A/N: Diesmal gibt es gleich drei Kapitel, die auf FFde teils schon eine ganze Weile geposted waren... Shame on me.
***ELARN/ETHIN***
„Siehst du was du angerichtet hast!" knurrt es voller Hass schräg über meiner Schulter, während ich noch wie gelähmt auf die Schale mit Wasser starre, in der Lenwes Abbild gerade seine Finger in einer parodistisch liebevollen Geste durch Evoes zerzauste Haare gleiten lässt. Dessen letzten Worte hallen mir noch unheilvoll in den Ohren nach. 'Ich hätte es besser wissen müssen'. Lenwe ist dabei Evoe methodisch, Schritt für Schritt zu zerstören und ich habe ihm dafür ein ideales Werkzeug geliefert. Mein Wutschrei bleibt mir im Halse stecken. Er kommt einfach nicht an dem dicken Kloß der Schuld vorbei, der mir dort bereits den Atem nimmt.
Meine Bewegung ist fahrig, als ich eine Hand über der Schale hin und her wische um den Spruch zu lösen und endlich diese erschütternden Bilder auszulöschen. Was ich gerade gesehen habe, lässt mich beinahe wünschen, ich hätte nicht darauf bestanden in allen Räumen unseres alten Hauses mindestens einen Spionagekristall zu verteilen. In mir tobt das zornige, blinde Bedürfnis etwas zu zerstören, wenn schon nicht Lenwe dann etwas anderes. Gleichzeitig bin ich erstarrt vor Hass. In diesem Moment kommt es mir gar nicht in den Sinn, diese heftigen Gefühle auch nur im Geringsten zu hinterfragen. Es ist als hätte er statt Evoe mich selbst angegriffen. Soetwas ist mir noch nie zuvor passiert und die Hilflosigkeit, die damit einhergeht passt mir überhaupt nicht. Überwältigt kann ich im Moment nur da sitzen und machtlos nach Luft schnappen, während sich meine Finger um die Tischkante krallen.
Ein tiefer, knurrender Laut ist die einzige Warnung, die ich bekomme, bevor Ethins geballte Faust heftig mit meinem Wangenknochen kollidiert. Schmerz zuckt durch mein Gesicht und der Stuhl, auf dem ich sitze kippt zur Seite hin um. Ich hoffe er hat sich die Knöchel daran gebrochen, zuckt es böse durch meinen Kopf, während ich mich instinktiv in Fallrichtung abrolle! Während ich noch falle, bewege ich bereits eine Hand in Ethins Richtung um ihn mit einer einfachen Geste zurück zu schleudern. Dummerweise ist Ethin wieder einmal zu schnell. Er ist mir sofort hinterher gehechtet und landet schwer auf mir. Mein Hinterkopf kracht laut auf den Holzboden. Jetzt gibt es schon zwei schmerzende Stellen. Dafür wird er bezahlen! Ein passendes Ventil für die Wut, die mir gerade so die Luft abschnürt.
Irgendwie hat Ethin es noch im Fallen geschafft sich meine Hände zu greifen, so dass aus meiner ersten Verteidigung nichts mehr wird. Gesten sind damit wohl erst einmal ausgeschlossen. Aber so einfach bin ich nun auch nicht zu überwältigen. Ich spucke ihm eine kurze Beschwörung entgegen, die unerträgliches Jucken an seinem ganzen Körper verursachen wird, was ihn hoffentlich dazu bringt mich endlich loszulassen. Ethin stoppt mich auch diesmal effektiv kurz vor Schluss, indem er mir kurzerhand seine Zunge in dem Hals rammt. Diese Gelegenheit lasse ich natürlich nicht ungenutzt verstreichen und beiße kräftig zu.
