Kapitel 3
„Wie weit noch?", jammerte Sora und ließ sich erschöpft auf einem Felsen nieder.
„Wir sind doch eben erst losgelaufen!" rief Matt, der schon ein paar Meter weiter war, ihr zu.
„Das stimmt nicht! Wir laufen bestimmt schon seit einer Viertelstunde!"
„Komm schon, noch bis zu dem großen Vorsprung dort, dann machen wir eine Pause!" sagte Matt und ging weiter.
Grummelnd stand Sora auf und schleppte sich weiter. Biyomon flatterte neben ihr her.
„Tröste dich, du hast wenigstens Schuhe an und ganz lange Beine, mit denen du große Schritte machen kannst!"
Sora sah es düster an. „Und das sagst du mir, während du fliegst?"
„Ups, guter Einwand", bemerkte Biyomon und landete schnell auf dem Boden, wo es zu Fuß weiter ging.
„Siehst du? Jetzt krieg ich gleich wieder lauter Steinchen in die Füße!"
„Dann flieg doch einfach wieder, ich komm schon zurecht!"
„Danke, Sora!" sagte Biyomon und erhob sich erleichtert wieder in die Luft.
Weiter vorne ist Matt über einen großen, entwurzelten Baum geklettert, der scheinbar schon seit einiger Zeit dalag, denn das Holz war morsch.
Sora blieb verdutzt davor stehen, während Gabumon hinterher kletterte und Biyomon einfach drüber flog.
„Und wie soll ich da rüber kommen?" schrie ihnen Sora entsetzt nach.
„Einfach klettern!" rief Matt und blieb stehen.
Sora sah den Stamm beleidigt an. Er sah aus, als würde ihr das Holz direkt unter den Füßen abbröckeln, und dann würde sie abrutschen und sich furchtbar wehtun. Und Matt sah auch noch zu…
„Los, so schlimm ist das nicht, einfach drüber klettern!" sagte Matt und lief zu ihr zurück.
„Ja, ja!"
Eilig griff sie nach dem morschen Holz und stieg hinauf. Die Wurzeln standen wirklich in alle Richtungen ab und sie sah es schon kommen, dass sie mit dem Fuß an einer festhängen und stolpern würde. Konzentriert griff sie nach jeder Wurzel und hielt sich an ihnen fest, während ihre Füße freie Plätze zum daraufstellen suchten. Plötzlich griff Matt nach ihrer Hand und hielt sie ganz fest.
Sora kletterte weiter und staunte nicht schlecht, als sie sich unversehrt auf der anderen Seite fand.
„Na siehst du, war doch nicht schwer!" lobten sie die anderen.
„Und da vorne ist auch schon eine flache Stelle, die, die ich vorhin gemeint habe", sagte Matt, als sie weitergingen, und zeigte auf einen großen Bergabschnitt, der nur aus Wiese bestand. „Da können wir uns ein bisschen hinsetzen. Und vielleicht finden wir etwas zu essen!"
Plötzlich fiel Sora auf, dass er ihre Hand immer noch hielt. Wieso hielt er noch ihre Hand, obwohl sie schon längst über den entwurzelten Baum geklettert war?
Nicht, dass sie etwas dagegen hatte.
Aber warum hielt er ihre Hand immer noch?
Sie waren auf der Wiese angekommen und Matt sah sich um. „Ich würde sagen, wir klettern noch bis zur Hälfte von dem Berg, dann suchen wir uns einen Platz zum Schlafen. Ich glaube, da oben ist eine Höhle…" er kniff die Augen zusammen, als er versuchte, die Höhle zu erkennen.
Biyomon und Gabumon liefen auf die Bäume zu und begannen, Früchte zu sammeln.
„Aber ich möchte nicht schon wieder in einer Höhle schlafen, das ist so unbequem!" sagte sie. Matt warf ihr einen Blick zu, und sofort bereute sie ihre Worte. Okay, in Wirklichkeit hatte sie bequem geschlafen, aber noch einmal wollte sie sich so eine Aktion nicht erlauben.
„Wir haben was zu essen!" riefen Biyomon und Gabumon und hielten ihnen einige Äpfel entgegen.
Matt ließ Soras Hand los, um nach dem Apfel zu greifen.
