Eine Gestalt wankte durch die Nacht. Ihre Umrisse waren kaum auszumachen, da keine Straßenlaterne brannte und auch der Weihnachtsschmuck bereits abgedreht worden war. Doch auch ohne Licht setzte der Einsame seine Schritte sicher und ging geradewegs auf eines der schmalen Häuser zu.

Als der Rotschopf schließlich direkt vor der Türe stand, zog er lustlos einen Stab aus seiner Tasche hervor und richtete ihn auf das Schloss, welches noch im selben Moment leise klickte und die Türe ein kleines Stück aufspringen ließ.

Er schlurfte hinein und verstaute während dem gehen den Stab wieder sicher in seiner Tasche. Der junge Mann platzierte seine Schritte beinahe vollkommen lautlos. Auch als er über die alte Treppe ein Stockwerk weiter hinaufging, konnte man kaum einen Laut vernehmen, der einem sagte, dass er wieder zurück war.

Oben angekommen öffnete er die Türe zu seinem Zimmer, dieses Mal benötigte er dazu jedoch nicht seinen Zauberstab.

Auch in diesem, seinem Raum brannte kein Licht, doch abermals wusste er, wohin er seine Füße setzen musste, um an sein Ziel zu kommen.

Schlussendlich setzte er sich auf seine Bettkante, stützte seine Ellbogen auf die Knie und verbarg sein Gesicht in seinen Händen.

Er fühlte sich kraftlos, ausgelaugt, wie nach einer endlosen Marter. Doch er wäre froh gewesen, wenn bloß dieses Gefühl ihn beherrscht hätte, denn auch eine unendliche Leere war in ihm, und ein Teil seiner Seele schien wie erfroren. Er spürte ihn einfach nicht mehr. Auch schien es ihm, als würde an seiner Seite beständig ein eiskalter Wind wehen, der in der Vergangenheit nicht zu spüren gewesen war, da immer ein anderer schützend bei ihm gewesen war.

Tränen bahnten sich ihren Weg und rannen langsam über seine Wangen hinab, bis sie sich dort nicht mehr halten konnten und in seine Handflächen fielen. Seine Haare hingen in einem dichten Vorhang über sein Gesicht, und dies war auch gut so. Er wollte nicht, dass auch nur irgendjemand sein Gesicht so sehen konnte.

Hätte er behauptet, er wollte alleine sein, so wäre das gelogen gewesen, denn er wünschte sich eigentlich nichts sehnlicher als diesen einen Menschen wieder bei sich zu haben. Alle anderen konnten von ihm aus bleiben, wo sie wollten. Ihn interessierte nur sein verloren gegangenes Pendant. Schatten und Spiegelbild, nun für immer verloren.

Plötzlich vernahm er ein leises Klicken, kaum hörbar. Doch da er sich nicht rührte, und auch seine Tränen ihren Weg lautlos gingen, konnte er den Laut gerade noch erhaschen. Auf das Klicken folgte das Geräusch von umsichtig gesetzten Schritten, zögerlichen Bewegungen. Die Türe wurde wieder geschlossen, und dann bewegten sich zwei Personen über die Treppe hinauf, noch immer darauf bedacht, sich, wenn möglich, nicht zu verraten.

Es klopfte. Der erste, mit Bedacht gesetzte Laut der Besucher.

„George?"

Die Stimme seines jüngeren Bruders drang klar und deutlich zu dem am Bett sitzenden durch, auch wenn er nur noch ein sichtbares Ohr hatte mit dem er sie wahrnehmen konnte.

Er wusste, dass dort draußen zwei seiner Verwandten standen. Der eine musste Ron sein, der jüngere Bruder. Wer der andere war, wusste George noch nicht.

Was er aber wusste, war, dass die beiden dort draußen auf eine Antwort von ihm warteten. Doch trotzdem gab er keinen Laut von sich, sondern blieb reglos sitzen, noch immer stumme Tränen weinend.

