A/N: So heute mal wieder ein pünktliches Update :) Wenn mein kleiner Inspirationsanfall anhält, dann gibt es evtl auch bald ein neues Kapitel für „Das Leben ist voller Überraschungen".



***ETHIN / ELARN***

Jetzt erst, nach seiner letzten Äußerung, verstehe ich wirklich wie weitreichend Ethins Pläne tatsächlich sind. Er wird Evoe ebenso wenig aufgeben wie ich, hat offenbar nichts von seiner psychopathischen Fixiertheit verloren. Ich bin hin und her gerissen. Einerseits möchte ich vor Scham im Boden versinken, weil er mich so einfach durchschaut hat, andererseits möchte ich ihn auf der Stelle umbringen, weil er zu viel weiß. Vielleicht auch einfach aus purer Eifersucht. Ganz sicher bin ich mir da nicht. Da ich keins dieser Dinge gerade tun kann, muss ich mich wohl mit Ablenkung begnügen. Zumindest war das mein ursprünglicher, durchaus rationaler Gedanke. Bevor ich den allerdings zuende geführt habe klatscht bereits meine flache Hand heftig auf Ethins Wange.

Ein kurzer, ziemlich ungleicher Kampf folgt, an dessen Ende ich zwar vier breite Kratzer auf der linken Wange habe, aber dafür Ethin mit einem Zauberstab an der Kehle unter mir festnagle. Das dunkle Holz des Stabes gräbt sich tief in die weiche Haut seines Halses. Ich hoffe das tut möglichst weh. Am liebsten würde ich ihn gerade mit dem stumpfen Ende des Stabes aufspießen. Und zwar ganz langsam! Frustrierenderweise scheint er sich dennoch prächtig zu amüsieren und grinst mich frech an. Das unmissverständliche Anzeichen seiner Erregung drückt mir dabei an die Hüfte.

„Du wirst einfach lernen müssen auch mit Gleichberechtigten zu teilen", eröffnet der unmögliche Elf mir gelassen, auch wenn seine Stimme etwas gequetscht klingt wegen des Drucks den ich gerade auf seinen Hals ausübe. Ich möchte ihn auf der Stelle erwürgen. Gleichberechtigt! Von wegen! Das hätte er wohl gerne.

„Was bringt dich zu diesem Schluss?" will ich mit trockenem Mund wissen. Als Verneinung ist das erbärmlich, aber ich schätze an diesem Punkt sind wir ohnehin schon lange vorbei.

„Du brauchst mich", grinst Ethin weiter und hat sich dabei auch schon mit erstaunlicher Geschicklichkeit unter mir herausgewunden. Ich erhebe mich mit ihm, unwillig vom Boden aus zu ihm aufzuschauen.

„Jetzt", schränke ich kalt ein.

„Jetzt reicht mir völlig", teilt Ethin mir ungerührt mit und zupft schnell den Zauberstab aus meinen Fingern, bevor er mich rückwärts an die Wand drängt. Ich lasse ihn, denn leider hat er immer noch Recht. Ich brauche ihn und kann es mir gerade nicht wirklich leisten die Information einfach aus ihm herauszuzwingen. Nicht solange Valaira noch ihre schützende Hand über ihn hält. Hier inmitten der Siedlung genügt es wahrscheinlich wenn er einmal zu laut aufschreit um sofort die ganze großherzige Meute auf den Plan zu rufen und falls ich ihn entführe kann ich mir auch nicht sicher sein, dass Valaira uns nicht finden würde bevor ich habe was ich will. Ethin kann ziemlich widerspenstig sein, wenn er sich einmal dazu entschlossen hat.

„Aber du weißt wer ihn hat?" vergewissere ich mich sicherheitshalber, während geschäftige Hände sich bereits an meiner Hose zu schaffen machen. Was immer nötig ist, erinnere ich mich selbst und halte mühsam das zerstörerische Zucken meiner Finger im Zaum.

„Sicher", bestätigt Ethin abwesend, aber mit Überzeugung und schiebt den störenden Stoff ungeduldig mit einer Hand aus dem Weg, während er mit der anderen mein linkes Handgelenk packt.

„Und du wirst es mir sagen."