„Danke sehr!" sagte er und biss in einen hinein.
Was hatte es zu bedeuten, dass er ihre Hand so lange gehalten hat? Er machte doch sonst keine Anstalten darüber, an ihr interessiert zu sein. Sora seufzte traurig. Sicher hatte er ihre Hand nur gehalten, um sicherzugehen, dass sie auch nach dem morschen Baum über nichts mehr stolpern konnte. Vielleicht machte sie sich auch zu viele Gedanken, vielleicht war das eben doch ein kleines Zeichen seinerseits; vielleicht fand er sie doch gar nicht so uninteressant! Ihre Laune hob sich ein wenig.
Sora nahm den Apfel, den Biyomon ihr entgegenstreckte, mit ihrer kribbelnden Hand, die Matt losgelassen hatte und ließ sich auf dem Boden nieder. Matt setzte sich ihr gegenüber und aß seinen Apfel auf.
„So sportliche Sachen traust du dir nicht so wirklich zu, oder?" fragte er sie kauend. Sora wurde rot und sah auf ihren Apfel. Sie merkte, dass Matt sie beobachtete.
„Dabei weiß ich doch, dass du sehr sportlich bist. Was hast du denn noch so für Hobbies?"
Er interessiert sich für ihre Hobbies! Sora sah ihn vergnügt an. „Ich schreibe sehr gerne. Ich möchte mal Autorin werden. Ein paar Ideen für gute Bücher hab ich schon!"
Matt lachte laut. „Ja, und ich hab noch eine interessante Geschichte für dich, aus der könnte man eine Serie machen!"
Sora lachte mit. „Ach was, die DigiWelt klingt doch schon sehr weit hergeholt! Und was hast du für Hobbies?"
„Ich spiele Gitarre in einer Band und fahre gerne Motorrad!" sagte er beiläufig, als wäre das nichts Besonderes.
Sora starrte ihn an. Je mehr sie ihn kennenlernte, desto attraktiver und gleichzeitig unnahbarer wurde er für sie. Wieder wurde ihr bewusst: Wer in einer Band spielt und ein Motorrad hat, dem müssen die Mädchen doch in Scharen hinterher laufen! Ihre Chancen waren gleich null.
Es waren nur noch ein paar Meter bis zur Höhle, und Matt fühlte die Erschöpfung in sich aufsteigen bei dem Gedanken, sich flach auf dem Boden ausbreiten zu können. Er stieg über einige Felsen. Kurz vor der Höhle hörte er ein Rumpeln und einen Aufschrei hinter sich. Er drehte sich erschrocken um.
Sora lag wimmernd hinter dem Felsen, über den er eben geklettert ist, und er rannte hastig zu ihr.
„Was ist passiert?"
„Sie ist gestolpert und gefallen!" jammerte Biyomon, während es vergebens versuchte, Sora aufzuhelfen. Sora jammerte laut vor sich hin.
„Hast du dir wehgetan?" fragte Matt, griff sie unter den Armen und hatte sie mit einem mühelosen Ruck aufgesetzt. Ihre Knie waren blutig aufgeschrammt.
„Du hast doch sicher Pflaster in deiner Tasche?" Unter Soras Klagen kramte er in ihrer Tasche nach Pflastern und einem Taschentuch und tupfte vorsichtig die Wunde ab.
Soras Jammern verebbte, während Matt weiter so sanft er nur konnte tupfte, obwohl es schon nichts mehr zu Tupfen gab. Sie hat schöne Beine. Hoffentlich verheilten die Wunden, die diesen schönen Anblick störten, bald wieder, dachte Matt und strich gedankenverloren sachte um die Wunde. Er beugte sich vor und berührte ihre Knie vorsichtig mit den Lippen, bevor er ein Pflaster darauf klebte. Er blickte zu ihr hoch. Sie sah ihm nicht in die Augen und er merkte, dass sie ein wenig rosa im Gesicht geworden ist.
„Tut es noch weh?" fragte er und suchte ihren Blick, doch sie blickte knapp unter seinen Augen vorbei.
„Nein, es ist schon viel besser, danke sehr!"
Matt zögerte kurz. Sie wich seinem Blick aus? War es ihr unangenehm, dass er ihr Knie geküsst hatte oder war sie tatsächlich verlegen? Er stand auf und zog sie hoch.
