A/N: Tada, pünktlich ein neues Kapitel :) Diesmal gibt's im zweiten Teil auch einen „Neuankömmling". Hach ich freue mich den endlich präsentieren zu können! Darauf warte ich jetzt seit Wochen. Und da ich morgen sehr früh raus muss, diesmal heute schon das Update.
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Aus dem Loch hinter meinem Rücken
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Die nächsten elf Tage verbringe ich zum größten Teil an die Wand gekettet in der Küche. Eine gewisse eintönige Routine stellt sich ein, nachdem Lenwe mich schließlich doch noch größtenteils geheilt hat. Jeden Morgen kommt Wern um mich zu wecken und mich dann für eine kurze aber gründliche Säuberung an den Brunnen zu bringen. Zu Anfang hat er noch jedes Mal einen Zettel mit Anweisungen dabei, aber bereits nach kurzer Zeit habe ich die einfachen Abläufe so sehr verinnerlicht, dass ich auch selbst weiß was zu tun ist. Die Zubereitung und das folgende Servieren, der drei täglichen Mahlzeiten ist die einzige Gelegenheit die ich bekomme um meine steifen Muskeln zu strecken. Den Rest des Tages verbringe ich an der kaum zwei Schritt langen Kette, die mich dazu verdammt auf dem kalten Fliesenboden an der Wand zu hocken und mir die Zeit mit dunklen Gedanken zu vertreiben. Und diese Gedanken werden dunkler, je länger ich zu dieser eintönigen Existenz gezwungen werde. Die Leere allein wäre genug um mich immer unruhiger werden zu lassen, aber ich bin es auch nicht gewohnt nichts zu tun zu haben und so lange alleine zu sein. Lenwe hat mir noch immer keine Kleidung gegeben und auch wenn ich mich langsam grundsätzlich an diesen Zustand gewöhne, ist mir doch die meiste Zeit so kalt, dass ich bald anfange zu wünschen er würde mir wenigstens eine Decke zugestehen.
An manchen Tagen scheint die Zeit überhaupt nicht vergehen zu wollen. Ich verbringe viele endlose und nutzlose Minuten damit mich in mein altes Leben zurück zu sehnen. Der hartnäckige Schmerz in meiner Brust, der einsetzte nachdem Elarn verschwand, ist nur noch stärker, wenn ich an Ethin denke der mich nun auch für immer verlassen hat. Ich fühle mich so einsam wie selten in meinem Leben. Matt, elend und hilflos hocke ich da und starre meist nur blicklos vor mich hin. Ziemlich erbärmlich, ich weiß, aber ich schaffe es einfach nicht mich aus dieser Gemütslage herauszuwinden.
Lenwe ist konsequent dazu übergegangen gar nicht mehr mit mir zu reden und mich kaum noch zu beachten, außer wenn er mir nach einer kühlen Erlaubnis mich zu nähren, meine knapp bemessenen Mahlzeiten zukommen lässt. Stattdessen schickt er Wern, der aber ebenfalls nach wie vor kein Wort mit mir redet, auch wenn ich ab und zu ein wenig Mitleid über sein Gesicht flackern sehe, wenn er glaubt ich würde es nicht bemerken. Die Tatsache, dass die Leere mich immer nachdrücklicher daran erinnert, wie angenehm es wäre ihn zu berühren, meine Finger tief in diesen goldenen Locken zu vergraben und ihn an mich zu ziehen, macht sein tägliches Auftauchen mehr und mehr zur puren Folter, bis ich nicht mehr entscheiden kann was nun schlimmer wäre; ihn so verlockend vor mir zu haben, aber nichts tun zu können oder gar keine Begegnung mit ihm.
Am zwölften Tag dieser Küchenexistenz kann ich mich nur noch knapp davon abhalten den Jungen zu packen und einfach gegen die nächste Wand zu pressen um über ihn herzufallen. Das letzte Mal ist so lange her und sein Geruch nach warmer, samtiger Haut und Honigseife steigt mir verlockend in die Nase, als er sich über mich beugt um die Kette, die an meinem Halsband befestigt ist, von ihrer Verankerung in der Wand zu lösen. Zähneknirschend grabe ich die Fingernägel tief in meine Handflächen, damit ich nicht unverhofft die Beherrschung verliere.
