A/N: Ja es ist sehr kurz, aber den Rest konnte ich nirgendwo so richtig teilen. Immerhin gibt es wohl einen kleinen Lichtblick für alle denen Ethin doch ans Herz gewachsen war.


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Keime

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***POV- ELARN***

Dass ich vielleicht ein wenig unüberlegt reagiert habe, als ich beschloss so einfach hier hereinzuplatzen, wird mir erst so richtig klar, als ich an dem langen, scharfen Schwert entlang blicke, das plötzlich an meinem Hals ruht. Nach dem ersten gefährlichen Augenblick entspannt die überraschte Eilistraee-Priesterin sich zum Glück wieder und steckt ihre Waffe weg. Mit einem erbosten Schnauben streicht sie lange silbrig-weiße Haare aus dem runden Engelsgesicht. Valaira ist beinahe einen ganzen Kopf größer als ich, schafft es aber trotzdem irgendwie gleichzeitig zart und zierlich zu wirken.

„Muss das sein, dass du hier so einfach aus heiterem Himmel auftauchst?" erkundigt die hoch gewachsene Priesterin sich ungehalten. „Das nächste Mal werde ich dich vielleicht aus Versehen wirklich noch umbringen."

„Bitte entschuldige", murmle ich zerstreut und zwinge mich dann reichlich spät wieder zur Konzentration. Auf einmal ist es mir peinlich so kopflos gehandelt zu haben. Einen Umstand den ich sofort hinter einem frechen Grinsen zu verstecken versuche.

„Du hattest versprochen mir zu helfen, falls ich es brauche", erinnere ich sie unverfroren. Natürlich war das wohl etwas anders gemeint, aber ich hoffe, dass sie meine Bitte trotzdem erfüllen wird. Mit Wiederauferstehungen kenne ich mich absolut nicht aus. Das gehört mehr in klerikale Gefilde.

„Ja und offensichtlich brauchst du es auch. Das sieht nicht so aus als wäre es gut gelaufen", kommentiert sie mit gerümpfter Nase und einem angewiderten Blick auf die unansehnliche, stinkende Leiche in meinen Armen. Mein Grinsen erstirbt augenblicklich und die Dringlichkeit der Lage schiebt sich wieder voll in den Vordergrund meines Bewusstseins.

„Nein", erwidere ich schwach und lasse Ethin zu Boden gleiten. „Es ist überhaupt nicht gelaufen. Das einzige was ich vorgefunden habe war eine Leiche in einem verlassenen Haus."

„Er hat sich doch nicht umgebracht!"

Wie bitte? Was ist denn das für eine idiotische Schlussfolgerung?

„Nein", erwidere ich gereizt und verdrehe dabei die Augen. „So dämlich ist er nun wirklich nicht. Ich meinte diese Leiche hier."

Unerklärlicherweise bringt meine unwirsche Antwort Valaira tatsächlich zum Lachen.

„Stimmt", befindet sie dann trocken. „Wenn er dich so lange ausgehalten hat wie du sagst, dann muss er wirklich etwas widerstandsfähiger sein."

Ich schenke ihr einen ungnädigen Blick und beschließe das Thema zu wechseln. Zeit zum Wesentlichen zu kommen.

„Das hier ist Ethin. Sein Sklave", sage ich und deute auf die sterblichen Überreste des blonden Elfens. „Du musst ihn zurückholen, damit ich ihn befragen kann."

„Sklave?"

Valairas frostiger Ton lässt mich innehalten. Jetzt habe ich mich eindeutig verplappert. Innerlich winde ich mich. Verdammt! Wäre da nicht dieses ständig wachsende Gefühl der Dringlichkeit hätte ich vielleicht vorher nachgedacht und nicht so gedankenlos meinen Mund geöffnet. Dieser emotionale Auffuhr macht mich wirklich unvorsichtig und dumm. Irgendwie muss ich wieder die Kontrolle über diese Situation erlangen.

„Das Einverständnis ist beiderseitig", versuche ich die Lage zu retten. „Eigentlich ist er mehr ein zweiter Liebhaber. …gewesen."

Das stimmt sogar beinahe. Irgendwie. Jedenfalls genug, dass Valaira mich nicht bei einer Lüge ertappen könnte.

„Ah?" macht Valaira allerdings gerade mit überdeutlichem Zweifel. Die vor der Brust verschränkten Arme bedeuten nichts Gutes für mich. Wie es scheint muss ich nun doch die emotionale Trumpfkarte ausspielen, auch wenn es das Letzte ist was ich gerade tun möchte, denn mein innerlicher Auffuhr ist leider alles andere als gespielt. Mich so zu entblößen widerstrebt mir noch immer zutiefst, auch wenn ich inzwischen ziemlich sicher bin, dass Valaira es nicht zu ihrem persönlichen Vorteil ausnutzen wird. Die Gewohnheiten eines langen Lebens voller Lügen, Paranoia und Intrigen sind nur sehr schwer abzulegen.

