Kapitel 2
Gemeinsam liefen sie wieder eine ganze Zeitlang herum. Von ihren Digimon hatten sie auf dem Weg erfahren, dass Shellmon von einem schwarzen Zahnrad böse gemacht wurde, und dass Sora und Matt dazu auserwählt waren, gemeinsam mit ihren Digimon Devimon, die Ursache der schwarzen Zahnräder zu finden und zu bekämpfen. Um das zu schaffen, wäre es allerdings sehr praktisch, wenn Biyomon und Gabumon auf noch höhere Level digitieren könnten, doch dazu bräuchten sie Amulette und die passenden Wappen, um so eine Digitation möglich zu machen.
„Und wo sollen wir diese komischen Wappen finden?" fragte Matt genervt. „Ich hab keine Lust darauf!"
„Die Wappen lassen sich mit euren DigiVices orten, wir müssen nur nahe genug an sie herankommen, dann können wir sie leicht finden!" erklärte Gabumon und ignorierte Matts schlechte Laune.
„Und unterwegs werden wir ständig von solchen ekligen Monstern angegriffen wie Shellmon?" fragte Sora und konnte eine leichte Panik in ihrer Stimme nicht unterdrücken.
„Das wird sich nicht vermeiden lassen…" gab Biyomon zu. „Aber du hast doch mich, ich beschütze dich!"
„Danke, Biyomon!" lächelte Sora es an. Langsam fing sie an, Gefallen an dem niedlichen, rosa Vogel zu finden. Gemeinsam scherzten sie den ganzen Weg lang herum.
„Es wird schon wieder dunkel, sollen wir einen Platz zum Schlafen finden?" fragte Matt. Inzwischen waren sie am Fuße eines Berges angekommen und Matt entdeckte eine kleine Höhle, die genug Platz für sie bot.
„Okay!" rief Sora und folgte ihm in die Höhle. Matt sammelte einige Zweige und Blätter zusammen, die Gabumon mit einem kleinen Feuerstrahl anzündete.
„Wie praktisch", sagte Sora bewundernd und setzte sich ganz nah an das Feuer.
„Schade nur, dass das den Boden auch nicht weicher macht…" bemerkte Matt sichtlich genervt.
„Was ist denn los? Du bist schon den ganzen Weg nur am schimpfen!" sagte Sora.
„Ich schimpfe überhaupt nicht, ich sage nur, wie es ist!" fuhr Matt sie an. Sora schrak etwas zurück und fühlte sich plötzlich sehr dumm. Es war ja klar, dass sie Matt irgendwann auf die Nerven gehen würde. Deprimiert legte sie sich zusammengekauert auf den Boden.
„Matt, bist du vielleicht einfach nur hungrig?" fragte Gabumon.
„Nein, ich habe nur nichts gefrühstückt, nichts zu Mittag gegessen und jetzt ist es schon Abend!" schimpfte Matt weiter.
„Gib Biyomon und mir ein paar Minuten, dann finden wir schon etwas Essbares!" rief Gabumon und lief mit Biyomon im Schlepptau aus der Höhle.
Zum ersten Mal, seit sie hier in der Digiwelt waren, war Sora jetzt mit Matt alleine. Unbehaglich zumute rollte sie sich noch mehr zusammen.
„Tut mir leid, dass ich dich so angefahren habe, ich bin nur so schrecklich hungrig…" entschuldigte sich Matt nach einer Weile bei ihr.
„Ist schon okay", sagte Sora leise. Ich will doch nur nicht nerven, dachte sie sich dazu.
Eine Weile war es still, man hörte nur das Flackern des Feuers.
„Sag mal", unterbrach Matt die Stille gerade, als sie unangenehm wurde, „hast du eigentlich einen Freund?"
„Nein, hab ich nicht, hast du eine Freundin?"
„Nein."
Aus irgendeinem Grund erleichterte Sora diese Antwort ungemein.
Wieder breitete sich eine unangenehme Stille aus. Sora hätte sie gerne unterbrochen, doch ihr fielen nur total bescheuerte Themen ein. Zum Glück kamen Biyomon und Gabumon zurück.
„Endlich!" rief Matt und stürzte sich auf die Äpfel und Beeren, die Biyomon und Gabumon mitgebracht haben. Zögernd griff auch Sora zu.
Nachdem sie sich einigermaßen satt gegessen hatten, legten sie sich schlafen. Zumindest so gut es ging, denn der harte Höhlenboden war alles andere als bequem.