Doch seine Verwandtschaft ließ nicht locker, und so klopfte es bald wieder an die hölzerne Türe. Nun etwas energischer.

„George, wir kommen jetzt rein!", kündigte sich der zweite Gast an. An der Stimme konnte George eindeutig erkennen, dass es sich um Percy handelte.

Die beiden kamen herein, und mit ihnen auch ein Lichtstrahl. Allem Anschein nach hatten sie auf ihrem Weg sämtliche Lichter eingeschaltet, die sie gefunden hatten. Sie wagten es jedoch nicht, auch in dem Zimmer ihres trauernden Bruders ein Licht anzumachen. Stattdessen ließen sie die Türe einfach einen spaltbreit offen stehen und suchten sich zaghaft und übervorsichtig ihren Weg zum Bett.

George spürte wie sich zuerst einer an seine rechte Seite setzte, dann einer auf die Linke. Doch obwohl nun gleich zwei Brüder von ihm an seiner Seite saßen, griff ihn der eisige Wind immer noch von allen Seiten an und ließ seinen Körper zunehmend erkalten.

„George…", vernahm er Ron von seiner Rechten. Er wusste nicht was sein Bruder ihm sagen wollte, und anscheinend wusste auch er selbst in diesem Moment nicht weiter und verfiel wieder in Schweigen.

Durch die wieder über ihnen liegende Stille konnten sie klar und deutlich hören, wie Percy nach einigen Minuten tief Luft holte um das Wort zu ergreifen.

„Du warst am Friedhof, nicht wahr, George?", fragte er leicht nervös, wie man an seiner dezent zitternden Stimme hören konnte.

Friedhof…

George hasste dieses Wort. Er konnte höchstens sagen, er war bei seinem Zwillingsbruder zu Besuch gewesen. Aber Fred war nicht auf dem Friedhof… Auch wenn seine sterblichen Überreste dort vielleicht lagerten, so war sein Geist nie und nimmer dort. Fred und George selbst waren sich immer einig gewesen, dass sie Friedhöfe hassten. Es waren traurige Orte. Jene Art von Trauer, welche die beiden nur schwer ertragen konnten.

Aber wenn sie schon zusammen kaum an solche Plätze gehen konnten, wie sollte George es dann alleine schaffen?

Er nannte diesen Ort nicht Friedhof. Vielleicht das Heim von Fred, oder der Ort wo sein Körper ruhte, doch nicht Friedhof. Es würde alles nur noch schlimmer machen.

Als George in seine Gedanken verfiel und seinen beiden Brüdern keine Antwort gab, konnte er förmlich spüren, wie sie sich hinter seinem Rücken leicht verzweifelt ansahen. Er wusste, dass sie sich Sorgen darüber machten, dass er ihnen vielleicht wieder verloren ging. Sie hatten Angst, er würde sich selbst in seinen Gedanken verlieren.

„Was hast du dort gemacht? Mom hat sich um dich gesorgt, weil du so rasch verschwunden bist…", fuhr Ron zögernd fort.

Ja, ihre Mutter hatte sich immer um ihre Zwillinge gesorgt. Zugegeben, Fred und George hatten ihr mehr als genug Anlass dazu gegeben. George überlegte einen Moment und versuchte die ganzen Erinnerungen, welche nun auf ihn zustürzten, zu ordnen, und irgendwie gelang es ihm auch. Vielleicht hätten Fred und er sich öfter bei ihr entschuldigen sollen, ihr vielleicht öfter einen gefallen tun sollen. Doch nun, wo Fred gegangen war, war dies kaum mehr möglich…

Abermals breitete sich eine unangenehme Stille über den drei Brüdern aus.

„Ich weiß nicht, wie viel ich Fred noch zu danken habe…"

George schreckte auf. Was hatte Percy eben gesagt?

Es war nicht nur, dass er zum ersten Mal in diesem Tag den Namen seines verloren gegangenen Bruders gehört hatte… Percy sprach anders von ihm als bisher. Normalerweise redete er von ihm wie ein mittelalterlicher Sänger vom Helden der Geschichte, wie er sich todesmutig der Gefahr stellte und das Monster zu bezwingen versuchte.