„Was glaubst du denn?", murmelt der blonde Elf abgelenkt und legt langsam und absichtsvoll mein Handgelenk an seine Lippen, bevor er genüsslich hart zubeißt und mich dabei gespannt beobachtet. Stechender Schmerz, gefolgt von einer weichen, warmen Zunge. Ich erschauere. Er weiß was er tut. Das muss ich zugeben, auch wenn ich mich normalerweise mit Händen und Füßen gegen diese Konstellation wehren würde. Selbst wenn Evoe darüber anders denkt, geht es gegen meine Prinzipien Ethin so nah an mich heran zu lassen. Dafür ist er mir zu unberechenbar. Andererseits ist es schon eine Weile her, dass ich in diesem Spiel den unterwürfigen Part gespielt habe. Was immer nötig ist, nicht wahr? Solange ich verdrängen kann zu wem der warme, harte Körper gehört dessen Gewicht gerade gar nicht sooo unangenehm an mir lehnt…

„Ich will Evoe auch wieder haben oder etwa nicht?" unterbricht Ethin meine halbherzigen Bemühungen mich mit dem Gedanken an ihn als dominanten Partner anzufreunden. Inzwischen hat er ebenfalls seine Kleider abgestreift. Ich beschließe spontan, dass es am besten wäre mir etwas mehr Mühe zu geben und die Vergangenheit Vergangenheit sein zu lassen. Wenn ich an Ethin nicht mehr als Sklaven denke, der eigentlich weit unter mir steht, habe ich auch keinen Grund mich darüber aufzuregen, dass er mich gerade unsanft herumgezerrt und auf das schmale Bett geschubst hat.

„Ist wohl so", keuche ich, etwas kurzatmig von seinem Gewicht, das jetzt schwer auf meinem Rücken lastet und rege mich trotzdem auf. Nun ja, wenigstens ist der Schein gewahrt. Oder auch nicht, denn als Ethin damit beginnt hingebungsvoll und ziemlich nachdrücklich an meinem Ohr zu knabbern und mich ein weiteres Mal einer dieser unwillkommenen Schauer durchfährt, zische ich ihn böse an.

„Hör gefälligst auf damit."

„Was", kommt sofort die belustigte Nachfrage. „Angst davor dass es dir gefallen könnte? Ich bin mir sicher du hast schon früher mit Leuten geschlafen die du nicht ausstehen konntest. An deiner Stelle würde ich das Beste daraus machen."

„Hör auf meine Zeit zu verschwenden und komm endlich zur Sache", knurre ich böse zurück. Götter ich bin froh wenn ich das hier endlich hinter mir habe. Gleich darauf bedaure ich meine Äußerung, denn Ethin bohrt plötzlich hart und rücksichtslos einen seiner Finger in mich, was mir einen überraschten und ziemlich schmerzlichen Ausruf entlockt.

„So besser?" erkundigt er sich dann scheinheilig. Ich atme einmal tief durch um meine Beherrschung wieder zu erlangen. Wenigstens hat gerade einer von uns Spaß.

„Wieso überhaupt Sex?" will ich von ihm wissen. Hauptsächlich um mich selbst etwas abzulenken. „Ist das alles was dir einfällt? Du könntest so viele andere Dinge von mir verlangen. Sex ist vergleichsweise unwichtig."

„Wieso?" wiederholt Ethin, zeitweise abgelenkt von seinem gegenwärtigen Projekt, das darin besteht kleine, gleichmäßige Bisse an meinen Schulterblättern zu verteilen. „Na weil ich es kann. Ich hatte dich jahrzehntelang vor der Nase ohne jemals eine Gelegenheit wie diese zu bekommen. Du hast nie das geringste Interesse an mir gezeigt und jetzt kann mir das zum ersten Mal völlig egal sein, weil ich trotzdem bekommen werde was ich will."

Er vergräbt genüsslich die Finger seiner freien Hand in meinen Haaren, nur um dann meinen Kopf unsanft herum zu zerren. Mir wird auf einmal klar, dass ich nie ganz gewürdigt habe, wie viel Kraft er tatsächlich hat.

„Ich wollte dich immer schon mal unter mir haben", raunt der blonde Elf zufrieden an meiner Wange entlang. „Wieso sollte ich da nicht die Chance nutzen wenn sie sich endlich bietet?"

