Gemeinsam betraten die Zwillingsbrüder die Wendeltreppe hinter den Wasserspeiern. Es war ihnen wohl bewusst, dass sie wegen unerlaubten Versuchen mit Muggelsprengstoff auf dem Schulgelände mitten aus dem Unterricht zum Direktor gerufen worden waren. Ihre Mitschüler hatten ihnen mit ausdruckloser Miene nachgesehen. Auch wenn Professor Snape nicht zu den beliebtesten Lehrern gehörte, was da in der Nacht passiert war, wurde von niemandem als Bagatelle abgetan. Es hätte jeden treffen können. Was, wenn ihre Schwester Ginny jetzt verletzt im Krankensaal liegen würde? Die Missbilligung der gesamten Schülerschaft war unverkennbar zu spüren.
Die Türe zu Dumbledores Büro schwang auf und die beiden Weasleys betraten langsam den Raum. Der Schulleiter sass wie gewohnt hinter seinem Schreibtisch, doch hinter ihm zu beiden Seiten warteten auch die Professoren MacGonagall und Flitwick.
George begann: „Hören Sie Professor Dumbledore, es ..."
Der Angesprochene hob aber mit ernster Miene die Hand und gebot dem Schüler zu schweigen.
„Inzwischen ist uns das gesamte Ausmass des verursachten Unfalles bekannt", richtete der Schulleiter das Wort an die Jungen. „Ich erwarte nicht, dass ihr euch bei mir entschuldigt, denn so eine Tat ist unentschuldbar. So wie das Opfer die Folgen ertragen muss, werdet ihr die Konsequenzen eures Handelns tragen müssen."
Die Zwillinge tauschten besorgte Blicke. So bedrohlich hatte noch keines der Gespräche mit Dumbledore begonnen.
Albus stand auf und strich sich über seinen Bart. „Ihr werden nicht der Schule verwiesen, denn das würde eurer Disziplinierung nicht dienlich sein. Auch rate ich euch davon ab, aus der Schule auszutreten und Hogwarts zu verlassen. Als normale Zivilisten, die nicht mehr den Schulregeln unterstehen, werdet ihr euch sonst mit dem Strafgesetz des Zaubereiministeriums konfrontiert sehen."
Dumbledore deutet auf die beiden anderen Lehrpersonen, die bisher schweigend zugehört hatten. „Über die Konsequenzen werden euch meine beiden Kollegen hier informieren. Ich habe sie gebeten, je einen Vorschlag auszuarbeiten. Noch Fragen?"
Fred und George hatten kräftig geschluckt und schüttelten jetzt die Köpfe. Sie sassen ziemlich tief in der Tinte. Da half auch nichts, dass ihnen ihr verunglücktes Feuerwerk und die daraus resultierenden Folgen sehr leid taten.
„So übergebe ich das Wort an meine verehrte Kollegin McGonagall." Der Schuleiter trat hinter dem Schreibtisch hervor. „Sie wird mich auch über die beschlossen Massnahmen informieren. Ich werde nach dem Mittagessen nach unserem verletzten Kollegen sehen, ob ich ihm in seiner schlimmen Lage irgendwie beistehen kann."
Kaum war die Türe ins Schloss gefallen, räuspert sich die Lehrerin für Verwandlungskunst. „Wenn die Herren sich setzen würden. Dieses Gespräch wird länger dauern."
Das Mittagessen in der Grossen Halle verlief bemerkenswert ruhig. Nicht mal die verfeindeten Häuser der Schlangen und der Löwen fielen durch Pöbeleien auf. Die wenigen Schüler aus Ravenclaw und Hufflepuff, welche heute Morgen den Tränkeprofessor vor dem Absturz bewahrten hatten, blickten auffallend oft zu dem leeren Platz am Lehrertisch, an dem normalerweise Snape sass. Dumbledore schob missmutig sein Essen im Teller herum. Es war ja schon vieles passiert in Hogwarts, aber das Schüler einen Lehrer nachhaltig verletzten noch nie. Als nun Sybill Trelawney ihm auch noch anbot aus den Teeblättern die Heilungsaussichten von Snape zu deuten, verging dem Schulleiter die Lust zu speisen ganz. Er schob seinen Teller beiseite, entschuldigte sich und verliess die Halle ohne ein weiteres Wort.
Während er die Treppen hochstieg, überlegte er sich verschiedene Dinge, wie man für den Verletzen das Leben leichter machen könnte. Es gab da einige nützliche Hilfsmittel, um Blinden zu helfen. Selbst einen Umbau der Räume schloss er nicht aus.
Als Dumbledore aber die Türe zum Krankenflügel aufstiess, glaubte er im ersten Moment, er habe sich im Stockwerk geirrt. Es klang, als wäre er im Schulzimmer unten in den Kerkern gelandet. Gerade klirrte und schepperte es.
„Lass die Finger davon und scher dich zurück an deinen Platz!", polterte Professor Snape.
Ein Schüler mit bandagiertem Arm huschte verstört quer durch den Saal.
Madame Pomfrey indes schimpfte ebenfalls: „Professor Snape, das war einer meiner anderen Patienten. Er wollte Ihnen helfen, konnte aber auch nichts dafür, das der Teller zu Boden ging. Also mässigen Sie etwas Ihren Ton."
Dumbledore war kurz zu dem verunsicherten Schüler gegangen und hatte ihm beruhigend auf die Schulter geklopft. In der Ecke des Saales, bei den Betten nahe des Büros der Schwester, wurde mit „Ratzeputz" und „Reparo" offensichtlich für Ordnung gesorgt. Doch dann gab es offensichtlich von neuem Grund um sich zu ärgern.