„Bitte?" frage ich und klinge dabei genauso kläglich wie ich mich gerade fühle. Am liebsten möchte ich weit wegrennen, leugnen mich jemals so erbärmlich verhalten zu haben und mir gründlich den Mund auswaschen. Evoe ist die einzige Person für die ich auch nur in Erwägung ziehen würde so etwas zu tun und ich bin mir nicht einmal sicher ob er es auch weiß. Schließlich habe ich bisher immer mein Möglichstes getan, um es sogar vor mir selbst zu verleugnen. Ich habe ihn eigenhändig zu dem gemacht was er heute ist. Jemand der ohne Skrupel hauptsächlich auf den eigenen Vorteil bedacht ist und sich nichts aus überflüssigen Anhänglichkeiten macht. Eigentlich sollte er mich verachten sobald er die Wahrheit erfährt. Wenn er es tut habe ich jedenfalls nur mir selbst zu danken. Wahrscheinlich sollte ich hoffen, dass ich kein so guter Lehrer war wie ich bisher dachte.

Valairas kirschenfarbene Augen werden tatsächlich ein wenig weicher nach meiner kleinen Vorführung. Sie kennt mich gut genug um zu wissen wie viel es mich kostet meine Verletzlichkeit so vor ihr preiszugeben. Trotzdem schäme ich mich Schwäche zu zeigen und schaue abrupt zu Seite. Genug öffentlich gelitten. Jetzt ist Schluss. Verbissen kämpfe ich mich wieder zurück zu meiner normalen, überheblichen Persönlichkeit.

„Also?" frage ich nun schon wieder herausfordernd. „Hilfst du mir oder muss ich mir Gold beschaffen und einen Geisterbeschwörer aufsuchen?"

„Was genau ist überhaupt passiert?" will die Priesterin erst einmal wissen. Natürlich. Sie ist zu klug um einfach so vertrauensvoll meiner Forderung nachzukommen. Mit einer gespielten Gleichgültigkeit, die mich einiges an Anstrengung kostet und wahrscheinlich sowieso an sie verschwendet ist, zucke ich die Schultern.

„Ich bin angekommen, eingebrochen, habe Blutflecken auf dem Fußboden und ein leeres Haus mit einer Leiche im Keller vorgefunden. Seine Sachen waren noch da und er war verschwunden. Vermutlich schon seit einigen Tagen und vermutlich auch nicht freiwillig. Da ich kaum annehme dass Evoe in nächster Zeit von allein wieder auftauchen wird, ist Ethin mein einziger Anhaltspunkt."

Ich vermeide es wohlweißlich Ethin wieder als Sklaven zu bezeichnen und muss mich in den nächsten paar Minuten wirklich dazu zwingen nicht unruhig an mir herum zu zupfen, während Valaira mich nachdenklich mustert. Sie ist eine der wenigen Personen die mich nur durch einen Blick nervös machen kann, denn trotz ihrer seltsamen Gesinnung ist sie auch eine der Wenigen denen ich auch ein Mindestmaß an Respekt und Ehrlichkeit entgegenbringe. Auch wenn sie meine Tochter hoffnungslos verzogen hat.

„Wir haben zwar genug Feinde, aber es gab keine konkreten Konflikte in letzter Zeit. Ich habe keine Ahnung wer ihn geholt haben könnte und allen einzeln nachzuspüren wird lange dauern. Was wenn ich es nicht schaffe ihn rechtzeitig zu finden? Es ist schon so lange her dass Evoe vielleicht nicht mehr viel Zeit bleibt", platzt es schließlich drängend aus mir heraus. Valaira seufzt leise, aber ich kann sehen, dass sie sich nun doch langsam überzeugen lässt.

„Wenn ich ihn zurückhole dann nur unter einer Bedingung."

„Ja?"

„Ihr werdet ihm die Freiheit geben, die jedem lebenden Wesen zusteht", verlangt sie mit Stahl in der Stimme.

„Natürlich", kann ich daraufhin ohne Zögern versichern. Das wird Ethin wahrscheinlich nicht im Geringsten zusagen, aber dieser Umstand kümmert mich gerade überhaupt nicht. Valaira schaut einen Moment überrascht, als hätte sie mehr Widerstand oder zumindest einige Ausflüchte von mir erwartet, wirkt dann jedoch plötzlich recht glücklich. Wahrscheinlich nimmt sie meine schnelle Zustimmung als Zeichen eines Kerns der guten Gesinnung in meiner schwarzen Seele. Damit liegt sie zwar ziemlich daneben, aber wenn es sie glücklich macht, werde ich sie kaum eines Besseren belehren. Sie war schon immer geneigt mich für besser zu halten als ich eigentlich bin. Das ich Evoe nun doch so dringend wiederhaben will, nachdem ich ihn erst monatelang habe sitzen lassen, ist im Grunde purer Egoismus von mir, denn wahrscheinlich hätte er es ohne mich leichter. Und ich will ihn wirklich dringend wiederhaben, das zeigt mir nicht nur meine immer noch stetig wachsende Sorge, die sich wie ein hartnäckiges, kleines Nagetier an meiner Beherrschung zu schaffen macht. Diese Sorge ist noch frisch genug, dass sie sich bisher nicht in Wut verwandelt hat.

