A/N: Etwas kurz, aber das hier war eigentlich das Weihnachtsextra


***ELARN***

Nachdem ein halber Tag vergangen ist, bleibt mir nichts anderes mehr zu tun, als ruhelos um die Kapelle herum zu streichen. Hier findet mich dann auch meine Tochter.

„Vater!"

Oho, so besorgt wie sie schaut weiß sie bereits was geschehen ist. Eigentlich sollte sie doch mit ihrer Gruppe noch irgendwo draußen im Wald unterwegs sein um den hier recht spärlich gesäten Monstern nachzujagen. Tatsächlich trägt sie auch immer noch schmutzige Reisekleidung.

„Tashja", antworte ich vorsichtig. Ich kann mir schon denken was sie jetzt will. Eigentlich habe ich in den letzten Monaten trotz allem eine gewisse Sympathie für sie entwickelt, aber ihre Tendenz sich in meine Angelegenheiten einzumischen missfällt mir doch stark. Und Valaira ermutigt sie auch noch darin. Dabei habe ich wirklich genug davon Frauen mein Leben bestimmen zu lassen. Immerhin ist sie intelligent, hübsch und hat zum Glück nichts von dem jähzornigen Charakter ihrer Mutter geerbt. Ich sollte mich wahrscheinlich glücklich schätzen, dass ihr aus unerfindlichen Gründen tatsächlich an meinem Wohlergehen gelegen ist.

„Ich bin gerade erst zurückgekommen", eröffnet sie mir überflüssigerweise und ich ziehe nur belustigt eine Augenbraue hoch, was sie aber nicht im Mindesten aus dem Takt bringt. In dieser Hinsicht ist sie mir leider sehr ähnlich.

„Ist das Evoe in der Kapelle?" fragt sie besorgt und mustert mich, als erwarte sie jeden Moment einen Nervenzusammenbruch.

„Nein", erwidere ich kurz und ärgere mich darüber, dass Valaira ihr offensichtlich so viel erzählt hat. „Du hast ihn doch schon gesehen und müsstest daher wissen dass er nicht blond ist", fahre ich schnippisch fort. „Oder reicht dein Gedächtnis nicht so weit zurück?"

„Ich habe ihn gesehen?" fragt sie verblüfft zurück. Nun gut. Vielleicht war Valaira doch nicht so geschwätzig wie ich dachte. Wahrscheinlich hofft sie, dass wir selbst darüber reden. Auf ihre Einmischungen kann ich wirklich verzichten. Aber jetzt wo mir schon so viel herausgerutscht ist, kann ich es wohl nicht mehr vermeiden auch mit dem Rest herauszurücken. Ich füge mich also in mein Schicksal und erzähle weiter.

„Wenn man es genau nimmt hast du ihn sogar gesehen noch kurz bevor wir beide uns zum ersten Mal trafen."

Interessiert betrachte ich wie sich langsam die Erkenntnis einstellt und Tashja offenbar erfolglos versucht sich den verängstigten Sklaven, den sie damals in meinen Räumen angetroffen hatte als meinen Liebhaber vorzustellen. Unser erstes Zusammentreffen ist nicht gerade herzlich verlaufen.

„Das war Evoe?!" will sie entsetzt wissen und bringt mich nun doch zum Grinsen. Ihr durch und durch verständnisloser Blick ist sogar noch besser als ich gehofft hatte.

„Ja, das war er", erwidere ich heiter. Ich sollte sie öfter so schockieren.

„Er sah aber nicht so aus als wäre er freiwillig bei dir", sagt meine Tochter stirnrunzelnd. Damit hat sie auch völlig Recht.

„Damals nicht", gebe ich mit einem gleichmütigen Schulterzucken zu. „Heute hätte ich allerdings einige Schwierigkeiten ihn zum bleiben zu zwingen wenn er nicht wollte. Als Magier ist er auf dem besten Wege mir ebenbürtig zu werden."

„Und er ist nicht mehr dein Sklave?" fragt sie mit einem halb angstvollen halb hoffnungsvollen Unterton in der Stimme. Meiner Antwort ist sie sich wohl auch jetzt noch nicht ganz sicher. Und das ist auch gut so, denn sonst würde ich ernsthaft an ihrer Intelligenz zweifeln.

