Eine knappe Stunde später betrat Professor Dumbledore wieder den Krankensaal. Die beiden Männer in seiner Begleitung waren wohl jünger als der Schulleiter, wirkten aber in ihren grünen Heilerroben und ihrem selbstbewussten kompetenten Auftreten nicht weniger autoritär.

„Mr. Fontana, Chefheiler für Augenleiden, und Marco Rivalli, Spezialist in Unfallmedizin", stellte Albus die beiden Männer dem Patienten Severus und seiner Krankenschwester Poppy vor.

„Nach der Schilderung des Falles haben sich die Herren bereit erklärt, sofort mit mir zu kommen und wenn möglich zu helfen."

Die Heiler begrüssten die Anwesenden höflich und baten um solide Trennwände für den Bereich, in dem Snape lag.

„Damit das Gespräch mit dem Patienten und die allenfalls nötigen Untersuchungen in einer privaten Atmosphäre stattfinden können."

Kaum war der Wunsch erfüllt und das Einzelzimmer errichtet, fanden sich Madame Pomfrey und Dumbledore vor der Türe wieder. Die Krankenschwester war erst entrüstet, doch Snape ein wenig erleichtert. Es waren keine Personen mehr im Zimmer, die ihn persönlich kannten, und somit war der Drang, keine Schwäche zeigen zu dürfen, nicht mehr so gross.

Die präzisen Fragen nach dem Unfallhergang und auch nach allen seinen Beschwerden, die ihn seither quälten, waren frei von Wertung. Snape fiel es leicht darauf zu antworten. So gestand er auch sein Angst vor einer möglichen Rückenverletzung. Er sei doch gestürzt und später beim Versuch, in die Kerker zu laufen, seiner Meinung nach unkoordiniert herumgetorkelt.

„Darf ich Sie bitten, einmal aufzustehen?", fragte Rivalli freundlich. Snape nickte und erhob sich von seinem Lager. „Ganz locker bleiben", fuhr der Heiler fort. „Jetzt nehmen Sie meine Hände und folgen ganz langsam meiner Führung."

Severus spürte eine Berührung an seiner Hand und umfasste nervös die Finger des Mannes.

„Mister Snape ganz ruhig, Sie können nicht hinfallen. Mit meiner Hand zeige ich Ihnen die Richtung, in die Sie laufen sollen. Bitte nicht so verkrampft festhalten, sonst tun mir die Finger weh."

Snape hustete verlegen, er hatte gar nicht gemerkt, dass er sich so festkrallte. Tief durchatmend lockerte er den Griff und machte zaghafte ein paar Schritte. Der dicke Teppich unter seinen blossen Füssen fühlte sich angenehm warm an und da er mit den Zehen an kein Hindernis stiess, gewann der Patient mit jedem Schritt auch an Sicherheit.

„Jetzt ein Stück hier entlang bitte", bat Rivalli und Professor Snape fühlte einen leichten Zug der Hände in die gewünschte Richtung. So ging es etwa dreissig Schritte durch das Zimmer, immer wieder mit willkürlichen Richtungswechseln, die seine volle Konzentration erforderten. Einzig ein leises Rascheln der Kleidung verriet, dass der zweite Heiler stets dicht hinter dem Blinden herging und offensichtlich bereit war ihn aufzufangen, wenn er stolpern sollte. Jetzt waren sie wieder beim Bett angelangt, der Tränkemeister setzte sich hin und erwartete mit leichtem Bangen das Urteil der Mediziner.

„Wir haben Sie auf eine Rückenmarkverletzung oder andere Nervenschädigung im Bereich des Bewegungsapparates untersucht. Es sind keine Koordinationsstörungen erkennbar und auch die Nervenimpulse, die mein Kollege zeitgleich getestet hat, entsprechen absolut der Norm."

Diese erste Diagnose des Unfallexperten Rivalli war ungemein beruhigend. Der kranke Mann hatte eine Sorge weniger und erklärte sich für weitere körperliche Untersuchungen bereit.

In der Zeit, in welcher die beiden Heiler die Augen und auch den Kopf von Professor Snape gründlich untersuchten, tigerte Madame Pomfrey ungeduldig durch ihr Revier. Was machten die nur solange? Hatte sie etwas übersehen und gab es Verletzungen, die zusätzlich behandelt werden mussten? Geistesabwesend verteilte sie den Tee an die kranken Schüler im Saal und mahnte einen jungen Burschen aus Slytherin seine zerschrammten Beine zu schonen und liegen zu bleiben. Die Peitschende Weide hatte ihm das Seilhüpfen sehr übelgenommen.

Poppy fuhr überrascht herum, als die Türe zum Krankenflügel aufgestossen wurde und ein Kurier des St. Mungos eintrat.

„Ich soll hier ein speziell für Mister Snape verschriebenes Medikament und ein paar Kleidungsstücke abgeben", erklärte der Bote sein Auftauchen. „Können Sie mir sagen, wo ich Chefheiler Fontana und den erwähnten Patienten finde?"