Doch nun sagte er es plötzlich mit einem anderen Ton… Es war nicht mehr so, dass er einfach erzählte was geschehen war. Er sprach auf einer emotionalen Ebene, mit persönlichem Bezug zu seinem Bruder. Das erste mal seit langem.

„Wobei, wenn ich es recht bedenke, muss ich euch beiden danken."

George konnte nicht anders. Er musste seinen Kopf ein Stück heben und aus dem Versteck in seinen Händen hervorholen. Er wandte sich ein wenig nach links und sah seinen älteren Bruder durch seinen Haarvorhang hindurch an.

Das erste Mal, seit Fred gegangen war, war George wieder mit seinem Bruder angesprochen worden. Nicht mehr als „du", sondern wieder als „ihr". Er konnte kaum fassen, wie sehr ihm in diesem Moment bewusst wurde, dass er dies schmerzlichst vermisst hatte.

„Du fragst dich sicher, warum", fuhr der Ältere fort. „Nun ja, ihr wart es von Anfang an, die mir immer den Kopf gewaschen haben. Klar, als wir Kinder waren, da habe ich euch oft verflucht, weil ihr mich ständig geärgert habt, und ich nie gegen euch angekommen bin, und selbst als Schulsprecher habt ihr mich nicht in Ruhe gelassen. Aber eigentlich habt ihr mich dadurch bloß immer am Boden behalten, sodass ich den Verstand über alldem nicht verlor. Ich komme nicht unbedingt so gut mit Macht klar wie andere, du Ruhm steigt mir schnell zu Kopf. Aber das wisst ihr beide schon…

So gesehen bereue ich es richtig, dass ich damals in Ministerium gegangen bin und mich von euch abgegrenzt habe.

Ich bin vollkommen abgehoben, habe jeden Bezug zur Familie verloren und ließ mich viel zu leicht von den Mächtigen blenden, da ich dachte, in ihren Positionen könnten sie doch nur Recht haben.

Ihr wusstet es immer schon besser, und weil ihr mich trotz meiner höheren Position nie wie jemand besseren behandelt habt, konnte ich, solange ich Kontakt mit euch hatte, normal bleiben. Und auch zum Schluss wart es eigentlich ihr, die mich wieder zurückgeholt haben. Eure beständig bissigen Kommentare, welche ihr gemeinsam perfekt ergänzt habt, haben mich zum Nachdenken bewogen. Und als mir dann klar wurde, was ihr all die Jahre für mich getan habt, bin ich zu euch zurückgekommen und habe mich wieder zur richtigen Seite bekannt."

Nach einer kurzen Pause und einem Seufzen fuhr er fort: „Ich hätte euch das schon viel früher sagen sollen. Und ich wollte es euch eigentlich gleich nach dem großen Kampf sagen, aber als dann alles plötzlich so eine unerwartete Wendung nahm, da habe ich es völlig vergessen…

Und jetzt muss ich mich erst bei euch bedanken, denn ohne dein Wachrütteln am heutigen Abend, hätte ich mich vielleicht nie mehr wirklich daran erinnert, wie viel ich euch beiden Schuldig bin."

Während sein Bruder gesprochen hatte, war George immer mehr aus seinem Versteck herausgekommen, und mittlerweile konnte man, trotz einiger Haare, bereits einen flüchtigen Blick auf sein Gesicht erhaschen.

„Na ja, Percy, das gilt allerdings nicht nur für dich!"

George wandte seinen Blick zur Rechten, wo sein jüngerer Bruder nun das Wort ergriffen hatte.

„Wenn du ihnen schon zu Dank verpflichtet bist, dann ich erst recht!

Ohne die beiden wäre ich sicher nicht der Ron, der jetzt hier sitzt. Natürlich, ich habe mich auch oft über ihre Scherze geärgert und es nicht gerne gesehen, wenn sie mich wie einen Deppen dastehen ließen, aber eigentlich habe ich ihnen so viel zu verdanken!

