war, musste ich mich jedes Mal überwinden um diesem Befehl zu gehorchen. Und dabei habe ich Elarn niemals so gehasst wie ich Lenwe in diesem Moment hasse. Ich weiß, mein ganzer Körper schreit meinen inneren Widerstand quasi heraus. Es strahlt aus jeder Faser meiner angespannten Muskeln wie wenig ich dieser Aufforderung folgen will, aber der Hunger treibt mich trotz allem dazu, langsam auf die Hand zu zu krabbeln, die mir seit Tagen die erste Nahrung anbietet. Und die ganze Zeit hoffe ich, dass mein offensichtlicher Unwille ihn nicht dazu bringen wird, mir diesen Bissen vorzuenthalten. Ich werde dringend wieder lernen müssen solche Reaktionen besser zu verbergen.

Vorsichtig halte ich meinen Blick gesenkt, während sich meine Lippen endlich um ein Stück köstlichen Brotes schließen. Ich will gar nicht sehen, was sich gerade in Lenwes Gesicht abspielt, den Triumph, der wahrscheinlich aus seinen Augen strahlt. Es fällt mir um einiges leichter ihm meinen Körper für andere Dinge zu überlassen als dies zu tun. Wie ungünstig, dass es mich aber leider trotzdem jeden Tag nach Nahrung verlangen wird.

„Du magst es nicht so gefüttert zu werden."

„Das habe ich nie, Herr", antworte ich leise und weigere mich, dafür Scham zu fühlen, als sei dieser Widerwillen eine Unzulänglichkeit, die allein mir anzulasten ist.

„So ehrlich?" fragt Lenwe überrascht. Perplex realisiere ich, dass ich gerade in die halb vergessene, alte Gewohnheit der schonungslosen Ehrlichkeit zurückgefallen bin ohne es zu merken. Als ich Elarns Sklave war, wusste er ohnehin um jeden meiner Gedanken. Dies führte unweigerlich dazu, dass ich mir nach einigen nachdrücklichen Strafen angewöhnte immer und unbedingt mit der vollen Wahrheit zu antworten wenn er mich etwas fragte. Diese Situation beeinflusst mich mehr als ich dachte, wenn diese alten Verhaltensmuster wieder zutage treten, ohne dass ich überhaupt darüber nachdenke.

„Würdet ihr eine höfliche Lüge bevorzugen Herr?" frage ich, während ich versuche meine plötzliche Panik angesichts dieser beunruhigenden Entwicklung niederzukämpfen. Wie soll ich denn an meinem Selbst festhalten, wenn ich gar nicht merke wie es Stück für Stück verschwindet? Wird mir etwa alles wie Sand durch die Finger rinnen? Meine Selbstbestimmung und alles wofür ich so hart gearbeitet und gekämpft habe? Es dauert eine Weile bis Lenwe antwortet. Mein Herz schlägt indessen so laut, dass ich beinahe sicher bin, er müsse es auch hören.

„Nein", sagt er langsam. Er klingt nachdenklich. Vielleicht wird ihm gerade klar, dass er doch nicht so viel über mich weiß wie er immer dachte. Nun ja, jetzt hat er Zeit genug alles herauszufinden was es zu wissen gibt, beschließe ich bitter.

„Du würdest den Effekt auch nicht mögen, der eintritt wenn du versuchst mich anzulügen", informiert er mich. „Aber ich hatte erwartet, dass du es zumindest versuchen würdest. Die meisten versuchen es."

Lenwe hat mir also absichtlich eine Falle gestellt. Wieso überrascht mich das nicht? Er greift nach dem nächsten Stück Brot.

„Wieso hast du es nicht probiert?" will er neugierig wissen.

Ich kann gerade noch verhindern, dass meine Mundwinkel eine plötzliche Reise nach unten antreten, aber es ist beinahe schon schmerzhaft anstrengend sie davon abzuhalten. Ist es etwa nicht genug, dass ich ihm aus der Hand essen muss? Jetzt soll ich dazu auch noch seine aufdringlichen Fragen beantworten? Leider ist nach diesem ersten Bissen mein Hunger nur stärker geworden. Ich starre einen Augenblick nur sehnsüchtig auf die verlockende Nahrung, während ich versuche mir eine möglichst undurchsichtige Antwort auf diese unangenehm tief reichende Frage zurecht zu legen. So sehr ich auch nachdenke, es fällt mir nichts ein, was wahr ist, aber gleichzeitig meine eigentlichen Beweggründe wirkungsvoll verbergen würde.

Die Hand bewegt sich unbarmherzig zurück in Richtung Teller. Offenbar habe ich zu lange gebraucht. Aber ich habe so großen Hunger!, schreit alles in mir auf.