„Wie wollen Sie denn wissen, was der Chefheiler benötigt, wenn dieser noch gar nicht von der Untersuchung aus dem Patientenzimmer zurückkam?", fragte Poppy verdutzt. Zeigte dem Kurier aber doch, wo sich die Gesuchten befanden.

Mister Rivalli öffnete auf das Klopfen die Türe und trat aus dem Zimmer. „Schön, hat die Bestellung per Patronus geklappt", sprach er und warf einen prüfenden Blick auf das Fläschchen mit dem Medikament. Auf den fragenden Blick von Madame Pomfrey, deutete der Heiler auf die geschlossen Türe des Zimmers. „Bitte keine Störungen jetzt. Mein Kollege wird gleich einige Heilzauber sprechen und der Patient sollte dabei völlig entspannt sein."

„Was haben die Untersuchungen denn ergeben? Wie es scheint, kann man doch etwas tun für den Professor, oder?" Poppy konnte ihre berufliche Neugierde nicht länger zügeln.

Da der Kurier aber noch danebenstand und auch interessiert guckte, schüttelte der angesprochne Heiler nur den Kopf. Schweigend übernahm er das Medikament und die bestellten Kleidungstücke und ging damit zum Büro der Krankenschwester. Der Kurier kehrte ins St. Mungos zurück und Madame Pomfrey folgte Rivalli notgedrungen ins Büro, dessen Türe sie hinter sich schloss.

Erst jetzt gab der Mediziner genauer Auskunft. „Folgendes ist für die Krankenakte des Professors und darf nur mit seiner Erlaubnis weitergegeben werden. Nach den verschiedenen Untersuchungen von Rückennerven, Hirnfunktionen und Netzhaut bei den Augen, ist Heiler Fontana dabei, die ersten Heilmassnahmen einzuleiten. Das Einzige, was wir nicht versprechen können, ist: Dass der Professor für immer blind bleiben wird. Es ist alles noch möglich. Er hat Chancen, dass es zu einer leichten Besserung kommt, eine teilweise Rückkehr der Sehfähigkeit, aber auch die völlige Heilung von der Verletzung ist nicht ausgeschlossen. Keinen voreiligen Jubel, auch nicht gegenüber dem Patienten", bremste der Sprecher, als er die strahlende Miene der Krankenschwester sah.

„Der Patient braucht alle vier Stunden diese speziell auf ihn abgestimmten Augentropfen. Zudem muss er ab sofort zwingend diese gepolsterte Augenbinde tragen. Sie darf nur abgenommen werden, wenn er die Augentropfen bekommt. Es muss sichergestellt sein, dass für die Dauer von zwei bis vier Wochen kein Licht die Augen aufs Neue reizt."

Um es medizinisch auch zu begründen fügte Rivalli an: „Die Sehnerven sind intakt und auch die Netzhaut ist durchblutet, somit sind die Voraussetzungen für eine mögliche Heilung vorhanden. Jetzt ist es an uns, dem Professor zu helfen seine Augen zu schützen, damit die lichtempfindliche Schicht der Netzhaut sich regenerieren kann. Also, den Raum abdunkeln wenn die Augentropfen verabreicht werden, und keine Augenuntersuchungen mit leuchtendem Zauberstab. Weitere unterstützende Massnahmen wären, Vitamin-A-reiche Kost, leichte Spaziergänge an der frischen Luft und Förderung der Selbständigkeit. Es wäre gut, wenn der Mann sich mit irgendetwas beschäftigen kann und nicht 24 Stunden am Tag im Zimmer herumsitzt."

Als Poppy davon hörte, dass Severus beschäftig werden sollte, war ihre Freude verflogen. Dies würde gewiss nicht einfach werden. Doch sie notierte alles, was der Heiler sagte, gewissenhaft in der Krankenakte des Tränkemeisters.

„Was ist mit der Kleidung, die Sie haben liefern lassen?", hakte sie nach. „Bleibt der Patient die ganze Zeit hier oder muss er zeitweise ins St. Mungos verlegt werden?"

Der Mediziner hatte sich auf die Kante des Schreibtisches gesetzt und erwiderte lächelnd: „Der Professor war nicht entzückt über unser Kompliment zu dem farbigen Schlafanzug, der gar nicht schlecht zu seinen schwarzen Haaren passt."

„Sie haben es ihm gesagt?", rief Poppy überrascht, musste aber dann auch lachen.

„Er hat es uns zuerst fast nicht geglaubt. ´Pink?DerganzeAnzug?´, hat er gerufen und uns dann gebeten ihn vor dieser schrecklichen Farbe zu befreien. Der neue hellbraune Hausanzug und das grüne Nachtgewand haben noch den Vorteil, dass sie für einen Sehbehinderten einfacher anzuziehen sind. Es hat keine Knöpfe, nur ein Gummizug bei den Hosen und die Oberteile haben einen magisch veränderten Reissverschluss. Dessen Enden muss man nur nahe zusammenhalten und schon übernimmt er das Schliessen von alleine. Jetzt noch zu Ihrer letzten Frage. Professor Snape möchte nicht ins St. Mungos. Er fühlt sich in vertrauter Umgebung, wo er sich auskennt, am wohlsten."

