Gomen… Das neue Chapter hat etwas länger gebraucht… Ich muss erst mal wieder richtig in Fahrt kommen, dann werden die Kapitel hoffentlich besser :/

Kapitel 3: Feuer, Ebenholz und Blut

Eine Mission also. Dabei hatte Taki nicht mal die Möglichkeit gehabt, sich richtig im Black Order umzusehen, geschweige denn sich einzugewöhnen. Sie so früh ins kalte Wasser zu werfen… Irgendwie zweifelte Taki an der mentalen Gesundheit des Abteilungsleiters. Bei dem Gedanken, dass sie bald Akuma gegenüber stehen würde, sie bekämpfen und besiegen musste, wurde Taki unwohl. Sie wollte noch nicht kämpfen. Sie musste sich erst an den Gedanken gewöhnen, eine Exorzistin zu sein, deren Aufgabe nicht weniger war, als Menschen zu beschützen und die Welt zu retten. Menschen, die ihr völlig fremd waren. Wollte sie ihr Leben für wildfremde Personen aufs Spiel setzen? Durfte sie sich diese Frage überhaupt stellen? Es ging um Menschenleben! Doch genauso fremd, wie die Menschen und die Welt da draußen, war Taki der Black Order, und vor allem sie selbst. Sie kannte sich selbst nicht. Hatte sie überhaupt irgendwelche kämpferischen Fähigkeiten? Irgendwelche Talente? Sie hatte keine Ahnung , wie sie mit ihrem Bogen einen Akuma töten sollte! Natürlich, Pfeil an die Sehne lehnen, spannen, und loslassen. Ja. Wenn es denn so einfach wäre. Ihr gingen im Moment so viele Gedanken durch den Kopf, es machte ihr unmöglich, klar zu denken.

Als Taki den unterirdischen Wasserweg erreichte, den die Exorzisten zum Verlassen und Betreten des Schwarzen Ordens benutzten, sah sie, dass Kanda bereits im Boot war. Er stand am Ruder, und warf ihr einen ungeduldigen Blick zu, als er sie bemerkte. In diesem Moment bekam Taki weiche Knie. Ausgerechnet er war ihr Partner. Er würde ihr sicher keinen Mut machen, wenn sie nicht zurecht kam, soviel konnte sie sich bereits denken. Unsicher stieg sie ins Boot, bedacht darauf, nicht ins Wasser zu fallen. Sie setzte sich hin, mit dem Rücken zu Kanda, angespannt. Sie wollte ihn nicht anschauen, wollte nicht, dass er ihre Nervosität bemerkte. Wenn er sie schon als Last ansah, wollte sie ihm diesen Eindruck nicht auch noch bestätigen. Sie wollte ihr bestes tun, und versuchen, zu überleben…

„Wartet!" rief plötzlich eine vertraute Stimme. Bevor Taki realisierte, wer sie da gerufen hatte, war Lavi bereits im Boot und setzte sich ihr grinsend gegenüber.

„Was willst du hier?" rief Kanda gereizt.

Lavis ließ sich von seinem Ausruf nicht beirren. „Ich werde euch begleiten. Bookman Angelegenheiten, weißt du? Außerdem meinte Komui, dass Taki noch keine Erfahrung hat, und wir alle wissen, dass du nicht auf sie aufpassen wirst, nicht wahr?"

Kanda schnaubte. „Idiot." Dann fuhren sie los.

Während der Fahrt nach draußen musterte Taki ihren Gegenüber, der angefangen hatte, ihr Geschichten über irgendwelche Mädchen zu erzählen, die er bereits getroffen hatte. Lavi trug eine Exorzisten Uniform, genau wie Kanda, und jetzt auch sie selbst. Alle Uniformen sahen ähnlich aus, nur die Schnitte variierten. Während Kanda einen langen Mantel trug, trug Lavi eine Hose und eine kurze Jacke. Sein Gerede war mittlerweile nur noch ein Hintergrundgeräusch. Takis eigene Uniform bestand aus einer schwarzen Hose, hohen Stiefeln, und einem eng anliegenden Oberteil das bis zu ihren Oberschenkeln reichte, mit breitem Gürtel. Zudem trug sie Unterarmschützer, die sie beim Bogenschießen unterstützen sollten. Außer den üblichen weißen Verzierungen und dem Rosenkreuz war die Uniform simpel gehalten.