Klugerweise zieht Ethin sich daraufhin ein Stück zurück, ohne allerdings meine Hände loszulassen. Ich spucke ihm sein eigenes Blut ins Gesicht. Das zeichnet sich nett ab auf seiner hellen Haut. Mittlerweile zu wütend für Magie stoße ich ihm gleich darauf heftig meine Stirn ins Gesicht. Das ungesunde Knirschen in seiner Nase entschädigt mich völlig für den neuen Schmerz, der daraufhin durch meinen Kopf schießt. Wieder einmal tropft Ethins Blut herab auf mein Gesicht. Das wird langsam ein zu regelmäßiges Vorkommnis. Er setzt noch einmal nach und spuckt mir nun seinerseits in die Augen. Verdammt, das hätte ich kommen sehen sollen. Hektisch blinzle ich und versuche uns herum zu rollen, bevor er mich vollends am Boden unter sich festnageln kann. Dass das keine besonders vorteilhafte Position für mich ist, habe ich ja inzwischen schon herausgefunden.
Eigentlich sollte es mich nicht erstaunen, dass Ethin so genau weiß wie er meine Attacken unterbinden kann. Er hat schließlich die letzten Jahrzehnte mit uns verbracht und kennt meine üblichen Taktiken nur allzu gut, aber bisher war mir nie wirklich bewusst, was für ein Nachteil dieser Umstand einmal für mich sein könnte. Es ist fast als wüsste er schon vor mir was ich als nächstes tun werde. Diesmal gibt es kein Sklavenhalsband mit dem ich ihn mir vom Hals halten kann. Außerdem bin ich überzeugt, dass Ethin es früher nie gewagt hätte mich tatsächlich anzugreifen. Wenn ich nicht gerade so überaus zornig wäre, dann würde ich mir langsam Sorgen machen, denn Ethin hatte vorhin selbst eine reichliche Portion Rage im Blick und er gibt mir offenbar die Schuld an Evoes Situation. Als ob er nicht auch selbst dazu beigetragen hätte! Der Gedanke macht mich nur noch wütender.
„Es ist also alles mein Fehler, ja?" knurre ich aufgebracht und schaffe es tatsächlich ein Bein so weit zu befreien, dass ich Ethin mein Knie in die Seite rammen kann. Das scheint ihn aber nicht besonders zu stören. Ich will ihn auf der Stelle in der Luft zerreißen! Mit den bloßen Händen. Allerdings kann ich das nicht, weil er mich gerade erstaunlich effektiv verprügelt. Er ist zwar behindert, dadurch, dass er anfangs meine Finger festhalten muss, um mich an magischen Gesten zu hindern, aber nachdem er es geschafft hat diese Aufgabe auch mit einem einhändigen Griff zu erfüllen, verpasst er mir einen Kinnhaken, der mich tatsächlich Sterne sehen und gefährlich nah an eine Ohnmacht herankommen lässt. Ich schmecke Blut. Wahrscheinlich habe ich mir auf die Zunge gebissen. Verdammt ich schaffe es einfach nicht ihn abzuschütteln und das macht mich wahnsinnig. Mir fehlt die Zeit, die ich bräuchte um die wenigen Worte auszusprechen, die ihn mir vom Hals schaffen würden.
Wenn es um körperliche Auseinandersetzungen geht, bin ich zwar fähiger als Evoe, aber ohne Magie bin ich einem trainierten Kämpfer trotzdem eindeutig unterlegen. Und Ethin scheint gerade erstaunlich gut in Form zu sein. Magie funktioniert am besten aus der Distanz. Sobald ein Feind erst einmal nah genug an dich heran gekommen ist um magische Angriffe zu unterbrechen, bist du als Magier ziemlich schnell aufgeschmissen, egal wie mächtig du bist. Jede Attacke braucht Zeit und ein Mindestmaß an Konzentration, was Ethin ganz genau weiß. Normalerweise bin ich zu misstrauisch, um jemanden der mir feindlich gesinnt ist, so nah an mich heran zu lassen, aber an Ethins neue, offensive Persönlichkeit habe ich mich noch nicht so recht gewöhnt und ihn dadurch schlichtweg unterschätzt. Das wird mir spätestens dann schmerzlich klar, als ich die Kälte von scharfem Stahl an meiner Kehle spüre und augenblicklich erstarre. Wann hat er sich das Messer besorgt? Verflucht, wie lange ist es her, dass ich das letzte Mal in einer derart verletzlichen Situation war? Ich bin eindeutig zu nachlässig geworden!
„Du weißt ja gar nicht, wie sehr ich dich gerade umbringen möchte!" zischt Ethin mir ins Gesicht.