Es ist so weit, denke ich resigniert während ich später im Hof unter dem Schwall eiskalten Wassers erschauere, den Wern hilfsbereit aus einem Eimer über mich ausleert. Da Lenwe keine Anstalten macht mich bald in sein Bett zu holen, muss ich wohl oder übel versuchen ihn zu verführen. Sein geradezu demonstratives Desinteresse, gepaart mit meinem eigenen Widerwillen macht dieses Unternehmen allerdings mehr als kompliziert. Aber Lenwe denkt ja ohnehin ich wäre eine Art wahllose Schlampe. Vielleicht ist das sogar der Grund für sein Verhalten. Er will einfach nur abwarten, wie lange es dauert bis ich reuevoll angekrochen komme und ihn um Aufmerksamkeit anbettle. Niemals habe ich Ethins alten Herrn mehr verflucht als jetzt. Wenn er damals nicht diese perfide Strafe angeordnet hätte, dann wäre mir heute einiges erspart geblieben. Wenn dieser Fluch nicht auf mir lasten würde, wäre es mir am liebsten weder Lenwe noch dem an sich weniger gefährlichen Wern auch nur im entferntesten nahe zu kommen, aber da ich Wern wohl kaum haben kann ohne ernsthafte Konsequenzen zu fürchten und ihn selbst dabei ebenfalls in Schwierigkeiten zu bringen, bleibt mir nur Lenwe.
Während ich abwesend Brot für das Frühstück schneide, denke ich angestrengt darüber nach, wie ich Lenwe am besten davon überzeugen kann, das zu tun was ich will, ohne ihn dabei merken zu lassen wie groß mein Bedürfnis wirklich ist. Da ich nicht weiß, was er als nächstes vorhat, bleibt mir leider nichts anderes übrig als eine sehr generelle Strategie der Verführung umzusetzen. Ich verfluche mich selbst dafür, dass ich nicht früher damit angefangen habe dieses Ziel zu verfolgen. Natürlich habe ich bereits daran gedacht. In den langen Stunden die ich alleine verbracht habe, war ja viel Zeit dazu. Aber bisher war mein innerer Widerstand immer noch zu groß. Ich konnte meinen Stolz nicht überwinden und mich anbiedern. Wenn die Umstände nicht so erdrückend wären, könnte ich auch jetzt durchaus noch zehn Jahre in dieser Küche verbringen und mich ihm verweigern, solange er mich nicht zwingt. Der einzige Kontaktpunkt den ich ausnutzen kann ist die tägliche Fütterung. Die Aussicht darauf lässt mich immer noch mit spontanem Widerwillen reagieren, auch wenn ich wegen Lenwes Sparsamkeit bei der Ausgabe meiner Nahrung fast ständig hungrig bin.
Meine Unruhe wächst zusehends während ich Lenwe und Wern beim essen zusehe. Beinahe wünsche ich mir er möge mir meine Mahlzeit heute unerwartet vorenthalten. Dazu gibt es jedoch keinen Grund, denn mittlerweile sind auch meine Kochkünste auf einem Stand der zumindest ein einigermaßen adäquates Frühstück erlaubt. Es gibt keinen Anlass mich zu bestrafen. Mit einem unguten Gefühl im Bauch zwinge ich mich, nach der üblichen unbewegten Aufforderung mich zu nähern, meinen Plan in die Tat umzusetzen.
Die Leere in mir bäumt sich verlangend auf, als ich meine lange nicht genutzten Fähigkeiten wieder hervor zwinge und bewusst verführerisch meine Lippen über Lenwes Finger streifen lasse. Dies alles wird begleitet von einem vorsichtig einladenden Blick aus halb geschlossenen Augen.
