Teil 2
Las Vegas – Gegenwart
Gil Grissom atmete noch einmal tief durch, dann hob er die Hand und klopfte an die Tür.
Er hätte sich wundern müssen. Als Heather ihm die Tür öffnete trug sie ein Negligé, obwohl es am helllichten Tag war und er sich angekündigt hatte. Und wo war ihre Enkelin? Grissom hatte nach ihr gefragt und sich gefreut sie wieder zu sehen.
Sicher – er hätte sich wundern sollen. Aber er tat es nicht.
Heather begrüßte ihn mit einem warmen Lächeln, führte ihn ins Haus und plauderte angenehm.
Grissom entspannte sich. Seit Saras Weggang lebte er in ständiger Anspannung. Was würde noch passieren? Hier bei Heather konnte er sich entspannen. Im Raum war es ruhig geworden.
„Entschuldigung, ich habe dir nicht zugehört."
Sie lächelte ihn an.
„Kein Problem. Du hast etwas von einem Fall gesagt? Ich bin nicht mehr im Geschäft."
„Wirklich?"
Sie nickte.
„Ja, ich habe alles verkauft. Alle Kontakte abgebrochen und ein neues Leben begonnen."
Sie sah ihn erwartungsvoll an.
„Das ist schön für dich. Wirklich."
Sie hatte getan wovon er bisher nur geträumt hatte. Sie hatte den Sprung gewagt.
Es war gut, dass er hier war. Wenn sie ihn schon nicht dienstlich helfen konnte, dann vielleicht privat.
„Wie fühlt es sich an, alles aufzugeben?"
Heather hatte gewusst, dass er keine Hilfe beim Fall brauchte. Er war an einem Scheideweg seines Lebens angekommen. Sie konnte es in seinen Augen sehen, seine Körpersprache lesen.
Es war seine letzte Chance etwas zu ändern, einen Neuanfang zu wagen.
Und vielleicht es auch ihre letzte Chance?
Sie war endlich frei und wie sah es bei ihm aus? War er es auch?
„Es ist ein wunderbares Gefühl. Meine Verstellungskraft macht Überstunden. Ich stelle mir vor was ich alle machen möchte, machen könnte. So viele Möglichkeiten, Gil."
San Francisco – vor vielen Jahren
Sara saß in der Wohnung und wartete. Lisa war bei ihrem Freund und so hatte sie die Wohnung für sich allein. Normalerweise hätte sie alles romantisch hergerichtet, aber nicht heute. Stattdessen hatte Sara alle Lichter gelöscht. Nur eine kleine Stehlampe spendete ein wenig Licht. Was würde passieren, wenn Grissom kam. Würde er mit ihr Schluss machen? Hatte er genug von ihr? Was hatte sie falsch gemacht?
Fast hätte sie das Klopfen an der Tür überhört. Sie stand auf und öffnete ihm die Tür.
Er sah müde aus. Und – sie konnte den Gesichtsausdruck nicht deuten.
„Komm rein. Möchtest du etwas trinken?"
„Ja. Einen Kaffee."
„Bist du sicher? So spät an Abend."
Er nickte. Den ganzen Tag war er angespannt gewesen und darauf gewartet, endlich mit Sara zu sprechen. Er hatte überlegt was er sagen würde. Sollte er lügen? Eine Ausrede finden? So tun als ob nichts passiert war?
Ein paar Minuten später stand der Kaffee vor ihm und er begann zu reden.
Von seinem Leben in Las Vegas, seinen Gefühlen und seinem Betrug. Er sah sie dabei nicht an.
Sara hörte ihm zu. Aber verstand sie was er sagte?
Auf der einen Seite erklärte er ihr seine Liebe, aber auf der anderen Seite hatte er sie betrogen. Betrogen. Er hatte mit einer anderen Frau geschlafen. Sara dachte an seine Berührungen, seine Zärtlichkeiten. Wie es sich anfühlte, wenn er sie liebte. Und das sollte er mit einer anderen Frau getan haben? Ihr wurde schlecht. Wirklich schlecht. Sie stand auf und lief ins Bad.
Grissom sah ihr hinterher. Er konnte sich vorstellen was sie empfand.
Hasste sie ihn jetzt? Das würde er nicht ertragen können. Vielleicht sollte er einfach gehen? Nein, er würde sich nicht davon schleichen.
Xxx
Las Vegas – kurz nach Saras Weggang
Er war wieder allein mit Hank. Er hatte eine Entscheidung herbeiführen wollen. So oder so. Er hatte gewusst, dass sie gehen würde. Trotzdem hatte sie gebeten zu bleiben. Halbherzig. Denn er wusste genau, dass sie nicht bleiben konnte.
Er ging immer gern zur Arbeit – jetzt nicht mehr. Am liebsten lag er mit Hank auf dem Bett und dachte an seine Zeit mit Sara. Wie es angefangen hatte, was er falsch gemacht hatte.
San Francisco – in der Vergangenheit
Sie hatte ihn gebeten zu gehen und sich dann in den Schlaf geweint.
Lisa schaute am nächsten Morgen in ihr Zimmer und sah das verweinte Gesicht.
„Oh Schatz, er hat dir das Herz gebrochen?"
Sara nickte nur. Ihr kamen schon wieder Tränen.
„Eine andere Frau?"
Sara nickte.
„Er hat mit ihr geschlafen. Es war keine Affäre, sondern eine Frau aus einer Bar."
Lisa war schockiert. So ein Typ war Grissom doch nicht. Wollte er seine Beziehung zu Sara absichtlich zerstören?
„Was willst du nun machen?"
„Ich weiß nicht. Ich liebe ihn, aber wenn ich mir verstelle, dass er mit einer anderen Frau geschlafen hat, dann … Es ist keine Eifersucht, es tut nur so weh. Sex ist für andere nicht so bedeutet, aber mit Grissom ist es etwas Besonderes. Und ich dachte, dass ich etwas Besonderes bin."
„Sara, du bist etwas Besonderes. Und Grissom ist eben ein Mann."
„Du entschuldigst sein Verhalten."
„Niemals. Er hat dich zum weinen gebracht. Aber ich denke, dass es in bestimmten Situationen dazu kommen kann."
Sie strich Sara über den Rücken und hoffte, dass diese sich bald beruhigte. Sie hatte schon öfter erlebt, dass sie ein Mann betrogen hat. So war es halt und Lisa hatte beschlossen, dass ihr Sohn der wichtigste Mann in ihrem Leben war. Und alle anderen mussten sich hinten anstellen.
„Hat er mit dir Schluss gemacht?"
„Nein."
Sara war überrascht. Das hatte sie sich überhaupt noch nicht gefragt. Sie war nach Grissoms Beichte so enttäuscht gewesen, dass sie darüber nicht nachgedacht hatte.
„Ok, das ist doch gut. Du liebst ihn. Ihr könnt miteinander reden und alles wird gut."
„Was ? Ich soll ihm verzeihen?"
„Natürlich. Wenn du mit ihm zusammenbleiben willst, dann wirst du das müssen."
Xxx
Grissom saß in der Vorlesung und versuchte zu zuhören. Ohne großen Erfolg. Er musste immer an Saras traurige Augen denken und wie sie ihn angesehen hatte als sie ihn bat zu gehen. Er traute sich nicht zu fragen, ob sie ihn wieder sehen wollte oder ob es das Ende war. Er könnte es verstehen, aber er hoffte es nicht.
Verdammt, warum hatte er nur mit Heather geschlafen.
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