„Oh ich denke doch", gebe ich grimmig zurück, denn meine eigenen Gefühle dürften sich nicht allzu sehr von den seinen unterscheiden. Ich weiß nicht ob ich mich an seiner Stelle gerade beherrschen könnte. „Aber wenn du das tätest, auf wen würdest du dann deine ganzen Schuldgefühle abschieben?" ätze ich böse. „Du hast mindestens genau so viel zu dieser Entwicklung beigetragen wie ich und das weißt du auch. Versuch bloß nicht dir etwas anderes einzureden!"
Offenbar weiß er das wirklich, denn nachdem er mich noch einige Augenblicke zornig angestarrt hat, verlieren seine Augen endlich etwas von dieser mörderischen Intensität. Anstalten sich zurück zu ziehen macht er allerdings nicht. Stattdessen lässt er berechnend die Spitze des Messers an meiner Kehle hinauf wandern. Der Druck ist nicht so stark als dass er mich verletzen würde, aber dennoch kann ich nur zu genau erkennen welche Richtung seine Gedanken dabei einschlagen. Trotz seiner neu gefundenen Gefährlichkeit ist Ethin in dieser Hinsicht ziemlich einfach einzuschätzen. Es ist beinahe langweilig.
„Mach weiter und ich bringe dich bei der ersten Gelegenheit um, ganz egal was Evoe dazu sagen wird", warne ich ihn eisig.
Das scheint Ethin nur unwesentlich zu beeindrucken.
„Das letzte Mal hast du dich auch nicht mehr gesträubt", merkt er mit schief gelegtem Kopf und selbstzufriedenem Lächeln an und transferiert die Messerspitze gefährlich nah an mein Auge. „Wenn ich mich recht erinnere, schienst du sogar ziemlich zufrieden hinterher."
„Das letzte Mal hattest du etwas das ich haben wollte", erinnere ich ihn kalt, immer noch viel zu wütend als dass ich überhaupt einen Gedanken daran verschwenden würde, ihm jetzt nachzugeben. „Ich weiß sowieso nicht wieso du auf einmal wieder ausgerechnet darauf kommst. Gerade wolltest du mich noch umbringen", beschwere ich mich. Nicht dass ich unbedingt sterben will, aber diese plötzliche Wende ist doch recht unerwartet. Selbst von ihm.
„Was hat das denn damit zu tun?" will Ethin irritiert wissen. Es ist fast ein wenig beruhigend zu sehen, dass er doch nicht so ganz normal zu sein scheint. Wenn er immer noch in solchen Bahnen denkt, dann muss mehr von dem alten Ethin in ihm sein, als ich gerade noch annahm.
„Vergiss es", seufze ich. „Wer ist eigentlich dieser Akhreal?" fällt es mir erst jetzt ein mich zu fragen, während ich gleichzeitig hoffe, Ethin wird sich dadurch ablenken lassen und möglichst bald den Entschluss fassen das verdammte Messer aus meinem Gesicht zu entfernen. Der Name Akhreal kommt mir zwar vage bekannt vor, aber auf Anhieb kann ich ihn nicht einordnen.
Es funktioniert zumindest teilweise. Ethin lehnt sich etwas zurück und verzieht das Gesicht.
„Akhreal ist der Söldnerführer, der vor etwa einem halben Jahrhundert mit nur ein paar hundert Männern eigenhändig die Cross-Dynastie gestürzt hat. Er hat Lenwe und dessen Mutter seit dessen Geburt besessen und ihn quasi aufgezogen... wenn man das bei einem Sklaven so nennen kann. Deshalb ist Evoe zu ihm gegangen um sich Informationen zu beschaffen."
Mir wird ganz anders als ich das höre. Denn nun erinnere ich mich nur zu gut. Alleine das, was ich bisher an Geschichten und vagen Gerüchten gehört habe, hält mich dazu an größte Vorsicht walten zu lassen wenn es um diese Person geht. Akhreal ist nun wirklich niemand dem ich in die Quere oder auch nur nahe kommen möchte. Worauf hat Evoe sich da bloß eingelassen!