„Lassen Sie, lassen Sie! Ich kann alleine stehen", brummte Snape ungehalten.
Neugierig schritt Dumbledore in Richtung der Stimmen hinter den Paravents. Dem Inhalt des folgenden Gesprächs zu entnehmen, war die Krankenschwester dabei eine Ganzwäsche vorzubereiten. Severus schien Mühe zu haben dies zu akzeptieren.
„Danke, das Sie mir gezeigt haben, wo das Waschbecken steht. Aber ausziehen kann ich mich alleine und wofür ein Waschlappen ist, weiss ich auch", fauchte er wütend.
„Kann ich vielleicht etwas helfen?", fragte Albus zu Poppy gewandt, da er dachte, Severus habe ein Problem, weil eine Frau ihm bei der Körperpflege helfen wollte.
„Nein!", brüllte Snape jedoch und sprang so heftig vom Bett auf, dass er beinahe den Hocker mit der Waschschüssel umstiess. „Ich brauche keine Hilfe! Hört auf, mich in Watte zu packen. Ich bin nicht aus Porzellan." Beim letzten Satz schwang ein leises Schluchzen mit in seiner Stimme, was zeigte, dass der Zorn zum Teil nur als Schutzwall diente.
Albus und Poppy sahen sich kurz an und schafften dann rasch alle Hindernisse aus dem Weg, um dem frustrierten Patienten Raum zu geben.
„Ich möchte ... Ich kann ... Ich will hier raus! Ich will hier raus!" Snape rannte nach dieser Ankündigung aber nicht aus dem Saal, sondern wischte sich über die Augen, über sein Gesicht und raufte sich die langen Haare. „Lasst mich raus."
Poppy seufzte angesichts der Verzweiflung, die nun deutlich in Severus Gesicht zu erkennen war. „Er hat sich die meiste Zeit hinter seiner Maske der Unnahbarkeit oder hinter Gleichgültigkeit versteckt", flüsterte sie dem Schulleiter zu. Beide standen einige Schritte von Snape entfernt, sodass er die leisen Worte nicht mitbekam.
„Dass er aber schwer mit seiner Hilflosigkeit zu kämpfen hat und die Ungewissheit kaum erträgt. Diese Gefühle brechen immer mehr durch und je länger er warten muss, desto schlimmer wird es werden", informierte Madame Pomfrey weiter.
Professor Dumbledore verstand den Wink mit dem Zaunpfahl und machte sich umgehend auf den Weg ins St. Mungos. Die Wartezeit auf den angekündigten Heiler, der irgendwann abends nach acht Uhr kommen sollte, war augenscheinlich zu lange.
Der Krankenschwester gelang es mit viel Fingerspitzengefühl, ihren Patienten so weit zu beruhigen, dass er sich doch beim Waschen etwas helfen liess. Sei es nur ein paar erbetene Handreichungen und einige hilfreiche Hinweise.
„Ihr liebt Spiel und Spass, könnt von Scherzen nie genug bekommen. Doch habt ihr euch jemals gefragt, wie es ist, wenn man durch einen Scherz einen unwiderruflichen Gesundheitsschaden davonträgt? Wenn man nie wieder lachen und glücklich sein kann, weil man fürimmer blind ist? Oder nie wieder schmecken kann, was man gerade isst?"
Die harten Worte von McGonagall noch in den Ohren sassen die Zwillinge beim verspäteten Mittagessen.
„Es kann sein, dass ihr jemanden die Lebensfreude raubt, nur für eine Minute Spass. Ist euch ein Scherz so viel wert?"
Die Verwandlungslehrerin hatte recht, es gab für alles Grenzen, auch für Scherze und Vergnügen. Dass sie diese Grenze überschritten hatten, zeigte auch die Reaktion ihrer Mitschüler. Die Blicke und das Getuschel war das eine, aber die Ablehnung vieler ihrer Scherzartikel war eine noch deutlichere Sprache. Ihre Produkte waren nicht mehr vertrauenswürdig, ja sie wurden von den Schülern plötzlich als gefährlich eingestuft.
Doch der sinkende Absatz war nicht die Hauptsorge der Weasley-Brüder. Sie fragten sich viel mehr, ob und wie sie ihr Verschulden je wieder gutmachen konnten.
Gemeinnützige Arbeit in einer sozialen Institution oder das Nähen einer kompletten Kollektion von Schlafanzügen ohne Magie und unter Aufsicht. Das waren die Optionen, welche die beiden Lehrer ihnen zur Wahl gestellt hatten. Zudem waren alle Freizeitaktivitäten ohne Ausnahme gestrichen. Wenn sie nicht im Unterricht waren oder Hausaufgaben schrieben, so hatten sie sich den Strafarbeiten zu widmen. Je nachdem, wie die Prognose für Verletzung von Professor Snape ausfiel, waren noch mit weiteren Konsequenzen zu rechnen. Wie Arthur und Molly Weasley auf die Nachricht von dem verursachten Unfall aufnahmen, war ungewiss. Bisher war noch kein Heuler in Hogwarts eingetroffen, doch das konnte sich jederzeit ändern. Oder ihre Eltern kamen persönlich vorbei, was wohl eher zu erwarten war. Bei solchen Aussichten würde wahrscheinlich selbst Voldemort den Rückzug antreten.