Nun ja. Gegen diese Logik kann ich nichts sagen. So ein impulsives Handeln ist typisch für Ethin. Daran hat sich scheinbar nichts geändert.

„Ja, wieso nicht", grolle ich ärgerlich und muss gleich darauf scharf die Luft einziehen, als er diesmal seine spitzen Zähne in meiner weichen, empfindlichen Seite versenkt. „Und was hält mich davon ab dich zu töten sobald ich habe was ich will?" kann ich nicht widerstehen ihn etwas zu reizen, auch wenn meine Stimme zwischendurch kurz unstet wackelt, da er dem ersten noch einen weiteren Biss hinzufügt. Wenn es nur nicht Ethin wäre, der gerade auf meinem Rücken hockt, dann könnte ich dieser Situation sogar durchaus einen gewissen Reiz abgewinnen.

„Du hast aber noch nicht was du willst", kontert der blonde Elf simpel und bringt mich dazu nutzlos die Fäuste zu ballen.

„Früher oder später musst du mir sowieso sagen wo er ist."

Das scheint Ethin nicht im Mindesten zu stören.

„Werde ich auch", behauptet er leichthin.

„Und danach?"

„Wirst du mich auch brauchen."

Da muss er sich aber wirklich sehr sicher sein.

„Tatsächlich."

Ich bin noch nicht ganz überzeugt. Über die meisten unserer Feinde weiß ich ziemlich gut bescheid.

„Erst einmal habe ich mehr als genug Zeit gehabt unseren Widersacher zu analysieren. Evoe und ich haben viel über ihn herausgefunden in den letzten Monaten. Er ist gefährlich. Diesen Vorsprung würdest du niemals absichtlich vergeuden wollen."

„Und wer ist es?" will ich wissen.

„Sshhh, genug geredet", ermahnt Ethin mich daraufhin nur lachend und schiebt mir schnell zwei Finger in den Mund, was mich tatsächlich ziemlich effektiv zum Schweigen bringt. Das hätte er früher auch niemals gewagt.

„Und außerdem", setzt Ethin dann hinterhältig hinzu, während ich daran gehindert bin etwas zu erwidern. „Wirst du mich sowieso nicht anrühren, wenn dir tatsächlich etwas an Evoe liegt, denn das würde er dir kaum jemals verzeihen."

Einen Moment bin ich versucht einfach den Kopf zu schütteln. Aber es kann durchaus sein, dass er recht hat. Ich werde Ethin tatsächlich nicht töten können, bis ich es genau weiß. Nehmen wir an er hat recht, dann würde Evoe mir diese Tat wahrscheinlich wirklich nicht verzeihen und ich bin mir ziemlich sicher er würde es irgendwann herausfinden, selbst wenn ich versuche es zu verheimlichen. Vielleicht nicht sofort, aber irgendwann. Der Zeitpunkt würde kaum einen Unterschied machen. Er kennt mich nach all den Jahren des engen Zusammenlebens doch zu gut.

Ich bin inzwischen so frustriert von der ganzen Situation, dass ich es einfach nicht lassen kann. Wenn Ethin mich tatsächlich unter sich haben will, wie er vorhin behauptete, dann muss er schon ein bisschen mehr Einsatz bringen. Mit einem verzerrten Grinsen beiße ich kräftig zu, bis ich Blut schmecke. Ich bin gespannt wie weit seine Beherrschung reicht.

Offenbar nicht so weit, dass er mich nicht als nächstes im Nacken packen, hochziehen und erstaunlich brutal gegen die Wand stoßen würde. Interessanterweise lacht er allerdings dabei. Es ist beinahe ansteckend und ich ertappe mich bei einem halben Grinsen. Reaktionen wie diese habe ich mir nie ganz abgewöhnen können, auch wenn es meine Schwestern meist in Rage versetzt hat und mir Prügel einbrachte.