„Er hat mich immer dafür bestraft Herr!" platze ich hastig heraus, fast schon abartig dankbar zu sehen wie der blonde Elf nun doch noch innehält. Wie schnell doch alles andere unwichtig werden kann im Angesicht der niedrigsten Bedürfnisse des Überlebens. Ich kriege meinen nächsten Bissen Brot, doch dann greifen unnachgiebig Lenwes Finger nach meinem Kiefer. Hastiges Schlucken, ich versuche halbherzig mich zu entwinden, doch er fasst lediglich fester zu und zwingt mich dazu ihm in die Augen zu blicken. Er wirkt zufrieden mit dem was er sieht. Dann muss er meine Furcht entdeckt haben, die ich so sehr verbergen will.

„Du weißt genau was das heißt, nicht wahr Evoe?"

Das ich mich bereits nach dieser lächerlich kurzen Zeit in der Vergangenheit verliere, die überwunden geglaubt hatte? Mich ihm unterwerfe ohne etwas dagegen tun zu können? Ich antworte nicht, schließe stattdessen meine Augen. Die einzige Verteidigung die ich jetzt noch habe. Der Griff seiner Finger wird grausam hart. Unnachgiebig zwingt Lenwe meinen Kopf zurück, bis ich kaum noch atmen kann. Ich will um mich schlagen, aber ich bin wie gelähmt.

„Nicht wahr?" wiederholt er drohend, nah an meinem Ohr. Ich stöhne wortlos und versuche mit wenig Erfolg nach Luft zu schnappen.

„Wenn du es sagst höre ich auf zu fragen", schmeichelt Lenwes Stimme. „Es ist ganz einfach", verspricht er und verstärkt gleichzeitig den Druck nach hinten, so dass meine Nackenwirbel warnend knirschen. „Nur ein paar Worte, dann ist es vorbei."

Verlockende Versprechen die er mir da anbietet. In mir kämpfen Hunger und Angst einen zunehmend verworrenen Kampf. Ein weiteres, seltsam abgehacktes Stöhnen quetscht sich zwischen meinen zusammengebissenen Zähnen hindurch.

„Du darfst trinken soviel du möchtest wenn du es jetzt sagst. Was bedeutet es Evoe? Es ist gar nicht schwer. Du weißt genau was es heißt, nicht wahr?"

Der sanfte, vertrauliche Ton den Lenwe benutzt, steht so sehr im Gegensatz zu den Schmerzen die er mir gleichzeitig zufügt, dass ich dies beides kaum in Verbindung bringen kann. Die Bedürfnisse meines Körpers und meine Erschöpfung haben mich in diese Lage gebracht. Ich versuche mich davon zu überzeugen, dass, was immer ich auch sagen mag, nicht wahrer wird nur weil ich es laut ausspreche. Durst! Schreit gleichzeitig ein anderer, grundlegenderer Teil meines Gehirns. Ein Teil dem ich schließlich nachgebe, weil er mir die Ausweglosigkeit meiner Lage vor Augen führt. Solange ich überleben will, wird Lenwe immer etwas haben, das ihm Macht über mich gibt.

„Ja!" knirsche ich mühsam hervor. „Ja ich weiß es verdammt."

Endlich entlässt mich der blonde Magier aus seinem Zangengriff und richtet sich wieder auf.

„Kein Fluchen", belehrt er mich streng. „Und zeige gefälligst Respekt."

Die folgende Ohrfeige hinterlässt ein Prickeln und einen handförmigen Fleck unangenehmer Hitze auf meiner rechten Wange.

„Es tut mir leid, Herr", murmle ich sofort pflichtschuldig. Meine vorherige, erzwungene Anerkennung der hässlichen Realität hallt derweil unheilvoll in meinen Ohren nach.

„Und was bedeutet es?" hakt Lenwe hartnäckig nach.

Ich bin ein Sklave. Oder ich werde es wieder sein, aber wo ist da noch ein Unterschied?

„Ich verliere die Kontrolle Herr."

Es kommt der Wahrheit, die ich noch nicht aussprechen kann, nah genug um keine Lüge zu sein. So entsetzt ich davon sein mag, in diesem Moment bricht etwas in mir und ich zweifle nicht mehr an dem letztendlichen Resultat von Lenwes Bemühungen. Selbst wenn ich jetzt noch Widerstand leiste, irgendwann werde ich zwangsläufig nachgeben. Sei es morgen oder in zehn Jahren, am Ende werde ich ihm gehören. Der Prozess hat bereits begonnen. Tiefdunkle Hoffnungslosigkeit überschwemmt mich.

„Genau", lobt Lenwe mich wie einen eifrigen Schüler. „Aber da du ohnehin nicht viel damit anfangen konntest als du sie noch hattest, stellt das wohl keinen großen Verlust dar, meinst du nicht auch?"

„Ja, Herr", murmle ich dumpf, zu überkommen von plötzlicher Depression um auch nur in Gedanken gegen seine Behauptung aufzubegehren. An dem Wasser, das ich danach bekomme, kann ich mich kaum noch erfreuen. Ich hatte mich für stärker gehalten.