„Nein ist er nicht", brumme ich, auf einmal wieder mürrisch. Wenn er das wäre, dann stünde ich wahrscheinlich jetzt nicht hier und würde so ungeduldig auf Ethins Wiederauferstehung warten. Es hat alles damit begonnen, dass ich Evoe möglichst fest an mich binden wollte, obwohl ich ihm verhältnismäßig viel Freiheit versprochen hatte. Eine Versicherung sozusagen, damit meine Arbeit, die ich in seine Ausbildung steckte, mir auch tatsächlich etwas einbringen würde. Was wäre in diesem Fall besser als ihn dazu zu bringen mich zu lieben? Loyalität die auf Zuneigung beruht erschien mir besser und verlässlicher als solche, die einem reinem Pflichtgefühl entspringt. Den Grundstein hatte ich ohnehin schon lange gelegt, so dass es nicht allzu schwer war auf diese Gefühle aufzubauen. Irgendwie hat sich diese Beziehung mit den Jahren allerdings langsam und beinahe unmerklich gewandelt. Und jetzt? Jetzt bin ich wohl in meine eigene Falle getappt. Und zu meinem Leidwesen kann ich nun nicht mehr einschätzen wie Evoes Gefühle wirklich liegen. Denn er ist schon lange zu schlau geworden, als dass er mir so tiefe Einblicke gewähren würde wie er das früher getan hat.

„Es liegt dir inzwischen sehr viel mehr an ihm."

Es ist eine unangenehm korrekte Feststellung die Tashja da gerade gemacht hat. Manchmal bedaure ich ihre Intelligenz auch. Wenigstens hat sie noch nicht angefangen über Liebe zu reden. Ich glaube, das könnte ich jetzt gerade wirklich nicht ertragen.

„Wie auch immer", gebe ich unwillig zurück und wende mich mit einem Schulterzucken ab, um meine unruhigen Runden um die Kapelle wieder aufzunehmen. Verleugnen kann ich es ja kaum, nachdem ich schon seinetwegen Versprechungen gemacht habe und gerade im Begriff bin mich aufzumachen, um ihn aus den Problemen zu holen in die er sich wahrscheinlich selbst gebracht hat. Objektiv betrachtet wäre es einfacher und vor allem ungefährlicher für mich gar nichts zu tun. Aber dieses Thema will ich nicht weiter diskutieren. Es reicht völlig wenn ich mich selbst damit befassen muss.

Entgegen meiner ohnehin nur schwachen Hoffnung folgt Tashja mir. Muss das sein?

„Du weißt, dass das nichts ist weshalb man sich schämen sollte", legt sie mir hilfreich nahe.

„Du hast keine Ahnung wovon du redest", antworte ich ungnädig und beschleunige meine Schritte. Und das stimmt. Im Gegensatz zu mir und sogar Valaira, von der ich weiß, dass sie auch einmal zu Lolths Kader gehört hat, selbst wenn sie das gerne vergessen will, ist Tashja geradezu beschämend naiv wenn es um solche Dinge geht. Sie hat nie die lauernden Blicke von Kollegen ertragen müssen, die nur darauf warten, dass man einen winzigen Fehltritt macht, um sich dann erbarmungslos auf einen zu stürzen. Sie hat nie erfahren müssen wie es ist wenn man nicht einmal über den eigenen Körper bestimmen kann.

„Dann sag du mir doch worum es geht!" fordert sie störrisch, was natürlich völlig ausgeschlossen ist. Valaira wird mich umbringen wenn ich die liebevoll gehegte Unschuld ihrer Ziehtochter auch nur im Entferntesten antaste.

„Hast du nichts Wichtigeres zu tun als mir auf die Nerven zu gehen?" frage ich sie böse.

„Nein, offenbar nicht", erwidert Tashja nur renitent und hält auch weiterhin mit mir schritt.

Glaubst du er wird mich abweisen wenn ich ihn das nächste Mal sehe? Die Frage liegt mir auf der Zunge, sie beschäftigt mich fast ständig seitdem ich beschlossen habe tatsächlich zurück zu gehen, aber ich würde eher sterben, ehe ich sie jemandem wie Tashja stelle, die auf solche Fragen sowieso nur eine einzige Antwort zu kennen scheint. Mürrisch setze ich zur nächsten Runde um die Kapelle an.

Und wenn er mich wirklich abweist? Was werde ich dann bloß tun? Unfreiwillig muss ich schlucken, bei dem Gefühl der Verlorenheit, das mit dieser Vorstellung in mir aufsteigt. Gleichzeitig fühle ich mich schuldig, weil ich derjenige war, der zuerst so feige geflohen ist. Eine sehr ungewohnte Emotion für mich und eine auf die ich nur allzu gerne verzichten würde. Wieso habe ich es nur so weit kommen lassen? Hätte ich ihn damals nicht wieder zu mir geholt, hätte ich zumindest besser aufgepasst, dann würde ich heute nicht in dieser Lage sein.