„Hey, hörst du mir überhaupt zu?" Lavi sah sie fragend und gleichzeitig etwas beleidigt an.

„Verdammt Lavi", rief Kanda von hinten, „halt endlich den Rand!"

Die Zugfahrt dauerte zwar lange, aber sie war angenehm, da die Exorzisten, wie Taki erfuhr, erster Klasse fahren durften. Taki wunderte das irgendwie nicht; sie wusste, dass die Kirche reich war, auch wenn sie äußerlich immer den Schein von Enthaltsamkeit und Bescheidenheit wahrte. Das war eigentlich etwas, das Taki gar nicht mochte. Diese Heuchelei. Aber beschweren wollte sie sich nicht, das erste Klasse Fahren war ja schließlich zum Vorteil der Exorzisten, deren Job sowieso schon hart genug war. Man konnte es auch als kleine Entschädigung ansehen.

Es war Abend als die Exorzisten ihr Ziel erreichten: eine abgelegene Kleinstadt in Tschechien.

„Da wären wir", sagte Lavi, als sie aus dem Zug stiegen, und streckte seine müden Glieder. Aus der Ferne drang Lärm, wahrscheinlich aus dem Stadtzentrum.

„Wir sollten uns umsehen" meinte Kanda und ging voraus, ohne sich nach den anderen beiden umzusehen. Wie Taki vermutete, ging er auf den Lärm im Zentrum zu. In dieser Stadt war die Zahl der Akuma angeblich besonders hoch, wie Komui ihnen mitgeteilt hatte. Ihre Aufgabe war zunächst, die Akuma aufzuspüren und zu vernichten, und danach nach eventuellem Innocence zu suchen.

Nach wenigen Minuten hatten die Exorzisten das Stadtzentrum erreicht, doch was sie hier sahen, verschlug ihnen allen den Atem. Fast alle Bewohner der Stadt schienen sich auf dem großen Marktplatz versammelt zu haben. Sie drängten sich an den Hauswänden und in den schmalen Seitengassen, doch die Mitte des Platzes ließen sie frei. Hier war ein Podest aus Holz errichtet, auf dem ein Haufen Holzscheite lag, in der Mitte steckte ein Kreuz. Ein Scheiterhaufen. Taki beschlich ein ungutes Gefühl bei dem Anblick. Wozu hatten diese Leute einen Scheiterhaufen aufgebaut, und warum war nahezu jeder Stadtbewohner hier versammelt? Es herrschte unglaublicher Lärm, die Menschen drängten sich aneinander und riefen wild durcheinander. Taki verstand kein Wort, da sie alle Tschechisch sprachen. Doch sie schienen alle aufgeregt zu sein, in Erwartung des Ereignisses, das sich bald zutragen würde. Die drei Exorzisten bahnten sich einen Weg durch die Menschen.

„Kanda, wo willst du hin?" rief Lavi, doch er war kaum zu verstehen, obwohl er dicht hinter Taki herging. Kanda ging vor ihr, sie bezweifelte, dass er ihn gehört hatte. Doch da irrte sie.

„Ich will mir das hier ansehen", schrie er zurück ohne auch nur den Kopf zu drehen.

Die Leute an denen Kanda sich grob vorbeidrängte stießen empörte Laute aus, doch er kümmerte sich nicht darum. Als die Exorzisten sich einen Weg bis in die vordersten Reihen gebahnt hatten, blieben sie stehen. Niemand wagte sich in die Mitte des Platzes. Alle hielten respektvollen Abstand zur Straße und dem Scheiterhaufen, als gäbe es eine unsichtbare Grenze, die sie zurückhielt.

„Was soll das Ganze hier?" fragte Taki verwirrt und sah Kanda an, der nun neben ihr stand. Doch dieser gab ihr keine Antwort, sondern deutete mit einem Kopfnicken in die Richtung, aus der nun lautes Rufen ertönte. Taki musste sich auf die Zehenspitzen stellen um zu erkennen, was die Leute so in Aufruhr versetzte.