Zum Beispiel das ich jetzt Hermine habe. Wenn sie mir nicht damals diesen falschen Zauberspruch beigebracht hätten, wer weiß, ob Harry und ich Hermine dann zu Hilfe geeilt wären, als der Troll sie bedrohte. Es mag mehr Zufall als wirkliche Hilfe gewesen sein, aber trotzdem…

Oder auch die Sache mit dem Quidditch! Ich gebe zu, ich bin nicht gut! Aber ohne ihre ständigen Sticheleien beim Training, als wir noch Kinder waren, wäre ich vielleicht noch schlechter gewesen!

Aber besonderen Dank bin ich euch schuldig, weil ihr im letzten Kampf gekommen seid.

Ihr ward uns nicht bloß eine große Hilfe, ihr ward wohl eine der wichtigsten. Ihr habt auch viele der Gryffindors ermutigt, sich einzusetzen, gegen den dunklen Lord. Viele haben euch noch gekannt, oder kannten zumindest schon euren Laden und dadurch auch euch indirekt, und sie setzten sich schon alleine wegen euch noch mehr ein. Auch eure Artikel für den Nahkampf waren sehr beliebt und wurden wirklich zu Hauff hergenommen, wie wir dann beim beseitigen der Spuren festgestellt haben…

Ich weiß nicht, wie viele Leben eure Produkte gerettet haben! Schon alleine das meinige dutzende Male, wenn ich es richtig mitbekommen habe."

„Denkst du wirklich?"

George fragte, bevor er richtig darüber nachgedacht hatte.

Ron nickte zustimmend und lächelte seinen Bruder milde an: „Auf jeden Fall. Ihr habt uns echt einen mehr als großen Dienst erwiesen."

„Und auch", fuhr Percy an diese Aussage anschließend an, „wenn von vielen zu unrecht behauptet wird, sie seien für das höhere Gute gestorben, oder edel und tapfer aus der Welt geschieden, bis zum letzten Atemzug die Schwächeren beschützend… Bei Fred stimmt es wirklich."

Abermals suchten sich die Tränen ihren Weg ans Tageslicht, dieses Mal jedoch nicht wegen unermesslicher Trauer, sondern wegen Stolz und Glück.

Fred, dachte George. Wenn du jetzt hier wärst, dann hättest sogar du zu weinen begonnen.

Die Worte seines jüngeren und älteren Bruders hatten den Trauernden bewegt. Fred war nicht gegangen, ohne der Nachwelt etwas von ihm übrig zu lassen. All die Leben, die sie beide gerettet hatten, durch ihre Spaßartikel und ihren nie enden wollenden Einsatz im Kampf, all das konnte ihnen niemand mehr nehmen. Selbst der Tod nicht.

Und ein Gefühl, welches George bereits seit so langer Zeit misste, kehrte plötzlich wieder zu ihm zurück. Wenn es auch nur für einen kurzen Moment war, so war es dafür umso intensiver.

Zum ersten Mal seit dem letzten Tag des langen Kampfes gegen den Dunklen Lord, hatte er das Gefühl, als würde sein Zwillingsbruder wieder bei ihm sitzen, ihm lachend auf die Schulter klopfen und diese innige Verbundenheit auskosten.

In diesem Moment war sich George sicher, dass sein Bruder gerade an ihn dachte. Auch wenn er nicht wusste, wie es zuging.

„Danke…"

Dieses eine Wort schien beinahe im Raum zu verschwinden, so leise war es nur zu vernehmen. Doch sowohl Ron als auch Percy verstanden die Tragweite davon.

Sie hatten ihm wirklich helfen können.

Und auch wenn beide dachten, sie hätten es sich nur eingebildet, so waren sie sich in ihrem Innersten sicher, bei diesem Wort nicht nur den einen Bruder gehört zu haben, sondern nach so langer Zeit auch die Stimme seines Ebenbildes wieder vernommen zu haben….