Neinneinein, schreit mein Instinkt auf, als er daraufhin seine Hand rückartig zurück zieht, stirnrunzelnd die Arme vor der Brust verschränkt und zutiefst misstrauisch auf mich herabblickt. Verdammt. Das war nun wirklich nicht der Effekt auf den ich gehofft hatte. Wahrscheinlich habe ich es übertrieben. Aber mit dem ständigen dunklen Drängen in meinem Geist ist es inzwischen schwer das richtige Maß zu halten bei dieser Taktik.
„Was soll das?" will Lenwe eisig von mir wissen.
„Herr?" mache ich einen verzweifelten Versuch Unwissenheit zu mimen, obwohl ich natürlich ganz genau weiß worum es geht. Oh Götter ich hoffe er steckt mich nicht wieder tagelang in den Schuppen! In diesem Zustand wäre das die Hölle für mich.
„Du weißt genau was ich meine Evoe!" zischt er auch als nächstes erbost. „Was erhoffst du dir von so einem Versuch?"
„Es tut mir leid Herr", weiche ich aus. „Ich wollte euch nicht verärgern."
„Was?" wiederholt er nur drängend mit zunehmender Ungeduld.
„Die Küche ist so langweilig, Herr", winde ich mich nutzlos und wenig überzeugend. Es ist zwar die Wahrheit, aber solange ich nicht grundheraus lügen kann, werde ich kaum überzeugende Ausreden für diese Situation finden. Irgendwie hatte ich gehofft er würde meinen Vorstoß anders aufnehmen.
„Haha."
Er lacht nicht einmal wirklich, spricht es nur mit beißendem Sarkasmus aus.
„Sei nicht lächerlich. Ich weiß ganz genau dass du mehr aushalten kannst als das. So weit bist du noch lange nicht."
Soulbreaker. Verflucht soll er sein, dafür, dass er mich so durchschaut! Am Halsband zieht er mich langsam näher zu sich heran, bis ich mich aus meiner knienden Position nicht mehr weiter aufrichten kann ohne dabei aufzustehen. So nah! Die Leere drückt von der einen Seite und er zieht von der anderen. Es nimmt meine ganze Beherrschung in Anspruch mich ihm jetzt nicht verlangend entgegen zu lehnen. Das wäre eine sehr dumme Idee in dieser Situation.
„Ich bin mir durchaus bewusst wie sehr du mich verabscheust", teilt er mir kühl mit. „Sag mir also, wieso du nach einer derart läppischen Zeit von kaum einem dutzend Tagen offensichtlich schon bereit bist, über diese durchaus verständlichen Hassgefühle einfach hinwegzusehen."
Es ist beinahe unabwendbar, dass er es früher oder später herausfinden wird, doch ich bringe es immer noch nicht über mich von dem Fluch zu erzählen, über den ich nun schon so lange Jahre meines Lebens schweige. Mein Hass ist einfach zu groß, als dass ich mich überwinden könnte.
„Ich mag die Küche nicht Herr", sage ich stur, weil er nun mal eine Antwort fordert, auch wenn es wahrscheinlich die falscheste Erwiderung ist, die ich in diesem Moment geben kann. Offenbar ist doch noch mehr Widerstand in mir als ich dachte. Zu meiner Überraschung übergeht er jedoch diese geradezu herausfordernde Äußerung.
„Warum solltest du wollen dass ich dich berühre", murmelt er mehr zu sich selbst und lässt den Worten Taten folgen. Unerwartet sanft streichen seine langen Finger über meine Stirn, in Richtung der empfindlichen Ohren. Es ist zu viel. Für einen Augenblick wird mir beinahe schwarz vor Augen. Ehe ich mich zurückhalten kann, habe ich der zwingenden Leere nachgegeben, die Augen geschlossen und mich ihm mit einem leisen verlangenden Stöhnen entgegen gelehnt.
Überrascht zuckt er zurück. Vielleicht erwartet er trotz allem einen Angriff. Aber in diesem Moment bin ich zu schockiert von diesem Verlust meiner Selbstkontrolle, um an so etwas auch nur zu denken. Ich schaffe es nicht einmal meine erschrockene Reaktion ganz zu verbergen und starre ihn nur wie versteinert aus großen Augen an.