„Er hat ihm ein Jahr lang seine Dienste versprechen müssen um das zu kriegen was er wollte", fährt Ethin gerade fort, als hätte er meine Gedanken gelesen. „Offenbar macht Lenwe da sogar mit, wie wir gerade gesehen haben, was mich etwas überrascht, aber vielleicht hat er ja Angst vor seinem alten Herren."
„Das hätte ich an seiner Stelle auch", bestätige ich mit einem tiefen Stirnrunzeln. So weit ich es einschätzen kann, ist Akhreal sogar noch schlimmer als Jarlaxle, wenn es darum geht seine Nase in alles hinein zu stecken, was ihn absolut nichts angeht. Ich müsste schon reichlich verzweifelt sein um offen gegen ihn vorgehen zu wollen. Meine Position dieser Tage ist zwar sehr unabhängig, da ich Verpflichtungen generell gerne vermeide, aber dafür habe ich auch nur wenig Rückhalt wenn es um jemand derart Mächtiges geht. Einen sicheren Weg Evoe da heraus zu holen habe ich jedenfalls im Moment nicht. Überhaupt weiß ich viel zu wenig über den Söldnerführer. Seinem Erscheinungsbild nach soll er menschlich wirken, aber wenn er tatsächlich Lenwe aufgezogen hat, dann kann das nicht so ganz stimmen.
Mit einem dumpfen Stöhnen lasse ich meinen Kopf zurück auf den Boden sinken und starre missmutig an die Decke des billigen Tavernenzimmers, das Ethin für uns angemietet hat.
„Ich wünschte wirklich ich wäre früher zurück gekommen", murre ich verbittert. Ethin gibt ein vage zustimmendes Grunzen von sich und besitzt dann endlich die Güte sich langsam von meiner Brust zu erheben. Scheinbar hat diese kurze, aber unerfreuliche Diskussion sogar ihn von seiner ewigen Fixierung auf Sex abgelenkt. Erleichterter als ich zugeben möchte, setze ich mich auf und schaue zu wie er misstrauisch Schritt für Schritt zurück weicht, das blanke Messer nach wie vor in einer Hand. Wenigstens so viel Vorsicht beweist er mir gegenüber also doch noch. Auf eine verdrehte Art und Weise besänftigt mich das wieder.
„Ich empfehle dir deine Bedürfnisse in Zukunft woanders auszutoben. Dir sollte schon lange klar sein, dass ich keineswegs so duldsam bin wie Evoe", warne ich ihn mürrisch während ich meine Kleider wieder zurecht zupfe, deute damit aber gleichzeitig an, dass ich ihm diesmal vergeben werde. Eigentlich sollte ich ihn für diesen Angriff bezahlen lassen, aber irgendwie fehlt mir dazu gerade die nötige Energie. Das ist untypisch für mich, aber die Sorge um Evoe ist im Moment größer.
Sobald er merkt, dass ich nicht vorhabe Vergeltung zu üben, entspannt Ethin sich wieder und neigt zustimmend den Kopf.
„Du hast Recht", murmelt er dann sogar. Etwas, das ich von dem sonst so sturen Elf gar nicht erwartet hatte. „Lenwe hat mich wie immer viel zu schnell um jede Beherrschung gebracht."
Da kann ich ihm nur zustimmen. Nun ja, das nächste Mal werde ich vorbereitet sein. Er soll ja nicht denken, dass er mich nochmal so überwältigen kann. Zeit das Thema zu wechseln. Schließlich muss ich meine eigene Nachlässigkeit nicht auch noch unnötig lange erörtern und Ethin damit auf dumme Gedanke bringen.
„Zwei Wochen werden nicht reichen um Lenwe effektiv in seinem eigenen Haus anzugreifen", stelle ich unzufrieden fest, denn immerhin wird es einiger Planung bedürfen um ihn auszuschalten, ohne ihn dabei sofort zu töten und Evoe dadurch mit ins Verderben zu reißen. Das ist schade, aber ich glaube Valaira hat für's Erste genug davon mir Gefallen zu tun und ihn danach wieder zu erwecken. Andere mächtige Kleriker kenne ich leider nicht. „Ich schätze wir sollten schnell etwas mehr über Akhreal herausfinden."