In der kleinen Höhle angekommen, ließ Matt sich erschöpft auf dem angenehm kühlen Boden fallen.
„Ich hatte eigentlich vor, heute Nacht etwas bequemer zu schlafen", meldete Matt, der Soras genervten Gesichtsausdruck bemerkt hatte, und massierte sich den Nacken, der von der letzten Nacht immer noch sehr verspannt war.
„Ich auch", stimmte Sora ihm zu und massierte ihrerseits die schmerzenden Knie. „Dreh dich mal um, damit ich die verschwitzten Sachen ausziehen kann!" befahl sie.
Matt drehte sich gehorsam um. Hinter sich hörte er das Rascheln von Soras T-Shirt und wie sie in ihrer Tasche nach einem Frischen suchte. Er warf Gabumon einen Blick zu, der ihm frech zuzwinkerte. Vorsichtig schielte er hinter sich, drehte sich aber nach einem „Hey!" von Sora rasch wieder um.
Als er sich wieder umdrehen durfte, lag Sora bereits ausgestreckt neben dem Feuer, das Gabumon für sie gemacht hat und hatte nur ein T-Shirt und Unterhosen an.
Matt dachte an ihr Klagen über den harten Höhlenboden und an seinen versteiften Nacken - als Gentleman sollte er eigentlich dafür sorgen, dass das Mädchen es bequem hat.
„Warte!" sagte er und lief zu seiner Tasche. Sora sah ihm neugierig zu, wie er einige Kleidungsstücke aus seinem Rucksack zog, sie neben ihr auf dem Boden ausbreitete und ihr mit einer Handbewegung bedeutete, sich darauf zu legen. Sora warf ihm einen Blick zu.
„Dann liegst du wenigstens ein bisschen weich!" erklärte Matt verlegen.
Sie krabbelte auf allen Vieren zu dem vorbereiteten Bett und streckte sich bäuchlings darauf aus.
„Ist das bequem?"
„Ja, ich denke, so kann ich schlafen, ohne morgen zu weinen, Dankeschön!" lachte Sora. „Was ist mit dir? Hast du noch etwas, worauf du dich legen kannst?"
„Nein, ich komme schon zurecht!" Matts Blick fiel auf ihren Hintern. Warum hat sie nur noch ihre Unterhose an? Matts Hand zuckte etwas in ihre Richtung. Nein!
„Also, gute Nacht!" zwang er heraus und stand auf, ließ sich auf der anderen Seite des Feuers nieder und versuchte, einzuschlafen.
Sora blinzelte. Matt beugte sich tief über sie, seine Arme rechts und links neben ihrem Kopf abgestützt, sein Gesicht ganz nah an ihrem.
„Was machst du?" fragte sie benommen, es fiel ihr schwer, die Augen offen zu halten, geschweige denn sich zu bewegen.
Matt drückte wortlos seine Lippen auf ihre. Sora ließ ihre Augen zufallen, sein Kuss war warm und beruhigend.
Nach einigen Sekunden löste sich Matt von ihr und legte seine Hand über ihre Stirn und Augen.
„Schlaf weiter!" hörte sie ihn flüstern.
Als sie die Augen wieder öffnete, war es bereits hell. Abrupt setzte sie sich auf und sah Matt am Eingang der Höhle seine Sachen in den Rucksack packen. Sora starrte ihn an. War das wirklich passiert? Hatte Matt sie wirklich geküsst? Oder hat sie das nur geträumt?
Matt drehte sich um und sah, dass Sora wach war.
„Guten Morgen, hast du gut geschlafen? Was hast du denn? Warum schaust du mich so an?"
Sora starrte ihn weiter an. Wenn das nur ein Traum war, dann ein sehr schöner, denn sie hatte sich absolut wohl und entspannt gefühlt. Der Kuss, und seine Hand auf ihren Augen waren so beruhigend, ob sich seine Lippen wirklich so anfühlten? Der Traum kam ihr so real vor!
„Was ist los? Du guckst mich so böse an!"
Wenn er sie heute Nacht wirklich geküsst hätte, würde er es sich doch anmerken lassen, dachte Sora und musterte ihn weiter kritisch. Warum sollte er so tun, als wäre nichts passiert?