„Also willst du mich tatsächlich verhöhnen?", kommt Lenwe daraufhin mit vor Zorn flacher Stimme zu der nächstliegenden Schlussfolgerung. Ich bin immer noch so erstarrt, dass ich zu keiner Antwort fähig bin. Erst als er mich wütend anknurrt, fange ich hektisch an mit dem Kopf zu schütteln, aber sobald ich den Mund aufmache um etwas zu sagen stößt er mich heftig zu Boden, nur um mich gleich darauf wieder hoch zu reißen.
Als er mich schmerzhaft an den Haaren durch die Küche zerrt und dabei zielstrebig auf die Tür zusteuert, wird mir erst klar was er jetzt vorhat.
„Nein! Wartet, Herr! Bitte!" rufe ich erschrocken, aber er zischt mich nur an, ich solle schweigen und zerrt mich unbarmherzig weiter in Richtung des Schuppens. Nein! schreit es in mir. Ich will nicht da hinein, wo ich ganz alleine sein werde mit der zügellosen dunklen Leere, die mich von innen auffrisst und nur ein großes schwarzes Loch hinterlässt! Spontane Panik übernimmt mein Denken und Handeln und ich beginne mich nun wirklich zu sträuben. Ich kann das nicht riskieren! Bisher war ich niemals so lange ohne den Kontakt, den ich so sehr brauche. Wenn er zu lange wartet, werde ich wahnsinnig werden dort drinnen. Lenwe quittiert meine Versuche mich körperlich zu widersetzen mit einem harten, effizienten Schlag in meinen Magen, der mich schwindeln und hilflos nach Luft schnappen lässt, bevor er mich ungerührt weiter hinter sich her schleift.
„Neeeiiiin!" heule ich auf, noch während er mich durch die Tür stößt und versuche kopflos sofort wieder hinaus zu stürmen. Der Versuch endet damit, dass ich wuchtig gegen die Tür pralle, die Lenwe im selben Moment heftig ins Schloss wirft. Noch bevor ich mich wieder aufgerappelt habe, kann ich seine Schritte hören, die sich schnell entfernen und dann das Geräusch der Turmtür, die er laut hinter sich zuschlägt.
***** Zur gleichen Zeit an einem anderen Ort - POV: ELARN*****
Ich lege zögerlich eine Hand auf den Türgriff. Noch immer bin ich mir nicht sicher ob es die richtige Entscheidung war hierher zurück zu kommen. Vielleicht will er mich gar nicht mehr sehen. Das würde mich nicht einmal überraschen, auch wenn es schmerzhaft wäre.
Dies auch nur vor mir selbst zuzugeben hat mich einiges gekostet. Wieder einmal ärgere ich mich über meine ungewohnte Schwäche, oder vielmehr über die trügerischen Emotionen, die sich so ungefragt in mir eingenistet haben. Alle hübschen und logischen Erklärungen die ich mir für diesen Augenblick zurechtgelegt habe hören sich auf einmal lächerlich und kraftlos an, als ich sie zum unzähligsten Mal in meinem Kopf rezitiere. Vielleicht hätte ich doch nicht auf Valaira hören und hierher zurückkehren sollen. Aber ewig verstecken kann ich mich auch nicht. Schon gar nicht vor mir selbst. Und wenn ich ehrlich bin, dann habe ich mich in den letzten Monaten immer stärker nach ihm gesehnt. Eine Tatsache die mich nach wie vor erstaunt und entsetzt, die ich aber kaum noch verleugnen kann. Ich kann es gar nicht glauben, aber ich bin so nervös wie schon lange nicht mehr.