„Und du schuldest mir etwas."

Valaira lächelt während sie das sagt, aber ich weiß genau, dass sie sich an solche Versprechen erinnern wird. Auch von den gutherzigen Gläubigen der Eilistraee kann ich einen solchen Dienst nicht ohne Gegenleistung verlangen. Natürlich passt es mir nicht meine Zusage für etwas zu geben, von dem ich noch gar nicht weiß was es ist, aber eine Wahl habe ich im Moment auch nicht. Geisterbeschwörer sind teuer und es wird mich viel zu viel wertvolle Zeit kosten einen zu finden der tut was ich will ohne dumme Fragen zu stellen. Ich hoffe es wird nichts allzu Schlimmes, was immer ihr auch in den Sinn kommt. Ich nicke stumm.

„Gut, dann sollten wir uns beeilen", sagt die Priesterin nun auf einmal geschäftsmäßig. Da kann ich ihr nur zustimmen. „Wenn wir Pech haben ist seine Seele bereits zerstört und es gibt nichts mehr zurückzuholen."

Daran hatte ich noch nicht gedacht. Unbehaglich überlege ich ob ich Ethin jemals zu einer der vielen Gottheiten habe beten sehen, die den Bewohnern dieser Welt zur Verfügung stehen. Falls keiner dieser Götter Interesse daran hatte seine Seele zu bewahren steht ihm nur das ewige Vergessen und die Auflösung im Nichts bevor. Alarmiert starre ich in die fast bis zur Unkenntlichkeit verfärbten und verquollenen Züge des ehemals so bekannten Gesichts als könnte ich jetzt noch Anhaltspunkte dort finden. Da bleibt mir wohl nur die Hoffnung.

Jetzt wo sie sich tatsächlich bereit erklärt hat mir zu helfen, wird Valaira endlich etwas zielstrebiger und packt bewundernswerter weise sogar mit an als wir den schweren, aufgeblähten Körper aus ihrem kleinen Holzhaus tragen. Schnell haben wir einen Schwarm von Neugierigen angezogen. Zum Glück ist der Weg zu der kleinen Kapelle, die sie in diesem Außenposten unterhalten, nicht sehr weit. Sie befindet sich in dem einzigen Steinhaus dieser Siedlung und schafft es bei Versammlungen nur knapp alle der hier lebenden zu fassen. Als wir Ethins sterbliche Überreste schließlich vor der hüfthohen Statue einer nackten, tanzenden Drowfrau ablegen, die die Göttin Eilistraee symbolisieren soll, wird es bereits langsam voll in dem sonst äußerst schlicht gehaltenen Raum. Neuigkeiten verbreiten sich sehr schnell in dieser kleinen Gemeinschaft.

Ein aufgeregtes Raunen geht durch die Gruppe als Valaira unser Vorhaben ankündigt. Halb erwarte ich Proteste, aber zu meinem Erstaunen scheinen sie alle begeistert davon einen solchen Versuch zu machen. Nun ja hier gibt es auch sonst wenig Spektakuläres zu tun. Eine Chance sich vor den Bewohnern anderer Tempel zu beweisen ist wahrscheinlich eine interessante Abwechslung im Tagesgeschehen. Vage amüsiert grinse ich vor mich hin, während sie alle sehr diskret und zurückhaltend versuchen Erste zu werden bei dem kleinen Wettrennen um die Teilnahme an dieser Aktion. Also stehen auch diese angeblich selbstlosen Priesterinnen nicht über einem kleinen Anflug von einfachem Ehrgeiz. In Lolths Domäne würde zu einem solchen Anlass höchstwahrscheinlich Blut fließen. Wieder einmal bin ich froh meine Heimat weit hinter mir gelassen zu haben.

Schon bald haben sie sich organisiert und ich werde schließlich recht schnell aus dem Gebäude beordert, mit dem guten Rat mich auf eine längere Wartezeit einzustellen. Das ist mir auch recht. Viel Lust ihnen allen beim singen und tanzen zuzusehen habe ich ohnehin nicht. Solange das Ergebnis meinen Vorstellungen entspricht muss ich mir diese Vorführung nicht antun. Leider heißt das aber auch, dass ich nun viel Zeit habe unruhig auf und ab zu laufen und mir alle möglichen Szenarien auszumalen. Anfangs versuche ich noch mich wenigstens mit generellen Vorbereitungen auf einen Befreiungsversuch abzulenken, aber ohne Wissen über den Feind gehen mir dabei schnell die Ideen aus. Die meisten Dinge die ich brauchen könnte, trage ich sowieso bereits gewohnheitsmäßig mit mir herum.