„Ich habe mich schon gefragt, ob du irgendwann doch noch einmal anfangen würdest dich zu wehren", knurrt Ethin angestrengt, aber amüsiert und hält mich unbarmherzig fest, während ich gerade nichts erwidern kann, weil er derartig heftig vorgegangen ist, dass mir der Aufprall einfach die Luft aus der Lunge getrieben hat. Ich wünschte ich könnte sein Gesicht sehen. Das würde mir vielleicht etwas mehr darüber sagen, ob er nun verärgert oder tatsächlich erfreut ist über diese neue Wendung. Dafür, dass ich ihn theoretisch mit ein paar Worten und einem Zucken meiner Finger zu einem Häufchen Asche reduzieren könnte, fühle ich mich gerade erstaunlich hilflos. Das Gefühl spricht einen Teil von mir an, mit dem ich mich schon eine ganze Weile nicht mehr befasst habe. Vielleicht sollte ich einfach...

„Weißt du was", fährt der verdammte Elf hinter mir dann plötzlich fort und verdreht mir dabei ziemlich schmerzhaft einen Arm auf dem Rücken, was ich zähneknirschend zu ignorieren versuche. Es juckt mir so sehr in den Fingern ihn mit dem nächstbesten Spruch in meinem Arsenal zu attackieren, aber genau das kann ich mir im Moment nicht erlauben. Die gar nicht mehr so zarten Wellen der adrenalinverursachten Schauder des wachsenden Interesses knapp über meinem Steißbein versuche ich ebenso zu ignorieren. Der Erfolg lässt eindeutig zu wünschen übrig.

„Ich mache dir einen Vorschlag", erklärt Ethin gerade.

Na da bin ich aber gespannt! Ein wortloses Knurren ist alles was ich zustande bringe, aber es reicht wohl um ihn zum weiterreden zu bringen. Oder er hätte es ohnehin getan. Wer weiß das schon. Ich sollte es wissen, nach all diesen Jahren, aber offenbar hat der Tod einen interessanten Einfluss auf Ethin ausgeübt. Ein gefährlich großer Teil von mir ist nur allzu fasziniert von der riskanten, neuen Ungewissheit die ihn nun umgibt wie ein Schleier.

„Du wehrst dich ernsthaft und wenn du es schaffst mich zurückzuschlagen fasse ich dich nicht mehr an."

Ich bin kurz davor zu lachen, als er hinzufügt: „Keine Magie Elarn. Du hast nur deinen Körper zur Verfügung."

Verdammt. Er weiß natürlich ganz genau, dass ich eine ungesunde Schwäche für Herausforderungen dieser Art habe. Evoe besaß noch nie genug Interesse daran sich tatsächlich ernsthaft zu wehren als dass ich solche Dinge mit ihm versucht hätte. Dafür hatte ich von Zeit zu Zeit andere Liebhaber. Aber bei Ethin weiß ich genau, dass er sich mit der selben blutrünstigen Intensität in einen solchen Kampf einbringen wird wie ich. Die wachsende Versuchung kämpft gegen meinen immer noch vorhandenen Widerwillen.

Ethin starrt mir lauernd aus glitzernden Augen entgegen. Einen Augenblick schwanke ich noch unentschlossen, doch schließlich kann ich, in einem plötzlichem Anfall von Fatalismus, nur innerlich mit den Schultern zucken. Wieso nicht? Ich bin schon sehr viel weiter gegangen als ich es mir jemals hätte träumen lassen, wieso nicht auch dies? Was immer nötig ist. Die ganze Situation ist so absurd, dass es mir inzwischen wirklich fast egal ist. Und außerdem, wer sagt, dass Ethin die Oberhand behalten wird? Würde ihm nur recht geschehen, wenn er am Ende der Unterlegene ist. Ich glaube nach dem was er sich mir gegenüber heute geleistet hat, könnte ich sogar mein bisheriges Desinteresse für seine Person mühelos überwinden, nur um ihm einen ordentlichen Denkzettel zu verpassen.

Also gut. Er will es ja so. Grinsend schlage ich Ethin ohne Vorwarnung die geballte Faust ins Gesicht. …oder besser gesagt ich versuche es. Schneller als ich es für möglich gehalten hätte, duckt er sich aus dem Weg und greift nach meinem Handgelenk. Leise fluchend winde ich mich schnell aus seinem Griff und muss mir dabei anhören wie er mich auslacht.

„Gut!" grinst er begeistert.