Aber ich hätte damit auch vieles aufgegeben. So vieles, das ich als selbstverständlich hinnahm, bis ich es hinter mir lies um dann erst zu merken, wie viel es mir tatsächlich bedeutet hatte. Ich erinnere mich an Evoe, wie er mit konzentrierter Miene über einen Text gebeugt sitzt und sich ab und zu abwesend die langen, schwarzen Haare aus dem Blickfeld streicht. Manchmal konnte ich es mir dann einfach nicht verkneifen ihn etwas abzulenken, meine Hände in genau diesen Haaren zu vergraben und sie durch meine Finger gleiten zu lassen, bis er es schließlich aufgab weiter zu arbeiten, um sich mit einem dieser kleinen ergebenen Seufzer zurück zu lehnen und den Kopf gegen meine Brust fallen zu lassen. Und dann…

„Es ist so weit!" bricht plötzlich eine raue Stimme in meine Tagträume ein und ich verkneife mir hastig das kleine, nostalgische Lächeln, das gerade auf dem Weg zu meinen Lippen war. Die Stimme gehört zu einer der Priesterschülerinnen. Eine kurzhaarige, gertenschlanke Gestalt deren Namen ich schon lange vergessen habe. Sie haben alle das gleiche idealistische Leuchten in den Augen, das mich jedes Mal schaudern lässt wenn ich es sehe.

„Kommt schnell herein, gleich muss es vollbracht sein."

Dann ist sie mit ein paar schnellen, hüpfenden Schritten auch schon wieder verschwunden um auch ja nichts von diesem spannenden Ereignis zu verpassen. Ich folge ihr auf dem Fuße und drängle mich schließlich hastig zwischen die versammelten Frauen.


***EVOE/LENWE***

Am nächsten Morgen öffne ich meine Augen endlich einmal nicht zum Anblick der Küche. An dem darf sich heute Wern erfreuen, der mir dafür einen absolut tödlichen Blick zugeworfen hat. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob ich nicht die Pfannen und Teller Lenwe vorziehe, der gerade nur von einem dünnen Laken bedeckt neben mir liegt. Wachsam wie immer ist der blonde Elf bereits ebenfalls wach und betrachtet mich nachdenklich.

„Wie es aussieht bist du tatsächlich ziemlich gut mit der richtigen Motivation", bemerkt er faul und streckt sich ausgiebig

„Natürlich bin ich gut", antworte ich mit kalkulierter Arroganz. Schließlich habe ich gestern hart gearbeitet um ihn davon zu überzeugen. Lenwe grinst nur und rollt sich über mich. Schlanke Finger gleiten meinen Nacken hinauf zu meinem Ohr, während seine Lippen über meine Wange streifen und ein langes Bein sich zwischen meine drängt.

„Dann sorg dafür, dass das auch so bleibt", schnurrt er mir samtweich zu. Ich unterdrücke den starken Wunsch nach ihm zu schlagen, lehne mich stattdessen in seine Berührung hinein und murmle nur sanft lächelnd: „Sicher Herr."

Die Gelegenheit zur Rache wird kommen. Irgendwann. Bis dahin begrabe ich meinen Hass unter einladendem Lächeln und bereitwilligen Seufzern. Soll Lenwe doch denken er hätte mich gezähmt.

Wenn Wern etwas besser kann als ich, dann ist es Kochen. Seine kulinarischen Bemühungen übertreffen die meinen bei weitem, wie ich wenig später feststelle. Ausnahmsweise bekomme ich auch einmal meinen eigenen Teller ausgehändigt, was meine Laune beträchtlich hebt. Es gibt frisches, duftendes Brot das sich angenehm warm in meine Hand schmiegt, Früchte und einen weichen, weißen Käse von dem ich gar nicht wusste, dass er sich überhaupt im Haus befindet. Die bösen Blicke, die Wern mir immer noch fortwährend zuwirft, ignoriere ich gekonnt. Ginge es nach mir, dann könnte er gerne jede Nacht in Lenwes Bett verbringen wenn er so erpicht darauf ist. Ob ich das irgendwie in die Wege leiten könnte? Es wird leicht genug sein Wern in die Defensive zu drängen solange er weiterhin Angst vor mir hat. Das letzte Mal hat Lenwe sich auch erstaunlich fürsorglich um ihn gekümmert. Ich frage mich wie weit Lenwes neugefundene Nachsicht mir gegenüber reichen mag, entscheide aber dies erst zu testen wenn ich auch tatsächlich aufgegessen habe. Von dem ständigen Hunger der letzten Wochen habe ich wahrhaftig genug!