Sie erblickte einen hohen Holzkarren, über und über geschmückt mit weißen Blumen, gezogen von zwei schwarzen Rössern. Auf diesem Holzkarren saß ein junges Mädchen –Taki schätzte sie auf etwa zwölf Jahre-, in einem Stuhl der entfernt an einen Thron erinnerte.. Sie trug ein schlichtes, weißes Kleid und einen weißen Blütenkranz auf ihrem Haar. Sie wirkte teilnahmslos, ihre Augen wanderten scheinbar gelangweilt über die vielen Menschen, die zu ihr aufsahen, ihr zuriefen und ihr teilweise sogar Blumen entgegen warfen. Taki sah, dass viele von ihnen das Kreuzzeichen schlugen, einige weinten sogar. Der Holzkarren fuhr langsam auf den Scheiterhaufen zu. Taki ahnte schlimmes. Doch ihre Vermutung konnte doch nicht wahr sein, oder etwa doch?

Vor dem Scheiterhaufen blieb der Karren stehen. Das viele Rufen erstarb, die Menschen starrten jetzt gebannt auf das Mädchen. Man half ihr von dem Karren und hob sie dann zuerst auf das Podest, dann auf den Scheiterhaufen. Ein Mann stellte sie mit dem Rücken gegen das Kreuz und begann, sie mit einem Seil daran festzubinden. Das Mädchen war noch immer völlig apathisch und ließ es geschehen.

Taki spürte, wie Lavi seine Hand auf ihre Schulter legte. Sie drehte ihren Kopf zu ihm und sah ihn an. Er starrte mit offenem Mund und geweiteten Augen auf das Schauspiel.

„Die werden sie doch nicht etwa…"

Taki wusste darauf keine Antwort. Sie wandte sich wieder dem Geschehen zu. Als sie sah, wie sich plötzlich vier Männer mit Fackeln dem Scheiterhaufen näherten, wurde ihr langsam schlecht. Doch die Fackelträger, die in schwarze Umhänge gehüllt waren, zündeten den Haufen nicht sofort an. Sie blieben aufrecht davor stehen, jeder auf einer Seite des Scheiterhaufens, und schienen ein Gebet zu sprechen. Es herrschte Stille. Die Menschen schlossen die Augen, manche beteten mit.

Plötzlich stieß eine alte Frau Kanda in die Seite. Sie funkelte ihn böse an.

„Ihr Fremde!" zischte sie, „wenn ihr das mit ansehen wollt, müsst ihr diesem Mädchen euren Respekt zollen." Sie sprach mit schwerem Akzent. „Nicht dumm gaffen! Beten! Euer Verhalten beleidigt alle hier."

Als sie das gesagt hatte, senkte sie wieder das Haupt und betete, dabei hielt sie eine Kette mit einem Kreuz zwischen ihren Händen.

„Wir müssen mitspielen" flüsterte Lavi, „sonst fallen wir nur unnötig auf."

Taki war verwirrt. Zögerlich faltete sie die Hände ineinander und senkte leicht den Blick. Sie verstand nicht, was hier vor sich ging. Wieso beteten diese Menschen für ein Mädchen, das sie offensichtlich verbrennen wollten?

Die Fackelträger hatten ihr Gebet beendet. Sie hoben ihre Fackeln hoch in die Luft. Dann ließen sie sie auf den Scheiterhaufen fallen. Taki musste sich die Hand vor den Mund schlagen, um nicht aufzuschreien. Der Scheiterhaufen brannte binnen Sekunden lichterloh. Das Holz musste mit einem Präparat versetzt gewesen sein, so dass es schneller brannte.

Taki sah, wie das Mädchen auf dem Scheiterhaufen endlich eine Gefühlsregung zeigte. Sie wand sich in ihren Fesseln, doch sie hatte keine Chance. Sie fing an zu schreien, doch niemand half ihr. Die Menschen starrten nur auf das Spektakel, das sich ihnen bot.

Die Flammen züngelten an den Holzscheiten entlang und fraßen sich gierig durch die verschiedenen Schichten. Die Schreie des Mädchens wurden immer lauter, immer verzweifelter. Das waren keine Angstschreie mehr, es waren Schmerzensschreie. Ihre Augen waren weit aufgerissen und sie wand sich in den Fesseln. Die Hitze ließ die Luft verschwimmen und nahm einem die klare Sicht auf das Mädchen. Durch das Flimmern und den Rauch sah es fast so aus, als würde dem Mädchen das Fleisch von den Knochen schmelzen.