Na wunderbar. Worauf habe ich mich da nur gerade eingelassen, frage ich mich plötzlich, während ich haarscharf unter Ethins gierigen Händen hinweg hechte? Der beengte Raum macht die Sache nicht unbedingt leichter. Egal, jetzt gibt es ohnehin kein Zurück mehr. Ein Feigling bin ich schließlich auch nicht. Im Übrigen fühle ich mich gerade lebendiger als in den ganzen Monaten die ich hier bei den eilistraeeischen Priesterinnen bereits in der trügerischen Sicherheit der Siedlung verbracht habe. Ein eindeutiges Zeichen, dafür dass ich endlich hier weg sollte.

Mein nächster Schlag sitzt. Ich erwische Ethin mit einem kräftigen Tritt direkt in den Magen. Mit einem erstickten Keuchen knickt er ein. Während ich mich darüber noch hämisch freue, hat er sich allerdings schon viel zu schnell wieder erholt und hechtet in meine Richtung. Ich hüpfe gewandt aus dem Weg. Das einzige was er zu fassen bekommt sind meine Haare. Das reicht allerdings völlig. Meine Ausweichbewegung nach vorne, wird abrupt und sehr unangenehm unterbrochen. Ich stolpere halb zur Seite und stoße mir dabei heftig das Schienbein an der Bettkante, schaffe es aber Ethin in der gleichen Bewegung hart den Ellenbogen in den, ohnehin schon schmerzenden Bauch zu rammen.

Unglücklicherweise bringt ihn das nicht dazu seinen Griff in meinem Haar zu lockern. Stattdessen schafft er es mich rückwärts an sich zu ziehen und dann einen Arm um meinen Hals zu schlingen. Gefährlich! Ich lasse meinen Hinterkopf ruckartig gegen seine Nase krachen, was ein sehr befriedigendes Stöhnen hervorruft und winde mich heftig, um diesen unangenehmen Würgegriff abzuschütteln. Ich erreiche damit aber nur, dass wir beide aus dem Gleichgewicht geraten. Wir stolpern gegen eine Wand, wobei ich mir eine große Prellung an der Stirn einhandle, die mich einen Moment lang blinkende Lichter sehen lässt und fallen dann in einem Knäuel von verworrenen Gliedmaßen zu Boden. Ich muss mir gleich darauf eingestehen, dass diese Strategie mir keinesfalls zum Vorteil gereicht hat. Da Ethin schlicht und einfach größer ist als ich, bin ich ihm gegenüber auf diese kurze Entfernung unterlegen, zumindest was die reine körperliche Stärke angeht. An Geschicklichkeit leider offenbar auch. Ich schaffe es einfach nicht mehr ihn abzuschütteln, so sehr ich mich auch hin und her werfe und nach ihm schlage und trete. Er ist hartnäckig wie eine Bulldogge.

Ich habe oft genug dabei zugesehen wie Ethin andere überwältigt und sich ihnen aufgezwungen hat, damals als er noch Geryn gehörte. Das ist zwar lange her, aber eigentlich hätte mir diese Erinnerung eine deutliche Warnung sein müssen, denn normalerweise hat Ethin in diesen kleinen, von uns konstruierten, Begegnungen immer die Oberhand behalten. Irgendwie ist dieser Bereich meiner Psyche allerdings einer, in dem ab und zu einfach mein sonst sehr scharfer Verstand auszusetzen scheint. Dieser Gedanke tröstet mich aber nur bedingt als ich mich schließlich immer noch unter einem, zwar vor Anstrengung keuchenden und heftig aus der Nase blutenden, aber dennoch viel zu breit grinsenden Ethin wieder finde. Ich winde mich noch ein letztes Mal, schaffe es aber auch diesmal nicht meine Handgelenke zu befreien oder ihn abzuwerfen. Dazu hat er zu viel Erfahrung. Nicht gut. Ich hätte es ahnen müssen.

Sein Blut tropft mir ins Gesicht. Spitze Zähne blecken sich in einem rot gefärbten, gierigen Grinsen. Ich ziehe scharf die wenige Luft ein, die unter Ethins Gewicht noch in meine Lunge passt. Natürlich könnte ich ihn mit Magie immer noch besiegen, aber vielleicht will ich das in diesem Moment gar nicht mehr unbedingt. Der Schauer, der mir diesmal den Rücken hinunterläuft ist halb erregt, halb aus dem instinktiven, gedankenlosen Fluchtwunsch eines Opfers geboren. Aber genau dieser Teil macht die Sache ja so spannend. Diesmal biege ich den Kopf zurück und biete freiwillig meinen entblößten Hals dar. Das universelle Zeichen der Unterwerfung. Ein Angebot, auf das Ethin sofort eingeht.