„Morgen suchen wir uns etwas anderes zum Schlafen!" sagte Sora, die nach einer ganzen Weile immer noch nicht schlafen konnte, doch außer dem knisternden Feuer, das langsam ausging, bekam sie keine Antwort. Scheinbar schliefen Matt, Gabumon und Biyomon schon. Frustriert darüber, dass sie als Einzige nicht einschlafen konnte, setzte sie sich auf und sah zu Biyomon und Gabumon herüber. Die beiden lagen in einer Ecke der Höhle, eng aneinander gekuschelt.
Das ist jetzt bestimmt viel bequemer, dachte Sora und sah sehnsüchtig zu Matt, seinen Armen und seinem Brustkorb. Wie gerne würde sie sich jetzt darauf ankuscheln und es sich bequem machen…
Immer noch nicht weniger frustriert legte sie sich wieder hin.
Ach, was soll's, wenn er sich morgen darüber wundert, sagt sie einfach, sie hätte geschlafwandelt!
Leise erhob sich Sora auf alle Viere und krabbelte um das Feuer herum zu Matt. Da angekommen, hob sie vorsichtig seinen Arm hoch, kroch darunter und legte ihn über sich ab. Einen Moment hielt sie inne, als sie sich vergewissert hatte, dass er immer noch schlief, legte sie ihren Kopf auf seiner Brust ab.
So lässt es sich bis morgen früh aushalten, dachte Sora, lächelte verschmitzt und schlief glücklich ein.
Matt blinzelte ins helle Licht, das durch den Höhleneingang schien. Er hatte einen sehr schönen Traum gehabt, von Sora und ihm, und bei ihm Zuhause –
Plötzlich fiel ihm auf, dass er etwas im Arm hielt. Erschrocken hob er seinen Arm und entdeckte Sora, die in Löffelchenstellung an ihn gekuschelt schlief.
Matt starrte verdutzt ihren Hinterkopf an. Hatte er sich im Schlaf zu ihr gelegt? Auf welcher Seite des Feuers hatte er sich gestern schlafen gelegt? Hatte er sich irgendwann schlaftrunken zu ihr gelegt und sie in den Arm genommen? Hatte sie das etwa mitgekriegt?
Oh nein oh nein oh nein, hoffentlich hatte sie es noch nicht bemerkt, dass sie so dalagen, und hoffentlich hatte sie seine Morgenlatte nicht bemerkt, betete Matt inständig und schob sich so vorsichtig wie er nur konnte von ihr weg.
„Aaaargh!" stieß er aus, und verkrampft setzte er sich auf. Durch den harten Höhlenboden schmerzte sein gesamter Körper. Nächste Nacht mussten sie unbedingt etwas Bequemeres finden!
Immer noch etwas mulmig zumute bereitete er das Frühstück vor, das aus den Resten der Beeren und dem Obst von Gabumon und Biyomon bestand. Hoffentlich hatte sie nicht bemerkt, wie sie dagelegen hatten, was würde sie nur von ihm halten?
Sora wachte am selben Morgen zufrieden auf, denn sie hatte sehr bequem gelegen. Nun war es an der Zeit, sich diskret von Matt wegzuschleichen, bevor er feststellen konnte, dass sie sich zum ihm gelegt hatte.
In dem Moment bemerkte sie, dass sie alleine auf dem Boden lag.
Erschrocken setzte sie sich auf und suchte die Höhle nach Matt ab. Ist er vor ihr aufgewacht und hat es bemerkt? Wie peinlich…
Sie entdeckte ihn, über das Obst von gestern gebeugt.
„Guten Morgen!" murmelte sie verlegen. Matt drehte sich um, sah sie an und drehte sich sofort wieder weg. „Guten Morgen", antwortete er mehr dem Obst, das er nun sorgfältig eingepackt in seinen Rucksack steckte, als ihr. Sora sah, wie er errötete. Na toll, er hat es gemerkt und es war ihm total peinlich! Sie könnte sterben! Warum tat sie nur immer so blöde Sachen?
„Matt?" fragte sie schüchtern. „Was machen wir heute?" Eigentlich fragte sie das nur, um irgendetwas sagen zu können.
„Ich würde gerne einen Platz finden, wo man eine gute Sicht auf die Umgebung hat, damit wir uns ein bisschen orientieren können, was hältst du davon?"
„Müssen wir dazu auf den Berg klettern?" fragte Sora. Was für eine blöde Frage.
„Ja, natürlich", lachte Matt und warf sich den Rucksack über den Rücken. „Los, gehen wir!"
