Testreihe 4

Als er die Augen öffnete befand er sich in einer nackten Stahlkammer. Nur Kameras, die sich in allen vier Ecken des Raumes befanden und ihn beobachteten. Nichts was aussah wie eine Tür.

Er sah an sich herunter. Kabel. Überall Kabel, die in den Boden eingelassen waren. Sein Schädel, eingespannt in eine Art Helm, der höllisch brummte und gleich zu platzen schien. Stimmengewirr, obwohl er allein war.

Nein. Da saß jemand. Eine Frau. Er hatte sie schon einmal gesehen. Wusste nicht wann oder wo. Erinnerungen durch schwirrten seine Gedanken. Nicht greifbar. Nicht zuzuordnen, während die Stimmen in seinem Kopf immer lauter wurden.

[Töte. Töte Sie!]

Wieso?

Sie saß da, festgebunden an einen Stuhl und blickte ihn unentwegt an. Aber keine Angst lag in ihrem Blick.

Schmerz. Krallen.

Wieso?

Er verstand nicht.

Was passiert da mit mir?

[Töte!]

Ich will nicht. Wieso soll ich sie töten?

Er kämpfte dagegen an. Gegen die immer lauter und eindringlicher werdenden Stimmen in seinem Kopf. Sie sah ihn immer noch an, sah seine Unentschlossenheit, sah den innerlichen Kampf mit sich selbst in seinen Augen. Dann sprach sie, während sein Blut leise von den metallenen Krallen tropfte.

„Kannst du mich hören? Ich weiß, dass du mich töten sollst. Tu es. Wiege sie in Sicherheit. Lass sie glauben, sie hätten dich unter Kontrolle, aber vergiss nicht wer du bist."

Er sah sie an. Hatte sie genau verstanden und doch. Er hatte keine Ahnung wer genau er war. Wusste nur, dass er das nicht tun wollte. Wollte sie nicht töten und wusste nicht einmal wieso. Wusste nur, dass er schon unzählige Menschen in seinem Leben hatte töten müssen. Also was hinderte ihn jetzt daran? Was ließ ihn zögern? War es dieser Blick, der ihm so vertraut vorkam, obwohl er sich nicht erinnern konnte, sie jemals in seinem Leben gesehen zu haben und ihm doch signalisierte, dass es in Ordnung sei.

Sie lächelte ihn an.

„Tu es. Sonst machen sie dich zu ihrer Marionette. Dann tötest du mich, ohne zu wissen, was du tust. Ohne zu wissen wieso. Wieder und immer wieder. Behalte dir immer deinen freien Willen, eigene Entscheidungen zu treffen."

Sie sah ihn immer noch an. Jetzt fast schon flehend.

Sie opfert sich für mich. Wieso? Wir kennen uns doch nicht. Oder doch? Ich weiß es nicht.

So viele Fragen. So viele Stimmen, die durch seinen Kopf schwirrten und immer lauter wurden. Starke Kopfschmerzen.

[Töte. Töte Sie!]

Und dann spürte er wie sich seine Krallen in ihren Schädel bohrten. Er spürte den Widerstand, den der Knochen, einen kurzen Augenblick nur, seinem Adamantium entgegen leistete, bevor er nachgab. Er fühlte das heiße, pulsierende Blut, das seine Hand herunterlief und gegen seinen Bauch spritzte. Die Kraft seiner Bewegung war zu stark für ihren zierlichen Körper. Fleisch riss, Knochen splitterte und ihr Kopf löste sich fast vom Rumpf, als er seine Krallen wieder herauszog. Dumpf schlug er auf ihre Brust, während der Rest noch ein letztes Mal zuckte und Blut nackte Körper herunterfließen ließ.

Ihre Augen waren weit aufgerissen als es passierte, doch sie gab keinen Mucks mehr von sich. Ihr Kopf starrte in eine nie endende Dunkelheit. Ihren Mund, zwar lautlos aufgerissen, zierte ein Lächeln.

Was ist passiert? Was habe ich getan?

Er verstand nicht wieso. Es tat ihm leid was er getan hatte. Hatte es nicht tun wollen und doch müssen, denn ein Befehl war schließlich ein Befehl, oder?

Seine Krallen zogen sich langsam in seine Hände zurück. Er blickte nach unten und bemerkte seine blutigen Fußspuren, als er stehen blieb. Genauso reglos wie sie nun da saß. Starr mit dem Blick auf das Blut gerichtet.

Eine verborgene Tür wurde geöffnet und Männer mit langen Stäben, die sie schützend vor sich gerichtet hatten, kamen vorsichtig auf ihn zu. Er rührte sich nicht bis sie vor ihm standen. Starrte nur unentwegt vor sich hin.

„Keine Angst. Die Professoren haben ihn ausgeschaltet. In dem Zustand kann er keiner Fliege was zuleide tun", versuchte der Soldat zuversichtlich zu sagen.

„Bringt ihn zurück in den Käfig und hängt ihn an die Systeme. Ohne sie bleibt er sonst nicht lange so", sagte einer der zuständigen Ärzte durch eine verborgene Sprechanlage, dann hatten sie ihn auch schon weggebracht.

„Diesmal lief es schon besser, Sir. Sein Auflehnen gegen die Befehle war nur von kurzer Dauer und schien ihn selbst zu verwirren. Auch die Hilflosigkeit und Worte des anderen Subjekts schienen ihn nicht lange zu verunsichern. Ich denke nach ein paar weiteren Testreihen sind wir so weit ihn außerhalb der Institution einzusetzen. Die Techniker haben auch bald das tragbare Modul für die Gedankenkontrolle fertig", rasselte der leitende Professor wichtigtuerisch alle Fakten herunter. Er hasste es, wenn Major Stryker bei den Tests anwesend war, denn er war nie zufrieden und allgemein ging ihm alles nicht schnell genug. Der Major schien erwartet zu haben, dass Waffe X sofort perfekt und einsatzfähig sein würde, dabei funktionierte so etwas mit neuen Experimenten nur selten.

„Lassen sie mich rufen, sobald alles so weit ist. Es wird Zeit, dass wir ihn im Feldeinsatz sehen", sagte der Major kurz angebunden und machte sich wieder auf den Weg zum Hubschrauber, der ihn zu seinem nächsten Einsatzort bringen sollte.

Der Professor verschwendete keinen Moment für den Abgang seines Vorgesetzten, sondern gab nur erneute Instruktionen durch ein Sprechsystem. Der Raum musste vor dem nächsten Test gesäubert und vorbereitet werden, genauso wie er Unmengen an Daten bezüglich des eben stattgefundenen Test zu analysieren hatte. Er würde sich vermutlich wieder die ganze Nacht in seinem Büro einschließlich und über den Ergebnissen brüten, denn leider hatte der Major recht. Es wurde Zeit für die Feldversuche.