Nun ja, zumindest kann ich mir jetzt einreden, dass er es sich irgendwie verdient hat. Die Gedärme kann ich ihm später immer noch herausreißen.


***LENWE/EVOE***

Nach dem Frühstück schickt Lenwe Wern und mich das Geschirr abwaschen. Offenbar bin ich doch nicht so ganz von meiner lästigen Aufgabe als Küchenhilfe befreit. Wäre ja auch zu schön gewesen. Der Junge schweigt zwar nach wie vor ausdauernd, wirft mir aber dafür fortwährend zornige Seitenblicke zu, die mich erst amüsieren, aber nach einer Weile doch zu irritieren beginnen.

„Schmollen steht dir nicht", werfe ich ihm schließlich zickig an den Kopf, woraufhin er augenblicklich mit geballten Fäusten herumwirbelt, als hätte er nur darauf gewartet, dass ich etwas sage.

„Du! Nach dem was du...du...", presst er heraus, bricht aber dann jäh ab, zu überkommen von seinem Zorn. Ich kann sehen wie er fast daran erstickt, aber er ist es nicht gewohnt seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Ich denke nicht, dass Lenwe das ermutigt hat. Nun ja vielleicht kann ich da ein wenig nachhelfen. Immerhin redet er inzwischen überhaupt mit mir. Entweder hat er nun doch die Erlaubnis oder er ist gerade zu wütend um über die Konsequenzen nachzudenken.

„Sowas passiert eben wenn du mir im Weg stehst", stachle ich ihn mit herablassendem Grinsen an. Der einzige Weg der meinen aufgestauten Aggressionen freisteht. Leid tut es mir auch nicht wirklich. Das ganze war ein Unfall. Ich war kaum noch zurechnungsfähig.

„Und dann holt er dich auch noch in sein Bett!" ereifert sich Wern daraufhin, als wäre das ganze eine Belohnung für mich gewesen. Oder sieht er das vielleicht tatsächlich so? Eigentlich würde ich etwas mehr Einfühlungsvermögen von ihm erwarten, aber Eifersucht vernebelt wohl Jedem manchmal den Blick für die Realität. Ich hebe unbeeindruckt eine Braue.

„Wenn du irgendeinen Einfluss darauf hast, dann können wir das von mir aus gerne wieder ändern", teile ich ihm trocken mit. „Lenwe weiß ganz genau wie sehr ich es hasse mit ihm zu schlafen."

Einen Augenblick frage ich mich, ob ich mich mit dieser Aussagen nicht etwas weit vorwage, aber selbst wenn Lenwe uns gerade zuhören sollte, dürfte ihn das kaum überraschen. Solange ich ihm das nicht ins Gesicht sage sollte ich einigermaßen sicher sein.

„Meister Lenwe", verbessert Wern mich eisig, mit missbilligend verzogenen Mundwinkeln, was ich lediglich mit einem entnervten Augenrollen quittiere. Womit hat „Meister Lenwe" nur diese Loyalität verdient? Oh Götter er starrt mich vorwurfsvoll an, als erwarte er tatsächlich ich würde mich berichtigen. Da kann er lange warten.

„Wie gesagt", knüpfe ich einfach wieder dort an wo die Unterhaltung noch sinnvoll war. „Wenn du zurück zwischen seine Kissen kriechen willst, tu dein Möglichstes. Ich werde dich kaum aufhalten."

Erst während ich die Worte von mir gebe wird mir klar, dass es vielleicht doch keine so gute Idee ist, selbst diesen schwachen Halt über Lenwe ohne jeglichen Widerstand aufzugeben. Solange er körperliches Interesse an mir hegt habe ich zumindest eine winzige Chance ihn irgendwie zu beeinflussen, so sehr es mir auch widerstrebt ihm nahe zu sein. Nun ja ich denke nicht, dass Wern allzu viel Einfluss darauf hat was Lenwe letztendlich entscheidet. Ich leider auch nicht.