„Also möchte er zurück in seine vertrauten Räume im Kerkerbereich? Dahin wo er ganz alleine ist und kaum jemand vorbeikommt?" Madame Pomfrey war gar nicht begeistert, den blinden Mann ganz alleine in die Kerker hinunterzulassen.

„Nein. Der Professor ist über die Diagnose, über die möglichen Heilungschancen, aber auch über die Behandlung vollumfänglich informiert", unterbrach jetzt Chefheiler Fontana von der Türe her. „Ich bin mit der Heilbehandlung fertig und soll Ihnen ausrichten, Professor Snape möchte mit der Krankenschwester sprechen."

Madame Pomfrey nahm die Augentropfen und die gepolsterte Binde gleich mit, als sie zu dem Tränkemeister ins Zimmer ging. Der Mann lag mit geschlossenen Augen in dem bereits abgedunkelten Raum. Das kantige altertümliche Bettgestell aus Metall war durch ein gepolstertes Holzbett ersetzt worden, damit man sich als Sehbehinderter nirgends mehr wehtun konnte. Auffallend war die Ruhe, welche von dem sonst so angespannt wirkenden Professor ausging.

„Poppy, ich habe eine Bitte", begann Severus leise zu sprechen. „Ich möchte zumindest noch heute Nacht hier im Krankenflügel bleiben. Nach der Behandlung der Heiler sind die ständigen Schmerzen endlich verschwunden. Doch die Nebenwirkungen machen mich sehr matt und auch etwas schwindelig. Deswegen wäre ich froh, wenn in der Nacht ein oder zweimal jemand nach mir schauen könnte. Falls ich auf die Toilette muss oder sonst etwas ist."

Perplex schaute die Schwester zu Severus, der sie jetzt ausdrücklich um betreuende Hilfe bat, wo er sonst immer zu allen Distanz wahren wollte. Sein Wunsch war sehr gut erfüllbar, denn sie musste ihm ohnehin zweimal pro Nacht die Augentropfen verabreichen, um den Vier-Stunden-Rhythmus einzuhalten.

„Poppy, sind Sie noch da?", fragte Snape unsicher, da sie so lange schwieg.

„Ja, ja natürlich", beeilte sich Madame Pomfrey zu versichern. „Möchten Sie den neuen Pyjama aus dem St. Mungos anziehen?"

„Wenn Sie mir dabei helfen, ja. Ich traue mich kaum alleine an den Bettrand zu setzen, geschweige denn aufzustehen. Mein Kopf ist so benebelt und das Pulsieren bei den Augen ist auch seltsam."

„Das kommt von den starken Heilzauber. Sie spüren die Wirkung so deutlich, da der Kopfbereich mit den vielen Nerven sehr sensibel darauf reagiert", erklärte Fontana ruhig.

Mit Hilfe des Heilers und der Krankenschwester gelang der Kleiderwechsel reibungslos. Sobald Severus sich wieder hingelegt hatte, erhielt er die erste Dosis der Tropfen und die Augen wurden sorgsam mit der Binde abgedeckt.

„Ruhen Sie sich aus Mister Snape. Die Wirkung der Heilzauber wird noch einige Stunden anhalten", sprach Rivalli. „Einer von uns beiden wird morgen Abend noch mal vorbeischauen und die Behandlung wiederholen."

Wie sich die Heiler verabschiedeten, bekam Severus gar nicht mehr richtig mit. Er war bereits in einen erholsamen Dämmerschlaf gesunken.

Die Krankenschwester zog ihm die Bettdecke noch etwas höher und verliess nun ebenfalls das Zimmer, um den pinkfarbenen Schlafanzug zu entsorgen.

Sie kam aber noch nicht mal bis zur Einganstüre des Saales, als diese aufgestossen wurde und Professor Dumbledore eintrat. „Ich sah eben die Heiler das Schloss verlassen. Weiss man schon, wie es Severus ...?", kam der Schulleiter gleich zur Sache.

Poppy stöhnte auf. „Nein Albus! Es gibt keine privaten Details. Die von den Heilern verhängte Schweigepflicht gilt auch dir gegenüber. Was Professor Snape für Chancen hat, auch die Behandlung und Prognose, ist alles Severus Privatsache. Er bestimmt, wer was von ihm wissen darf. Und nein, du kannst ihn jetzt nicht besuchen. Er schläft und braucht diese Ruhe auch dringend."

Albus hatte den Mund wieder geschlossen und überrumpelt zugehört. „Er schläft", wiederholte er, nachdem Poppy ihren Vortrag beendet hatte. „Sag ihm einen lieben Gruss von mir, sobald er wieder wach wird. Wenn Severus oder auch du Poppy, irgendetwas braucht, dann meldet euch."

„Ja natürlich, mach ich", versprach Poppy und begleitete den besorgten Schulleiter vor die Türe.