„Jemand muss ihr helfen…" hörte Taki sich flüstern. Sie konnte sich nicht rühren, konnte nichts tun als mit halb geöffneten Mund auf das Mädchen zu starren, das vor ihren Augen unter grausamen Qualen starb, ohne auf Hilfe hoffen zu können. Sie war vor den Augen aller Anwesenden hingerichtet worden, ohne dass irgendjemand eingegriffen hatte. Sie beteten für sie, aber was war das für eine Strafe? Wieso verbrannten sie dieses Mädchen? Wieso sahen sich so viele ihren Tod an, scheinbar ohne mit der Wimper zu zucken?

Sie spürte wie sich ihr Körper verkrampfte, wie die Übelkeit sich in ihrem Magen breit machte und Fassungslosigkeit und Angst sie lähmten. Sie war nicht fähig, ihren Blick von dieser unmenschlichen Grausamkeit abzuwenden. Sie atmete den Geruch von verbranntem Fleisch ein, als die schrecklichen Schmerzensschreie des Mädchens langsam erstarben. Sie spürte die Galle in sich hochkommen, und konnte dem Drang, sich auf der Stelle zu übergeben, kaum widerstehen. Sie nahm die Welt um sich herum kaum noch wahr, das einzige was sie sah, war dieses hilflose Mädchen, dem die Seele aus dem Leib gebrannt wurde. Etwas warmes rann ihre Wange hinab. Eine Träne.

„Kommt." Eine Berührung an der Schulter riss sie zurück in die Realität. Es war Kanda, der sich vorsichtig an ihr vorbei drängte, um sie dann mit sich zu ziehen. Taki war wie benommen. Sie ließ sich einfach mitschleppen und es war ihr egal, ob sie dabei gegen die anderen Menschen stieß.

Die Exorzisten entfernten sich von dem grausamen Schauspiel, gingen schweigend, bis sie eine Seitenstraße betraten, in der sich Lavi erschöpft gegen die Wand sinken ließ.

„Das…" sagte er leise, „…ich kann es nicht fassen…"

Als Kanda zu einer Antwort ansetzen wollte, entfernte Taki sich einige Meter von den beiden, stützte sich mit einer Hand gegen die Wand ab, und gab endlich dem Drang nach, sich zu übergeben. Sie fiel auf die Knie und rührte sich nicht, als sich ihr Magen beruhigt hatte. Sie zitterte und spürte die Blicke der anderen beiden auf sich. Zum Glück wandte sie ihnen den Rücken zu.

„Bist du okay?" hörte sie Lavi fragen.

„J-ja…" brachte sie hervor. „Schon gut." Sie richtete sich langsam wieder auf, nutzte aber immer noch die Wand um sich zu stützen. Sie sah die anderen zwei nicht an, sondern hielt den Kopf gesenkt und starrte mit leerem Blick auf den Boden.

„Ich versteh es nicht…" sagte Lavi. „Was ist das hier für eine Stadt? Wieso haben sie dieses Mädchen verbrannt?" Er stieß sich von der Wand ab und machte ein paar Schritte auf und ab. „Was hat sie getan, dass sie so eine Strafe erhalten musste?"

„Ich glaube irgendwie nicht, dass es eine Strafe darstellen sollte…" Kanda ließ sich seinen Schock nicht anmerken. Er schien die Ruhe selbst zu sein.

„Aber was soll es sonst sein?" fragte Lavi und schlug wütend mit der Faust gegen die Wand.

„Es passt nicht", fuhr Kanda fort, „sie haben für sie gebetet. Sie haben ihr gehuldigt, ihr Blumen zugeworfen. Das kann keine Strafe gewesen sein."

„Aber-"

„Ich glaube, Kanda hat Recht", warf Taki ein. Sie sah die beiden nun wieder an, stützte sich aber immer noch an der Wand ab. „Irgendwie… hat mich das Ganze an eine Opferung erinnert…"

„Aber warum sollten die Menschen hier so etwas tun? Einen Menschen opfern?" Lavi schien das ganze kaum fassen zu können. Auch Taki fiel es nicht einfach, das Gesehen zu Begreifen. Sie musste das erst einmal verdauen…

„Wir müssen uns umhören", meinte Kanda schließlich. „Wir werden in einem Gasthaus übernachten, da können wir die Leute befragen." Er drehte sich um und wollte gehen. „Kommt ihr?"

Die drei machten sich schweigend auf den Weg. Keiner sagte mehr ein Wort, jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Taki hätte das Ereignis am liebsten wieder aus ihrem Gedächtnis gelöscht. Es war nicht schön, wenn das die einzige Erinnerung war, die man hatte. Denn dann war es das einzige, an das man denken konnte…