Die Schutzschilde auf der Tür und um das gesamte Haus sind andere als früher, aber das ist nur logisch. Ich hätte sie ebenfalls geändert, auch wenn mir die Art wie sie geschichtet wurden bisher nie begegnet ist. Nun ja, es ist durchaus möglich das Evoe in den vergangenen Monaten etwas dazu gelernt hat. Trotzdem, irgendetwas stimmt nicht. Das vage Gefühl lässt meinen Nacken prickeln und macht mich vorsichtig. Meine Instinkte sind bisher eigentlich immer verlässlich gewesen.
Es dauert eine Weile bis ich tatsächlich die Tür öffnen kann ohne eines schnellen, schmerzhaften Todes zu sterben. Zum Glück haben wir damals ein eher abgelegenes Domizil ausgesucht. Ich hätte nur wenig Lust neugierigen Nachbarn zu erklären, weshalb ich gerade in mein eigenes Haus einbrechen muss.
Selbst noch als ich die Tür öffne und langsam eintrete bleibt alles still. Sehr still. Misstrauisch blicke ich mich um. Die Luft im Haus riecht dumpf und muffig mit einer alarmierenden Note, die ich erst nach einer Weile als den Gestank der Verwesung erkenne, weil ich nicht damit gerechnet hatte dieses Aroma hier anzutreffen. Es scheint aus Richtung des Kellers zu kommen. Mein ungutes Gefühl verstärkt sich. Noch immer ist alles still. Was ist hier passiert? Ich murmle ein paar Worte, die mir hoffentlich enthüllen werden, ob außer mir noch jemand anwesend ist. Das Ergebnis fällt aus wie befürchtet. Ich bin das einzige lebende Wesen in diesem Haus. Trotzdem durchsuche ich alle Räume bevor ich mich meinem eigentlichen Ziel zuwende: Dem magielosen Keller, aus dem der Leichengeruch kommt. Wenn ich mich schon in eine so verletzliche Position begeben muss, dann will ich sicher sein, dass sich niemand an mich heranschleichen kann.
Was ich im Haus vorfinde überrascht mich. Die meisten von Evoes Sachen sind noch da und nichts in den oberen Stockwerken deutet auf einem Kampf oder eine geplante Abwesenheit hin, auch wenn ich den Eindruck habe, dass alles etwas unordentlicher ist als sonst. Ich finde in einem Raum Blutflecken, aber die sind an dieser Stelle nichts Ungewöhnliches, auch wenn Ethin sonst schneller ist mit der Säuberung. Seinem Ordnungswahn hält normalerweise kein Schmutz auf Dauer Stand. Das Alter dieser Flecken muss allerdings schon mindestens eine Woche betragen, wahrscheinlich mehr.
Beunruhigter als ich zugeben möchte, starre ich einige Sekunden auf die halb offene Kellertür. Will ich tatsächlich wissen was sich dahinter verbirgt? Was wenn es Evoe ist, der dort unten liegt. Dieser Gedanke lässt mir augenblicklich den Mund trocken werden. Plötzliche Kälte kriecht meinen Rücken hinauf. Was wenn er gestorben ist, während ich mich mit meinen Selbstzweifeln und lächerlichen Ängsten vor der Wahrheit versteckt habe? Nein. Dazu habe ich ihm zu viel beigebracht, versuche ich mich zu beruhigen. Er ist zwar jung, aber er kann auf sich selbst aufpassen. Entschlossen steige ich die Treppe hinab um der Ungewissheit ein schnelles Ende zu bereiten.
Ich habe in meinem Leben schon unzählige Leichen gesehen, aber bisher hat mich dieser Anblick kaum je berührt. Als ich allerdings Ethin dort liegen sehe, wird mir für einen Moment der Hals eng. Erleichterung vermischt mit jäher Angst steigt in mir auf. Es ist zwar nicht Evoe der dort vor sich hin rottet, aber er hätte auch den Sklaven niemals so hier liegen lassen. Ich verstehe zwar das Band nicht immer, das diese beiden grundunterschiedlichen Persönlichkeiten zusammen hält, aber auf unergründlichen Wegen und gegen jede Wahrscheinlichkeit, haben sie mit den Jahren tatsächlich eine verdrehte Art der Zuneigung füreinander entwickelt. Hätte er es gekonnt, dann hätte Evoe diese Leiche angemessen bestattet. Dessen bin ich mir sicher. Was ist hier nur geschehen!?
Ich drehe mich auf dem Absatz um und haste die Treppe wieder hinauf. Irgendetwas muss es hier noch geben…
Krachend schlägt die Tür zu Evoes Raum gegen die Wand als ich sie in meiner Hast zu heftig aufstoße. Mein suchender Blick zuckt durch das Zimmer, bis er auf die Haarbürste fällt, die verloren neben einem Standspiegel auf einem kleinen Tischchen liegt. Das wird reichen. Ich zupfe ein langes, schwarzes Haar aus den weichen Borsten und ziehe eine kleine, hölzerne Tasse aus der magischen Reisetasche, die ich immer noch mit mir herum trage. Eine Flasche mit Wasser folgt aus derselben Tasche. Mit einem konzentrierten Stirnrunzeln gieße ich etwas davon in mein Gefäß, gebe das Haar hinzu und spreche die Worte zu dem Spruch des Sehens, der mir hoffentlich gleich ein Bild von dem verschwundenen Elfen zeigen wird. Ich warte angespannt.
Nichts als grauer Nebel. Er muss sich hinter einem Schild befinden. In Gefangenschaft. An die Alternative wage ich nicht zu denken. Mit einem lauten Fluch schleudere ich die Tasse an die Wand. Ein großer Wasserfleck breitet sich auf dem Mauerwerk aus. Wer kann es gewesen sein? Mit wem hat Evoe sich angelegt in meiner Abwesenheit? Oder vielleicht war das gar nicht nötig. Vielleicht sind sie zu ihm gekommen. Feinde haben wir definitiv genug. Ich hätte ihn nicht alleine zurücklassen sollen.
Einen Augenblick lang vernebeln mir Sorge und Panik fast das Denken, dann zwinge ich mich entschlossen wieder in eine angemessene Geisteslage zurück. Kopflos herumzurennen und die Beherrschung zu verlieren wird mir kaum weiterhelfen. Dass ich überhaupt so emotional reagiere ist ungewöhnlich. Dass ich gleichzeitig genau weiß weshalb dem so ist, macht die Sache auch nicht besser, aber letztendlich bin ich ja eigentlich hier her gekommen um mich eben diesen Umständen zu stellen. Ich schäme mich ein wenig angesichts der leisen Erleichterung, die sich einstellt, als mir klar wird, dass diese unangenehme Aussprache mit Evoe wohl noch eine Weile warten muss.
Ethin ist wahrscheinlich zurzeit der einzige Weg an weitere Informationen zu kommen. Es sieht so aus als müsste ich Valaira doch noch um einen weiteren Gefallen bitten. Nun ja, nachdem sie mich praktisch augenblicklich rausgeschmissen hat, als ich ihr schließlich beichtete weshalb ich sie tatsächlich aufgesucht hatte, sollte sie diesen Ansatz befürworten. Sie und meine erschreckend weichherzige Tochter sind es schließlich, die ständig hehre Reden schwingen und von der Kraft der Gefühle und der Vergebung predigen. Dieser Gedanke und der bestialische Gestank des verwesenden Körpers, lassen mich wenig später angewidert das Gesicht verziehen, als ich den verfärbten, aufgequollenen Leichnam aufhebe, um ihn die Treppe hinauf zu tragen. Eine Aufgabe die schwieriger ist als sie sich anhört. Wer hätte gedacht dass diese schmale Person so schwer und sperrig sein kann. Schließlich muss ich Ethins Überreste fluchend an den Füßen die Stufen hinaufziehen. Der widerlich süßliche Leichengeruch hat sich bereits jetzt in meinen Kleidern und den Haaren festgesetzt. Die ständig steigende Sorge um Evoe macht mich schon bald halb verrückt. So sehr, dass ich tatsächlich mit meiner übel riechenden Last mitten in Valairas Quartier teleportiere, nachdem ich schnell einige von Evoes persönlichen Dingen eingesteckt habe.
